Gralserzählung

Bild: Hans Beletz– – 12. April

Wieder dieser Albtraum. Spät am Nachmittag der Anruf aus der Operndirektion, ich sage leichtfertig zu, und dann erst wird mir zu meinem Schrecken bewusst, dass ich die Rolle ja nie studiert habe! Wie auch sollte Kundry zugleich den Parsifal singen?

Mein liebes Unterbewusstsein, was willst du mir sagen? „Erlösung dem Erlöser“ – soll ich vielleicht selbst den finden, der mich aus meinem unsteten Leben entführt?

Parsifal, wo irrst du umher?

Dich, meinen lieben Amfortas, du zum König der Wissenschaft gefallener Priester, werde ich morgen wieder sehen. Der alte Sturm, die alte Müh; immer, wenn deine Wunde schmerzt und blutet, soll ich Linderung verschaffen! – –

Waltraud Behrend war eine auffallend attraktive Frau. Lockiges, rostbraunes Haar wellte über ihre Schultern, den schlanken Körper umspielte ein rotes, tief dekolletiertes Kleid in kunstvollem Faltenwurf. Alles an ihr, jedes Detail bis zu den rougegetönten Wangen und den dunkel umrandeten Lippen widerspiegelte das Flair der großen Bühnen, das ihr Charisma durchwob.

In diesem Moment umspielte ein unruhiges Schmollen die herben Züge ihres Mundes. Aufmerksam und fasziniert musterte sie ihr längst vertrautes Gegenüber. Sie kannte die unromantischen Grübeleien dieses Mannes. Die Flamme der Tischkerze, die der Ober soeben entzündet hatte, flackerte unruhig.

„Die Erinnerung verklärt nicht nur, sie belügt uns schlicht und einfach“, stieß der Professor dozierend hervor. „Menschen können Jahrzehnte lang aneinander vorbei leben, verklemmt und verheddert in Alltagsroutinen, erstarrt in irgend welchen unbedeutenden Rollen, und im Rückblick erscheint ihnen dieses Jammertal außergewöhnlich und erstrebenswert! Es gibt keinen machtvolleren Gaukler in diesem Universum als das Gehirn des Homo sapiens!“

„Auf uns trifft das ja nicht zu, lieber Wilhelm“, beruhigte sie. „Ob und wie ein eheliches Miteinander verkrampft oder erlöst, werden wir nie erfahren! Denn zu diesem Schritt sind wir beide zu feige!“

Er nickte müde, entschlossen, sich jener arglosen Passivität zu ergeben, die er an der Seite dieser Frau stets ersehnte und ertrug. Endlich durften sich seine Gedanken aus den Zügeln des professionellen Analysierens und Schlussfolgerns befreien. Bald würden sie nur noch die unbekümmerten Boten heftiger Gefühle sein, würden nur noch, gleich dem Tanz des Kerzenscheins, der verführerischen Schönheit dieser Frau entgegenlodern.

„Du hast Deinen strahlenden Ritter bislang also nicht gefunden“, sagte er. Feststellung und Frage verschmolzen dabei, und seine Stimme klang in einer neu gewonnenen Freiheit tiefer, sanfter, beinahe herzlich.

„Schmerzt Dich Deine alte Wunde wieder?“ fragte sie.

Er stöhnte leise. „Ich hätte mich auf diese Experimente nie einlassen sollen. Und – ja, ich wäre wohl besser Pfarrer geworden, wie ich es als Junge wollte. Stell dir vor, wie einfach die Welt sein könnte! Dort droben wohnt Gott, und wo immer in seiner großen Schöpfung ein Kind gezeugt wird, schafft er die unsterbliche Seele hinzu, ein kleines, aber in sich großes Ich, das es dem Menschen gewährt, nach seinem Tod auf ewig weiterzuleben im himmlischen Reich des Herrn! Eine Welt voll Sinn und Sonnenschein! Wie simpel, wie sicher – wie leicht durchschaubar! Aber wir, die wir das Wesen des Menschseins ohne kindlichen Glauben ergründen wollten, kühn mit dem Skalpell in der Hand – was dagegen haben wir gefunden? Eine schwabbelige graue Masse unter der Schädeldecke, die auf unbegreifliche Weise Vorstellungen von einer Welt und Illusionen von einem Selbst erzeugt. Unser Seziermesser legte einen unendlich verästelten Baum der Erkenntnis frei – aber keine göttlich umsorgte Seele, keinen unabhängigen Willen, kein bedeutungsvolles Ich. Dieses Wissen, glaube mir, schmerzt schrecklich. Der Blick in das Gehirn stürzt in einen bodenlosen, trostlosen Abgrund, er hechtet ins Nichts, er tötet den freien Geist mit der Einsicht, dass es ihn nicht gibt. Wir hätten die biblische Warnung vor dem Baum der Erkenntnis nicht zu leicht nehmen sollen!“

Waltraud Behrend hatte ihre Ellenbogen auf den Tisch gestützt und mit den Handflächen ihre Wangen umfaßt. Ein regloses, unergründliches Lächeln begleitete ihre rastlos musternden Blicke; es mahnte den Professor, sein Gedankenkarussell endlich zum Stillstand zu zwingen.

Er schwieg nun.

„Du hast mich angerufen, weil du das Leben wieder spüren willst!“, sagte sie dann, griff über den Tisch und umfasste zärtlich die Hand des alten Freundes. „Ich habe zwei Vorstellungen zu singen und kann dir immerhin fünf Tage bieten. Lass uns die Zeit nicht sinnlos vergrübeln!“

Erregt zuckte das Kerzenlicht, der Ober servierte den roten Wein.

(Textauszug)

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