Das Mädchen und die Sünde

Bild: Hans BeletzHorst Wimmer hatte sich dem Dienst am Gottesvolk ergeben. Er hatte die erste Heilige Weihe zum Diakon und die zweite Heilige Weihe zum Priester erhalten. Er hatte die Ehelosigkeit und den Gehorsam gegenüber seinem Bischof gelobt und bemühte sich, Christus auf dem traditionsgehärteten Weg der Kirche nachzufolgen.

In seiner erbötigen, mildtätigen Art genoss Priester Wimmer Ansehen und Vertrauen, die Frauen schätzten ihn, und er selbst hatte sein belastetes Verhältnis zu der Weiblichkeit mit den Jahren abgeklärt, wohl vor allem deshalb, weil er unter den vielen, die in seine Kirche kamen um zu beten oder sich von ihren Sünden zu entlasten, nie wieder eine Lichtgestalt erblicken konnte.

Die seelsorglichen Aufgaben in seiner Pfarrei erfüllten ihn, doch die Kluft, die den Würdenträger unbarmherzig von den Menschen trennte, begann stark und stärker zu schmerzen. Er hatte die sichtbaren und unsichtbaren Mauern, die seine kleine, fromme Welt umgaben, immer gemocht, aber oft und öfter blickte er nun traurig nach draußen. Alles um ihn her erschien ihm dann abstoßend alt, alt und starr, alt und kraftlos, greise und feige, während das Leben in jugendlicher Lust und Fülle über ihn und seine Kirche hinweg tanzte!

45 Jahre alt war er geworden. Die inflationäre Gottanbetung, die sein Beruf verlangte, hatte nur die Fassaden seines Glaubens gestärkt, ihn nicht vertieft. Irgendwie fühlte er sich noch immer am Anfang. Nach wie vor sehnte sich ein kleiner Horst nach dem eigentlichen Leben. Und immer noch keimte irgendwo in einem tiefen Verlies auf dem Grund seiner Seele, verriegelt durch Amtsmoral und Zölibat, die Erinnerung an jenen Tag, als er die Zärtlichkeit der Schöpfung erfahren hatte.

Wenn er in diesen Kerker hinab stieg, saß er neben Ursula, genoss den Duft ihrer Schönheit, trank ihre liebevolle Zuneigung. Er spürte, wie ihre Hand die seine sanft in Obhut nahm, wie er zärtlich ihre Wange wärmte und sie ihn gewähren ließ, während heiße Tränen ihre Wangen netzten. Ein Moment ewiger Wonne, in dem er wunschlos verharrte. Ihren Körper aber durchzuckte die Hingabe, sie schmiegte, drückte, klammerte sich an ihn, und ihr Kuss schuf ihm eine neue Welt, in der er das ganze Sein empfing und sich ihrer Weiblichkeit willenlos ergab.

Wie fürchtete er diesen Sog der Sünde, der das Denken lähmte, sein Gemüt oft fast erdrückte und dem er dann durch bange Bußgebete zu entrinnen suchte!

Wie viel Kraft floss in diese dunklen Stunden, aus denen lange, trübe Tage wuchsen! Wenn er dann die Messe zelebrierte, hörte er sich selbst sprechen, als wäre er ein Fremder, der die Lüge in dem, was da der Ehre Gottes dienen sollte, in kalter Strenge klar durchschaute, der in den segnenden Händen die triebhaften Klauen erkannte. Statt Gottesnähe empfand er Schuld und Leere. Und das schwere liturgische Gewand, das ihn dem Weltlichen entheben sollte, erdrückte und begrub sein Ich.

(Textauszug)

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