Dezemberlicht

Bild: Hans BeletzNein, verdeutlichte ich dem fragenden Spiegelbild, ein geistig aktiver Opa muss weder sportlich noch attraktiv auftreten. Der junge Mensch mag Vulkan sein, Feuer speien, mag sich, noch durstiges Land, willig und begierig allen Stürmen öffnen. Wer dagegen schon dem Lebenswinter fest verwoben ist, genießt den überschaubaren Alltag, vermeidet übergroße Quanten der Verausgabung und achtet gut darauf, dass nicht mehr wilde Kräuter zur Verdauung anstehen, als ein gemütlicher Almochse eben verträgt.

Nichtsdestotrotz fand ich mich abends pünktlich in dem Grüppchen walzerwilliger Damen und Herren ein.

Drei Damen, ein Herr und meine greise Wenigkeit, allesamt ohne erkennbare Affinität zum Wesen des Tanzes, bestarrten, desillusioniert und fasziniert zugleich, ihren Lehrer in der Mitte des Parketts: ein Bübchen mit glockenheller, noch gebrochener Stimme, soeben erst der Pubertät entkommen, aber schon im strengen Stresemann, unter gut geöltem Haar und offenbar gewöhnt an leere Säle. Ich fand diesen straffen Jungen durchaus originell. Seine Kühnheit, eine so schmale Stimme wie die seine beharrlich am Rand des Überschlags in den Saal zu schleudern beeindruckte mich, und vor allem stand die allegorische Ausdrucksweise des Knaben in erheiterndem Kontrast zu seinem zarten Lebensalter. „Tanz ist Fluss“, dozierte er, „passen Sie sich an wie Wasser, meine Damen, und Sie, meine Herren, Sie sind das Bett, Sie leiten und führen und lassen das Wasser die Lenkung spüren!“

Anders als ich hatte mein Konkurrent am Tanzparkett, ein untersetzter, Kaugummi mahlender Mittvierziger in schlapper Hose und weißem Hemd, ein wenig Mühe damit, Knigges frühreifen Liebling als Instanz zu akzeptieren. Noch mehr Kummer aber bereitete ihm die Aufgabe, die eigene Bewegung einem Takt anzuvertrauen. Trotzig verweigerten seine Beine den Walzergehorsam, während die Achseln dennoch große dunkle Flecken in den Hemdstoff malten.

Mir wurden weniger die Schritte zur Herausforderung als meine wintersteifen Partnerinnen … die stöckelschuhbewährte, masselose Zwergin, deren Blick nur meine Brust streifte, während sie mutig hopsend mit den Fingerspitzen meine Schulter suchte; die schnauzbärtige alte Gärtnerin, die steif nach unten lugend Leben suchte, das zwischen unseren Beinen womöglich unerwartet sprießen könnte; und zuletzt die kantige, energische Griechin, die mich um Skalphöhe überragte und zackig im Vier-Viertel-Takt durch den Saal dirigierte. Luft, Erde, Feuer – nur Wasser bot diese Wüste nirgendwo. Und ich hätte jeden außerirdischen Beobachter verstehen können, der nicht glauben wollte, dass die seltsamen Individuen, die sich in diesem Biotop gemeinsam tummelten, tatsächlich der gleichen Art angehören sollten.

Doch auch, wenn in der ersten Stunde dem Walzerschnuppern kein Wohlgeruch entströmte und dieser Tanz in den Advent uns alle zu Karikaturen in einer Gruselfarce erniedrigte, so erwies sich mein Entschluss, trotz des Schauderns und Ächzens revoltierender Gedanken durchzuhalten, letztlich als bestandene Bewährungsprobe. Denn nach der Folter durch die falschen Elemente tat sich an diesem ersten Advent der abendrote Himmel für mich auf.

Soeben hatte ich mich tapfer durch die Pause geplaudert und sogar kritiklos die kitschig verpoppten Traditionals ertragen, die währenddessen durch die Lautsprecher weihnachteten, gerade hatte ich den Kampf mit dem nun angetrauten Feind taktvoll wieder aufgenommen, als plötzlich unerwartet eine zarte Hand die Tür zum Ring behutsam öffnete. Ein verspätetes Mädchen trat lautlos ein, überblickte suchend und findend die Szenerie und glitt dann der großen Spiegelwand entlang hin zum jungen Knigge, der sie bald in unser Grüppchen schob.

Zunächst befürchtete ich einen Anflug von Alterswahn, denn wenn immer ich zu dieser zauberhaften Frau hinüber sah, war es mir, als beobachte sie mich, tatsächlich nur mich, als ließe sie ihren glückseligen Blick nicht mehr von mir. Und bald versuchte ich angestrengt zu ergründen, worin das Geheimnis dieses ewigen Lächelns lag, das ihrem Antlitz eingeboren war und das unruhige Treiben am Parkett mit stiller Heiterkeit veredelte.

Im Nu war sie, ganz Wasserwesen, den wenigen bisher geübten Walzerwellen nachgeflossen und hatte sich nicht nur in mein Gemüt getanzt. Der Mann mit dem Kaugummi, der sich mir zwar in der Pause höflich vorgestellt, dessen Namen ich aber sogleich wieder vergessen hatte, mein unvermögender Mitbewerber am Parkett, schien in ihrer Nähe von neuer Zuversicht beflügelt, bisweilen fand er nun sogar den Takt, aber als unser Lehrer zum Schluss des Abends in bester Gönnerlaune mit doppeltem Stimmsalto zur Damenwahl aufrief, wehte der Hauch des Paradieses mir entgegen. Es war kein Wahn. Aus unerklärlichen Gründen flog sie zielstrebig auf mich zu und schickte dabei eine so unbändige, magnetartige Kraft voraus, dass es mich größte Mühe kostete, sie in korrekter Tanzhaltung in Empfang zu nehmen anstatt die vertrauteste alte Freundin sogleich mit meinen Armen fest und fester zu umschließen.

Das Himmelswesen war gar kein Mädchen, wie es von weitem wirkte. In mein Leben trat eine reife Frau, deren strahlende Persönlichkeit aber keine Furchen in die Haut gesogen hatte. Die Winkel ihrer schmalen Lippen wiesen nicht nach oben und auch kein Grübchen oder Fältchen verriet das Geheimnis ihres Lächelns, das nun, von Angesicht zu Angesicht, funkelnden Auges hervorbrach, bis sie schließlich lebhafte lachte, ihr Gesicht regelwidrig dicht an mein Ohr führte und mir zart flüsternd gestand: „Ich habe Sie die ganze Zeit ansehen müssen!“

(Textauszug)

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