Aus fremder Seele

Bild: Hans BeletzWissen Sie, es gibt Erlebnisse, die wie Hologramme nachglühen. Ein kleiner Splitter der Erinnerung genügt, und das ganze Bild in aller seiner Schärfe ist sofort wieder gegenwärtig, so beständig ist es in der Zeit verwahrt.

Ich wollte aus dem Saal der Angst nur fliehen. Aber was tut man, wenn ein Albtraum endlos bleibt? Wenn man laufen und entkommen will, aber der zarteste Hauch einer Erinnerung abermals zurück ins Dunkel führt, wenn man unentrinnbar der Erkenntnis hingezwungen ist, dass man eben nicht nur träumt, sondern in Wahrheit wach wie nie erlebt, während die Genüsse und die Freunde, alle sinnstiftenden Lebensbegleiter in ein schemenhaftes, paralleles Universum rücken.

Zu meinem Glück führte mich James aus dieser absoluten Nacht hinaus und lehrte mich, die eigne, immer enge Sicht nicht allzu ernst zu nehmen. Der Gute erwies sich als fleischgewordenes Augenzwinkern. Sein kühler britischer Humor vermittelte mir jene kritische Distanz zur Welt, ohne die Freiheit nicht atmen kann. Immer wieder neu sezierte er sein Lebenswerk. Einst hatte er aus der Bibel das Alter der Schöpfung errechnet, neigte aber nun, in später Einsicht, zu der Überzeugung, dass sich der Akt der Lichtgeburt doch nicht, wie lange Zeit vermutet, am 23. Oktober des Jahres 4004 vor Christus vollzogen hatte, sondern an einem unbekannten andren Tag des Herrn. Aber wann? Welches Gottgesetz barg die Formel für das Faktum, dass die Quanten der Zeit flüchtig und beliebig dehnbar sind; den Urgrund für die Illusion von einer beschaulichen Gestaltung und Entwickelung der Welt?

Am Tag unserer Begegnung hatte James die Reihen der Angst einfach durchschritten und mich wie einen alten Freund begrüßt, schon in der Überzeugung, dass ich seine Forschungen begleiten würde. So erfuhr ich bald, dass sich durch die alte, dunkle Eichentür bei weitem nicht das einzige Portal ins Diesseits öffnet, wie ich im Kerker meiner eigenen Erfahrungen vermutet hatte. Unzählige sind in der Welt verborgen! Jedes Bildnis ist ein Guckloch in die Wirklichkeit, jeder Gedanke schafft sich weiten Raum.

Wissen Sie, wenn er dazu gezwungen ist, begreift der Mensch sogar das Ungewöhnlichste als Alltagsnorm. Ich lernte damit umzugehen, in wiederkehrenden Momenten das Woher der Gegenwart einfach nicht zu kennen, lernte akzeptieren, dass in den Spuren, die mein Ich auf dem Zeitstrahl hinterlässt, weite Lücken klaffen.

Mir ist bewusst, dass meine Psyche damit als verwirrt und weltfern gilt. Doch diese vage Ahnung von Ihrer Sicht der Dinge ändert nichts an meiner Wirklichkeit.

Über die Zeit wurden James und ich zu guten Freunden. Ich war ihm in sein altes, heiliges Anwesen gefolgt, in die prächtige Bibliothek, das gemütliche Studierzimmer und in die gediegene Schreibstube, um seinen wachen Forschergeist kommentierend zu beflügeln, bis ich darüber den Abgrund der schieren Sinnlosigkeit glücklich vergessen konnte. –

(Textauszug)

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