Zwei Schmetterlinge

Bild: Hans Beletz„Gut erinnere ich mich noch, wie er die Rolle seines Lebens analysierte, den Mephisto, und welche Fragen er Goethes Faust und seinem zwielichtigen Widersacher verband: Kann nur der suchende Mensch verführt werden, weil nur er nach Halt und Führung sucht? Und unterliegt der Verführer nicht zwanghaft seiner eigenen Pionier-Natur, die ihn um des Fortschritts willen zum Abenteurer macht, ja, zum Künstler, der gegen Dumpfheit und Erstarrung antritt?

Solche Fragen warf er auf, und ich bemerkte in meiner Einfalt nicht, dass er von Anfang an über niemand anderen sprach als über uns beide. Erst viel später begriff ich, dass es keine bessere Tarnung für Absichten und Eigenheiten gibt als die Augenfälligkeit. Ich erlebte den Verführer und erkannte ihn nicht; der Schwätzer offenbarte sich in jedem Satz, und ich hörte ihn nicht.

Das Merkwürdigste und Ungeheuerlichste an seiner Art aber war, wie er immer wieder von Gott sprach. Es ärgerte ihn zum Beispiel die allgemeine Gewohnheit, den Gottesnamen als Grußformel zu verwenden oder als gedankenlosen Ausruf des Schreckens. Darin sah er eine Verunehrung, einen Verstoß gegen das Zweite Gebot. Damals wertete ich solche Ansichten als achtbaren Ausdruck strenger jüdischer Frömmigkeit. Ich bewunderte ihn dafür und stellte sofort meine eigenen Gepflogenheiten in Frage. Heute aber fürchte ich, dass dieses Gespräch, das mir so viel bedeutete, nur Teil eines geschickten Kalküls war; dass es zwar meiner eigenen religiösen Mündigkeit Gutes tat, für ihn aber doch nur Gesprächsroutine blieb, ein viel erprobtes Mittel zum Zweck.

Jahre später erfuhr ich, dass Stefan Ernst verheiratet und bekannt für seine außerehelichen Abenteuer war.

Was ich dir also gestehen will, liebe Tochter, ist, dass ich eine Affäre hatte. Und es wäre mir fürwahr leichter, könnte ich eine triebhafte Wallung dafür verantwortlich machen, aber meine Neigungen reichten tiefer.“

(Textauszug)

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