Begegnung im Juni

Bild: Hans BeletzFriedbert Wagner trat vor den in Gold gefassten Spiegel in der Mauernische seiner geliebten Schreibstube und lächelte zufrieden. Sein Blick durchstreifte die Furchen, die die Jahre und Jahrzehnte auf dies Gesicht gezeichnet hatten, seine Finger knüpften nach alter Gewohnheit die Krawatte, und flüchtig verwob sich der Moment mit den Spuren der Vergangenheit. Das rotbackige Kindergesicht des artigen Jungen, der so gern etwas verwegener gewirkt hätte … der fahrige Blick des schüchternen Halbwüchsigen, der die abenteuerlichsten Gedanken wälzte, aber nichts erlebte … der zaghafte, immer und immer noch unreife Mann, der sich auf der Wartebank wohler fühlte als auf dem Spielfeld des Lebens, beständiger Beobachter großer Siege und bitterer Niederlagen, doch eben nur Beobachter.

Ja, lange Zeit hatte er nur die Bühnen und Darsteller gesehen, die Komödien und Tragödien anderer, sogar sich selbst in einer Rolle. Und lange hatte er gebraucht, um diese Fähigkeit zu der Distanz, die die Gegenwart betrachtet wie ein Blick aus ferner Zukunft, für sein Werk zu nutzen.

Aber Friedbert Wagner lächelte, denn irgendwann hatte er die vielschichtige Landschaft seines Selbst, die dieser Spiegel so glänzend umfasste, lieb gewonnen. Wie eine kurze, ferne Spanne des Atemholens erschienen ihm die Jahrzehnte, in denen er auf sich gewartet hatte. Als ewige Gegenwart öffnete sich ihm indes der kostbare Nachmittag, der sein Inneres entfaltet hatte. Mochte ihm sein Leben im Rückblick immer konturloser erscheinen, unbedeutender, geschrumpft auf eine Handvoll tragender Momente – die Gedanken an jenen Nachmittag im Juni erfüllten ihn noch immer mit besonderer Wärme. Kaum zwei Stunden waren es gewesen, die ihn der Beliebigkeit entrissen und den Dichter aus seinem Schlummer geweckt hatten, die ihn – obgleich er die Trugkraft der Verklärung wohl durchschaute – nach wie vor noch inspirierten und zu neuen Werken drängten.

Nach einem prüfenden Blick auf seinen Anzug, dem zwei minimale Korrekturen folgten, wandte Friedbert Wagner sich zum Gehen. Die warmen Sonnenstrahlen, die durch die halb geschlossenen Fensterbalken in die Schreibstube fluteten, hatten ihn ermuntert, sein Haus zu verlassen, und heiteren Schrittes begab sich der betagte Dichter auf den Weg zum Stadtcafé, hinein in den Vorhof des Himmels, in dem er einst seiner Muse begegnet war und heute einen alten Freund zu treffen hoffte.

(Textauszug)

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