Tobende Gedanken

Bild: Hans BeletzZögernd tasteten seine Finger über den glatten Bezug der Couch, bis sie gelähmt erstarrten. Ein dichter Schleier aus Wehmut umhüllte seine Sinne. Für Momente hatte er Brigittas Gegenwart gespürt. Unsicher streifte seine Erinnerung durch die erhellenden Stunden und Jahre, die ihn seiner Frau so innig verbunden hatten, dieser liebenden Seelenärztin, die er nun trotzig von sich stieß.

Couchgeflüster nanntest du es schelmisch und fürsorglich, wenn mich irgendetwas bedrückte und du das verstörte Gemüt wieder klärtest, Brigitta, du unbrauchbarer Engel! Du kennst nicht den Schatten des Himmels, der die Liebe befleckt!

Die entschuldigenden Gedanken blieben Fragmente. Zitternd fuhren seine Finger über den Mantel, den er im Kleiderschrank abgelegt hatte und prüften dann abermals den Bezug des schicksalhaften Möbelstückes. Vorsichtig zog er die Bettlade heraus, ließ sie für Sekunden einrasten, schob sie aber hastig wieder hinein.

Alles war in Ordnung. Er war ein unbedeutender Fremder im Hotelzimmer einer anonymen Stadt. Irgendein Mann an irgendeinem späten Abend im März, irgendwo auf dem letzten Kap vor der lauen See des Alters.

Er hatte die Rufnummer gewählt. Im Tor zum tiefsten Verlies seiner Seele steckte der Schlüssel. Er musste nur noch aufschließen.

Die Frau würde kommen. Ein Beben durchfuhr seinen Körper, widerstrebend vermengten sich Angst und Lust und Schmerz und Scham. Die Wallung unbändiger Gefühle trieb ihn vor den Spiegel, sein Kamm fuhr ohne Widerstand durch das exakt gescheitelte, angegraute Haar, langsamer, ein zweites Mal, ein drittes Mal.

Gut sehe ich aus, gut, gewiss!

Nicht noch einmal neu entscheiden. Einfach wollen, wonach das Leben drängt.

Er schluckte schwer, vergewisserte sich, dass die beiden Gläser auf dem runden Tischchen sauber waren und verfolgte dann gedankenleer den Sekundenzeiger seiner Armbanduhr.

Als es endlich klopfte, flog sein Blick zur Zimmertür. Ruckartig umfasste er mit seiner rechten Hand die linke, trat heran und öffnete.

Vor ihm stand eine mittelgroße, blendend aussehende Frau, deren Alter kaum zu schätzen war. Halblanges, dunkelbraunes Haar umrahmte puppenhaft das hübsche, aber hart gezeichnete Gesicht. Sie trug einen grob gestrickten, hellgrauen Pullover und eine gleichfarbige Schoß aus feinerem, zart gemustertem Stoff. Ihre schlanke Taille umfasste ein breiter brauner Ledergürtel, der Brust und Hüfte dezent hervorhob. Farblich passend trug sie kniehohe Stiefel und über die Schulter eine Tasche, die salopp zum Gesäß hinab hing. An einer langen Halskette baumelte ein kugelartiger Anhänger.

Ihre Gestalt brannte sich ihm ein und entspannte ihn zugleich. Der subtile Reiz hinter der biederen Fassade dieser Frau fesselte ihn und ließ ihn den allzu penetranten Duft der Herbertstraße schnell vergessen. Nervös bat er sie herein, bemerkte, wie er sie anstarrte, hörte, wie sie ihn im Näherkommen zwanglos nett begrüßte und wie er sie schließlich mechanisch fragte, ob sie etwas trinken wolle.

Sie bejahte, stellte sich als Laura vor, und noch ehe Momente der Scham sein Fieber hätten kühlen können, erriet sie in freundschaftlichem Plauderton, dass dies sein erstes solches Abenteuer sei und ermunterte ihn, es zu genießen. Sie freue sich, einen gut aussehenden Mann kennenzulernen und wolle das Finanzielle vorab regeln, so brauche man später keine Gedanken daran zu verschwenden.

Als Laura dicht neben ihm auf der Couch saß, in einer Hand noch das Getränk, den anderen Arm hinter seinem Kopf, mit den Fingern rhythmisch die Schulter bespielend, war der Bann gebrochen. Und ohne Umschweife führte sie ihn mit der trockenen Frage, woran er denn so gedacht habe, an den Abgrund seines Lebens.

Der dunkle Sog hatte in ihm gewirkt, so lange er zurückdenken konnte, hatte wieder und wieder seine Gedanken geködert, gefangen und einer Welt bizarrer Wünsche und Gelüste zugetan, die seiner Brigitta und dem profanen Leben fremd und fern verbleiben musste. Der still glühende Drang, aus dem immer neue Bilder hinauf in die Welt der Sinne stiegen, war das ganze nun schon verebbende Leben lang unaussprechlich geblieben, doch jetzt, an Laura, sollte er in Worte münden.

Sein Herz pochte stark und schnell, er suchte Halt in ihrem Blick, atmete nach Mut. Und endlich flüsterte er ihr das Geheimnis seines Lebens zu. –

(Textauszug)

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