Die Bank am See

Bild: Hans BeletzIn der linden Einsamkeit des frühen Morgens liebte sie den Platz am See besonders. Schönheitstrunken glitt ihr Blick über den unbewegten Wasserspiegel, dessen Zauber die Pracht der umliegenden Berge verdoppelte. Mit Hingabe säuberte sie das alte Holz von Blütenstaub, als pflegte sie keine Sitzbank, sondern eine vertraute, zerbrechliche Freundin, und ein selbstvergessenes, verklärtes Lächeln umspielte dabei ihr greises Gesicht.

Dreiundsechzig Jahre waren vergangen. Vor genau dreiundsechzig Jahren hatte die Liebe ihres Lebens zu erblühen begonnen, an einem milden Maienmorgen, hier an diesem Platz, und ihrer zweifelnden Vernunft zum Trotz hätte sie jederzeit beschworen, es wäre just auf dieser Bank geschehen. Die verschmitzten Äugelchen im Holz, der bärtige Rost, der die Schrauben umsäumte, jedes Detail dieses Lebensmarksteines gehörte zum unveräußerlichen Mobiliar ihres gedanklichen Heims.

Hier war sie mit Alfredo ins Gespräch gekommen. Sie hatten nur sympathische Belanglosigkeiten ausgetauscht, aber nach einer glücklich hingeworfenen Bemerkung über die Ohnmacht des Schreibens gegenüber dem Zauber der Natur hatte der schwarzhaarige, blendend aussehende Brasilianer ihr die Hand zur Brieffreundschaft gereicht.

Tatsächlich war Alfredo seinem Vorhaben, jede Nachricht aus der Heimat seines Vaters sorglich zu erwidern, 57 Jahre lang treu geblieben. Von Brief zu Brief hatte sich ihre Bekanntschaft vertieft, war über die Schrift hinaus gewachsen; irgendwann hatte sie begonnen, ihm Tonbänder zuzusenden, selbst verfasste Prosa und Gedichte, kleine Herzenswerke, unbedeutend für die Welt, aber er hatte an dem sachten Faden angeknüpft und ihr seine Bänder übersandt.

Leidenschaftlich und naiv liebte sie seine sonore, väterliche Stimme, wie sie alle Klippen der deutschen Sprache zu sanften Hügeln melodierte und ihr Empfinden dabei wieder und wieder zurück auf diese Bank trug. Geradezu töricht beglückte sie sein Tasten nach Begriffen, wenn er sich redlich mühte, tiefere Beziehungswelten auszuloten.

Seine Lebensdokumente hatten ihr bald als kostbarster Schatz gegolten, aber erst spät, viel zu spät, hatte sich das traute Zueinanderstreben zur Liebe beschleunigt. Immer leidenschaftlicher hatte sie ihn zu kommen gedrängt, zunehmend ohne Verständnis für was auch immer ihn noch halten konnte, und endlich, endlich hatte er ihr den Tag genannt.

Hier an dieser Bank hätte ihre Zukunft beginnen sollen. Sie hätten nicht mehr nur Briefe und Bänder ausgetauscht, sondern andauernde Umarmungen, innige Küsse, stürmische Liebkosungen, wie es Menschen tun müssen, die nach Jahren der Reife endlich ihre Jugend finden.

(Textauszug)

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