Lebensnähe

Bild: Hans BeletzAbends, am herbstlichen Lagerfeuer, fragte er: „Wo sind wir hier? Im Paradies?“ Sie antwortete: „Erst im Vorgarten, denke ich!“

Wie inhaltsreich und lebenslang dieser eine Tag in der Erinnerung erschien! So viele Eindrücke suchten noch Gestalt; in die Bilder des Heute mischte sich das ferne Gestern, Schicksalsspuren fanden zueinander, und ein alte, ewige Weisheit, von der er nicht wusste, ob sie in ihm oder um ihn war, ermaß mit Einsicht jede Wende auf dem Pfad des Seins.

Gern hätte er sich der neuen Winternacht ganz hingegeben und weiterhin erspürt, wie zarte Lebensprägungen sich zu Sinn und Ziel vereinen. Selig hätte er die Nacht durchwachen mögen, doch unversehens fühlte er eine übermächtige Ohnmacht. Ein schwerer Raum aus Zeit und Endlichkeit umhüllte ihn.

Immer noch perlte aus Janas Lachen das große Leben des Rio Quente, doch ihr Quell erreichte ihn nicht mehr.

Ein eherner Abschiedszwang durchatmete plötzlich seine Welt, entrückte alle Worte und Gefühle; Wunsch und Wille verkümmerten.

Warum? schrie sein Herz, und wie ein Echo jagte ihm eine letzte Empfindung hinterher, Janas heiße Sehnsucht. Ihr liebevoller Nachruf ereilte ihn noch, bevor er dahin gerissen wurde, und im Hinübergehen wusste er sich mit ihr vereint. –

Nachdem er sich eingefunden hatte, wollte er seine müden Augen öffnen, doch kaltes Licht trieb ihn zurück ins Dunkel.

„Herr Kübler!“ Eine geschäftige Frauenstimme rief, von fern nur hörte er sie. Hatte der Rio Quente ihn doch nicht mit sich fort getragen und aufgelöst, diesen abgelebten Namen, dem sich die Mühsal und Einsamkeit des Greisenalters verbanden, Jahre des erstarrten Erinnerns und Sich-Hinschleppens?

Er wollte nicht antworten, wollte sich von dieser schweren, alten Welt nicht wieder fangen lassen.

„Herr Kübler! Können Sie mich verstehen?“ Kläglich mühte sich die Stimme darum, ihn zu erreichen; im Gedenken an Jana erschien es ihm geradezu lächerlich, wie sie sich anstrengen musste.

Nicht in dieser trüben Welt erwachen!

(Textauszug)

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