Es war einmal … bis in das Einst

Bild: Hans BeletzAuf dem Adventkranz ihres Lebens waren einige Lichter zu früh entzündet worden. Ihre unbeherrschte Sehnsucht nach geistiger Ankunft hatte die Welt rücksichtslos geblendet und sie selbst erblinden lassen. Wie von Sinnen war sie dem Zauber einer Offenbarung erlegen, die über den Himmel hinaus wies. Doch sie hatte nur die gewaltige Höhe des Turms gesehen, der um diesen Strahl des Lichts errichtet worden war, nicht aber dessen Enge und vor allem nicht den Abgrund, der im Inneren der Gemeinschaft aufgerissen war, um alles zu verstoßen, was dem hehren Dogma sich nicht fügte. 

Belastete Beziehungsbande, missachtete Gelegenheiten, gedankliche Fixierungen – wohin hatte ihr steiniger Befreiungsweg geführt? Weshalb hatte sie die dickhäutige Blase des Zeitgeists durchstochen, wenn sie sich letztlich nur in einer weiteren gefangen fand?

Noch einmal ließ sie das Sinnbild ihrer fernen Wüstenjahre durch die Finger gleiten. Nein, nichts von dem, was sie in jener öden Zeit der Weltflucht mitgenommen hatte, würde sie heute missen wollen. Denn wie anders als durch das Fegefeuer der Erfahrung könnte sich die Überzeugung offenbaren, dass es den sauber abgepflockten Weg nicht gibt, auf dem das stetig neue Schöpfungsweben ungekünstelt einzusehen ist? Lag in dem hart erkämpften Wissen, dass jeder Starrheit Mühe letztlich ohne Wert verbleibt, nicht auch Größe? Konnte nicht auf diesem Boden erst die Menschenliebe wachsen, ein mildes, mütterliches Lächeln, das die Schrulligkeiten dieser Welt verständnisvoll begleitet? –

Julia hatte ihre tiefen Vorbehalte gegenüber dieser Reise in die Seitenreiche des Erkenntnisstrebens irgendwann mit freundschaftlicher Tochterliebe übertüncht.

Karim hatte das Trauma, der Verwandlung seiner Frau in eine Fremde hilflos beizuwohnen, durch eine neue Liebe überwinden können, der es später, in trauter Eintracht mit dem Altersphlegma, tatsächlich noch gelungen war, den Skeptiker zu bändigen, die Unrast seines Wesens in Sanftmut zu verwandeln.

Und sie selbst hatte sich von dem allzu vehementen Einklang gleich gestimmter Wahrheitssucher wieder losgerungen. Zwar hatten sich einige Akkorde aus der gut geübten Gemeinschaftsmelodie noch lange tonangebend aufgedrängt, aber die bunte Vielfalt alltagsnaher Harmonien griff letztlich doch wieder als Leitmotiv.

Veredelte das Leben sich also selbst am besten? Und war das Streben nach Tiefe und Entwicklung doch nur ein Synonym für Scheitern? Blieb dem Menschen lediglich Beschaulichkeit als Beitrag, um den simplen Königsweg durchs Dasein vom Staub des Alltags freizukehren und daran selbst zu wachsen?

(Textauszug)

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