Nackt

Bild: Hans BeletzIn seiner hoch gewachsenen Gestalt stand Martin im Mannschaftsraum der Kaserne, und ihm gegenüber, noch ein wenig größer, ein äußerst kräftig gebauter Oberst mit Stiernacken und hochrotem Kopf, dem die aufbrausende Wut an den Schläfen die Adern dunkelrot hervor trieb. Oberst Schmitt war als brutaler Schleifer berüchtigt, verfügte auch stimmlich über tierische Aggressivität und donnerte Martin mit seinem Organ dermaßen an, dass man befürchten musste, der hagere Junge mit dem schütteren Haar könnte dem Schalldruck allein nicht Stand halten: „Wehrmann Mühlbach!“, plärrte er, „Sie sind der hinterfotzigste Idiot, der jemals in Uniform gesteckt hat. Ihre Wehrtauglichkeit ist ein tragischer Irrtum!“

Noch stand Martin reglos da, die Augen starr geradeaus gerichtet, nur seine Mundwinkel zuckten ein wenig. Oberst Schmitt setzte eine dramaturgische Pause, sog tief Luft durch seine Nüstern und schob den halslosen Oberkörper dabei so nah an den Jungen, dass die beiden Stirnen einander fast berührten. Er begann seinen Satz ganz leise, unheilvoll langsam, um die Stimme zwei Takte später orkanartig anschwellen zu lassen: „Aber ich schwöre Dir, mein Junge, dass Du unter Schmerzen lernen wirst, … dich bedingungslos unterzuordnen! Hast Du verstanden, Übelbach!?“

Niemand im Raum wagte jetzt noch hinzusehen, uns allen war der Atem gestockt. Nur aus den Augenwinkeln beobachtete ich vorsichtig, was geschah: Mit dem Antosen des Orkans begannen Martins Mundwinkel immer stärker zu vibrieren, sein Gesicht nahm grimassenhafte Züge an; es schien, als würde der Junge einen stummen Schrei bekämpfen, der ihm ausbrechen wollte, aber er sah dabei einem lächerlichen Kasper gleich. Oberst Schmitt durchbohrte ihn daraufhin mit einem noch stechenderen Blick, wie ich ihn vordem nicht für möglich gehalten hätte, und fügte seinem Ausbruch, nun wieder in getragenem Adagio und mit dem Anflug eines mitleidigen Lächelns, hinzu: „Und jetzt, mein Söhnchen, darfst du reden. Sag’ mir, was dich dazu veranlasst“ – erneut durchdonnerte es markerschütternd den Raum –, „mich so saublöd anzuglotzen!“

Nach einer kunstvoll gesetzten Pause antwortete Martin im Tonfall des Befehlsempfängers, aber im übrigen offenbar völlig unbeeindruckt: „Wenn ich erklären darf, Herr Oberst, es ist bei mir so: Wenn mir eine beeindruckende Persönlichkeit gegenübersteht, wie jetzt Sie, dann neige ich dazu, die eigene Fassung zu verlieren. Unwillkürlich nehme ich in solchen Situationen den Ausdruck meines Gegenübers an. Ich bitte Sie darum, diese Eigenart von Wehrmann Mühlbach zu entschuldigen!“

Die Blicke des Obersts durchdrangen Martin für einige Sekunden, dann liftete Schmitt wortlos den Anker, nickte und verließ den Raum. Wir konnten nie herausfinden, inwieweit er dieses sagenhafte Schachmatt durchschaut hatte. –

(Textauszug)

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