„Wer als Wissenschaftler ein ganzheitliches Weltbild vertritt, wird als Narr verlacht!“

Franz Moser, geb. 1928 in Graz, studierte Technische Chemie an der TU Graz und der Princeton University, USA. Er war von 1966 an Professor für Grundlagen der Verfahrenstechnik an der TU Graz und schrieb 1989 sein erstes Buch zu weltanschaulichen Fragen. In „Bewusstsein in Raum und Zeit“ entwickelte er auf der Grundlage der Quantentheorie ein „holistisches Weltbild“. Zahlreiche weitere Publikationen folgten.

Mit Ihrem Buch „Bewusstsein in Raum und Zeit“ haben Sie sich schon Ende der 1980er Jahre dafür eingesetzt, das materialistische Weltbild zu überwinden, weil es durch die Erkenntnisse der Quantenphysik im Grunde nicht mehr haltbar sei. Dieses Thema wird heute immer noch heiß diskutiert – und nach wie vor wird der Materialismus kaum in Frage gestellt. Was war vor 25 Jahren der Anlass für Sie, sich – damals als Verfahrenstechniker an der Technischen Universität Graz – für ein „holistisches Weltbild“ einzusetzen?

MOSER: Meine Standardantwort auf solche Fragen ist immer: Wer mit falschen Landkarten ins Gebirge geht, der wird sich verirren. Und wenn er sich dann verirrt hat, wird er sich von den anderen anhören müssen, ein Dummkopf zu sein, der sich doch hätte besser informieren sollen. Auf unsere Situation übertragen: Wir haben ein absolut falsches Weltbild, das aus dem 19. Jahrhundert und aus der Zeit davor stammt, und wir wollen damit unsere Probleme lösen. Es ist eigentlich beschämend und bedrückend zu sehen, wie es schwer ist, von einem Weltbild in ein neues zu kommen, obwohl alle Grundlagen dafür bereits erkennbar sind, wenn man sich dafür interessiert. Aber das war immer so. Der gute Luther sagte zum Beispiel über Kopernikus, er sei ein Narr, weil er beweisen wolle, dass die Erde sich um die Sonne dreht. Jeder könne doch täglich sehen, dass es anders ist. Heute ist es genau so. Es gibt eben Gesetze des Seins, die aus der Quantenphysik resultieren, die paradox erscheinen und unser Weltbild vollkommen auf den Kopf stellen, die aber, wenn man sie beachtet, viele, wenn nicht alle unsere Probleme lösen würden. 

Ehe wir darauf näher eingehen – was hat Sie denn ursprünglich veranlasst, sich so intensiv mit der Quantenphysik und ihren Interpretationen zu beschäftigen? Warum haben Sie nach einer besseren Karte fürs Gebirge gesucht? Hat sich das einfach auf Grund Ihres Berufs ergeben? 

MOSER: Erstens bin ich Naturwissenschaftler, und zweitens bin ich ein neugieriger Mensch. Ich habe mich wohl mit allem beschäftigt, was man studieren kann. Ich habe mit Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftstheorie begonnen und war unter anderem sehr beeindruckt von Thomas Kuhn, einem ganz großen Historiker, der erklärt, wie die Wissenschaft sich entwickelt, wie Paradigmen entstehen und zuletzt inkompatibel werden und dass Wissenschaftler dazu neigen, mit fast irrationaler Vehemenz an bestehenden Theorien festzuhalten. Danach habe ich viele Religionen studiert, vor allem den Buddhismus, die Philosophen – und zuletzt kam ich auf die Quantenphysik, eigentlich fast zwangsläufig. Denn ich habe vor 30 Jahren, als Anton Zeilinger – heute einer der bekanntesten österreichischen Forscher – noch ein junger Mensch war, zusammen mit einem Kollegen aus der Physik eine Tagung auf der Technischen Universität Graz veranstaltet, auf der Zeilinger und viele andere gute Leute gesprochen haben. Es ist dann ein Buch herausgekommen, in dem all diese Vorträge zusammengefasst waren, das vielen gut gefallen hat. Diese Veranstaltung war der erste Schritt in die Richtung Quantenphysik, und aus meinem Interesse an dem Thema ist dann ein weiteres Buch entstanden …

… „Bewusstsein in Raum und Zeit“

MOSER: Ja, ich habe in diesem Buch meine Ansicht vertreten, dass die Erkenntnisse aus der Quantenphysik in der ganzheitlichen Deutung die Basis eines neuen Weltbildes sein werden. Davon bin ich überzeugt!

Sie haben sich in diesem Buch auch nicht gescheut, neue Bezüge zu religiösen Begriffen wie „Jenseits“ oder „Gott“ herzustellen – ungewöhnlich und mutig für einen Wissenschaftler! Ich erinnere mich daran, dass ich aus Ihrem Buch für einen Vortrag zum Thema „Tod und Jenseits“ zitiert habe. Solche Brücken zwischen Naturwissenschaft und Religion, die mir für eine umfassende Wahrheitssuche sehr wichtig erscheinen, fand ich nicht sehr oft.

MOSER: Es ist aber so: Jede Wissenschaft ist vielfach interpretierbar. Man kann auch die Quantenphysik mechanistisch deuten, womit man im alten materialistischen Schema bleibt. Betrachtet man sie aber ganzheitlich, dann ist sie auf einmal für sehr vieles zugänglich. Interessant für mich ist, dass die alten großen Physiker – Einstein, Bohr oder Schrödinger zum Beispiel – eigentlich immer ganzheitlich gedacht haben, die Epigonen dann aber kleinlich und eng. Viele wollen den großen Denkern bis heute nicht folgen. Ich bin mit einigen Kollegen immer noch in Verbindung und merke, dass sie Angst haben. Aber das ist ganz natürlich, denn wenn sie wirklich sagen würden, was ich mich zu sagen traue, weil ich nichts zu verlieren habe, dann könnten sie in Pension gehen. Wer ein neues Weltbild vertritt, wird von der bestehenden Scientific Community als Narr verlacht, bekommt keine Forschungsgelder mehr, kann keine Arbeiten mehr veröffentlichen, wird also ausgeschlossen aus der Gemeinde der Wissenschaftler.

Haben Sie selbst, als Ihr Buch „Bewusstsein in Raum und Zeit“ veröffentlicht wurde, Ähnliches erlebt?

MOSER: Nein, ich war damals so unbedeutend, dass ich nicht beachtet wurde. Das Buch wurde von der Wissenschaft nicht wahrgenommen, auch deshalb, weil ich ja kein Physiker, sondern Chemiker bin. So ist das Buch unbeschadet und unbeachtet durch die Welt gegangen, hat aber verschiedene interessierte Menschen gefunden.

Wurden Ihnen Reaktionen aus der Leserschaft bekannt?

MOSER: Nicht sehr viele. Aber Leute, die es gelesen haben, fanden es belebend, inspirierend und ermutigend, eben einen neuen Blick auf die Welt zu werfen.  

Was sind denn aus Ihrer Sicht konkret die wichtigsten Erkenntnisse, die man aus der Quantenphysik gewinnen kann und die nach einem neuen Weltbild rufen?

MOSER: Das ist einfach. Erstens: Es gibt keine Materie. Materie ist ein Energiefeld, das durch die Projektion aus einem Bewusstsein entsteht. Das heißt, unsere ganze Welt ist eine Projektion, ein Energiefeld. Wenn man ein Atom näher betrachtet, findet man ja fast nur Leere. Zweitens: Es gibt weder Raum noch Zeit. Das klingt natürlich verrückt und ist schwer nachzuvollziehen, aber die Versuche von Anton Zeilinger mit verschränkten Teilchen haben bewiesen, dass es eine instantane Korrelation gibt, dass also an zwei Orten gleichzeitig etwas geschieht. Das gilt auch, wenn sie Lichtjahre voneinander entfernt sind, und es führt zum Schluss, dass es Raum und Zeit in Wirklichkeit nicht gibt. Man muss also sagen: In Wahrheit gibt es weder Raum noch Zeit. Es gibt aber sehr wohl die Illusion von Raum und Zeit, die durch eine Projektion aus unserem Geist-Bewusstsein in jedem Augenblick neu entsteht. Man kann sich vorstellen, dass diese Illusion wie die Naht durch eine Nähmaschine entsteht: Jeder Stich der Nähmaschine entspricht somit einer Bewusstseins-Erfahrung in der Nicht-Zeit. Diese Erfahrungen werden in unserem Bewusstsein gespeichert, und jede Bewusstseins-Erfahrung folgt der nächsten, genau so, wie ein Stich dem andern folgt. In Wahrheit erfolgen also alle Stiche, alle Bewusstseins-Erfahrungen, in der Nicht-Zeit, aber in unserem Bewusstsein sind sie so nacheinander angeordnet, dass sie als Zeit gesehen werden können. Die Wirklichkeit aber ist eine Ganzheit des Seins, ein Zustand der Einheit, der „Nicht-Dualität“, den man „Himmel“ nennen könnte. Aber wir haben uns aus dieser Situation heraus begeben, und erleben die dualistische Welt der Trennung.

Und welche Konsequenzen hat eine solche Weltbetrachtung für den Alltag?

MOSER: Ein praktisches Beispiel: Wenn es die Ganzheit des Seins gibt, von der so viele Quantenphysiker, vor allem David Bohm, sprechen, dann ist jeder Angriff von mir auf einen anderen ein Angriff auf mich selbst. Würde diese einfache Tatsache begriffen, würden die Leute sich überlegen, Kriege zu führen, andere zu beschimpfen oder zu erniedrigen. Denn alles, was sie aussenden, wirkt auf sie zurück.

In Ihrem Buch „Wunder und Wissenschaft“ beschäftigen Sie sich mit der Kluft zwischen Glauben und Wissenschaft und vertreten die Auffassung, dass einerseits die Klassische Physik und der Materialismus die Welt nicht richtig beschrieben haben – Stichwort: falsche Landkarte –, dass andererseits aber auch die Religionen keine zutreffende Beschreibung der Wirklichkeit liefern. Nun meinen manche Quantenphilosophen aber, dass sich gerade in den alten Weisheitslehren Brücken zur Wissenschaft finden lassen. Was veranlasst Sie denn zu Ihrer allgemeinen Skepsis gegenüber Religionen?

MOSER: Ich kehre zurück zu dem Unterschied „nicht dualistisches Sein“ und „dualistisches Sein“. Dass wir in einem dualistischen Sein existieren, ist offensichtlich. Die Auseinandersetzung, der Kampf ums Dasein, hell und dunkel … alles ist Gegensatz. Und weil alle Menschen seit Menschengedenken nichts anderes erleben, stellen sie sich auch einen dualistischen Gott vor, einen Gott der Grausamkeit, der Vernichtung, der Rache und Vergeltung, der Sühne – so wird Gott im Alten Testament beschrieben. Aber schon vor Tausenden Jahren haben die Inder geahnt, und später haben es auch Denker wie Meister Eckhart beschrieben, dass es etwas anderes geben müsste – jene eigentliche, ursprüngliche Gottheit, die in dem nicht-dualistischen Dasein existent ist.  

Das heißt, die Religionen haben ein falsches Gottesbild erfunden und traditionell weiter vermittelt - deshalb beschreiben Sie die Wirklichkeit nicht richtig.

MOSER: So ist es, ja, eindeutig.

Aber man kann doch religiöse Symbole auch so deuten, dass sie für eine Harmonisierung der Gegenpole stehen, dass es also um einen Lernprozess für den Menschen geht. Die harmonische Zusammenführung von Aktiv und Passiv findet im gleichschenkeligen Kreuz ebenso Ausdruck wie beispielsweise im fernöstlichen Yin-Yang-Symbol. Insofern deutet doch manches auf ein ursprünglich tieferes Wissen in den Religionen hin, das es wieder zu entdecken gilt.

MOSER: In der Dualitäts-Sphäre gibt es mehrere Ebenen des Seins, und die ganze Sinnhaftigkeit, vor allem der östlichen Religionen, liegt im Aufstieg in höhere Ebenen, wo eine immer größere Harmonisierung der Gegensätze erfolgt – bis zur „Buddha-Ebene“, der die vollkommene Harmonisierung zugeschrieben wird, was aber doch nur eine Schein-Harmonisierung sein kann, weil auch sie der Dualität verbunden bleibt. Die Symbolik, von der Sie sprechen, drückt diese Harmonisierungsbemühungen im Aufstieg aus.

Meinen Sie, dass ein holistisches Weltbild – welche Philosophien man auch immer im Detail damit verbindet – tatsächlich eine friedlichere Welt zur Folge haben könnte?

MOSER: Absolut! Es ist ja so: Wer sich mit dem Körper identifiziert, was ja der Materialismus verlangt, weil er davon ausgeht, dass Geist nur ein Epiphänomen des Gehirns ist, der erniedrigt sich selbst unglaublich …

… und nutzt seine Potentiale auch nicht.

MOSER: Wenn der Körper und die Materie alles sein soll, was es gibt, dann gilt eben: Wer mit falschen Landkarten ins Gebirge geht, der muss sich verirren. Wir haben uns absolut verirrt! Und die Krisen sind das Resultat davon.

In Ihrem Weltbild steht der Geist, das Bewusstsein im Zentrum; nichts könnte demnach ohne Bewusstsein existieren. Was sagen Sie Kritikern, die da provokant fragen: „Was soll das? Ist der Mond etwa nicht da, wenn ich nicht hinschaue?“

MOSER: Es gibt in Wirklichkeit nur Bewusstsein, nur Geist. Geist projiziert die Materie, die wir als Realität bezeichnen. Auch der Mond oder die Sterne, die Milliarden von Lichtjahren entfernt sind, sind nur eine Projektion.  

Und welche Rolle spielt in diesem Gesamtgeschehen das Individuum?

MOSER. Unser Geist gehört zu einem großen Ganzen, einer Geist-Einheit. Dieses Geistige projiziert das Universum. Aber der Witz daran ist, dass wir als Teil dieses Gesamt-Geistes innerhalb der „Gesamtgeistprojektion Universum“ auch noch eine Quasi-Individualprojektion erschaffen. Wir projizieren als Teil des Gesamten das Gesamte mit, aber auch ein scheinbares Individualerlebnis. Doch wenn ich zum Beispiel an einem anderen Menschen etwas verändere, etwa indem ich ihn heile, dann wirkt das auf mich und alle anderen, die daran beteiligt sind, zurück. Es gibt also keine absolute individuelle Abgrenzung. Wir sind immer in die Einheit eingebunden, und daher sind wir Teil der Einheit, obwohl wir glauben, kein Teil zu sein. 

Welches Resümee ergibt sich für das Selbstverständnis des Menschen? Wenn wir uns als Geistwesen erkennen, wäre damit nicht auch selbstverständlich, dass wir dem Werden und Vergehen der Materie nicht unterworfen sind?

MOSER: Ja, die Angst vor dem Tod würde wegfallen. Wobei ich zugebe, dass sie in gewissem Maß trotz des Wissens um die Zusammenhänge erhalten bleibt. Denn wenn ich heute erfahren würde, dass ich beauftragt bin, in den südamerikanischen Urwald zu gehen, ohne zu wissen, wie es dort aussieht, wäre mir das auch nicht gleichgültig. Eine gewisse Angst vor dem Unbekannten wird uns immer bleiben, denn so einfach ist dieser Übergang nicht. Aber man kann dem Tod natürlich vollkommen anders entgegensehen, wenn man weiß, dass an sich nichts geschehen kann, weil man als Geistwesen immer bestehen bleibt. 

Herzlichen Dank für dieses Gespräch!