„Der Mensch kommt ohne Religion nicht aus!“


Religion und Naturwissenschaft stehen einander seit Generationen unversöhnlich gegenüber. Der Kölner Ingenieur und Seminarleiter Günter Höser meint, dass das nicht sein muss und plädiert dafür, die Naturgesetze auch als Mittelpunkt des Glaubens zu sehen.

Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit religiösen Themen, leiten dazu auch Seminare, gehören aber selbst keiner etablierten Religionsgemeinschaft an. Gibt es denn aus Ihrer Sicht einen Unterschied zwischen Religion und Konfession?

HÖSER: Viele Menschen sehen in „Religion“ den Überbegriff für religiöse Vereinigungen, aber sie machen keinen Unterschied zwischen Religion und Konfession. Und sie haben allem, was mit Religion zu tun hat, eine Eigenständigkeit gegeben. Sie haben es vom Alltag abgetrennt, indem sie beispielsweise sonntags ein oder zwei Stunden Religiosität ausüben. Aber eigentlich bedeutet Religion Rückbesinnung, Rückkopplung. Religiosität ist eine natürliche Anlage des Menschen, die er im Laufe seines Lebens entweder auslebt oder verschüttet. Aber wenn jemand Religiosität mit einer bestimmten Konfession verbindet und dann mit dieser nicht zurechtkommt, dann kann es geschehen, dass er sich letztlich aus allem zurückzieht.

Dieses Zurückziehen ist heute ja offensichtlich. Religiöse Betrachtungsweisen verlieren zunehmend an Bedeutung. Atheisten gehen sogar davon aus, dass das gesellschaftliche Zusammenleben ohne Religion freier und sinnvoller wäre. Was ist denn der Vorteil einer religiösen Gesinnung für den Menschen?

HÖSER: Nach meiner Erfahrung kommt ein Mensch ohne religiöse Gesinnung und Rückbesinnung auf das Seelisch-Geistige gar nicht aus. Der reine Materialismus führt in eine Sackgasse, das Habenwollen führt nur zum Noch-mehr-haben-Wollen. Was wir brauchen, ist eine Stärkung der Empfindung, die ja der Ausdruck unseres Geistes, unserer Seele ist – und die finden wir in der Religion. Aber es ist sicher schwierig, in den etablierten Konfessionen einen echten Anhaltspunkt dafür zu entdecken. Ich selbst komme aus dem naturwissenschaftlichen Bereich, und ich fand letztlich in den Natur- oder Schöpfungsgesetzen den roten Faden, der auch für meine Religiosität maßgeblich wurde.

Aber es gibt ja gerade zwischen den Naturwissenschaften, die sich auf Gesetzmäßigkeiten gründen, und der Religion schon seit mehreren Jahrhunderten einen Konflikt: Wer religiös ist, glaubt einfach an Überlieferungen, der Wissenschaftler hingegen befragt durch Experimente die Natur und sucht so nach Wahrheit. Sehen Sie eine Möglichkeit, diesen Konflikt, diese Kluft zwischen Religion und Naturwissenschaft zu überwinden?

HÖSER: Auf jeden Fall. Als Ingenieur hatte ich mich mit den physikalischen Gesetzen zu beschäftigen und war immer überzeugt davon, dass es auf der Grundlage dieser Gesetze auch eine Verbindung zu religiösen Vorstellungen geben muss. Deshalb war ich sehr erfreut, als ich vor etwa 30 Jahren das Werk „Im Lichte der Wahrheit“ gefunden habe, in dem diese Gesetze auch für das Seelisch-Geistige des Menschen erläutert werden. Nehmen wir zum Beispiel das Gesetz der Wechselwirkung – in der Physik spricht man von Ursache und Wirkung: Jedes Handeln von mir löst etwas aus, und die Auswirkung davon fällt wieder auf mich zurück, weil ich der Verursacher bin. Dieses Gesetz kennen wir aber auch aus religiösen Schriften, zum Beispiel aus der Bibel. Jesus sagte: „Was der Mensch sät, das wird er ernten!“ Das ist nichts anderes als das Gesetz der Wechselwirkung. Oder das Gesetz der Schwere, nach dem Leichteres nach oben strebt und Schwereres nach unten – denken Sie an einen Heißluftballon. Wenn wir das jetzt auf die spirituelle Ebene übertragen, heißt das, dass ein Mensch, der sich seelisch-geistig weiterentwickelt, dadurch leichter, lichter, reiner wird und nach oben streben kann. Auf der Grundlage der Schöpfungsgesetze lassen sich Wissenschaft und Religiosität also gut verbinden. Und ich glaube, das der heutige Mensch genau solche Brücken braucht, weil er nicht mehr dazu bereit ist, religiöse Traditionen blind zu übernehmen.

Sie haben die Bibel erwähnt, das Gleichnis von Saat und Ernte. Solche religiösen Offenbarungen im Sinne einer „Wissensvermittlung von oben“ stehen natürlich im Zentrum jeder Religion. Die Frage ist aber, welchen Wert sie haben. Sehen Sie eine Möglichkeit, ernstzunehmende Offenbarungen von fragwürdigen zu unterscheiden?

HÖSER: Ja, und zwar wieder auf der Grundlage von Naturgesetzen. Wenn wir diese einmal verstanden haben und erkennen, wie sie unseren Alltag und unser Leben bestimmen, dann können wir sie letztlich auch zur Bewertung von Offenbarungen heranziehen. Basiert eine Aussage auf Naturgesetzen oder nicht? Das ist die entscheidende Frage. Ich halte nichts davon, Dinge, die man nicht versteht, in das Mystische hineinzuschieben.

Religion betrifft auch immer ein bestimmtes Gottesbild. In der christlichen Tradition ist damit die Vorstellung von einem persönlichen, in unser Schicksal eingreifenden Gott verbunden – Stichwort: der alte Mann mit Bart und Priesterkleid. An ein solches Bild zu glauben fällt im 21. Jahrhundert offenbar immer mehr Menschen schwer. Welches Gottesbild haben Sie?

HÖSER: Ich kann verstehen, dass heute viele Menschen die überlieferten Gottesbilder nicht mehr nachvollziehen können. Nach meiner Überzeugung steht der Schöpfer weit über allem – und wir versuchen traditionell, ihn aus unserer Unkenntnis heraus herabzuzerren, damit wir ihn begreifen können. Denn wir sind selten bereit, uns darüber Gedanken zu machen, wie etwas Höheres, Unantastbares wirken könnte. Aber möglich ist es uns, denn wir alle tragen die Sehnsucht nach Gotterkenntnis in uns. Aber man muss sich aus dogmatischen Klammern befreien.

Sie selbst verbinden mit Gott also kein bestimmtes Bild, sondern etwas Umfassenderes …

HÖSER: Aus meiner Sicht ist Gott das Urlicht, die Urkraft, eine allumfassende Energie, ohne bestimmte Form. Das zu erfassen ist natürlich nicht so einfach. Aber Gott zeigt sich in der Schöpfung durch seine Gesetze, und die können wir erkennen. Alles formt und entwickelt sich nach diesen Gesetzen. Deshalb braucht sich, banal gesagt, auch niemand um jeden einzelnen Menschen und sein Schicksal zu kümmern.

Wenn Sie gleichnishaft von einer Art Energie sprechen und davon, dass Gott nur über Gesetzmäßigkeiten in der Schöpfung wirkt – gibt es dann eine Möglichkeit für den einzelnen Menschen, sich Gott zu nähern? Haben Gebete überhaupt einen Sinn?

HÖSER: Ja, auf jeden Fall! Ich sehe in dem Gebet eine Zwiesprache mit Gott. Wenn ein Mensch betet, wendet er sich direkt an den Schöpfer. Die Voraussetzung dafür ist natürlich ein tiefer Glaube, dem falsche Vorstellungen nur im Weg stehen können. Wichtig ist, dass sich ein Gebet im Innersten formt, die Empfindung ist die Grundlage dafür. Was der Mensch im Gebet an Worten formuliert, muss also mit der Empfindung im Einklang stehen, sonst hat es keinen Wert.

Wenn wir die Religiosität, befreit von dogmatischen Einengungen, also als einen gangbaren Weg zur Wahrheitssuche akzeptieren – was wäre die wichtigste Botschaft, die Sie einem wahrheitssuchenden Menschen mit auf den Weg geben wollten?

HÖSER: Ich denke, dass am Anfang dieses spirituellen Weges, den man dann beschreitet, das Erkennen der Schöpfungsgesetze stehen sollte – denn damit erkennt man gleichzeitig den Willen des Schöpfers. Und wenn jemand dann sein Leben nach diesen Gesetzmäßigkeiten ausrichtet, dann erfüllt er damit auch die im „Vaterunser“ überlieferte Forderung „Dein Wille geschehe!“

Herzlichen Dank für dieses Gespräch!