„Den Radiosender im Kopf abstellen“

Die meisten Menschen neigen dazu, sich selbst mit ihren Gedanken zu identifizieren. Es ist für sie kaum vorstellbar, dass das menschliche „Ich“ noch etwas anderes sein könnte als die „Denkmaschinerie“ des Tagbewusstseins. Und sie bemerken auch nicht, wie groß ihre Abhängigkeit von bestimmten Gedankenströmungen ist; wie sehr sie „automatisch“, „vorprogrammiert“ – also tatsächlich maschinenähnlich auf Ereignisse oder Mitmenschen reagieren. 

Traditionell wurde der immaterielle geistige Wesenskern des Menschen mit „Seele“ oder „Psyche“ in Zusammenhang gebracht. Heute versteht man unter diesen Begriffen meist nur noch Gehirnströme und Gedankentätigkeit. Der lebendige Bezug zur Seele ging verloren. Einfache Möglichkeiten, diese Verbindung – die Verbindung zu sich selbst – wieder zu finden, steht im Zentrum eines Vortrages von – und dieses Gesprächs mit – Peter Eulig.

Sie halten einen Vortrag, der sich unter anderem mit dem Thema „unkontrollierte Gedankenströme“ beschäftigt. Nun, vermutlich überlegen sich die wenigsten Menschen, ob sie irgendwelchen unkontrollieren Strömungen unterliegen oder nicht, und vermutlich sehen auch nur wenige eine Veranlassung dafür, ihre Gedanken zu kontrollieren. Sie fühlen sich auch so ganz wohl. Welchen Vorteil sollte eine Kontrolle also mit sich bringen? Sehen Sie einen tieferen Zusammenhang zwischen den Gedanken, die wir hegen, und dem persönlichen Wohlergehen?

EULIG: Der tiefe Zusammenhang zwischen den Gedanken und dem persönlichen Wohlergehen liegt einfach darin, was wir denken. Gedanken an freudige Erlebnisse zum Beispiel stimmen uns auch freudig, aber Gedanken an Trauriges oder Bedrückendes können uns auch quälen. Und es kommt ja manchmal vor, dass wir betrübt sind, ohne zu wissen, woher das eigenlich kommt. Ich sehe die Gedanken als eine Art Wolken über den Menschen. und von so einer Gedankenwolke eingeschlossen zu sein, kann uns betrüben. Der Vorteil, seine Gedanken zu kontrollieren, liegt für mich darin, schauen zu können: Sind das wirklich meine Gedanken, gehen sie von mir aus? Und wenn sie nicht von mir sind: Wie befreie ich mich von fremden Gedanken beziehungsweise wie wehre ich sie ab? Ich habe diesen permanenten Gedankenstrom oft als störend empfunden und wie Krach in meinem Kopf …

… den man aber vielleicht auch nicht als störend bemerkt, weil man keinen anderen Zustand kennt.

EULIG: Wer abends nicht einschlafen kann, weil er Gedanken nicht los wird, der hat vermutlich das eine oder andere Mal seine Gedanken als quälend empfunden. Bei mir war es einfach so, dass ich schnell einen Unterschied erlebt habe. Und wenn man einmal einen anderen Zustand, also Ruhe im Kopf erlebt hat, spätestens dann empfindet man diese Gedankenströme auf jeden Fall als störend.

Wie kann es gelingen, unkontrollierte Gedankenströme zu vermeiden? Kontrollieren da die einen Gedanken die anderen Gedanken? Geht das überhaupt? Oder soll hier eine andere Instanz im Menschen aktiv werden?

EULIG: Nun ja, unkontrollierte Gedankenströme vollkommen zu vermeiden, ist ein langer Weg, aber ein Schritt ist schon einmal, sie als solche zu erkennen. Es geht nicht um die Kontrolle von Gedanken durch Gedanken, sondern es geht, wie Sie schon sagten, um eine andere Instanz. Diese andere Instanz ist für mich die Seele. Durch die Stille im Kopf konnte diese Instanz bei mir mehr und mehr erwachen und auch gehört werden.

Sie machen also einen deutlichen Unterschied zwischen Verstand und Seele – beziehungsweise zwischen dem, was wir denken und dem, was wir im Inneren sind.

EULIG: Der Unterschied besteht für mich vor allem darin, dass der Verstand vom Gehirn erzeugt wird und mit dem körperlichen Tod aufhört zu existieren, im Gegensatz zur Seele des Menschen, von dessen Ewigkeitswert ich überzeugt bin.

Wenn also das Seelische mehr Raum gewinnt, dann übt es eine natürliche Kontrolle über die Gedankentätigkeit des Verstandes aus …

EULIG: Es geht ja vor allem darum, durch Gedankenleere Raum für die Seele zu schaffen, sie erstarkt sozusagen, und je stärker die Seele wird, desto natürlicher wird es, die eigenen Gedanken zu beherrschen.

Wie kann man die für die Seele nötige innere Ruhe finden? Auf welchem Weg haben Sie denn persönlich Ihre Seele entdeckt?

EULIG: Mir persönlich hat dabei vor allem die klassische Musik geholfen, aber am besten kann jeder selbst herausfinden, was ihm zu innerer Ruhe verhilft. Für mich war dieses ständige Denkenmüßen schon sehr belastend. Stellen Sie sich vor, Ihr Kopf ist wie ein Raum, aber anstatt frei und ruhig, ist er voller Radios, und alle sind laut gestellt und spielen einen anderen Sender. Mir ist es sozusagen gelungen, alle Radios auszuschalten und absolute Ruhe zu empfinden.

Und dadurch haben Sie eine neue Qualität des Erlebens erfahren?

EULIG: Ja, das zeigt sich in vielen Momenten. Eine Veränderung ist zum Beispiel, dass ich nicht ständig mit dem Denken beschäftigt bin, also ruhiger und gelassener bin und durch diese innere Ruhe nun, in Augenblicken, in denen es darauf ankommt, viel gezielter denke. Man ist sozusagen in einem neutralen Zustand, der wirkliche Offenheit erst ermöglicht. Es ist ja nun auch so, dass viele Menschen durch ihren Verstand gehemmt werden, also nicht wirklich offen auf andere Menschen zugehen, weil sie sich bereits etwas über die Person ausgemalt haben und sie an Äußerlichkeiten festmachen. Eine neue Qualität des Erlebens, wie Sie sagen, zeigt sich vor allem darin, dass man seinen Mitmenschen vorurteilsfrei begegnen kann. 

Ja, eine Schublade ist im menschlichen Miteinander schnell geöffnet. Leider werden wir ja sehr oft durch die eigenen Vorurteile gesteuert …

EULIG: Wenn man aber erkennt, dass diese Vorurteile Gedanken sind, die man steuern also auch „abstellen“ kann, besteht die Möglichkeit, seinem Gegenüber wirklich offen und frei zu begegnen.

Wir sprechen hier von gedanklichen Strömen und von Wolken, die das Wohlbefinden beeinflußen. Das wirft die Frage nach dem Wesen der Gedanken auf. Sehen Sie in Gedanken mehr als Gehirnströme? Wirken sie über den Kopf hinaus? Gibt es eine Fernwirkung von Gedanken? Sind es also womöglich auch die Gedanken anderer Menschen, die man als „Lärm“ im Inneren spüren kann?

EULIG: Wenn wir uns Gedanken bildlich wie Wolken vorstellen, die jeder Mensch durch das, was er denkt, aussendet, dann wandern diese Wolken natürlich auch über die Köpfe anderer. Eine Gedankenwolke wird dann von jemand anderem aufgegriffen und um neue Gedanken erweitert. Ein zunächst „kleiner“ Gedanke wird so von Mensch zu Mensch verstärkt und beeinflusst sie natürlich auch, im Guten oder im Schlechten.

Aber was tun? Wenn man erkannt hat, dass es solche Gedankenströme gibt, die sich in einer bestimmten Gleichart verstärken und die man am liebsten loswerden will, was empfehlen Sie dann?

EULIG: Ich kann nur sagen, wie ich mich von solchen Gedankenströmen gelöst habe. Letztlich gibt es da viele mögliche Ansätze, aber ein einfacher wäre: langsam einatmen und ausatmen … den Verstand also bewusst mit der Atmung beschäftigen.

Was hat sich denn in Ihrem Leben konkret verändert, seit Sie gelernt haben, unliebsame Gedankenströme zu kontrollieren? Was ist jetzt anders für Sie?

EULIG: Oft genieße ich einfach das Nicht-denken-Müssen und bin gelassener und besonnener geworden. Ich kann ganz anders zuhören. Wenn wir jetzt miteinander sprechen, dann höre ich einfach, was Sie mich fragen, ohne dass mir dabei selbst unzählige Gedanken durch den Kopf gehen. Dadurch verstehe ich Sie besser.

Das berühmte Nebeneinanderherreden oder Aneinandervorbeireden, wie es heute bei vielen Menschen zum Alltag gehört, ist also kein Thema mehr …

EULIG: Jedes Gespräch hat sofort eine andere Qualität, wenn jemand bemerkt, dass ihm wirklich zugehört wird. Wenn Menschen heute einander nicht mehr verstehen, dann liegt das ja meist einfach daran, dass sie nicht mehr richtig zuhören können.

Was erwartet denn einen Zuhörer bei Ihrem Vortrag? Sollte er irgendwelche Voraussetzugen mitbringen?

EULIG: Idealerweise sollte jemand sich von seinem Verstand schon etwas gequält fühlen, sich also des Problems unkontrollierter Gedankenströme bewusst sein, sodaß er sich nach Ruhe im Inneren sehnt.

Aber es ist wohl nicht zu erwarten, dass vielen Menschen bewusst ist, welche Probleme ihnen der eigene Verstand bereiten kann – oder auch die Gedanken anderer Menschen …

EULIG: Wenn der Mensch glaubt, er und sein Verstand seien eins, dann kann ihm das auch nur schwer bewusst werden. Jemand der glaubt, seine Gedanken wären nur in seinem Kopf und bleiben auch da, der sieht dann natürlich kein Problem. Aber in irgendeiner Form bemerken auch solche Menschen vielleicht doch, dass sie Einflüssen unterlegen sind, die sie nicht wollen.

In Form einer inneren Unruhe …

EULIG: Manchmal können ungewollte Gedanken richtig quälend wirken – und das ist der Punkt, an dem den Menschen klar werden könnte, dass sie diesen Gedanken nicht erlegen sind, sondern sie aktiv abwehren können. Das ist dann der erste Schritt zur inneren Ruhe.

Vielen Dank für dieses Gespräch!