Angst vor dem Tod?


Der Tod wird in unserer Gesellschaft immer noch tabuisiert. Ein wesentlicher Grund dafür ist die Angst vor dem Sterben. Die Hintergründe dieser Angst und mögliche Strategien, ihr zu begegnen, standen im Mittelpunkt dieses Gesprächs mit dem Vortragsreferenten Siegfried Bauer.

Der Titel Ihres Vortrages zum Thema Leben nach dem Tod enthält eine Frage: „Wunsch, Hoffnung oder Wirklichkeit?“ Wie beantworten Sie diese Frage?

BAUER: Das Leben nach dem Tod muss weder ein frommer Wunsch sein, noch als wage Hoffnung verbleiben, sondern es ist Wirklichkeit. Ich bin davon überzeugt, dass es ein Leben nach dem Tod tatsächlich gibt.

Der Tod wird in unserer Gesellschaft tabuisiert – wahrscheinlich vor allem deshalb, weil die meisten Menschen Angst vor dem Tod haben. Gibt es aus Ihrer Sicht eine Möglichkeit, diese Angst vor dem Sterben zu überwinden?

BAUER: Die gibt es. Die einfache Antwort darauf ist: Beschäftigen Sie sich mit dem Thema! Es ist wie mit vielen Ängsten, die uns beengen und die uns oft das ganze Leben in unnötiger Weise begleiten: Wenn wir uns einmal bewusst unserer Angst stellen, wenn wir das Thema mutig und vorurteilsfrei in Ruhe betrachten, dann sehen wir, dass die Angst vor dem Tod unbegründet ist. Vergessen wir nicht, dass das Sterben ein Teil des Lebens ist. In der Natur können wir beobachten, wie die Pflanzen- und Tierwelt das Leben und Sterben harmonisch miteinander verbindet – daran können auch wir uns ein Beispiel nehmen und viel natürlicher mit dem Tod umgehen. Die verbreitete Angst hält sich auch deshalb, weil wir bis heute immer noch einen großen Bogen um dieses Thema machen und versuchen, es aus dem Leben auszugrenzen. Wir sagen, darum kümmere ich mich, wenn es wirklich soweit ist, dann habe ich noch Zeit genug. Aber ich denke, wir sollten uns gerade jetzt und heute mit dem Tod und dem Leben danach beschäftigen. Es gibt mittlerweile sehr viel wissenschaftliche Literatur, sehr viele Ärzte, Mediziner und auch Nahtodforscher, die sich diesem Thema widmen. Deren Erkenntnisse können uns dabei helfen, die Angst vor dem Sterben zu verlieren.

Wie ist es denn aus Ihrer Sicht in unserer Gesellschaft zu der verbreiteten Angst vor dem Tod gekommen? Die Bilder, die man bis heute mit dem Tod assoziiert – Stichwort: der Sensenmann –, sind ja durchweg nicht gerade freundlich.

BAUER: Sicher hat die Angst auch mit der Personifizierung des Todes zu tun. Wir kennen alle die Bilder vom Sensenmann, der in der einen Hand eine Sanduhr hält, die die abgelaufene Zeit anzeigt. Die Sense in seiner anderen Hand symbolisiert das Durchtrennen des Lebensfadens, der bereits in Mythologie und Bibel als „Silberne Schnur“ genannt ist. Die verbreitete Angst vor dem Tod wurde in den letzten Jahrhunderten in unserem westlichen Kulturkreis aber vor allem durch die Kirchen bewusst genährt und gefördert. Die Angst diente als wirkungsvolles Druckmittel, die Menschen nicht nur zum Glauben, sondern vor allem in die Kirchen zu bewegen. Fegefeuer, Hölle, Schmerzen, Qualen … diese bewusst in den Vordergrund gestellten Vorstellungen haben die Angst der Menschen vor dem Tod geschürt. Die Verbreitung der Angst hat darüber hinaus auch mit der Frage zu tun, wie sicher sich der Tod medizinisch feststellen lässt. Die heutige moderne Apparatemedizin ist in der Lage, den Tod sehr zuverlässig zu bestimmen; das war aber nicht immer so. Wir brauchen nicht viele Jahrzehnte in der Menschheitsgeschichte zurückzugehen, um zu sehen, dass früher der eigentliche Todeszeitpunkt wesentlich unschärfer festgestellt werden konnte. Das führte zum Beispiel dazu, dass Menschen lebendig begraben wurden. Indizien fanden sich bei exhumierten Leichen: Die Beerdigten und zu früh für tot Erklärten hatten sich im Sarg noch einmal umgedreht oder Kratzspuren am Sargdeckel hinterlassen. Diese bis heute gruseligen Berichte vergrößerten bei der Weitergabe verständlicherweise auch die Angst vor dem Tod. Ärzte und Forscher nahmen sich daher des Themas an, denn wenn es schon keine Geräte gab, den Tod immer mit Sicherheit festzustellen, so wollte man wenigstens Möglichkeiten und Vorrichtungen entwickeln, die ein Lebendig-begraben-Sein verhindern. Es gab zum Beispiel die Konstruktion eines russischen Arztes, der eine Röhre mit einer langen Schnur durch die Erde in den Sarg führte, wobei am oberen Ende der Schnur ein Fähnchen angebracht war. Die Schnur wurde am unteren Ende um den Finger des Beerdigten gewickelt, und wenn dieser sich doch noch einmal bewegte, schwenkte das Fähnchen und man sah: Hier liegt jemand lebendig begraben! Ähnliche Konstruktionen befanden sich in einigen Leichenhallen in München, in denen für tot Erklärte einige Tage aufgebahrt und ihre Finger mit einem komplizierten Zugleinensystem verbunden wurden. Wenn sich doch noch jemand bewegte, läutete über dieses System ein Glöckchen bei einem Wächter.

Kommen wir auf das Thema Religion zurück. Dass Vorstellungen zum Beispiel über die Hölle und die Höllenqualen oder über das Fegefeuer die Angst vor dem Tod förderten, liegt nahe. Meinen Sie, dass die Religion in unserem Kulturkreis einen natürlichen Zugang zum Tod insgesamt eher behindert hat? Wäre der Atheismus im Hinblick auf das Leben nach dem Tod ein besserer Weg?

BAUER: Der Atheismus ist bestimmt kein besserer Weg. Ich verstehe ihn in seiner heutigen Verbreitung auch eher als das Ergebnis einer Pendelbewegung, die von einem ehemals stark dogmatisch und kirchlich geprägten Glauben jetzt in das Gegenteil umschlägt: Das grundsätzliche Ablehnen alles Religiösen. Das ist meiner Ansicht nach aber eine vorübergehende Einstellung, die auch aus der Enttäuschung resultiert, dass die Vertreter der großen Religionen den Menschen bis heute keine wirklich befriedigenden Antworten auf ihre Fragen liefern können. Auf die Frage nach dem Sinn des Lebens oder dem Weiterleben nach dem Tode erhalten sie selten klare und logische Antworten. Da liegt der Schluss natürlich nahe, sich einfach gar nicht mehr mit dem Thema zu beschäftigen. Gerade diese enttäuschten Menschen möchte ich ermuntern und ermutigen, ihre Fragen nochmals aufzugreifen, mit einem frischen Blick die neuesten Erkenntnisse der Sterbeforschung zu betrachten und sich frei zu machen von dogmatischen Banden. Denn die Freiheit im Denken, die wir heute überall in unserer Gesellschaft fordern und fördern, sollten wir gerade auch im Hinblick auf die großen Menschheitsfragen wieder nutzen.

Also, mit frischem Blick betrachtet: Wie läuft das Sterben ab? Gibt es bestimmte Stationen oder Gesetzmäßigkeiten, die man erwähnen kann?

BAUER: Ja, das ist das Interessante daran. Mediziner haben festgestellt, dass es im Sterbeprozess klare Regeln und Gesetzmäßigkeiten gibt, und ich glaube, gerade diese gefundene Ordnung kann uns eine große Hilfe im Umgang mit Sterbenden sein. Erwähnenswert ist beispielsweise, dass die Wahrnehmung eines Sterbenden in einer ganz bestimmten Reihenfolge abnimmt. Wir nehmen die physische Welt über unsere fünf Sinnesorgane wahr, wobei das Schmecken der erste Sinn ist, der im Sterbeprozess langsam schwächer wird. Es folgen das Riechen, das Tasten, anschließend wird das Sehen schwach und erst ganz zum Schluss das Hören. Das sollte uns doch zu denken geben. Mit dem Wissen, dass der Sterbende noch bis zuletzt über sein Hörvermögen verfügt, sollten wir gut darauf achten, was und in welchem Ton wir in seiner Anwesenheit sprechen, welche Geräusche wir zulassen und wie wir in den letzten Stunden oder Minuten mit ihm umgehen.

Hospizhelfer berichten dabei oft auch von ihrem Eindruck, dass sich gleichzeitig die Sinne des Sterbenden für die jenseitige Welt zu öffnen scheinen. Wenn wir also von der Überzeugung ausgehen, dass das Leben mit dem Tod nicht endet und dass das Sterben ein langsames Hinübergleiten in ein neues Leben nach dem Tod ist – hat das aus Ihrer Sicht Konsequenzen für die Beisetzungsform? Würden Sie eine bestimmte Art der Bestattung empfehlen?

BAUER: Nein, ich möchte keine Beisetzungsform empfehlen, ich glaube, das muss immer individuell abgewägt und jedem Menschen selbst überlassen werden. Zu bedenken ist allerdings, dass das Loslösen des Bewusstseins, das auch außerhalb des Körpers weiter existiert, ein Prozess ist, der lange andauern kann, und dass dieses Bewusstsein währenddessen mit dem Körper noch in Verbindung stehen kann. Wie schon erwähnt finden wir bereits in der Bibel Hinweise auf diese Verbindung, dort wird der Lebensfaden als eine Art silberne Schnur beschrieben, ähnlich einer Nabelschnur. Diese Verbindung könnte möglicherweise nach dem Sterben noch intakt und ein Schmerzleiter sein. Und je fester jemand dem Irdischen verbunden ist, umso länger könnte diese Schnur – und damit der Schmerzleiter – über den Tod hinaus bestehen bleiben. Früher waren Totenwachen noch selbstverständlich und man hat den Verstorbenen nicht sofort unter die Erde gebracht oder verbrannt. Der Leichnam wurde immer einige Tage aufgebahrt und dem Körper und der ihm innewohnenden Seele damit die Gelegenheit geben, sich voneinander zu lösen.

Der Lösungsprozess ist für das Sterben wohl ein ganz zentraler Vorgang. Wie könnte man sich darauf am besten vorbereiten?

BAUER: Um anschaulich zu machen, worum es hierbei geht, ein Beispiel: Wenn Sie sich vorstellen – einfach als Fiktion – Sie würden den morgigen Tag nicht mehr erleben. Sie würden also nur noch heute, diesen einen Tag, erleben und in der Nacht sanft entschlafen. – Sicher werden Sie sich mit diesem Wissen jetzt nicht auf die Couch legen und abwarten, sondern es werden Ihnen einige Gedanken durch den Kopf gehen. Vielleicht fällt Ihnen plötzlich jemand ein, den Sie anrufen und dem Sie danken möchten; vielleicht möchten Sie sich bei jemandem entschuldigen. Oder Sie tun etwas, das Sie schon lange einmal tun wollten, sich künstlerisch betätigen zum Beispiel, vielleicht ein Bild malen. Wahrscheinlich nehmen Sie sich die Dinge vor, die Sie noch ungelöst in sich tragen. Ich glaube, genau diese Empfindungen, die Sie an Ihrem letzten Tag plötzlich als Belastung, Verlust oder drückende Bindung spüren würden, sollten Sie schnellstmöglich erledigen, am besten noch heute, weil es irgendwann dafür zu spät ist. Diese Empfehlung deckt sich auch mit den Erfahrungen einer Krankenschwester, die für ihr kürzlich erschienenes Buch Sterbende interviewte. Sie wollte wissen, was diese am Ende ihres Lebens bereuen und aus ihrer heutigen Perspektive besser oder anders machen würden. Und interessanterweise bedauern diese Menschen nicht, zu wenig Geld verdient oder zu wenig Macht erreicht zu haben, sondern vielmehr, zu selten sich selbst gewesen zu sein; nicht dem gefolgt zu sein, was sie innerlich als richtig empfanden; nach bestimmten Regeln und Vorgaben gelebt zu haben, nur um anderen zu gefallen. Sehr oft bedauern Sterbende also, dass sie sich im Leben nicht aus ihrem freien Wunsch und Willen heraus selbst entwickelten. Ich glaube, diese Antworten regen uns dazu an, im eigenen Leben heute bereits manches anders und bewusster zu gestalten. Dann wird es uns auch leicht fallen, an unserem letzten Tag ohne Angst und Last gehen zu können.

Danke für das Gespräch und für die guten Anregungen!