„Wir müssen uns einfach die Füße wundlaufen im Leben!“

Wolfgang Pampel

Wolfgang Pampel stand als Schauspieler bereits auf vielen großen Bühnen. Als Synchronsprecher lieh (und leiht) er seine markante Stimme unter anderem Harrison Ford („Indiana Jones“). Ein Gespräch mit dem sympathischen Künstler in seiner Wahlheimat Altaussee (Österreich).

Wann haben Sie sich denn entschlossen, Schauspieler zu werden? War Schauspieler schon immer Ihr Traumberuf?

PAMPEL: Nein, die Anfänge liegen, wie bei der Entstehung des Lebens, in irgendeiner grauen Ursuppe, und ich weiß die Frage, wie es dazu kam, nicht so genau zu beantworten. In der ersten Klasse habe ich als einer der ersten lesen gelernt, bald galt ich als der beste Leser, mußte in höheren Klassen vorlesen, und so hat sich das Erfolgserlebnis an sprachlicher Gestaltung schon von Anfang an eingestellt. Aber daß das mein Beruf werden sollte, ist mir erst viel später bewußt geworden. Es gab eine Zeit, da wollte ich Chemie studieren, ich bin dann aber nach dem Abitur an die Schauspielschule Leipzig gegangen. 

Sie waren nach Ihrer Ausbildung in Leipzig engagiert und haben dann anläßlich eines Gastspiels in Wiesbaden die Fronten gewechselt, blieben also in Westdeutschland. Wie fanden Sie danach den Weg nach Österreich?

PAMPEL: Mein damaliger Intendant von Berlin hat 1983 am Burgtheater den Othello inszeniert und mich gefragt, ob ich mir vorstellen könnte, mitzugehen und den Cassio zu spielen. Und so ist es dann auch gekommen. Allerdings – nach relativ kurzer Zeit wollten meine Frau und ich ursprünglich wieder weg von Wien, wir wollten nach Hamburg, aber interessanterweise war das nach etwa fünf Monaten Wien nicht mehr möglich. Und so haben wir Hamburg nach einer Woche fluchtartig wieder verlassen und sind zurück nach Wien, wo ich zunächst am Burgtheater blieb. Anschließend ergab sich dann durch die große, liebenswürdige Mithilfe von Fritz Muliar ein Engagement in Salzburg – ohne ihn wäre mein Leben völlig anders verlaufen. Aber es gibt ja manchmal gute Geister, die den Weg bereiten, alleine schafft man das sowieso nicht so ganz. Und bisher- toi, toi, toi! – ist es eigentlich immer besser gelaufen, als ich selbst es hätte planen können.

Ein paar Jahre späterhaben Sie dann hier in Altaussee Ihre Heimat gefunden …

PAMPEL: Ja, wenn es jetzt irgendwo ein Engagement gibt, dann gehe ich für die nötige Zeit dorthin, und die übrige Zeit bin ich wieder hier. Momentan proben wir in Wien am Volkstheater für das Vier-Personen-Stück „Quartetto“. Darin treffen sich im Altersheim vier ehemalige Opernsänger, die früher eine berühmte Besetzung im „Rigoletto“ waren – ein sehr schönes Stück.

Seit den 1980er Jahren sind Sie auch als Sänger tätig und hatten seither einige Engagements in berühmten Musicals – „Phantom der Oper“, „Kiss me, Kate“, „Elisabeth“ und viele andere. Machen Sie in dieser Richtung nach wie vor viel?

PAMPEL: Inzwischen nicht mehr. Es war damals eine völlig neue Erfahrung, jeden Abend ein Stück zu spielen, am Wochenende manchmal zwei Vorstellungen. Das heißt, man mußseine Technik ganz gut beieinander haben, sonst kommt man nicht hin. Ich habe eine Reihe von Jahren Musicalgemacht, auch ein bißchen Operette- aber der Kreis schließt sich, das sollen jetzt jüngere Leute machen. Für mich waren das aber wichtige Erfahrungen, man lernt ja überall, irgend etwas kriegt man überall mit. Aber es war, glaube ich, eine Bestimmung für mein Leben, von den großen Staatstheatern, an denen ich im ersten Teil meines Lebens spielte, weg zu den kleineren Bühnen zu gehen, die nicht so tolle Möglichkeiten haben und wo man viel an fehlenden Mitteln durch eigenen Einsatz wettmachen muß. Das ist sicher ein wesentlicher Teil meiner charakterlichen Erziehung gewesen. Heute muß ich um nichts mehr baggern, kämpfen, was das Organisatorische im Beruf, das Rollenkriegen anbelangt. Die Erarbeitung einer neuen Rolle betrifft das nicht – da muß man jedesmal erneut kämpfen, das ist jedes mal ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Das macht aber natürlich den Reiz der ganzen Sache aus. 

Sie waren neben dem Theater auch als Filmschauspieler tätig …

PAMPEL: Film gab es immer ein bißchen zwischendurch, aber da ich fast immer fest am Theater gearbeitet habe, hätte ich nie Zeit für größere Filmsachen gehabt. Und ich bin außerdem nicht jemand, der ad hoc in eine Rolle reinspringt und sagt: „Ich kann das jetzt – zack! zack! zack! – einmal, zweimal durchlesen, Kamera ab!“ Ich brauche die Probenzeit am Theater. Für mich ist jede neue Rolle sehr fremd und bleibt es relativ lange, bis ich meine Fragen alle losgeworden bin. Dann bekommt die Rolle eine Struktur, und plötzlich kippt es mit einem Schlag um, und sie ist ein Teil von mir. Und dann bin ich auch bereit, das ansehen zu lassen und habe die nötige Selbstsicherheit, die mir vorher fehlt. 

Das Theaterspielen ist also bis heute das Wichtigste für Sie geblieben?

PAMPEL: Ja, das Theaterspielen ist der eigentliche Kern meines Berufes, aber man kann davon eigentlich nur einigermaßen leben, wenn man andere Sachen dazu macht.

… wie zum Beispiel das Synchronsprechen bei internationalen Filmproduktionen. Sie haben ja schon vielen Schauspielern Ihre Stimme geliehen: Gerard Depardieu, Franco Nero, Michael Caine, und vielen anderen – die Liste ist sehr lang! Sie sind auch, Fixstimme‘ von Harrison Ford und Larry Hagman. 

PAMPEL: Es ist so: Als ich in Berlin engagiert war, habe ich das eigentlich fast jeden Tag gemacht. Die Sachen, die ich gesprochen habe, könnte ich selbst nicht mehr aufzählen. Jetzt mache ich nicht mehr sehr viele reine Synchronsachen, denn ganz pragmatisch nimmt man in den deutschen Synchronstudios natürlich die Schauspieler, die in Berlin, München oder Hamburg wohnen und nicht jemanden, den man einfliegen und dem man das Hotel bezahlen muß – das kostet zu viel. Bei mir sind es inzwischen vor allem Dokumentarfilme, die ich spreche, und auch Werbung.

Ist das Synchronsprechen reine Routine – oder hat man doch auch einen näheren Bezug zum Film und zu dem Schauspieler, dem man seine Stimme leiht?

PAMPEL: Das ergibt sich – mehr oder weniger. Bei der Fernsehserie „Dallas“ beispielsweise, die über zehn oder elf Jahre ging, kommt man dem Schauspieler natürlich näher, kriegt seine Tricks mit, die typischen Ausdrucksweisen …

… wie zum Beispiel den berühmten fiesen Lacher von J. R. , den Sie in der deutschen Fassung geprägt haben …

PAMPEL: (lacht) … na ja, klar …jeder Mensch hat seinen eigenen Rhythmus, und das Geheimnis beim Synchronisieren ist, daß man auf den Rhythmus des anderen einsteigt. 

Wie genau sind denn Synchron-Texte vorgegeben?

PAMPEL: Ziemlich genau. Film ist in erster Linie Teamarbeit. Zunächst macht jemand eine Rohübersetzung, und dann gibt es noch einen Synchronautor, der eine Synchronfassung schreibt, bei der auch auf die Lippenlaute Rücksicht genommen wird – wo im Original ein Lippenlaut ist, sollte man im Deutschen auch einen haben. Am schönsten ist es ja, wenn man die Synchronisation überhaupt nicht bemerkt. Da heutzutage aber alles immer schneller geht, legt man auf Genauigkeit bei Fernsehserien immer weniger Wert, es dauert zu lang, kostet zu viel. Nur große Kinoproduktionen werden nach wie vor aufwendig synchronisiert. 

Stichwort „Indiana Jones“ – als solcher waren Sie einmal auf „Gralssuche“. Welchen Stellen wert hat denn für Sie persönlich die Suche nach Wahrheit, nach tieferen Zusammenhängen im Leben?

PAMPEL: Ich bin in der damaligen DDR aufgewachsen, mit all den Einflüssen, die es da gab und mit voller Übereinstimmung mit den Zielen des Staates. Im Alter von ungefähr 16 Jahren erlebte ich dann allerdings die ersten wesentlichen Brüche – bestimmte Dinge in den Aussagen, die ich hörte, stimmten mit der Wirklichkeit nicht überein. Dadurch kommt man in immer größere Konflikte, die man dann entweder verdrängt oder zu lösen versucht. Bei mir hat das dazu geführt, daß ich mit 29 weggegangen bin aus der DDR – es gab nur noch diese Möglichkeit. Ich erzähle das so ausführlich, weil dieser Weg für mich natürlich zur Wahrheitssuche gehört hat. Bei anderen läuft das ganz anders, weil sie vielleicht christliche Einflüsse zu Hause hatten. Wichtig erscheint mir, daß man immer auch andere Denkmodelle zuläßt, nicht alles von vornherein abwehrt. Wenn man sich an den Satz erinnert: „Religion ist Opium für das Volk“ – so einfach gestrickt ist die Welt nicht! Wenn man offen ist, kann man Sichtweisen zulassen, die man früher innerlich schon im Vorfeld abgelehnt hätte. Und das Spannende ist, daß man sich damit auch selbst verändert. Wenn man aber Angst vor Veränderung hat und alles festhalten will, dann passiert gar nichts mehr an Entwicklung, und das wäre eigentlich der Zustand, der mich am meisten ängstigt.

Wobei das starre Festhalten an Bestehendem, Überliefertem und die Angst vor Veränderung gerade in Glaubensfragen und religiösen Gemeinschaften oft ein zentrales Problem ist …

PAMPEL: Ja, sicher. Die meisten Menschen haben dieses Gefühl, daß sie zu einer Gemeinschaft gehören müssen, das hilft ja auch in vielen Fragen. Das Gefühl, ein Losgelöster, einzelner zu sein, ist manchmal schwer zu ertragen. Letztlich sind wir das -einerseits, aber andererseits sind wir es natürlich nicht. Und je mehr man sich freibaggert von Vorurteilen, um so mehr kommt man zu überraschenden, interessanten Empfindungen, daß wir doch alle etwas miteinander zu tun haben – so unvorstellbar das erscheint im Alltag, wo man sich doch meist sehr fremd und dem Fremden gegenüber eher feindlich gesinnt ist. 

Die Suche nach Wahrheit ist also ein persönlicher Erfahrungs- und Entwicklungsweg, der aber nicht an einer bestimmten Glaubensgemeinschaft festgemacht ist …

PAMPEL: Mir hätte es auf jeden Fall nicht ausgereicht, hineingestopft zu sein in irgendeine Art Glaubensbekenntnis, wo an jeder Ecke Dogmen stehen, die vielleicht sogar verbieten, etwas zu denken. Man kann Menschen alles mögliche verbieten, aber man kann nicht sagen: „Das darfst du nicht einmal denken!“ – weil das, davon bin ich fest überzeugt, nicht übereinstimmt mit den Plänen eines Schöpfers. Der hat uns nämlich die Möglichkeit einer freien Entscheidung gegeben, das ist ein ungeheures Privileg, das per Dekret nicht abzulegen ist!

Die Freiheit im Denken und Entscheiden muß demnach unangetastet bleiben, der Mensch hat die Selbstverantwortung!

PAMPEL: Total! Natürlich kann das nicht heißen, daß jeder tun und lassen kann, was er will. Mitnichten! Wir wissen alle, daß wir an Voraussetzungengebunden sind, und je besser ich diese kenne und akzeptiere, um so freier kann ich mich entscheiden – innerhalb der Gesetze, in denen ich mich bewege. Und die ehernen Gesetze sind halt die Naturgesetze, die können wir nicht ändern, die können wir nur erkennen – oder auch nicht erkennen, wirken tun sie auf jeden Fall! Wenn ich ein schweres Gewicht loslasse, fällt es mir auf den Fuß – wenn ich das begreife, brauche ich es ja nicht mehr zu tun … und so geht es in vielen anderen Dingen! Selbstverständlich erweisen sich viele Wege, die man geht, als Irrtum. Nur: Wenn man den Irrtum selber bemerkt und selber umkehrt, dann bringt das voran. Nur eigenes gelebtes Leben und auf eigenen Füßen gegangene Strecke hat einen Wert, nicht, wenn mich andere Leute darüber hinweg tragen. Natürlich sind das Lesen, das Gespräch, die Begegnung sehr wichtig -jeder Mensch braucht ja Anregungen, um sich daran zu bestätigen oder zu reiben, aber das Entscheidende ist halt die Freiheit, mich selber entscheiden zu dürfen. Insofern bietet für mich die „GralsWelt“ ein interessantes und sehr faszinierendes Denkmodell – da werden mir Anregungen gegeben, da sprechen Menschen ihre Überzeugung aus, aber sie sagen nie zu mir:„Du mußt jetzt so denken!“

Würden Sie also zustimmen, daß die Entwicklung unseres Bewusstseins gewissermaßen die Essenz des Lebens mit allen seinen Mühen und Freuden ist?

PAMPEL: Ja, natürlich. Manchmal wünscht man sich, es hätte mehr Entwicklung sein können … aber auch da denke ich mir: der kleine Schritt, den jemand alleine gegangen ist, ist wichtiger, als wenn ihn irgend jemand wohin getragen hätte. Das ist auch die Antwort auf die Frage nach den Quälereien auf dieser Welt: Warum muß ich mich im Leben so anstrengen? Weil es sonst nicht mein Erleben wird! Weil es sonst nicht tief als Bewusstsein verankert ist. Wenn ich in eine neue Stadt komme und mir dort nicht mindestens ein paar Schuhe abgelaufen habe, kenne ich sie nicht einmal oberflächlich. Wenn ich nur mit dem Bus durchfahre, vergesse ich alle Eindrücke schnell wieder. Deshalb fotografieren die Leute ja auch so viel. Aber zu Städten, in denen ich mir die Schuhe kaputt laufe, bekomme ich einen anderen Bezug. Und das sehe ich im Leben auch so: Wir müssen uns einfach die Füße wundlaufen in diesem Leben, anders funktioniert’s nicht.