„Die Situation in der Landwirtschaft ist furchtbar!“


Viele Ökologen halten ihn für ein Genie, seine Form der „Permakultur“ ist legendär, er betreut international mittlerweile etwa 200 Projekte: der österreichische „Agrar-Rebell“ Sepp Holzer. Interviews gibt er fast keine mehr – aber hier ist eines, höchst aktuell!

Untenstehend finden Sie eine schriftliche Kurzfassung des Gesprächs.

Herr Holzer, Sie sind in Österreich mit Ihrem Krameterhof im Salzburger Lungau bekannt geworden. Jetzt leben Sie seit einigen Jahren mit Ihrer Frau hier im Burgenland und haben einen neuen, zehn Hektar großen Hof. Ist es Ihnen im Lungau zu kalt geworden?

HOLZER (lacht): Nein. Ich habe diesen Hof aus einer Konkursmasse gekauft. Hier haben wir die doppelte Jahresdurchschnittstemperatur: 9 Grad, statt wie am Krameterhof 4,5 Grad. Aber es gibt nur halb so viel Niederschlag, ein anderes Klima, einen anderen Boden. Es ist schon eine Herausforderung, aber es ist viel mehr möglich hier.

Das Prinzip, nach dem Sie wirtschaften, haben Sie ursprünglich als „Wildniskultur“ bezeichnet. Mittlerweile spricht man von der „Holzerschen Permakultur“. Wie nennen Sie selbst das Prinzip, nach dem Sie arbeiten?

HOLZER: Mich haben verschiedene Professoren amerikanischer Universitäten ersucht, ich möge meine Arbeitsweise auf „Holzersche Agrarökologie“ umtaufen. Denn „Permakultur“ hat in den USA einen schlechten Ruf. Man versucht – mehr oder weniger erfolglos – etwas nachzumachen. Ich habe mir dort viele Anlagen angeschaut und keine einzige gefunden, die funktioniert. So habe ich dem Wunsch entsprochen und verwende nun den Begriff „Holzersche Agrarökologie“. Es ist ein Wirtschaften in Kooperation mit der Natur, indem man versucht, natürliche Kreisläufe zu begreifen und zu lenken.

Wenn man das, was Sie machen, mit der konventionellen Landwirtschaft vergleicht, was sind dann die wichtigsten Unterschiede?

HOLZER: Ich sehe, dass es den Bauern überall sehr schlecht  geht. Sie werden immer mehr zu Sklaven auf ihren eigenen Höfen. Sie werden von den Genossenschaften und der Wirtschaft ausgenutzt. Man drängt sie zum Spezialisieren und Modernisieren. Und so entstehen Monokulturwirtschaft und Massentierhaltung. Das lehne ich grundweg ab, weil es weder den Bauern noch der Natur wirklich nutzt. Es werden größtenteils keine Lebensmittel mehr produziert, sondern chemieverseuchte Nahrungsmittel.

Weil Sie diesen Kampf gegen die Bevormundung der Bauern führen, sind Sie als „Agrar-Rebell“ bekannt geworden. Hat sich aus Ihrer Sicht in den letzten zehn Jahren in Deutschland und Österreich etwas zum Guten verändert?

HOLZER: Es ist schon besser geworden. Es gibt viele, die umdenken. Vor allem Bio-Bauern, die sich wirklich enorme Mühe geben, um die Natur wieder ins Lot zu bringen. Natürlich ist das noch viel zu wenig. An den verfallenden Höfen sieht man, dass das „Bauernsterben“ weiter voranschreitet. Es müsste viel schneller gehen, dass wir endlich von der Konfrontation mit der Natur zur Kooperation übergehen.

Das Prinzip der „verordneten Landwirtschaft“ funktioniert nicht. Es führt zu einem Ausbeuten, Ausnutzen und Übernutzen der Natur und zur einer Massentierquälerei in unerträglichem Ausmaß.

Eine Neuorientieruing müsste doch sicher schon in der Ausbildung beginnen.

HOLZER: Selbstverständlich! Das Bildungssystem ist eine Katastrophe. Geld wird verschwendet, und unsere Kinder und Enkelkinder verblöden in den Schulen und Universitäten. Nicht, weil die Lehrer zu dumm sind. Sondern weil sie nur noch nach Vorgaben und Lehrplan unterrichten müssen, obwohl sie selbst oft nicht dahinterstehen. Das ist das Problem. Eine in dieser Art verordnete Ausbildung ist keine wirkliche Bildung. Ich muss alles verantworten, was ich mache. Und ich muss jederzeit in der Lage sein, mich in mein Gegenüber hineinzuversetzen. Für den Bauern bedeutet das: Ich muss mich auch in den Regenwurm hineinversetzen können, in die Kuh, in den Fisch, in den Vogel, in den Boden, in die Erde, in alles. Und ich muss mich fragen, ob ich mich als Regenwurm in einer bestimmten Umgebung auch wohlfühlen würde – oder eben nicht. So erfährt man, ob man die Geschicke richtig lenkt. Wenn man sich nicht wohlfühlt, dann muss man die Verhältnisse ändern. Der Mensch sollte sein Hirn einsetzen zum Denken und zum Lenken – und nicht zum Bekämpfen. Das ist der falsche Weg. Aber der Kampf gegen die Natur wird verordnet, gelehrt und auf breiter Basis durchgeführt.

Das Sich-hinein-Versetzen erfordert aber doch auch einen sehr starken Praxisbezug … genau das, was heute in der Ausbildung fehlt.

HOLZER: Natürlich! Das ist das Allerwichtigste. Zu jedem Kindergarten gehört ein Garten, zu jeder Schule eine Landwirtschaft und zu jeder Universität ein Gutshof. Das wären die praktischen Ausbildungsstätten, wo die Kinder für das Leben vorbereitet werden. Wo sich Theorie und Praxis vereinen. Damit lernt man das „Lesen der Natur“. Man bekommt einen Bezug zu den Ressourcen, wie etwa zum Wasser. Wir Menschen bestehen zu 70 Prozent aus Wasser, haben es aber verlernt, mit dem Wasser hauszuhalten. Man leitet es ab, man kanalisiert, man betoniert, man isoliert, man drainagiert. Hauptsache weg mit dem Wasser! Und dann wundert man sich, dass es am Ende zu trocken ist. Heute wird mit dem Wasser ein großes Geschäft gemacht. Man will es sogar privatisieren. Dabei ist Wasser das Blut der Erde. Man kann Erde und Wasser nicht voneinander trennen und separat vermarkten.

Auf Ihrem „Holzerhof“, den Sie nun seit 2009 bewirtschaften, haben Sie viele Veränderungen vorgenommen, haben Terrassen und Teiche angelegt. Wie haben denn die Behörden darauf reagiert?

HOLZER: Mit den Behörden ist das so eine Sache. Wir haben heute viel zu viele Beamte, Theoriekrüppel, die dem Praktiker vorschreiben, wie er seinen Grund und Boden bewirtschaften soll, was er machen darf und was nicht. Die meisten davon haben keine Ahnung, wie die Natur wirklich funktioniert. Und sie sind sich gar nicht bewusst, welchen Schaden sie damit anrichten. Das ist verantwortungslos und ein Verbrechen gegen die Natur.
Das muss man hinterfragen und Modellprojekte schaffen, um zu zeigen: Es geht auch anders! Du kannst im Paradies leben. Du brauchst keine Massen, du kannst von wenig gut leben – nach dem Prinzip „Vielfalt statt Einfalt“! In der EU muss jeder Bauer im Vorhinein angeben, was er auf jedem Quadratmeter anbauen wird. Die EU bestimmt dann den Preis – und er verdient am Ende nichts. Jeder Bauer müsste lernen, selbständig zu denken, autarker und unabhängiger zu werden. Man muss auf mehreren Beinen stehen, seine Produkte veredeln. Nur wie ein Lemming den Vorgaben der Wirtschaft und der Genossenschaften hinterherzulaufen, bringt nicht weiter.

Sie betreuen ja nicht nur in Österreich Projekte, sondern auch international. Was haben Sie in den letzten Jahren so alles beobachtet?

HOLZER: Ich war kürzlich in Deutschland – in Lüneburg und in Hamburg –, und habe den Eindruck, dass die Bauern hier im Grunde überhaupt keine Rechte mehr haben. Aber in den USA, in Kalifornien, wo ich Projekte betreut und Vorträge gehalten habe, ist es noch schlimmer. Dort hat man das Wasser vom Grund und Boden getrennt. Es gibt separate Wasserechte und Bodenrechte. Überall herrscht Wassermangel, es entstehen Waldbrände. Und all das sind vom Menschen verursachte Katastrophen, weil man die Natur abgeholzt, ausgenützt und ausgebeutet hat. Dann hat man sie einfach liegen lassen. Und jetzt weiß man nicht, wie man das Ganze renaturieren kann. Dabei wäre das ohne weiteres möglich. Doch das kostet Geld und braucht Zeit. Außerdem hat man verlernt, wie das funktioniert. Man hat nur das Benutzen und Ausnutzen gelernt, aber nicht das Erhalten.

Haben Sie in Kalifornien ein konkretes Projekt, das zeigt, wie sich die Situation nach Ihren Methoden wesentlich verbessert hat?

HOLZER: Ich habe zum Beispiel in Malibu ein großes Projekt, das der Österreicher Klaus Heidegger dort angesiedelt hat. Es ist ein sehr trockenes Gebiet. Aber ich habe in diesem Gebiet, wo man es nicht für möglich gehalten hatte, Quellen gesucht und gefunden. Dort fließt jetzt das beste Quellwasser. Dann haben wir Terrassen gebaut und Retensionsräume geschaffen, um die Landschaft zu renaturieren. Das war wegen der Behörden und der Architekten sehr schwierig, eine Zusammenarbeit ist ja kaum möglich. Aber ich habe jemanden kennengelernt, der sich als Rechtsanwalt auch für den Naturschutz einsetzt: Bob Kennedy, den Neffen des Ex-Präsidenten John F. Kennedy. Er hat mich mehrmals besucht und auch eingeladen, ihn persönlich zu beraten. Wenn eine so namhafte Persönlichkeit sagt: „Ziehen wir das Ganze durch!“, dann macht das Hoffnung. Man braucht immer Zivilcourage, wenn man etwas durchsetzen will. Kennedy ist überzeugt und unterstützt das Projekt. Daher hoffe ich, dass sich auch politisch etwas verändern wird. Wenn einmal erfolgreiche Modellprojekte geschaffen sind, dann müssen sich die Behörden und Architekten bewegen.

Sie sind ja auch weit im Osten tätig. Im Moskau unterstützen Sie ein Kindergartenprojekt. Wie ist es dazu gekommen?

HOLZER: Ich habe in Osteuropa viele Projekte, 44 insgesamt. In der Ukraine, in Russland, in Kasachstan – teilweise sehr große Projekte mit bis zu 5.000 Hektar. Dazu noch die Anastasia-Projekte. Und egal wo ich bin, ich sage immer meine Meinung über das, was ich vorfinde. Bei dem Projekt in Moskau war mir klar, dass die Kinder ein Betätigungsfeld brauchen. Denn einige Kinder waren aggressiv oder depressiv, und es gab sogar Suizidfälle. Also habe ich ein „Naturprojekt“ vorgeschlagen, was natürlich zuerst von der Verwaltung abgelehnt wurde. Als man jedoch nach einem Jahr gesehen hat, wie erfolgreich das Projekt war und die Kinder sich in ihrem Verhalten um 180 Grad gedreht hatten, dass sie ihre Pflanzen pflegten und die Regenwürmer vom Boden aufsammelten und zu ihren Pflanzen trugen, war die Verwunderung groß. Was zuerst nach Strafe aussah, wurde zu einer Förderung.

Die Kinder nehmen etwas sehr schnell auf, wenn sie sehen, dass sie damit Erfolg haben, wenn sie etwas haben, das ihnen gehört, dass es ihr eigenes Radieschen ist, ihr eigener Blumenkohl … Kinder brauchen Erfolgserlebnisse, die bewirken oft wahre Wunder. Kinder sollen mit der Natur aufwachsen können. Kinder, die lernen, wie die Natur funktioniert, was Käfer, Ameise, Vogel, Wurm oder Spinne machen, können die Perfektion der Schöpfung erkennen. Dann entwickeln sie Vertrauen. Und das Lernen von der Natur hört ein Leben lang nie auf.

Das Wunderbare an der Natur ist, dass sie dich immer mitnimmt. Du machst jeden Tag neue Erfahrungen. Und die Kinder brauchen das am Allernotwendigsten. Das gibt ihnen auch eine Zukunftsperspektive … zu wissen, was sie selbst tun können.

Was ist für die nähere Zukunft geplant?

HOLZER: Ich gebe hier Seminare und bilde Menschen in der Holzerschen Permakultur aus. Das habe ich auch schon auf dem Krameterhof getan. Die Leute begleiten mich dann teilweise auf meinen Auslandsreisen. Und es macht große Freude, wenn ich sehe, mit welcher Begeisterung alle dabei sind. Ziel ist, dass sie in der Praxis lernen, eigene Projekte und Beratungen durchzuführen. Damit sich endlich etwas tut! Denn für mich alleine ist das nicht zu schaffen.

Herr Holzer, ich wünsche Ihnen für Ihre Projekte alles Gute. Herzlichen Dank für dieses Gespräch!