Die Säulen der Lehre Jesu

Als ein Schriftgelehrter Jesus fragte, was er im Sinne seiner Lehre zu tun habe, erhielt er unter anderem die Antwort: „Du sollst dem Herrn, Deinem Gott, dienen von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt. Ebenso wichtig ist folgendes: Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese.“ (Luk. 10, 25). Damit beschrieb Jesus die beiden Säulen seiner Lehre: die Gottes- und die Nächstenliebe.

Ein neues Gottesbild

So wie es heute atheistisch gesinnte Menschen gibt, und außerdem unter den Gläubigen viele fragwürdige Vorstellungen vom Sein und Wirken des Schöpfers, so mangelte es auch vor 2.000 Jahren entweder grundsätzlich am Glauben, oder religiöse Lehren waren in mancher Hinsicht einseitig und standen dadurch der inneren Annäherung des Menschen an den Schöpfer im Weg.

Jesus Christus vermittelte in seinen Predigten ein für die damalige Zeit gewiss revolutionäres Gottesbild, das zu einem lebendigen Glauben enlud: Der von ihm gekündete Schöpfer ist demnach nicht nur der strenge, ferne Herrscher, der von seinem Volk Gehorsam fordert; er ist vor allem auch Liebe. Jene umfassende Liebe, aus der alles erstand und die sich – in der Person von Jesus Christus – nun auch mitten unter die Menschen begibt; die hilft und heilt, Sicherheit und Zuversicht vermittelt, aber auch den bisher geistig „blinden“ Menschen den Weg in ein neues Leben weist:

„Ich bin in die Welt gekommen, damit die Blinden sehend werden!“ (Joh. 9, 39)

Die Menschen sollen ihr Leben nicht mehr nur eingeschränkt auf die Endlichkeit der physischen Welt betrachten, sondern durch ihren Gottesglauben dieser „Finsternis“ enthoben werden und geistige Verbindung zum Licht, zum „Reich Gottes“ finden:

„Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht irren in der Fins­ternis, sondern wird das Licht des Lebens haben!“ (Joh. 8, 12)

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich!“ (Joh. 14, 6)

Seine Botschaft bezeichnete Jesus als „Brot des Lebens“, also als Nahrung für den Geist:

„Wer zu mir kommt, der wird zukünftig nicht mehr Hunger leiden; und wer an mich glaubt, der wird niemals mehr Durst leiden.“ (Joh. 6, 27)

„Der Geist ist es, der lebendig macht. Die Worte, die ich zu euch gesprochen habe, sind Geist und Leben. (Joh. 6, 63) 

Wieder richtig beten lernen

Jesus vermittelte seinen Hörern einen direkten, erlebbaren Bezug zum Schöpfer. Deshalb prägte er auch besondere Worte für das Gebet. Sie sind heute als das „Vaterunser“ (Matth. 6, 9–14) weltbekannt – vielleicht sogar zu bekannt, denn welches Geheimnis in diesen Worten Jesu liegt, wird durch die Profanisierung des Gebetstextes, also durch das gedankenlose Hersagen der überlieferten Sätze, eher verschleiert.

Das Entscheidende für das Gespräch mit Gott ist jedenfalls die Tiefe und Echtheit der Empfindungen. Ein Gebet kann seine Wirkung nur entfalten, wenn es nicht heruntergeleiert wird; es setzt Verinnerlichung voraus. Die Zahl der Worte ist nicht entscheidend: „Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern und viele Worte machen. Denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet.“ (Matth. 6, 7–8)

Und das Gebet soll auch nicht einer Zurschaustellung der eigenen Gesinnung dienen: „Und wenn ihr betet, sollt Ihr nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Schulen und an den Ecken und auf den Gassen, auf dass sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. (…) Wenn aber du betest, so gehe in dein Kämmerlein, und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ (Matth. 6, 5–6)

Verinnerlichung fördert natürlich auch ganz allgemein den achtsamen Umgang mit Worten und Gedanken – und vor allem ein gesundes Maß an Selbstkritik; die Fähigkeit, eigene Fehler und Schwächen zu erkennen und nicht die der anderen zu verurteilen:

„Was siehest du aber den Splitter in deines Bruders Auge und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?“ (Matth. 7, 3)

„Splitter“ und „Balken“ sind aus dem glei­chen Holz. Das bedeutet: Genau die Fehler, die uns an Mitmenschen besonders stören, tragen wir in Wirklichkeit selbst in uns. Eine wichtige Warnung Jesu in diesem Zusammenhang:

„Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Denn mit welcher­lei Gerichte ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden. Und mit wel­cherlei Maß ihr messet, wird euch gemessen werden!“ (Matth. 7, 1–2)

Ein verinnerlichtes, gottzugewandtes Leben im Sinne Jesu hat freilich nichts mit Weltabgewandtheit zu tun. Die Arbeit an sich selbst kann ja nur in einem von Liebe, Achtung und Verständnis getragenen Austausch mit anderen Menschen wirklich gelingen.

Tieferes Gottvertrauen

Die Frohbotschaft Jesu sollte auch zu tieferem Gottvertrauen führen. Wer über die starre „Buchstabenreligiosität“, die sich im strikten Einhalten bestimmter Gebote und Vorschriften erschöpft, hinauswachsen kann und sich wirklich den „Hilfen von oben“ öffnet, gewinnt wieder stärkeren Bezug zum Leben selbst. Die Sorgen um das irdische Wohlergehen treten damit in den Hintergrund. Das brachte Christus mit folgenden Worten zum Ausdruck:

„Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet. Auch nicht für euren Leib, was ihr anziehen werdet. (...) Sehet die Vögel unter dem Himmel an. Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in den Scheunen. Und Euer himmlischer Vater nähret sie doch. Seid Ihr denn nicht viel mehr denn sie? (…) Darum sollt Ihr nicht sorgen und sagen: Was werden wir essen? Was werden wir trinken? Womit werden wir uns kleiden? (...) Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit. So wird Euch solches alles zufallen.“ (Matth. 6, 25, 26, 31, 33)

Soll hier zur Sicherheit hinzugefügt werden, dass dieses vertrauensvolle Leben im Sinne Jesu nichts mit träger Untätigkeit oder mit Fatalismus zu tun hat?

Natürlich wird auch der gläubige Mensch sich um „Saat und Ernte“ bemühen, also allen Notwendigkeiten des Alltags entsprechen müssen, aber er tut es eben mit der Gesinnung, dass hinter allem Geschehen eine treue Führung waltet, dass er geborgen ist und eingebettet in die fördernde Liebe des Schöpfers, dass also nichts zufällig geschieht – eine Auffassung vom Leben, die damals wie heute wohl vielen Menschen fremd ist.

Freilich ist hier mit „Führung“ kein willkürliches Eingreifen Gottes gemeint, das immer denjenigen bevorzugt, der besonders hartnäckig um Glück und Segen bettelt. Diese Vorstellung ist unter Christen leider ja weit verbreitet. Aber was auch immer geschieht, es muss sich im Rahmen der Lebensgesetze ereignen. Diese Gesetze wirken – als Ausdruck des ewig-unveränderlichen Gotteswillens – im umfassenden Sinn lebensfördernd.

Der Mensch hat durch seinen freien Willen die Möglichkeit, diesen Gesetzen entsprechend zu leben, also selbst aufbauend und fördernd zu denken und zu handeln … oder eben nicht. In dem einen Fall wird er vom „Kraftstrom des Lebens“ unterstützt, im anderen Fall möglicherweise erst durch Schmerz und Leid wieder „auf Kurs gebracht“.

Diese Art von Führung bestimmt demnach das menschliche Leben. Sie zeigt sich in den Wechselwirkungen, die jeden auf Grund seiner Haltung und seiner Entscheidungen als Schicksal treffen. So betrachtet, hängt Gottvertrauen auch mit der Kenntnis zentraler Lebensgesetze zusammen. Vielleicht findet man auch deshalb in einem Brief, der dem Apostel Paulus zugeschrieben wird, die berühmten Worte: „… was der Mensch säet, das wird er ernten!“ (Gal. 6, 8)

Dieses „Gesetz der Wechselwirkung“ sprach im Grunde auch Jesus in seiner Bergpredigt an, wenn er sagte: „Alles nun, das Ihr wollt, dass Euch die Leute tun sollen, das tut Ihr ihnen auch!“ (Matth. 7, 12) Eine lohnende Empfehlung sowohl für das soziale Zusammenleben als auch für das persönliche Wohlergehen – und ein Rat, der (wie im Grunde alle Gebote Gottes) jedem Menschen letztlich dazu dient, im Wirken der Lebensgesetze best­möglich gefördert zu werden. Diese Förderung ist deutlich spürbar – als innere Hebung, als gutes Gewissen nach einer richtigen Entscheidung, als seelische Leichtigkeit. Solche Erlebnisse zeigen, wie zuver­lässig, gerecht und unmittelbar Wechselwirkungen das eigene Leben beeinflussen. Und so kann gesundes Gottvertrauen wachsen, das nicht nur aus blindem Glauben schöpft, son­dern aus erlebter Überzeugung.

Jesus wies besonders auch auf die große Gestaltungskraft hin, die in echtem Vertrauen liegt: „Vertraut Gott! Wahrlich, ich sage euch: Wer zu diesem Berg da sagt: ,Heb dich weg und wirf dich ins Meer!‘ und in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern vertraut, dass das, was er sagt, geschieht, dem wird es geschehen!“ („Das Ur-Evangelium“, 55, Langen-Müller-Verlag)

Die Verkündung des Gottesreiches

Gott zu lieben, sich dem Schöpfer in Demut zu nähern – dazu gehört auch die Bereitschaft, die Gebote Gottes einzuhalten. Diese Gebote waren schon seit der Zeit Mose bekannt, und Jesus wies ausdrücklich darauf hin, dass er auf dem, was der Menschheit in der Vergangenheit gekündet worden sei, weiter aufbauen wolle:

„Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, um das Gesetz und das, was von Gott durch die Propheten gesagt ist, aufzuheben; ich bin nicht gekommen, auf­zuhe­ben, son­dern zu erfül­len.“ (Matth. 17, 17)

Beachtet und befolgt er alle Gebote Gottes, wird der Menschen reif für das „nahe Gottesreich“, das Jesus verkündete. Doch geht es dabei nicht um das starre Befolgen von Vorschriften oder religiösen Dogmen. Vielmehr sollte die hinter diesen Geboten stehende Haltung erkannt und die eigene Gesinnung veredelt werden. Um zu verdeutlichen, was den „Gesetzen der Alten“ wirklich zugrunde liegt, ergänzte und vertiefte Jesus die bekannten Gebote. Zum Beispiel durch folgende Worte: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst keinen Meineid schwö­ren und du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. (3. Mose 19, 12) Ich aber sage euch: Schwört über­haupt nicht.“ (Matth. 5, 33; 37)

Das verantwortungsbewusste Leben und Handeln nach den Gottgesetzen führt den gläubigen Menschen zu innerer Reinheit („Selig sind, die reinen Herzens sind!“; Matth. 5, 8) und damit zu einer umfassenden Gesinnungsänderung, was einer „Neugeburt“ gleichkommt. Und diese ist, so lehrte Jesus, die Voraussetzung für den seelisch-geistigen Fortschritt: „Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen!“ (Joh. 3, 3)

Immer wieder verkündete Christus in seinen Predigten das nahe Gottesreich. Es liege bereit vor dem Menschen, er brauche nur einzutreten – doch Voraussetzung dafür sei die innere Neuorientierung der Gläubigen. Jesu Frohbotschaft lautete:

„Die Zeit ist erfüllt!
Das Gottesreich ist gekommen!
Denkt um! Glaubt an die Frohbotschaft!“ („Das Ur-Evangelium“, 2)

Der von Jesus gewiesene Weg der Gottes- und Nächstenliebe sollte zu einem „neuen Bund“ zwischen dem Schöpfer und einer geistig reifen Menschheit führen.

Doch wie zeigt sich Geistesreife im Sinne Jesu? Sicher nicht in intellektueller Brillianz, sondern in tiefer, feiner Empfindungsfähigkeit: „Selig sind, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“ (Matth. 5, 8)

Das Gebot der Nächstenliebe

In einer Zeit der Unterdrückung und Gewalttätigkeit, als man im Römischen Reich Menschen öffentlich folterte und ans Kreuz schlug, um sie qualvoll hinzurichten, predigte Jesus den kompromisslosen Gewaltverzicht und forderte jeden dazu auf, auch seine Feinde zu lieben. Aber bis heute sind offenbar nicht alle Menschen reif dafür, dieses Gebot zu befolgen. Zu tief scheint nach wie vor das Racheprinzip „Auge um Auge“ im allgemeinen Bewusstsein verankert – ein Prinzip, das letztlich aber, wie Gandhi es im 20. Jahrhundert sinngemäß ausdrückte, „die ganze Welt erblinden lässt“ …

Der Weg des „Sehens“, also der zunehmenden Erkenntnis, den Jesus Christus wies, ist indes untrennbar mit Nächstenliebe verknüpft. Daher gebot er allen, die ihm nachfolgen wollten:

„Ein neues Gesetz gebe ich euch: Liebet einander! – Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben. Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid!“ (Joh. 13, 34–35)

Die liebende Gesinnung, die wir unseren Mitmenschen entgegenbringen, sollte keine Unterschiede machen:

„Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und dei­nen Feind hassen. (3. Mose 19,18) Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfol­gen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel wer­det. Denn wenn ihr nur eure Brüder liebt, was tut ihr damit Besonderes?“ (Matth. 5, 43–48)

Liebt eure Feinde, indem ihr ihnen Gutes tut; leiht auch dort, wo ihr nichts dafür er­warten könnt. Euer Lohn wird groß sein, denn ihr werdet Gottes Kinder werden. Denn auch Er ist gü­tig zu jedem.“ (Luk. 6, 35)

Wichtig ist auch, anderen Menschen unvoreingenommen zu begegnen. Im „Ur-Evangelium“ liest man unter der Überschrift „Schaut unvoreingenommen in die Welt“ folgende Worte Jesu:

„Durch deine Augen nimmst du das Licht in dich auf. Wenn deine Augen ungetrübt sind, dann siehst du alles klar und hell. Wenn sie aber schlecht sind, dann siehst du alles trüb und dunkel. Sie also zu, dass deine Augen ungetrübt sind.

Wenn du die ganze Welt unbefangen und unverbogenen Sinnes anschaust, dann wirst du sie auf einmal im strahlenden Lichte (Gottes) sehen.“ („Das Ur-Evangelium“, 8)

Solche Worte zeigen – wie im Grunde die gesamte Botschaft Christi – dass Jesus eine Lehre der Tat, des bewussten Handelns und Sich-Veränderns predigte. Er verlangte von denen, die ihm nachfolgen wollen, mehr als bloßen Glauben: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten“ (Joh. 14, 15) Und die „goldenen Lebensregeln“, die Jesus lehrte, wiesen wiederholt auf das allumfassende Gesetz von „Saat und Ernte“ hin:

„Mit welchem Maß ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden! (Matth. 4, 24) ­– „Vergebt, so wird euch vergeben. Gebt, so wird euch gegeben!“ (Luk. 6, 37–38) – „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!“ (Matth. 7, 1)

Wer Jesus nachfolgen will, sollte also – damals wie heute – bereit dazu sein, neue Wege zu gehen, die dem Dienst am Nächsten verpflichtet sind: „Ihr wisst, dass Machthaber ihre Völker unterdrücken, und dass Mächtige ihre Macht über Men­schen missbrauchen. Aber bei euch soll es nicht so sein. Wer unter euch groß sein will, der diene, und wer unter euch der Erste sein will, der soll sich unterordnen. Auch ich bin nicht ge­kommen, dass ich mir dienen lasse, sondern um zu dienen!“ (Matth. 20, 25–28)