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Apr 1, 2018

Unbewusst, höchste Lust!


Richard Wagners „Tristan und Isolde“ ist meine Oper des Monats.

Kategorie: Neuigkeiten

„Tristan und Isolde“ gilt als eines der wichtigsten Musikdramen Richard Wagners. Die Handlung entwickelte der Dichterkomponist aus dem Sagenkreis um König Artus und Tristan, entstanden im 13. Jahrhundert. Sie baut auf folgendem Hintergrund auf: 

König Marke ist Herrscher über das britische Königreich Cornwall. Dieses ist Irland zinspflichtig. Also reist der irische Fürst Morold mit seinem Schiff nach Cornwall, um dort fällige Zinszahlungen einzufordern. Dabei kommt es zur Auseinandersetzung: Cornwall will die Unabhängigkeit, und Fürst Morold wird von Tristan, einem Neffen und Getreuen von König Marke, getötet. 

Tristan schickt Morolds abgeschlagenes Haupt zurück nach Irland – an die Königstochter Isolde, Morolds Verlobte. Doch auch er selbst ist bei dem Kampf mit dem irischen Fürsten schwer verwundet worden. So schwer, dass er nur noch eine Möglichkeit sieht, wieder zu gesunden: Isoldes legendäre Heilkunst. Also segelt er unter einem Pseudonym – Tantris – nach Irland, um sich dort von Isolde behandeln zu lassen. Sie pflegt ihn – doch dann entdeckt die Königstochter, dass ein Splitter, den sie aus dem Haupt ihres Verlobten gezogen hatte, genau in die Scharte des Schwertes passt, das der Verletzte mit sich führt. Isolde erkennt in dem verwundeten Fremden Morolds Mörder und hebt das Schwert, um ihn zu töten.

Doch als Tristan ihr in die Augen blickt, verändert dieser Moment alles: Wie verzaubert lässt Isolde die Waffe sinken, heilt seine Verletzungen und lässt ihn inkognito nach Cornwall zurückzukehren, ohne jemandem von ihrem Wissen zu berichten. Das Unausgesprochene bleibt …

Bald danach einigen sich die Könige von Irland und Cornwall, auf weitere Kämpfe zu verzichten, indem sie „Urfehde“ schwören. Tristan überredet König Marke nun, zur Sicherung des Friedens Isolde zu heiraten und kehrt als Brautwerber nach Irland zurück. Das irische Königspaar willigt in die Hochzeit ihrer Tochter ein, und mit Isolde an Bord segelt Tristan zurück nach Cornwall.

Mit dieser Situation beginnt der erste Akt: Tristan, der sich über seine Gefühle zu Isolde wohl selbst nicht klar ist, versucht, jeden Kontakt mit ihr zu vermeiden. Isolde aber ist nach allem, was sich ereignet hat, entschlossen, ihr Schicksal als Frau an der Seite eines fremden Königs, immer in der Nähe Tristans, den ihre unausgesprochene Liebe offenbar unberührt lässt, nicht so einfach hinzunehmen …

Musikalisch gilt Wagners Werk vor allem wegen des genialen „Tristan-Akkords“ als wegweisend für das 20. Jahrhundert. Wagner gelang eine Art „unendliche Melodie“, die ein sich stetig steigerndes, unerfülltes Verlangen zum Ausdruck bringt und als emotional überaus aufwühlend erlebt wird. Kurt Pahlen (1907–2003), ein österreichischen Komponist und Musikwissenschaftler, bezeichnete „Tristan und Isolde“ als „Oper der Extasen“. Zwei Dirigenten – Felix Mottl (1856–1911) und Josef Keilberth (1908–1968) – erlitten während einer „Tristan“-Aufführung einen tödlichen Herzinfarkt. Keilberth starb übrigens während Tristans Scheidegesang „So starben wir, um ungetrennt“ – „genau an der Stelle, wo im Klavierauszug die Vortragsbezeichnung morendo, also ersterbend, notiert ist“ (Wikipedia).

Der italienische „Opernfürst“ Giuseppe Verdi (1813–1901), ein Zeitgenosse Wagners, schrieb über „Tristan und Isolde“: „Das Werk, das immer meine höchste Bewunderung erweckte, ist der ‚Tristan‘. Vor diesem gigantischen Bau erfasst mich jedesmal ein schauderndes Staunen, und noch jetzt will es mir unglaublich erscheinen, wie ein Mensch es konzipieren und verwirklichen konnte. Ich halte den zweiten Akt für eine der sublimsten Schöpfungen des Geistes, die jemals geschaffen wurde.“

Friedrich Nietzsche (1844–1900) schrieb in „Ecce homo“: „Ich suche heute noch nach einem Werke von gleich gefährlicher Faszination, von einer gleich schauerlichen und süßen Unendlichkeit, wie der ‚Tristan‘ ist, – ich suche in allen Künsten vergebens.“

Und Richard Strauss (1864–1949) sah in Tristan und Isolde die „allerletzte Conclusion von Schiller und Goethe und die höchste Erfüllung der 2000-jährigen Entwicklung des Theaters“.

Richard Wagner war sich schon während der Komposition des Werkes darüber im Klaren, dass es eine außerordentliche Wirkung haben würde. In einem Brief bemerkte er: „Ich fürchte, die Oper wird verboten – falls durch schlechte Aufführung nicht das Ganze parodiert wird –: nur mittelmäßige Aufführungen können mich retten! Vollständig gute müssen die Leute verrückt machen, – ich kann mir’s nicht anders denken …“

Tatsächlich dauerte es Jahre, bis das musikalisch überaus anspruchsvolle Werk auf die Bühne gebracht werden konnte, denn sowohl die Orchestermusiker als auch die Sänger waren ihm nicht gewachsen. Die in Rio de Janeiro geplante Uraufführung musste abgesagt werden, ebenso die daraufhin in Karlsruhe geplante. Der für die Partie des Tristan vorgesehene Tenor verzweifelte „trotz aller Hingebung für seine Aufgabe“ am dritten Akt, der unter anderem einen 30-minütigen „Wahnsinns-Monolog“ vorsieht.

Das nächste Uraufführungsprojekt – 1861 in Wien – wurde nach 77 Orchesterproben abgebrochen, auch Aufführungsversuche in Dresden und Weimar scheiterten; „Tristan und Isolde“ galt bald als unspielbar.

Schließlich aber, 1865, gelang es dann doch, das Werk auf die Bühne zu bringen. König Ludwig II. von Bayern (1845–1886) hatte Wagner für eine Aufführung des Werkes an der Münchner Hofoper völlig freie Hand gelassen – auch in der Besetzung der Rollen. 

Die Uraufführung – mit Ludwig Schnorr von Carolsfeld als Tristan und seine Frau Malvina als Isolde – am 10. Juni 1865 wurde ein triumphaler Erfolg. Der Sänger berichtete seinem Vater in einem Brief über das Ereignis: „Die Wirkung war eine immense, eine vom ersten bis zum letzten Akt sich unablässig steigernde. Nach jedem Akt wurden wir zweimal stürmisch gerufen, nach dem letzten Akt führten wir Wagner in unserer Mitte. Der Augenblick, als wir Hand in Hand mit dem geliebten Meister dastanden, nach geschehener Tat, nach Besiegung aller der Schwierigkeiten und Hindernisse, welche immer als unüberwindlich dargestellt worden waren, als wir selige Tränen weinten – dieser Augenblick wird in unserem Gedächtnisse frisch und stärkend leben, bis alles Denken ein Ende hat.“

„Tristan und Isolde“ steht bis heute auf den Spielplänen der internationalen Opernhäuser – vorausgesetzt, es stehen Interpreten zur Verfügung, die sich die titelgebenden Partien zumuten – Rollen, die schon manchen Sängern ihre Stimme gekostet haben …

Lesen Sie hier eine Werkeinführung auf Basis der Textdichtung.