Die (Ohn-)Macht des Schreibens

Joe Wrights großartige Literaturverfilmung „Abbitte“

Ein prächtiger englischer Landsitz am heißesten Sommertag des Jahres 1935: Briony Tallis, ein schriftstellerisch hochbegabtes 13jähriges Mädchen, beobachtet aus dem Fenster ihres Zimmers Cecilia, ihre ältere Schwester, sowie Robbie Turner, den Sohn der Haushälterin. Cecilia ist gerade durchnässt aus dem Brunnen im Garten gestiegen, und in ihrer lebhaften, von pubertären Ahnungen durchglühten Phantasie vermutet Briony, dass zwischen den beiden etwas Verfängliches, also höchst Beunruhigendes im Gange ist. Briony ahnt die starke sinnliche Beziehung zwischen Cecilia und Robbie, die sich trotz des Standesunterschieds ihren Weg bahnt, und sie fühlt eine akute existentielle Bedrohung – sowohl für ihre Schwester, die sie als Opfer unheilvoller Triebkräfte wähnt, wie sie offenbar von Robbie ihren Ausgang nehmen, als auch unbewusst für sich selbst, da sie sich in den gutaussehenden jungen Mann ebenfalls verliebt hat.

Wenig später ertappt Briony die beiden in der Bibliothek des Hauses bei enthemmten Intimitäten – ein Moment aufregender Wahrheit, der das Mädchen hinter die Kulissen eines gesellschaftlichen Tabus blicken lässt und zugleich hinter den Vorhang, der bislang ihre Kindheit behütete. Doch Briony ist zu jung, zu dumm und zu selbstbezogen, um diese Schicksalsszene in sich verarbeiten zu können. Sie hat in Robbie den gefährlichen, zu allem fähigen Feind erkannt.

Kurz danach kommt es auf dem Anwesen zum Eklat: Nach Einbruch der Dunkelheit meint Briony, beobachtet zu haben, wie ihre Cousine im weitläufigen Park des Anwesens vergewaltigt wird, und in ihrer Phantasie kann nur ein Mann dieser Triebtäter sein: Robbie. So beschuldigt Briony den Geliebten ihrer Schwester dieser Untat und gibt an, ihn zweifelsfrei erkannt zu haben.

Da Robbie kein Alibi vorweisen kann und Briony ihn auch bei einem weiteren Polizeiverhör als Täter beschuldigt, wird er aufgrund dieser Aussage verurteilt und kommt für fünf Jahre ins Gefängnis. Damit wendet sich alles im Leben des jungen Mannes: Er muss sein Studium in Cambridge abbrechen und kann Cecilia nur noch einmal kurz sehen, bevor er als Soldat in den Zweiten Weltkrieg zieht.

Am 1. Juni 1940, wenige Stunden vor dem rettenden Abtransport nach England, stirbt Robbie in der französischen Hafenstadt Dünkirchen an einer Blutvergiftung. Cecilia ertrinkt im gleichen Jahr im Londoner U-Bahnhof Balham, nachdem eine Fliegerbombe die Wasserleitungen des Bahnhofs traf, in den sich die Menschen geflüchtet hatten. Den beiden blieb das gemeinsame Glück verwehrt, und die Falschaussage des phantasiegeleiteten Mädchens verbleibt ungesühnt.

Briony Tallis überlebt den Krieg. Doch nichts, weder ihre Arbeit im Lazarett, mit der sie Abbitte leisten wollte, noch ihre späteren Erfolge als Romanautorin, lässt sie die schwere Schuld ihrer Falschaussage vergessen. Die Kriegsereignisse hatten ihr keine Gelegenheit für eine Entschuldigung und Versöhnung geboten.

Und bald hatte sie eine noch bitterere Wahrheit erkennen müssen: In jener Nacht im Park war ihre Cousine gar nicht vergewaltigt worden; Briony hatte sich diese Untat lediglich in ihrer Phantasie ausgemalt, als sie die beiden im Dunklen sah. Und das „Opfer“, ihre damals minderjährige Cousine, hatte ihre Behauptung nur deshalb unwidersprochen gelassen, weil sie ihren späteren Verlobten und Ehemann nicht verraten wollte, denn eine Heirat wäre sonst unmöglich gewesen. Briony Tallis muss bis zum Tod mit ihrer Schuld leben.

Zuletzt, in den 1980er Jahren, als die betagte Schriftstellerin weiß, dass ihr eine beginnende Demenz bald das Vergessen bescheren wird, schreibt sie den Text ihres Lebens, den finalen Versuch einer Abbitte.

In einer detailgenauen Autobiographie lässt sie die Ereignisse im Umfeld des Zweiten Weltkriegs noch einmal aufleben, gesteht schonungslos ihre Unzulänglichkeiten, beichtet ihre folgenschwere Falschaussage. Das Ende ihrer Erzählung allerdings entlehnt sie ihren unerfüllten Hoffnungen auf Entsühnung: Cecilia und Robbie überleben den Krieg, finden doch noch zueinander und geben ihr die Gelegenheit, durch eine Ehrerklärung alles wiedergutzumachen … Briony Tallis will den Lesern ihres letzten Romans jene Erlösung schenken, die ihr selbst verwehrt worden war. Ein unbedeutender Triumph des Schreibens über die Wirklichkeit, aber das wahre Zeugnis für den Herzenswunsch, endlich doch Vergebung finden zu dürfen. –

Das britische Filmdrama „Abbitte“ entstand 2007 und gilt als eine der gelungensten Literaturverfilmungen der vergangenen Jahre. Christopher Hampton schrieb das Drehbuch nach dem gleichnamigen Roman des britischen Schriftstellers Ian Russel McEwan (geb. 1948). Die Regie Joe Wrights (geb. 1972) setzt ausdrucksstarke, berührende Bilder und hervorragend disponierte Schauspieler in Szene: Keira Knightley bezaubert als Cecilia Tallis; James McAvoy überzeugt als Robbie Turner; Saoirse Ronan (Briony mit 13), Romola Garai (Briony mit 18) und Vanessa Redgrave (Briony im Alter) verleihen der Hauptfigur biographische Kontinuität.

Schnitt (Paul Tothill) und Musik (Dario Marianelli) ergänzen die gelungene szenische Umsetzung und finden im Rhythmus des Schreibmaschinengeklappers ein zentrales Leitmotiv. Ungewöhnlich, aber konsequent und im Hinblick auf die filmische Aussage gut eingesetzt, durchbricht der Film immer wieder die übliche Erzähl-Chronologie und arbeitet mit Rückblenden oder unterschiedlichen Blickwinkeln, die eine Begebenheit zweimal hintereinander beleuchten, ohne allerdings den Zuschauer damit zu verwirren.

Ein Höhepunkt der Regiearbeit Joe Wrights ist, wenngleich unterstützt durch ein paar Requisiten aus der digitalen Trickkiste, eine mehrminütige, ungeschnittene Kamerafahrt durch das überlaufene Soldatenlager in Dünkirchen, in dem Robbie vor der geplanten Abreise nach England stirbt. Die allgemeine Bunkerstimmung findet mit diesem intensiv-authentischen Inszenierungsstil einen besonders berührenden Ausdruck.

„Abbitte“ (Originaltitel: „Atonement“) präsentiert sich dem Zuseher als meisterliches Gesamtkunstwerk aus Bild und Ton, Schnitt und Musik. Form und Inhalt ergänzen einander perfekt – allenfalls um eine Spur zu perfekt, denn bisweilen bewegt sich der Film hart an der Grenze zur Sterilität und wird in solchen Momenten nur durch die Intensität der Darsteller vor dem Abdriften ins Emotionslos-Künstliche bewahrt.

Zu Recht wurde „Abbitte“ mit einem „Golden Globe“ als bestes Drama und einem weiteren für die beste Filmmusik ausgezeichnet. 2008 wurde die Musik auch Oscar-prämiiert (und „Abbitte“ in sechs weiteren Kategorien nominiert). Daneben gab es zahlreiche weitere Preise für die Darsteller und die Regie.

(2007; 118 Minuten)