Was bleibt, ist der Mensch

Nikolaus Leytners berührendes Drama um Liebe und Demenz

Angesichts des Niveaus oder eigentlich der Niveaulosigkeit, die durchschnittliche deutschsprachige Produktionen für das Fernseh-Hauptabendprogramm heute bieten, mag man der Kategorie „Fernsehfilm“ mit einer etwas skeptischen Grundstimmung gegenüberstehen: ausufernde Dialoglastigkeit, durch und durch geheimnislose Drehbücher nach den immer gleichen Strickmustern, zweitklassige Kameraführung und heruntergehudelte Regiearbeiten, deren Einfallslosigkeit durch weichspülende Kaufhausmusik zugeschmiert wird, sind leider keine Seltenheit.

Glücklich, wer einen trauten Fernsehabend gedankenfrei genießen kann, ungeachtet künstlerischer Qualitäten.

Noch glücklicher allerdings, wer erleben darf, dass Vorurteile gegenüber Fernsehfilmen völlig fehl am Platz sind, weil gerade ein erstklassiges, berührendes, Bild und Ton gewordenes Meisterwerk das abendliche Wohnzimmer erhellt.

Dem Grazer Regisseur Nikolaus Leytner ist mit seinem Liebesdrama „Die Auslöschung“ eine solche 90-minütige Sternstunde gelungen. Er erzählt die Geschichte des eloquenten und erfolgreichen, eigensinnigen und ein wenig tyrannischen, aber auch charmanten Kunsthistorikers Ernst Lemden (Klaus Maria Brandauer), der in Judith (Martina Gedeck) die späte Liebe seines Lebens findet. In ihrer Gegenwart blüht Ernst auf, entwickelt – zum Erstaunen seiner Familie – zärtliche Empfindsamkeit und Rücksichtnahme … bis sein Leben eine schleichende Veränderung erfährt. Zunächst sind es nur Worte, die ihm nicht mehr spontan einfallen, dann aber entdeckt er auf der Spur seines Gedächtnisses immer deutlichere Lücken. Er weiß nicht mehr und weiß es in solchen Fällen nie mehr, wo er persönliche Dinge hingelegt hat oder weshalb diese Dinge unerwartet an irgendwelchen Orten auftauchen. Der Alltag beweist ihm, dass er vergisst, aber er überspielt das Problem, witzelt zunächst noch über den Vorteil der Demenz, immer wieder „neue“ Freunde finden zu können …

Nikolaus Leytner, der für den Film „Die Auslöschung“ nicht nur Regie führte, sondern – unter dem Eindruck der tragischen Lebensgeschichte seines eigenen Opas – auch das Drehbuch schrieb, zeigt den Gedächtnisverlust seines Haupt-Protagonisten in mehreren Phasen. Wie Klaus Maria Brandauer dabei von der dominanten Persönlichkeit des bewunderten Kunsthistorikers Ernst Lembden zum Kleinkind und weiter zum Pflegefall mutiert, verdient jeden Schauspielpreis. 

12 Jahre dauert es üblicherweise von der Diagnose „Alzheimer“ bis zum Ende in völliger Hilflosigkeit, vom peinigenden Wissen, dass man vergisst und mit dem Gedächtnis auch die eigene Persönlichkeit unaufhaltsam ins Unbewußte hinübergleiten wird, bis zum tatsächlichen umfassenden Vergessen, das auch das Funtionieren des Körpers miteinschließt. Jahre, die nicht nur für den Betroffenen, sondern auch für alle Angehörigen in höchstem Maße fordernd sind. Denn Vergessen kann bedeuten: die Herdplatte ausschalten vergessen, die Namen der engsten Angehörigen vergessen, die eigenen Absichten vergessen …

Dennoch ist „Die Auslöschung“ keine Tragödie geworden, die den Zuschauer nur zum Mitleiden verdammt. Vor allem ist Nikolaus Leitner eine berührende Liebesgeschichte gelungen – voll von bewegenden Momenten und tiefen Empfindungen. Denn obwohl der Filmtitel mit der allgemeinen Ansicht spielt, Demenz würde die Persönlichkeit eines Menschen auslöschen, bis sozusagen nur noch eine geistentleerte Körperhülle übrigbleibt, zeigt Leitners Meisterwerk zugleich auch das Gegenteil: Ernst Lebden verliert zwar sein phantastisches Wissen, das er als Kunsthistoriker hatte, seine Stellung in der Gesellschaft, er kann zwar die Menschen seiner Umgebung nicht mehr ein- und zuordnen, scheint nur noch in sich versunken und unfähig, die ihm von Judith geschenkte Liebe zu erwidern. Und doch schimmert jenseits der Verstandesleere, die ihn überwältigt, immer noch der Mensch durch, der er war. 

Er erlebt dankbar die ihm geschenkte Zuneigung, auch wenn sein versagendes Gedächtnis die durch Judith ausgelösten Empfindungen nur noch seiner ersten großen Jugendliebe zuschreiben kann. Immer wieder zeigen seine Blicke, dass hinter der Ausdruckslosigkeit, die seine Krankheit erzwingt, das Verstehen lodert. Und wenn sein Sohn ihn schließlich umarmt, dann lösen sich endlich die alten, lastenden Bande; beide empfinden es … was bleibt, ist der Mensch.

Demenz ist ein Prüfstein für unser Menschenbild: Wer der materialistischen Anschauung folgt und im Gehirn das Zentrum des Menschen sieht, von dem alles Bewusstsein ausgeht, der muss in der Auslöschung des Gedächtnisses und der Verstandesfähigkeiten auch die völlige Auslöschung der Persönlichkeit befürchten.

Wer hingegen eine immaterielle Seele oder einen Geist als das eigentliche Zentrum des Menschen betrachtet und das Gehirn nur als Empfangsorgan für das Bewusstsein, der wird trotz der Auslöschung der Verstandesfähigkeiten durch die Demenz die empfindungsmäßige Verbindung zum Menschen suchen. Diese Sicht erleichtert zwar nicht unbedingt den praktischen Umgang mit Demenzkranken, aber sie legt das nahe, was viele gute Ratgeber empfehlen: den eigentlichen Menschen in seinen Bedürfnissen und Empfindungen zu erkennen und ihn möglichst nicht mit den krankheitsbedingt beschränkten Ausdrucks- und Erkenntnismöglichkeiten gleichzusetzen, kurz: ihm trotz der Demenz volle Menschenwürde zuzugestehen. –

„Phänomenales Drehbuch. Will das spielen. Wann können wir uns sehen? Liebe Grüße, KMB.“ Nur wenige Stunden, nachdem er sein Drehbuch an Klaus Maria Brandauer geschickt hatte, erhielt Nikolaus Leytner von dem Schauspieler per SMS diese Nachricht. „Ähnlich war es mit Martina Gedeck“, erzählt eder Regisseur in einem Interview mit der „Kleinen Zeitung“: „Die beiden wollten schon lange einmal miteinander spielen!“ Ein Glücksfall für die ORF/SWR-Koproduktion, die ihre Premiere beim Filmfestival in Biarriz (Frankreich) erlebte, wo die weltweit besten abendfüllenden Fernsehfilme gezeigt werden – ein gutes Dutzend war es 2013 nur, „Die Auslöschung“ einer davon.

(2012; 90 Minuten)