Absturz

Robert Zemeckis beeindruckendes Sucht-Drama „Flight“

William „Whip“ Whitaker (Denzel Washington) ist geschieden und ein Lebemann. In einem Hotel schlägt er sich die Nacht mit Kateria Marquez (Nadine Velazquez), einer Stewardess, um die Ohren. Es fließt jede Menge Alkohol, und die Kameraführung lehrt den Voyeur im Kinositz, dass enthemmte Ausgelassenheit im Leben dieses Mannes offenbar zum Prinzip erhoben ist. Aber für „Whip“ sind solche Abstürze Routine. Um sich fit für den Tag zu machen, schnupft er Kokain und schlüpft aufgeputscht in seine Uniform.

William Whitaker ist Pilot. An diesem Tag ist er auf dem Southjet-Flug 227 von Orlando nach Atlanta verantwortlich für 102 Personen. Katerina ist mit an Bord, und außerdem ein paar Flaschen Wodka als Proviant für zwischendurch. Ein launiger Routineflug, bei dem man zwischendurch ohnehin ein wenig schlafen kann.

Doch es erweist sich, dass nichts an diesem Schicksalsflug Routine ist. Schon kurz nach dem Start kommt es zu heftigen Turbulenzen, die „Whip“ aber – nach bangen Schreckensminuten für Passagiere und Besatzung – souverän meistert. Bald erweist sich allerdings, dass dies erst der Auftakt für die eigentliche Katastrophe war: Ein zentrales Verbindungsteil am Höhenleitwerk geht zu Bruch, die Maschine wird manövrierunfähig und stürzt ab. Später werden zehn Spitzenpiloten im Flugsimulator erfolglos versuchen, den Totalcrash in einer solchen Situation zu verhindern. Doch „Whip“ gelingt das Unmögliche mit einer nie dagewesenen Aktion: Er bringt die riesige Maschine in Bauchlage, um sie im Sturz abzufangen und rettet schließlich durch eine gezielte Bruchlandung 96 von 102 Personen das Leben.

Unter den sechs Toten ist Katerina – sie hatte während des Absturzes versucht, einem verletzten jungen Passagier zu helfen.

William Whitaker ist jetzt der Held. Denn die weiteren Untersuchungen erweisen, dass die Maschine ungenügend gewartet worden war und dass ohne sein fliegerisches Ausnahmekönnen alle Passagiere den Tod gefunden hätten.

Doch das ist erst der Anfang der Geschichte, die sich, was die technischen Probleme anlangt, am „Alaska Airlines Flug 262“ orientiert, bei dem im Jahr 2000 alle 88 Personen, die an Bord gewesen waren, starben. –

Schon in seiner Robinsonade „Cast Away – Verschollen“ konnte der Oscar-prämierte Regisseur Robert Zemeckis („Forrest Gump“, „Contact“) sein Talent für perfekt inszenierte Flugzeugabstürze beweisen. Doch in seinem Film „Flight“ aus dem Jahr 2012 ist das Katastrophenereignis nur der äußere Rahmen für den eigentlichen „Absturz“, der hier thematisiert wird.

Denn William Whitaker ist als Lebemann, Pilot und Held nur vordergründig der Mann, der jede Situation im Griff hat. In Wirklichkeit ist er längst ein schwerer Alkoholiker, der nicht den Mut hat, sich seine Abhängigkeit einzugestehen und meint, letztlich doch Herr über seinen Willen zu sein. Er selbst entscheide, sich zu betrinken, schreit er der Welt und seinem eigenen Gewissen entgegen.

Die wahre Dramatik vom Zustand ihres Helden offenbaren Robert Zemeckis und Drehbuchautor John Gatins dem Zuseher erst nach und nach.

Zunächst erscheint der Alkohol noch als Problem am Rande. Man hofft mit dem Piloten, dass die Routineuntersuchungen, die nach dem Absturz durchgeführt werden, dieser „Nebensächlichkeit“ nicht allzu viel Bedeutung beimessen. Dass die leeren Wodkaflaschen, die im Mülleimer der Crew gefunden worden waren und die hohen Alkoholwerte, die man bei den ärztlichen Untersuchungen im Blut Whitakers festgestellt hatte, irgendwie wegerklärt werden können. Und man ist deshalb auch irgendwie befriedigt über die mit anwaltlicher Hilfe perfekt konstruierte Geschichte, die den heldenhaften Piloten bei der abschließenden Anhörung von jedem Verdacht eines schuldhaften Verhaltens reinwaschen könnte: Bei der Entnahme der Blutprobe sei nachweislich unsauber gearbeitet worden, und die Wodkaflaschen seien wohl auf ein Alkoholproblem der verstorbenen Stewardess Kateria Marquez zurückzuführen …

Doch während an diesem „Drehbuch“ für die öffentliche Anhörung des Piloten noch gearbeitet wird, zeigt sich immer deutlicher die eigentliche Dimension seines Suchtproblems: Als Konsequenz aus dem Schicksalssereignis verbannt William Whitaker zunächst jeden Alkohol aus seinem Haus. Aber je größer der psychische Druck für ihn wird – schließlich droht einem des Alkohol- und Drogenmissbrauchs überführten Piloten eine langjährige Haftstrafe –, desto häufiger greift er erneut zur Flasche. Auch seiner Freundin Nicole (Kelly Reilly) gelingt es nicht, ihn von der dringenden Notwendigkeit einer Therapie zu überzeugen. Und als selbst Abhängige, die die Verdrängungsphase bereits überwunden hat, weiß sie, was die einzig richtige Entscheidung wäre …

Seinen dramaturgische Höhepunkt findet Robert Zemeckis „Flight“ denn auch nicht im Flugzeugunglück selbst, sondern im finalen Absturz des Piloten, Wochen danach.

Es ist die Nacht vor der entscheidenden Anhörung. Mit der Hilfe von Freunden hat William Whitaker es geschafft, während der letzten Tage keinen Tropfen Alkohol mehr zu trinken. Die entscheidenden Stunden verbringt er nun in einem Hotelzimmer, dessen Eingang bewacht ist und in dessen Minibar sich ausschließlich alkoholfreie Getränke befinden. Unruhig und ohne Schlaf zu finden liegt er auf seinem Bett, der nächste Tag wird über sein weiteres Leben entscheiden … Da hört er ein Klopfen an der Tür, das nach kurzen Pausen wieder- und wiederkehrt; er steht auf, forscht, woher das Geräusch kommt und bemerkt schließlich, dass es die vermeintlich abgesperrte Tür zur Luxussuite nebenan ist, deren Schloss bei jedem Windstoß gegen den Rahmen schlägt. Und Luxus bedeutet auch: eine speziell befüllte Minibar. Whittaker betritt, von einem magischen Gedanken beseelt, den verbotenen Raum …

Eindringlicher als Robert Zemeckis und Denzel Washington (der für seine schauspielerische Großleistung in diesem Film für den Oskar nominiert wurde) es hier zeigen, kann man das Suchtverhalten, den Kampf gegen einen gebundenen Willen, die Momente, in denen sich hinter einer banalen Alltagshandlung plötzlich Abgründe auftun, kaum inszenieren. Und man mag sich als Zuschauer die bange Frage stellen, wo überall im eigenen Leben hinter dem Streben nach Genuss der Abgrund lauert. Denn bekanntlich muss es ja durchaus nicht eine ausgewachsene Sucht sein, die das Leben in bestimmte Bahnen zwingt. Es reichen auch schon allzu festgefahrene Routinen, um den freien Willen einzuspinnen.

In Robert Zemeckis Drama „Flight“ wird das sorgfältig zurechtgezimmerte „juristische Drehbuch“, das den Piloten auf Kosten einer toten Freundin als tugendhaften Held erscheinen lassen will, dieses berechnende Machwerk, das einen Menschen zu Lasten eines anderen als „groß“ erscheinen lässt, letztlich durch das Drehbuch der Empfindung ersetzt. William Whitakers Bekenntnis zur Wahrheit und seine Bereitschaft, dafür auch die folgenschwersten Konsequenzen zu ertragen, überwindet die Verführungs-Schwerkraft einer übergroß gewordenen Lebenslüge.

Und irgendwann erlebt er sich „das erste Mal in seinem Leben frei“ – auch wenn er gerade im Gefängnis sitzt …

(2012; 138 Minuten)