Rasende Begeisterung und blutende Ohren

Stephen Frears tragikomische Filmbiographie „Florence Foster Jenkins“

Freunde klassischer Musik wissen um ihre legendäre Gesangskunst. Die Programme zu ihrem einzigen Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall am 25. Oktober 1944 zählen bis heute zu den gefragtesten im Archiv des weltberühmten Konzerthauses. Ihre Schallplattenaufnahmen haben Kultstatus. Pop-Bands haben ihr Songs gewidmet, Filmdokumentationen ihr einzigartiges Leben beleuchtet. Und 2016 kam ein Spielfilm-Meisterwerk des britischen Regisseurs Stephen Frears in die Kinos, das ihr ein weiteres Denkmal setzt. Die Rede ist von Florence Foster Jenkins (1868–1944), der „schlechtesten Sängerin der Welt“ (spiegel.de).

Bis heute ist nicht endgültig klar, ob die kunstliebende Tochter eines reichen Bankiers wirklich weder Gehör noch Rhythmusgefühl hatte und in der Begeisterung für sich selbst einfach nicht bemerkte, wie schräg ihre Darbietungen klangen. Vielleicht hat sie mit der Rolle der Lächerlichen auch mehr oder weniger bewusst kokettiert.

Die meisten biographischen Darstellungen beschreiben jedenfalls ein tragisches Schicksal. Demnach trat die junge Florence schon als Kind vor prominentem Publikum (unter anderem im Weißen Haus) auf und beeindruckte mit ihrem Klavierspiel. Ihren großen Wunsch, Gesang zu studieren, erfüllte ihr die Eltern jedoch nicht.

1885, kurz nachdem die junge Florence den Arzt Frank Jenkins geheiratet hatte, kam es zur Tragödie: Ihr Mann steckte sie mit Syphilis an, es folgten die damals üblichen Gift-Behandlungen mit Quecksilber und Arsen, und vermutlich wurden dadurch ihr Gehör und ihr Nervensystem dauerhaft geschädigt. Nach etwa sieben Jahren trennte sich das Paar. Florence schlug sich fortan als Klavierlehrerin durch.

1909 änderte sich ihr Leben dann grundlegend. Sie lernte den eher zweitklassigen englischen Schauspieler St. Clair Bayfield kennen und heiratete ihn. Im gleichen Jahr starb ihr reicher Vater und hinterließ ihr sein Vermögen, was ihr die Möglichkeit bot, sich ganz der Kunst zu widmen. Florence nahm nun rege am Musikleben in Philadelphia teil, gründete den „Verdi-Club“, sponserte kulturelle Veranstaltungen und engagierte eines Tages den jungen Pianisten Cosmé McMoon, um endlich auch selbst als Sängerin aufzutreten. 

1912, im Alter von 44 Jahren, gab Florence Foster Jenkins ihr erstes Konzert vor einem auserlesen Publikum. Weitere Auftritte folgten, und bald eilte der Sängerin der eher zweifelhafte Ruf voraus, auf ganz besondere Weise unterhaltsam zu sein.

St. Clair Bayfield betätigte sich nun als Manager seiner Frau und nutzte die willkommenen Gelegenheiten, selbst vor einem dankbaren Publikum zu rezitieren. Auch Schallplatten mit Florence Künsten (heute als CD erhältlich) wurden aufgenommen und im privaten Kreis verteilt. 

Am 25. Oktober 1944 dann sang Florence Foster Jenkins – im Alter von 76 Jahren! – in der Carnegie Hall jenes legendäre Konzert, das auch in Stephen Frears Film den dramaturgischen Höhepunkt bildet. Die Veranstaltung war schon Wochen vorher ausverkauft, am Schwarzmarkt wurden Unsummen für Karten bezahlt. Und Florence bot dem Publikum genau das, was von ihr erwartet wurde. Lachen. Toben. Klatschen.

Ein paar Wochen später erlag sie einem Herzinfarkt. Zeitgenossen vermuteten, sie habe eine Zeitungskritik, die ihr Konzert vernichtend bewertete, nicht überwinden können. Jedenfalls hat Florence Foster Jenkins das getan, wovon andere vielleicht nur zu Hause unter der Dusche träumen: Sie hat gesungen. 

Auf ihrem Grabstein steht zu lesen: „Die Leute können vielleicht behaupten, dass ich nicht singen kann, aber niemand kann behaupten, dass ich nicht gesungen hätte.“ –

Die Verfilmung einer solchen Biographie im Niemandsland zwischen Komödie und Tragödie hätte gründlich misslingen oder sich in nur einem Aspekt dieses vielschichtigen Lebens verheddern können. Aber Regisseur Stephen Frears konnte sich nicht nur auf ein hervorragendes Drehbuch (Nicholas Martin) stützen, sondern vor allem auf eine Idealbesetzung. 

Meryl Streep beweist als Florence Foster Jenkins wieder einmal ihren absoluten Ausnahmerang als Schauspielerin und setzt nicht nur darstellerisch Maßstäbe, sondern wird auch den stimmlichen Anforderungen gerecht. Sie singt so gut, dass ihre Akzentuierung falscher Töne Gänsehaut erregt – und vielleicht genau jenes Gefühl zwischen Begeisterung und blutenden Ohren, zwischen Schadenfreude und Bewunderung, zwischen Bravo-Rufen und stummem Staunen, das damals tatsächlich durch die Carnegie Hall geflutet sein mag.

Ihr darstellerisch ebenbürtig bis in die feinsten Nuancen ist Simon Helberg als junger Pianist Cosmé McMoon. Wie in seinem Blick Ungläubigkeit, Entsetzen und Mitleid zur Einheit verschmelzen, als er Florence und ihren aus der Metropolitan Opera engagierten Gesangslehrer zum ersten Mal am Konzertflügel begleitet; sein mimisches Mäandern zwischen künstlerischer Sensibilität und kalter Berechnung, als er zum Helfershelfer St. Clair Bayfields mutiert … diese Darbietung zählt zweifellos zu den ganz großen komödiantischen Glanzleistungen der Kinogeschichte. Umso mehr, als Helberg tatsächlich live Klavier spielt (und Streep tatsächlich live singt), was den Konzert- und Probeszenen besondere Intensität verleiht. 

Obwohl die ursprünglich geplanten Playback-Aufnahmen in den Abbey-Road-Studios bereits fertig produziert waren, entschloss sich Regisseur Stephen Frears, seine Protagonisten während der Aufnahmen vor echtem Publikum wirklich spielen beziehungsweise singen zu lassen und den Originalton zu verwenden – gewiss die größtmögliche Anerkennung der musikalischen Fähigkeiten von Streep und Helberg …

Auch Hugh Grant hat als Foster Jenkins’ Ehemann eine Idealrolle für sich gefunden. Nicht, weil er (wie er das in humorvollem britischem Understatement wohl von sich selbst behaupten würde) in St. Clair Bayfield einen zweitklassigen Schauspieler verkörpert, sondern weil er in dieser Rolle sein bestes darstellerisches Repertoire tatsächlich punktgenau landen kann. Wie er als Ehemann Fürsorge und Eigennutz, Liebe und Lügengebilde, echten Kunstsinn und blanke Heuchelei auf einen namenlosen Nenner bringt, ist durchweg so herzerfrischend überzeugend, dass auch hier eine andere Besetzung gar nicht vorstellbar ist.

Eine Tragikomödie quer durch alle Schattierungen: Mit „Florence Foster Jenkins“ ist ein filmisches Kleinod gelungen, das den Zuschauer – ganz im Sinne der legendären Sängerin – lächelnd und staunend und anerkennend kopfschüttelnd entlässt. 

(2016, 110 Minuten)