Atemloses Ringen um Halt

Alfonso Cuaróns epochales Weltraum-Drama „Gravity“

Noch etwas unsicher absolviert Dr. Ryan Stone (Sandra Bullock) ihren ersten Einsatz als Astronautin im Weltall. Dringende Reparaturarbeiten am Hubble-Weltraumteleskop stehen an. Während die Ärztin mit den Tücken der Technik kämpft, manövriert sich ihr erfahrener Kollege im Raumanzug spielerisch durchs All. Für Matt Kowalsky (George Clooney) ist die NASA-Space-Shuttle-Mission STS-157 der letzte Einsatz vor dem Ruhestand. Sein Weltraumspaziergang dauert schon viele Stunden, aber immer noch genießt er fasziniert den majestätischen Anblick des blauen Planeten. Wenn es nach ihm ginge, würde er gern noch weiterhin entspannt die Schwerelosigkeit genießen, vielleicht ganz nebenbei den Zeitrekord für Außeneinsätze brechen …

Doch dann erreicht Stone, Kowalski und einen dritten Astronauten, der die beiden auf ihrer Mission unterstützt, ein Funkspruch aus dem NASA-Kontrollzentrum in Houston: Ein russischer Satellit sei versehentlich zerstört worden. Zunächst hat diese Nachricht nur Informationscharakter, sie scheint die Hubble-Reparaturmission nicht zu tangieren. Aber schon wenige Minuten später folgt eine dringende Warnung: Teile des vernichteten Satelliten hätten weitere Satelliten getroffen, ein enormes Trümmerfeld sei entstanden und bewege sich nun auch auf der Umlaufbahn des Hubble-Teleskops. Der Außeneinsatz müsse so rasch wie möglich abgebrochen werden. Doch dafür ist es bereits zu spät: Wieder nur Minuten danach rasen die Schrottteile schon als tödliche Geschoße heran. Das Hubble-Teleskop und das Space Shuttle werden zerstört, Stone und Kowalski ins offene All geschleudert, ihr Kollege hat nicht überlebt. –

15 Minuten und kein einziger Schnitt. In phantastischer Eindringlichkeit zeigt der mexikanische Regisseur Alfonso Cuarón in seinem Weltraum-Film „Gravity“ die Schönheit unseres Heimatplaneten aus der Astronauten-Perspektive und den sich anbahnenden „Supergau“. Seine „endlose“ Anfangssequenz – entstanden in einer Kooperation mit dem genialen Kameramann Emmanuel Lubezky und einer Armee an Special-Effects-Künstlern – bietet Bilder, wie man sie noch nie gesehen hat und nie mehr vergessen wird, in einem filmischen „Echtzeit-Wunder“.

Der letzte Science-Fiction-Film, der mich durch seine Bildgewalt in absolutes Staunen versetzt hat, war Stanley Kubricks (aus heutiger Sicht vielleicht etwas allzu mystischer) Klassiker „2001 – Odyssee im Weltraum“. Zum Beispiel die Sequenz, in der ein Astronaut innerhalb einer zylindrischen Raumstation seinen Trainingslauf absolviert. Wie Kubrick dessen 360-Grad-Runden unter künstlicher Schwerkraft zeigt, zählt zu den absoluten Höhepunkten der Filmgeschichte. „2001“ wurde 1968 gedreht. Damals konnte man solche Spezialeffekte noch nicht per Computer erzeugen.

Anno 2013 hingegen ist längst alles möglich – und doch gelang es Alfonso Cuarón, mit seinem Meisterwerk „Gravity“ neue Maßstäbe in der Filmkunst zu setzen und gewiss auch den an die heftigsten Special-Effects gewöhnten Zuschauer zu faszinieren. Und zwar mit einer einmaligen Kombination aus Schönheit und Intensität. Die atemberaubende Spannung beginnt in den ersten Minuten, und der Zuschauer wird aus seinem Hoffen und Bangen tatsächlich erst durch den beglückenden Beginn des Abspanns erlöst. Dabei hat Cuarón weder ein übertriebenes Action-Feuerwerk inszeniert, noch allzu tief in die Grusel-Kiste gegriffen. Vielmehr gelang es ihm, trotz der kühlen Künstlichkeit der Weltraum-Szenerie Lebensnähe zu vermitteln. Indem er in Sandra Bullock und George Clooney zwei großartige „Kammerschauspieler“ verpflichten konnte, vor allem aber, indem er ein präzises, ausgereiftes Script (Drehbuch: Alfonso Cuarón und Jonas Cuarón) entwarf, das sich, ganz im Gegensatz zum üblichen Popcorn-Kino, auf die Tücke des Details konzentriert. Da gibt es wenig Irgendwie, kaum ein dramaturgisches Fragezeichen – wie bei so vielen Filmen, die zwar zeigen, dass der Held, gerade noch mit einer Hand über dem Abgrund baumelnd, sich doch noch retten konnte, aber nicht beleuchten, wie genau ihm dieses beschwerliche Kunststück gelang.

Der absolute, in die dunkelsten Tiefen des Alls führende Abgrund tut sich für die Protagonisten von „Gravity“ schon in den ersten Minuten auf. Was folgt, ist der fast aussichtslose Kampf um Boden unter den Füßen – körperlich und seelisch. Damit bietet Cuaróns Weltraum-Drama einen bemerkenswerten Gegenentwurf zu den üblichen Science-fiction-Geschichten, die mit dem Freiheitsdrang des Menschen spielen, der nach immer neuen Welten greift und deshalb forschend und erobernd in den Weltraum aufbricht. „Gravity“ indes lässt nur eine Sehnsucht keimen – die nach sicherem Halt auf festem Grund, die des Zurückfindens in den sicheren Schoß von Mutter Erde.

Darin liegt ein schönes Sinnbild für das Seelenleben. Denn in unserem Streben nach absoluter Freiheit und Unabhängigkeit vergessen wir doch manchmal, wie wichtig ein fester Halt ist, verlässliche Grundlagen, auf denen man bauen kann, das Bewährte, im Druck der Geschichte Verfestigte … oder wie wichtig ein Bezugspunkt ist, ein Ziel, ein Attraktor, dem wir zustreben können, der uns anzieht und beflügelt zugleich. 

In diesem Sinne hat die „Schwerkraft“ oder Anziehungskraft seines Vorhabens wohl auch für den Regisseur und Drehbuchautor selbst gewirkt: Vier Jahre lang lag Alfonso Cuaróns engagiertes Filmprojekt auf Eis, bis es endlich grünes Licht für das außergewöhnliche 100-Millionen-Dollar-Vorhaben gab. Die Idee des mexikanischen Filmemachers, der einem breiteren Publikum vor allem durch seine gelungene Leinwand-Adaption des Romans „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ (2004) bekannt wurde, galt zunächst als technisch nicht umsetzbar. Zahlreiche prominente Schauspieler, die für die beiden Hauptrollen in Frage gekommen waren, sagten während der allzu langen Vorbereitungszeit ihr Mitwirken ab.

Inzwischen gilt „Gravity“, der in kürzester Zeit ein Mehrfaches seiner Produktionskosten einspielte, als Meilenstein in der Filmgeschichte. Selbst der „Übervater“ moderner Kameratechnik, James Cameron, der mit seinen Meisterwerken „Titanic“ und „Avatar“ mit großem Abstand die Liste der erfolgreichsten Filme aller Zeiten anführt, reagierte auf „Gravity“ mit überschwänglicher Begeisterung. Die höchsten Auszeichnungen (unter anderem 7 Oscars) waren Alfonso Cuarón sicher – dem Regisseur, der uns den Segen der Schwerkraft verdeutlicht hat.

(2013; 91 Minuten)