Ein Postmann für Pablo Neruda

Ein filmisches Meisterwerk von Michael Radford

Es ist eine einfache, berührende Geschichte, inspiriert durch wirkliche Begebenheiten: Der chilenische Poet Pablo Neruda (hervorragend dargestellt von Philippe Noiret) muss ins Exil und läßt sich in einem Fischerdorf auf einer kleinen italienischen Insel nieder. Dort hat das örtliche Postamt in der Folge jede Menge zu tun, denn der weltberühmte Dichter erhält Briefe aus der ganzen Welt, vornehmlich aus der Welt lyrikbegeisterter Frauen.

Mario (Massimo Troisi), der schüchterne Sohn eines armen Fischers, ein Niemand, der von einem größeren Leben träumt, wird als Privatbriefträger angestellt, um Nerudas Postberge zuzustellen – und aus dem täglichen Kontakt entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden ungleichen Männern.

Mario lernt, die kleine Welt, in der er lebt, mit den Augen eines Lyrikers zu sehen, er lernt mit Nerudas Hilfe auch, wie er mit empfindungsvollen Gedichten die Frau seiner Träume gewinnen kann, die schöne, unnahbare Beatrice (Maria Grazia Cucinotta), die in der Bar des Dorfes arbeitet. Und schließlich findet Mario sogar den Mut, seine politischen Überzeugungen öffentlich zu vertreten.

Aber auch Neruda profitiert von seiner Freundschaft zu Mario. Er schließt die italienische Insel und die einfachen Menschen dieses Fischerdorfes tief ins Herz und spürt, wie ihn dieses unmittelbare, grundehrliche, gefühlsstarke Leben nachhaltig prägt und – ebenso wie Mario – zur Selbsterkenntnis anregt …

Nicht minder berührend die Geschichte hinter der Geschichte: „Il Postino“ war ein Herzensprojekt des Hauptdarstellers Massimo Troisi, der in Italien als Komiker berühmt geworden war, aber wegen eines Herzfehlers bereits zu Beginn der Dreharbeiten an der Schwelle zum Tod stand. Dennoch wollte er dieses ihm so wichtige Filmvorhaben, für das er sich leidenschaftlich eingesetzt und für das er auch am Drehbuch mitgeschrieben hatte, zu Ende bringen.

Der britische Regisseur Michael Radford stand ihm zur Seite, und Troisi spielte die Rolle des schüchternen, zum Lyriker und Politkämpfer erwachenden Mario mit bewundernswerter Zartheit, Intensität und Feinsinnigkeit, mit sprühender Kindlichkeit in den Augen, einem Hauch stillen Humors und empfindungsvoller Lebensnähe – bis zum letzten Atemzug. Am Tag der Fertigstellung des Films erlag Massimo Troisi seiner Krankheit.

Er hatte die Rolle seines Lebens gespielt. –

2003 erschien der Film für das Heimkino in einer empfehlenswerten „Special Edition“, die nicht nur den Hauptfilm bietet, sondern auch einige „poetische Extras“. Vor allem wird der Zuseher in das Werk des chilenischen Dichters und Literatur-Nobelpreisträgers Pablo Neruda (1904–1973) eingeführt. Nerudas Gedichte werden dabei von Künstlerpersönlichkeiten wie Glenn Close, Julia Roberts, Sting, Samuel L. Jackson oder Ethan Hawke vorgetragen. Sehenswert!

(1994; 108 Minuten)