Karges Künstlerleben in opulenten Bildern

Robert Dornhelms gelungene Opernverfilmung von Puccinis „La Bohème“

Paris um 1830, tiefer Winter, Weihnachtsabend. In der ärmlichen Dachwohnung ist es ungemütlich und kalt. Rodolfo, ein erfolgloser Dichter, haust hier mit seinen drei Freunden: einem Maler, einem Philosophen und einem Musiker. Die vier retten sich mit Galgenhumor über die Armut und die Aussichtslosigkeit ihrer Künstlerkarrieren. Für ein paar Sekunden Wärme opfert Rodolfo das Manuskript seines jüngsten Dramas, feierlich lässt er Akt für Akt in das Feuer flattern ...

Retter des Tages ist Schaunard, der Musiker, der unerwartet mit reichlich Essen in die Mansarde kommt. Ein schrulliger Engländer hatte ihn gegen gute Bezahlung engagiert, um für seinen Papagei zu spielen. Klar, dass die Freunde nun mit dem Rest des Bargeldes gebührend feiern wollen! Also brechen sie zu einem nahegelegenen Café auf; nur Rodolfo bleibt zurück, um noch ein wenig zu arbeiten. Aber schon bald klopft es. Schüchtern tritt Mimi durch die Tür, eine junge, kränkliche Nachbarin, die als Näherin ihr Dasein fristet. Sie bittet Rodolfo darum, ihre erloschene Kerze entzünden zu dürfen – der Beginn einer romantischen und leidenschaftlichen Beziehung, das Ende des ersten Aktes.

Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ (das Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica folgt einem Roman von Henri Murger) gehört seit ihrer Uraufführung im Jahr 1896 zu den beliebtesten und am häufigsten gespielten Werken des italienischen Musiktheaters. Es steht bis heute immer wieder auf den Spielplänen großer und kleiner Opernhäuser.

2008 erlebte „La Bohème“ eine beeindruckende Umsetzung als Verfilmung für das Kino. Der österreichische Regisseur Robert Dornhelm inszenierte mit Rolando Villazón (Rodolfo) und Anna Netrebko (Mimi) auf höchstem künstlerischen Niveau eine gelungene Filmversion des Meisterwerks von Puccini, die auch für viele geeignet sein dürfte, die eine Oper normalerweise lieber nur von außen sehen wollen.

Vor allem der erste Akt und der zweite Akt gehören meines Erachtens zu den gelungensten Opern-Verfilmungen aller Zeiten. Dornhelm verzichtet erfreulicherweise auf gewagte Regie-Eskapaden, bleibt werktreu, begeht auch nicht den Fehler, Puccinis Oper in eine realistischere Filmsprache zu zwängen. Er bannt den Zuseher mit durchweg stimmigen, harmonischen Bildern an das Werk, unterstreicht die Einheit von Handlung und Musik durch gekonnte Personenführung und unternimmt keinen Versuch, die prinzipielle Künstlichkeit des Musiktheaters zu verleugnen. Die kränkliche Mimi darf üppig geschminkt sein, und wenn draußen der Winter tobt, dann natürlich mit den flauschigsten Schneeflocken aller Tage. Ein solcher Ansatz mag unzeitgemäß erscheinen, aber er ist – auch dank der hervorragend singenden und glänzend schauspielernden Hauptdarsteller – ein optischer und akustischer Genuß.

Die persönliche Färbung der Regiearbeit Dornhelms zeigt sich vor allem in vielen liebenswerten Einzelheiten, die das Ambiente des Werkes gekonnt unterstreichen, und zum Teil auch in unkonventionellen Schnitten, die manchmal mehrere Fassungen einer Szene über- oder nebeneinander stellen. Aber das darf, muss vielleicht sogar so sein, wenn man die pure Emotion dieses Opern-Klassikers konsequent für das Kino adaptiert.

Wenn im Verlauf der Handlung Mimis Husten immer besorgniserregender und Rodolfos Ratlosigkeit gleichermaßen größer wird – er verfügt nicht über die Mittel, um seiner Geliebten zu helfen, obwohl er ahnt, dass ihre Krankheit tödlich enden wird –; wenn die beiden in einem seltsamen Akt der Vernunft beschließen, nur noch bis zum nächsten Frühling zusammenzubleiben; wenn Mimi danach ihr Heil in einem abgehobenen Luxusleben sucht und sich von einem reichen Liebhaber aushalten läßt, so tröstet Puccinis grandiose Musik mühelos über die manchmal arg klischeehafte, schwer nachvollziehbare Aneinanderreihung dramaturgischer Gemeinplätze hinweg. Die Unglaubwürdigkeiten im Handlungsverlauf bereiten wohl kaum jemandem Kopfzerbrechen, der sich „La Bohème“ in der Oper zu Gemüte führt, um so weniger, als jede Pause zwischen den vier Akten ja sowieso eine Art Sollbruchstelle markiert.

Ein Film, der dem Opernlibretto folgt, tut sich da freilich schwerer, ein abgerundetes Ganzes zu bieten. So hat auch Dornhelms Epos mit inkonsequenten Spannungsbögen zu kämpfen, verliert zwischendurch an Faszination – auch, weil zündende Regie-Ideen fehlen –, reicht aber selbst in diesen Phasen immer über das Mittelmaß hinaus.

Als der Tod naht, kehrt die schwer lungenkranke Mimi zu Rodolfo zurück, der Ring schließt sich an jenem Ort, wo die beiden ein halbes Jahr zuvor ihre Lebensliebe fanden: in der Pariser Mansarde. Vergeblich versuchen Rodolfos Freunde, doch noch rechtzeitig ärztliche Hilfe für Mimi zu holen. Erschöpft legt sie sich auf die vertraute Bank im Zimmer und schläft ein. Erst spät begreift der verzweifelte, in Untätigkeit erstarrte Rodolfo, daß sie aus dem Leben gegangen ist. In tiefer Trauer ruft er ihr nach, ein letzter Schrei, dem Leere folgt. –

Robert Dornhelm verzichtet im Nachspann des Films auf jegliche musikalische Unterstützung; tonlos läuft der Schlußroller ab, kein Applaus, zu dem Mimi und Rodolfo vor den Vorhang treten, kein sanfter Übergang aus einer Welt purer Gefühle in die Wirklichkeit des Lebens. Vielleicht nicht das gemütvollste Finale für eine große Opernverfilmung. Sicher aber werden Dornhelms filmische Interpretation und die Strahlkraft des jungen Duos Netrebko & Villazón dazu beitragen, dieses Meisterwerk Giacomo Puccinis auch einem jüngeren oder opernferneren Publikum zugänglich zu machen.

Hoffentlich gibt es bald weitere cineastische Unternehmungen dieser Art!

(2008; 115 Minuten)