Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder

Neil Jordans sehenswerte Film-Biographie über den irischen Freiheitskämpfer Michael Collins

„Ende des 19. Jahrhunderts erstreckte sich das Britische Empire über zwei Drittel der Erde. Aber trotz dieser Machtentfaltung bereitete die nächstgelegene Kolonie dem Reich die größten Schwierigkeiten: Irland. 700 Jahre lang rebellierten und revoltierten die Iren gegen die britische Herrschaft, doch ohne Erfolg. Dann begann 1916 eine Rebellion mit einem nachfolgenden Guerillakrieg, die den Charakter der britischen Herrschaft für immer veränderte. Der Vordenker in diesem Krieg war Michael Collins.“

Mit diesem Nachhilfeunterricht in Geschichte beginnt der irische Regisseur und Drehbuchautor Neil Jordan seine sehenswerte Film-Biographie über den umstrittenen Freiheitskämpfer und IRA-Gründer Michael Collins (1890–1922). Und er macht es dem Zuschauer in der Folge nicht besonders schwer, sich mit den Zielen der irischen Unabhängigkeitsbewegung zu identifizieren. 

Am Beginn des Streifens steht jenes Ereignis, das vor rund 100 Jahren tatsächlich die Wende im lange Zeit erfolglosen irischen Kampf um die Unabhängigkeit brachte: Mit dem später so genannten „Osteraufstand“ versuchten militante Republikaner im April 1916, die Unabhängigkeit ihres Landes gewaltsam zu erzwingen. Der Aufstand wurde zwar von den Briten blutig niedergeschlagen und einige der Anführer unverzüglich und ohne Gerichtsverfahren erschossen. Aber es war diese Eskalation, in deren Folge Michael Collins die Iren gegen die Besatzer einschwören konnte. Seine Landsleute waren nun entschlossener und gewaltbereiter denn je.

Collins gründete die geheime „Irisch-republikanische Armee“ (IRA) und begann mit gezieltem Terror gegen die Briten und auch gegen irische Informanten des britischen Geheimdienstes. Einsatzkräfte und Kollaborateure wurden auf offener Straße oder in ihren Wohnungen erschossen. Letztlich waren die Briten bereit, mit den Iren zu verhandeln: 1922 konnte der irische „Freistaat“ ausgerufen werden, aus dem später die Republik Irland hervorging. Nur Nordirland blieb ein (bis heute krisengeschüttelter) Teil des „Vereinigten Königreiches“. 

Hätte Michael Collins – in Neil Jordans Film überzeugend dargestellt von Liam Neeson – seine Ziele irgendwie auch ohne Terror erreichen können? Nach Jahrhunderten des erfolglosen Widerstands? Nach Krisen wie etwa der von England mitverschuldeten Hungersnot von 1845 bis 1849, während der etwa 1,5 Millionen Iren starben? Dem Pazifismus zugeneigte Beobachter mögen sich solche Fragen stellen.

Jedenfalls galt auch für Michael Collins letztlich das biblische Prinzip von „Saat und Ernte“: Im Alter von nur 32 Jahren wurde er selbst erschossen – just zu einem Zeitpunkt, als er mit einem noch radikaleren Mitstreiter, Eamon de Valera (Alan Rickman), Frieden schließen wollte. Dem ehemaligen Verbündeten war der irische Freistaat, der mit den Briten ausgehandelt worden war, zu wenig. De Valera kämpfte mit allen Mitteln – und auch gegen Collins und die Mehrheit der Iren – für eine Republik inklusive Nordirland. „Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder“: Michael Collins Ermordung ist ein tragisches Beispiel für dieses Prinzip.

Neil Jordans Film wurde 1996 mit dem „Goldenen Löwen“ der Filmfestspiele von Venedig ausgezeichnet. Außerdem erhielt er Oscar-, Golden-Globe- und andere Nominierungen.  

Neben den großartigen Darstellern – unter ihnen Julia Roberts als Collins Fast-Frau Kitty Kiernan – gebührt vor allem dem Soundtrack Aufmerksamkeit. Die Filmmusik des US-amerikanischen Komponisten Elliot Goldenthal wurde für mehrere Preise nominiert, und die Solostimme gehört einer damals noch völlig unbekannten jungen irischen Künstlerin, die mit ihrer phantastischen Stimme Weltkarriere machen sollte, sich aber gleichzeitig einen zweifelhaften Ruf als „ewige Revoluzzerin“ erwarb, deren Unzufriedenheit vor dem eigenen Leben nicht Halt machte: Sinéad O’Connor. Sie interpretierte unter anderem das irische Traditional „She Moved Through the Fair“.

(1996; 132 Minuten)