Idealismus versus spirituelle Dummheit

Tom McCarthys oscarprämiertes Drama um sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche

Kindesmissbrauch durch Vertreter der katholischen Kirche: Irgendwie hat diese Thematik längst das Allgemeinbewusstsein durchdrungen, und irgendwie steht dabei die Meinung im Raum, bei solchen Vorkommnissen würde es sich halt – die Kirche in Ehren – um Einzelfälle handeln, wie sie in jeder Organisation vorkommen können. 

Der Film „Spotlight“ – 2016 mit dem Oscar in der Königsklasse „Bester Film des Jahres“ ausgezeichnet – räumt mit dieser weichgespülten Wahrnehmung gründlich auf. Auf der Grundlage von wahren Gegebenheiten schildert Regisseur und Drehbuchautor Tom McCarthy, was sich 2001 und in den folgenden Jahren in der Redaktion der US-amerikanischen Tageszeitung „The Boston Globe“ abspielte und wie ein Skandal von globaler Tragweite aufgedeckt wurde, der bis heute nachwirkt.

Seine herausragenden Thriller-Qualitäten bezieht der Film allein aus der Schilderung des Alltags einer kleinen Gruppe von Investigativ-Journalisten, „Spotlight“ genannt. Zusätzliche dramaturgische Kniffe sind nicht nötig. Auch die schauspielerischen Leistungen beeindrucken nicht durch herausragende Solodarbietungen, sondern weil Mark Ruffalo, Michael Keaton, Rachel MacAdams, Liev Schreiber und John Slattery gemeinsam das Kunststück gelingt, unspektakulär, aber umso glaubwürdiger ein funktionierendes Aufdecker-Team darzustellen.

Die Geschichte beginnt 2001 mit einem neuen Herausgeber, der den „Boston Globe“ durch gute Storys noch mehr ins Gespräch bringen will: Marty Baron beauftragt das „Spotlight“-Team, intensivere Nachforschungen über eine Meldung anzustellen, die ursprünglich nur irgendwo als Randnotiz im Lokalteil veröffentlicht worden war: Ein pädophiler Priester habe Kinder missbraucht – und der Erzbischof von Boston habe davon gewusst, aber nichts unternommen.

Im Zuge der Recherchen stellt sich schnell heraus, dass es sich um keinen Einzelfall handelt. Aber das wirkliche Ausmaß des Skandals verschlägt den Journalisten – und dem Zuseher – den Atem: Allein in Boston gab es an die 90 Priester, die sich an Kindern vergangen haben; die Kirche wusste davon, griff aber nie nachhaltig ein. Die Priester wurden lediglich versetzt … bis sie erneut ihre Spur hinterließen: verzweifelte, ohnmächtige Eltern, psychisch verstümmelte junge Menschen.

Ein Informant aus dem kirchlichen Umfeld macht dem „Spotlight“-Team schließlich klar, dass auch die Stadt Boston kein Einzelfall ist. Das Problem sei systembedingt: 50 Prozent der Priester lebten den Zölibat nicht, sechs Prozent seien pädophil, und alles gedeihe hinter den Mauern des Schweigens, Wegschauens, Tabuisierens.

Der Film schließt mit einer Auflistung von Städten, in denen nach den Enthüllungen von Boston große Pädophilie-Skandale bekannt wurden. Sie zeigt die Dimensionen eines globalen Problems und erscheint endlos.

Dem „Spotlight“-Team wurde nach der Veröffentlichung seiner Recherchen in Hunderten von Artikeln im Jahr 2003 der Pulitzer-Preis für den „Dienst an der Öffentlichkeit“ verliehen. 

Etwa 15 Jahre nach den Enthüllungen gab Tom McCarthys Film der Aufarbeitung des in seinen Dimensionen eigentlich unfassbaren Skandals einen weiteren Ruck: Der Kardinal des Erzbistums Boston befand, dass Spotlight zeige, „wie die Zeitungen die Kirche dazu brächten, sich mit beschämenden Dingen zu konfrontieren“. Die Vatikan-Zeitung „Osservatore Romano“ bezeichnete das Filmdrama als „überzeugend“. Und ein Sprecher von „Radio Vatikan“ meinte, der Film sei „ehrlich und dringend“. Er würde der katholischen Kirche helfen, „ihre Sünden zuzugeben und die Konsequenzen dafür zu tragen“.

Hat sich die Großwetterlage nach dem skandalösen Unwetter also wieder beruhigt? Wird die katholische Kirche mit ihrer Strategie erfolgreich sein, die da offensichtlich lautet: Das alles war einmal, wir bereuen es zutiefst, aber jetzt blicken wir bitte gemeinsam wieder nach vorn und nach oben!? 

Wir werden sehen. Das eigentliche Problem im Hintergrund hat der Film jedenfalls nur gestreift, nämlich: Wo immer Personengruppen idealistischen Vorstellungen folgen, die Verhaltensregeln, Dogmen und Heilserwartungen im Gepäck haben, besteht die Gefahr, dass Bereiche des menschlichen Lebens pauschal und unangemessen verurteilt, fanatisch abgewertet oder tabuisiert werden. Die Sexualität, mit der die katholische Tradition solche Probleme hat, ist nur ein Beispiel dafür. 

Und wenn immer ein „Filter“ angelegt wird, der die Freiheit von Menschen zugunsten eines konstruierten Idealzustandes einengt, entstehen spezielle Verhaltensmuster und Gedankenformen, die das Leben in der Gruppe prägen. Und die gleichzeitig besonders attraktiv auf Sonderlinge wirken können, für die solche speziellen Muster und Formen eine echte Wohlfühlzone darstellen.

Deshalb finden sich in idealistischen Gruppen auffallend oft Fanatiker, Dogmatiker, Sektierer und Spinner, Menschen mit psychischen und sozialen Problemen, die sich gedanklich eine spezielle Sicht von Gut und Böse zurechtzimmern und es angenehmer finden, sich von ihren „wissenden“ Führern das Leben vorschreiben zu lassen, als sich mutig und neugierig dem einfachen, bunten Alltag zu stellen.

Nichts gegen den Idealismus, selbstverständlich nicht. Aber sobald der Mensch in seiner Gesamtheit von Stärken und Schwächen, Fähigkeiten und Bedürfnissen nicht erkannt oder gezielt beschnitten wird, weil das goldene Kalb der Idealvision den Realitätssinn verblendet, wird es gefährlich. Dann regieren geistige Blindheit, spirituelle Dummheit und Scheinheiligkeit – bis irgendwann der Leidensdruck aus dem konfessionellen Gefängnis drängt.

In Boston hat es vor einigen Jahren journalistische Hilfe für den Ausbruch gegeben. 

(2015, 128 Minuten)