Sturschädel und Menschenfreund

Antonin Svobodas Film-Biographie des österreichischen Psychiaters und Querdenkers Wilhelm Reich

Unternehmen OROP, Wüste Arizona, 1954: Ein älterer Mann hat ein seltsames Gerät aus mehreren Rohren auf einer drehbaren Scheibe in Stellung gebracht. Die Rohre sind mit Kabeln verbunden und gegen den wolkenlosen Himmel gerichtet. Sie sollen die OR-Konzentration beeinflussen, die Luft von DOR reinigen und die Wüste fruchtbar machen. Das Gerät heißt „Cloudbuster“, der Prozeß CORE.

Wir befinden uns in der Welt von Wilhelm Reich (1897–1957). „OR“ steht für Orgon-Energie, für jene umfassende Lebensenergie, die dem fernöstlichen Begriff des „Chi“ entsprechen dürfte. „DOR“ dagegen ist das „deadly Orgon“, die tödliche, destruktive, gegen das Leben gerichtete Kraft, die – etwa durch Atombombenversuche – die Atmosphäre zerstört und die Lebensfunken aus der Natur und allen Organismen treibt. Und weil Öde, Krankheit und Lebensferne sich immer weiter ausbreiten, geht es darum, DOR mit OR zu bekämpfen. Deshalb OROP, die Orgonenergie-Operation in der Wüste – ein Experiment, bei dem CORE zum Einsatz kommt, das „Cosmic Orgone Engineering“, die kosmische Orgontechnik des „Cloudbusters“.

Mit dieser Schlüsselszene in der Wüste beginnt Antonin Svoboda seinen Film über den „Fall Wilhelm Reich“. Und obwohl man dem österreichischen Filmemacher, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, unterstellen könnte, die einleitende Dramaturgie dem 1986 veröffentlichten Sachbuch-Comic „Reich for Beginners“ (deutsche Ausgabe erschienen bei Zweitausendeins) entlehnt zu haben, gäbe es wohl keinen besseren Auftakt für eine Verfilmung von Wilhelm Reichs letzten Lebensjahren in den USA. Jahren, die einer Hexenjagd glichen: Verleumdungen, Denunzuierungen, Bücherverbrennungen, Gerichtsverfahren, Verhaftung, zuletzt ein mysteriöser Tod im Gefängnis …

Für die Rolle Wilhelm Reichs ist Klaus Maria Brandauer die Idealbesetzung. Er gibt den nicht wirklich einzuordnenden österreichischen Visionär und Querdenker als schrulligen, unbeugsamen Sturschädel, aus dem aber doch der Menschenfreund lugt. Kameramann Martin Gschlacht sorgt für durchweg beeindruckende Bilder, die sich unter der Regie von Antonin Svoboda stellenweise als visuelle Meisterwerke präsentieren.

Was der Film, der mit reduzierten und eher vordergründigen Dialogen operiert und heikle Bereiche aus der Biographie unberücksichtigt läßt, indes nicht bieten kann (oder will), ist ein endgültiges Urteil oder auch nur eine annähernde Einschätzung Wilhelm Reichs. War er ein bis heute verkanntes Genie? Oder nur ein Forscher, der den Bezug zur Realität verlor? War er visionärer Naturbeobachter? Oder ein Eigenbrötler, der die Welt mit unnützen Erfindungen hinters Licht führte? Wurde er durch sein Wissen den Mächtigen der USA gefährlich? Oder waren eher seine skurrilen Ideen für die Menschheit gefährlich?

Antonin Svobodas Film regt jedenfalls – 55 Jahre nach dem Tod Wilhelm Reichs – dazu an, nach Antworten auf diese Fragen zu suchen. Vielleicht ist das heute, wenn man das an kaum einzuordnenden Skurrilitäten überreiche Leben Reichs aus größerem Abstand betrachten kann, leichter als damals.

Reich wurde 1987 in Dobzau, Galizien (damals zu Österreich-Ungarn gehörig), als erster von zwei Söhnen ehemals jüdischer Eltern geboren. Sein tiefes Interesse an der Sexualität und ihrer Bedeutung für das Seelenleben brachten ihn in Berührung mit Sigmund Freuds Psychoanalyse, und 1920 wurde er noch als Student – was einer Auszeichnung gleichkam – in die „Wiener Psychoanalytische Vereinigung“ aufgenommen. Zu den wichtigsten Begriffen, die der er als Psychiater prägte, gehört der „Charakterpanzer“. Wilhelm Reich hatte erkannt, daß die Menschen dazu neigen, einen „charakterlichen Panzer“ um sich zu legen, mit dem sie sich gegenüber der Außenwelt schützen, der sie gleichzeitig aber seelisch von bestimmten Wünschen und Trieben abschottet und körperlich verspannt.

Reichs Arbeit kreiste zunächst um energetische Aspekte der Sexualität. In seiner berühmt-berüchtigten „Orgasmustheorie“ (um 1926) beschrieb er den Orgasmus nicht nur als biologische Notwendigkeit zur Fortpflanzung, sondern als den zentralen Höhepunkt des menschlichen Erlebens – was seinen zweifelhaften Ruf als „Sexguru“ begründete.

Reichs Suche nach der eigentlichen Lebensenergie führte Mitte der 1930er Jahre zum Begriff der „Orgon-Energie“. Zu dieser Zeit hatte er bei mikroskopischen Forschungen auf zerfallendem organischen Gewebe „Bione“ entdeckt – seltsame Bläschen, die sich offenbar mit Energie aufladen. Beim Zerfall der „Bione“ wird Lebensenergie – „Orgon-Energie“ frei.

Diese Erkenntnisse sind bis heute umstrittenen, aber jedenfalls markieren sie einen neuen Abschnitt auf Wilhelm Reichs Lebensweg: Der Psychiater und Soziologe entwickelt sich zum Naturforscher und Erfinder – aber viele Freunde und Kollegen, die die Arbeit des Visionärs, Provokateurs und Aufklärers bis dahin unterstützt hatten, wenden sich nun ab.

Nach einen intensiven, jedoch relativ kurzen politischen Intermezzo, bei dem er sich den Kommunisten anschloß, und nach Aufenthalten in Skandinavien und Wien emigrierte Wilhelm Reich auf der Flucht vor den Nationalsozialisten 1939 nach New York. Die Nazis hatten bereits 1933 seine Bücher verbrennen lassen, weil er sich kritisch zur „Massenpsychologie des Faschismus“ (so ein Buchtitel Reichs) geäußert hatte.

In den USA entwickelte er dann um 1940 seine „Orgon-Akkumulatoren“, die ihm den Ruf eines „Wunderdoktors“ einbrachten: Auf der Grundlage der Erkenntnis, daß organische Materialien wie Holz die „Orgon-Energie“ speichern können und sie von Eisen angezogen und reflektiert wird, baute Reich Kisten mit speziellen Wänden, in die sich erwachsene Menschen setzen können, um in der Stille die Konzentration der Energie, die zur Gesundung führt, mitzuerleben. Seine Lehre bezeichnete Reich nun als „Orgonomie“, das Zentrum seiner Tätigkeit, ein ländliches Anwesen, trug den Namen „Orgonon“.

In dieser Zeit spielt Antonin Svobodas Film „Der Fall Wilhelm Reich“. Denn nicht allzu lang ist es dem Wegbereiter des ganzheitlichen Denkens in den USA vergönnt, in Ruhe zu forschen. Bald treffen zwei Weltbilder mit Urgewalt aufeinader: Während Reich mit unkonventionellen Therapien und verwegenen Erfindungen Erfolge feiert und lächelnd Mäuse streichelt, die als Versuchstiere mit Hilfe der Orgon-Energie ihre Krebskrankheit überwinden konnten, experimentiert ein anderer Psychiater kaltblütig mit Menschen: Donald Ewan Cameron glaubt,  das Gedächtnis via Elektroschocks löschen und durch gezielte Suggestivlehren via Tonband wieder aufbauen zu können. So könnte man doch die perfekten Soldaten züchten …

Indes sind es Reichs Methoden und Ansätze, die auf die Mächtigen zutiefst suspekt wirken. Also wird der unberechenbare „kommunistische Wissenschaftler“ überwacht, ausspioniert (Birgit Minichmayr gibt die unter Gewissensqualen leidende Spionin) – und bald mit einem gerichtlichen Verbot konfrontiert: Reich darf seine Orgon-Akkumulatoren nicht mehr verwenden.

Zunächst beachtet der alte Sturschädel das Muskelspiel des Gerichtes einfach nicht – schließlich gehe es um wissenschaftliche Fragen, und diese können doch auf einer solchen Ebene nicht entschieden werden! Aber letztlich lodert im Augst 1956, ziemlich genau 23 Jahre nach den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen, wieder ein Scheiterhaufen um Wilhelm Reich: Nicht nur die Orgon-Akkumulatoren werden unter der Aufsicht der amerikanischen „Food And Drug Administration“ (FDA) vernichtet, sondern auch alle seine Bücher.

Bereits zuvor hatte Wilhelm Reich – von vielen Angehörigen und Freunden bereits verlassen – einen herben Rückschlag einstecken müssen: 1951 war das „Oranur“-Experiment mißlungen, bei dem er mit Hilfe von Orgon-Energie radioaktive Strahlung unschädlich machen wollte, während diese sich dadurch aber offenbar verstärkte.

1954 folgte dann die Fahrt in die Wüste Arizona. Unternehmen OROP.

Und die Zeitungen berichteten, daß „der Himmel seine Schleusen öffnete“ …

Aus welchen Motiven die finsteren Männer mit den breiten Hüten (die offenbar nach ihrem Auftritt in Kate Bushs „Cloudbusting“-Video bei Svoboda eine zweite Chance erhielten) letztlich wirklich kamen, um Wilhelm Reich aus dem Verkehr zu ziehen, wird ein Rätsel bleiben.

Er selbst sah sich in den letzten Monaten seines Lebens, die er in Haft verbringen mußte, als Märtyrer – und hoffte vergeblich auf Befreiung.

Am 3. November 1957 erlitt der 60jährige Wilhelm Reich einen Herzinfarkt. Man muß der offenziellen Darstellung glauben. Eine Autopsie wurde nicht durchgeführt.

(2012; 111 Minuten; http://www.reich-derfilm.at/index.html)