Landung auf dem Hudson River

Clint Eastwoods packendes Piloten-Drama „Sully“

Am 15. Januar 2009 startet der US-Airways-Flug 1549 mit 150 Passagieren und fünf Besatzungsmitgliedern vom Flughafen „La Guardia“, New York City, in Richtung Seattle. Etwa drei Minuten nach dem Abheben trifft die Maschine auf einen Schwarm von Wildgänsen. Die Vögel werden in die Triebwerke gezogen, unmittelbar danach fallen beide aus – in einer Flughöhe von rund 1.000 Metern.

Sekunden später ist klar, dass eine sichere Rückkehr zu einem Flughafen nicht mehr möglich ist. Kapitän Chesley B. Sullenberger, ein erfahrener Pilot, entscheidet, die Maschine auf dem Hudson River zu landen und teilt das der Flugsicherung mit. Sofort werden Rettungsmaßnahmen eingeleitet. Allen ist bewusst, dass für die Fluggäste die Wahrscheinlichkeit, dieses Manöver zu überleben, extrem gering ist. Denn selbst wenn dem Piloten der Anflug gelingen sollte, würden die beim Airbus A320-214 unter den Tragflächen montierten Triebwerke beim Eintauchen in das fließende Wasser unsymmetrisch abreißen, das Flugzeug zum Wirbeln bringen und auseinander brechen lassen. Zudem ist das Wasser des Flusses um diese Jahreszeit eiskalt.

Doch dann ereignet sich das „Wunder vom Hudson“: Kapitän Sullenberger gelingt eine fliegerische Meisterleistung. Nach einem Gleitflug setzt er den Airbus etwa eineinhalb Kilometer vom Times Square entfernt perfekt am Wasser auf, die Maschine zerbricht nicht, alle 155 Insassen können nahezu unverletzt gerettet werden. In der Geschichte der Luftfahrt ist ein solches Manöver mit einer Maschine dieser Größe noch nie zuvor gelungen. –

So naheliegend es sein mag, die Geschichte des US-Airways-Flugs 1549 zu verfilmen, so heikel ist ein solches Unternehmen aus dramaturgischer Sicht: Denn die Ereignisse umfassen nur wenige Minuten – und jeder kennt von vornherein den glücklichen Ausgang. Lässt sich unter solchen Rahmenbedingungen eine wirklich spannende Geschichte erzählen?

Erstaunlicherweise hat Clint Eastwood mit seinem Spielfilm „Sully“ genau das geschafft. Unterstützt von Drehbuchautor Todd Komarnicki thematisiert er nicht nur die dramatischen Sekunden des Gleitflugs und der Notwasserung, sondern vor allem die psychische Situation des Piloten.

Was, wenn der Gleitflug nicht gelungen wäre? Wenn die Maschine in den Häuserschluchten von New York zu Bruch gegangen wäre? 

Mit diesem Albtraum-Szenario beginnt Eastwood seinen Film. Denn Kapitän Sullenberger wird nach seiner Landung auf dem Hudson River zwar von den Medien und von der Öffentlichkeit als Held gefeiert, muss sich aber gleichzeitig psychisch extrem fordernden behördlichen Untersuchungen stellen: Warum ist er beispielsweise der Aufforderung des Fluglotsen, nach „La Guardia“ zurückzukehren oder auf dem nahe gelegenen Flughafen „Teterboro“ notzulanden, nicht gefolgt? Hat er womöglich unnötigerweise 155 Menschenleben gefährdet und ein Flugzeug ruiniert?

Computersimulationen der Firma „Airbus“ scheinen zu beweisen, dass eine sichere Landung auf beiden Flughäfen möglich gewesen wäre …

Das Psychodrama, das sich unter der Last vermeintlich hieb- und stichfester Anklagepunkte bis zur  restlosen Rehabilitierung von Kapitän Sullenberger ereignet, bildet den eigentlichen dramaturgischen Faden des Films. 

Clint Eastwoods Regie ist, wie üblich, meisterhaft und zieht den Zuschauer, wie so oft in dem reichhaltigen Spätwerk des Altmeisters, durch eine ruhige, fast dokumentarische und doch stets extrem fokussierte Erzählweise in ihren Bann. 

„Sully“ wird von Tom Hanks verkörpert (der für die Rolle 2017 mit dem „Icon Award“ ausgezeichnet wurde). Er gestaltet überzeugend einen engagierten, verantwortungsbewussten Menschen, der weder überlebensgroß daher kommt, noch als besonderer „Macher“ – und dennoch, vielleicht gerade deshalb, als Held erscheint.

Nette Geste zum Schluss: Während des Abspanns ist ein Zusammentreffen der echten Crew mit Passagieren des US-Airways Flugs 1549 zu sehen.

(2016, 96 Minuten)