„Beispiellos in der Geschichte des Kinos“

Joshua Oppenheimers eindringliche Filmdokumentation „The Act of Killing“

Selten hat mich ein Film so aufgewühlt und zum Nachdenken angeregt wie die Dokumentation „The Act of Killing“ („Der Akt des Tötens“) des texanischen Regisseurs Joshua Oppenheimer. Weniger deshalb, weil diese Produktion alle bisher gültigen Grenzen journalistischer Filmkunst überschritt und 2014 – zu Recht – für den Oscar nominiert wurde, sondern vielmehr, weil sie dem Zuschauer drastisch jenes einfache Prinzip vor Augen führt, das aus einem Menschen – ohne dass er es selbst merkt – einen Unmenschen macht. Ein Prinzip, das allerdings nicht auch einfach zu durchschauen ist. Deshalb „greift“ es in kriegerischen Auseinandersetzungen ebenso wie in konfessionellen oder idealistischen Gemeinschaften, und es hat zweifellos das Potential, jeden Menschen und jede Gesellschaft zu gefährden.

Aber der Reihe nach: Schauplatz des Films „The Act of Killing“ ist der Inselstaat Indonesien, der größte Staat Südostasiens. Mit knapp 240 Millionen Einwohnern liegt Indonesien heute auf Platz 4 der bevölkerungsreichsten Staaten der Erde. Er umfasst 17.500 Inseln, von denen mehr als 6.000 bewohnt sind – darunter so bekannte wie Borneo, Sumatra, Java und Neuguinea.

Im Herbst des Jahres 1965 spielte sich hier eine Tragödie ab: Teile des Militärs putschten gegen die indonesische Regierung. Der politisch weit rechts stehende und von den USA unterstützte General Haji Mohamed Suharto (1921–2008) schlug den Aufstand nieder und beschuldigte die (an dem Putschversuch vermutlich unbeteiligte) kommunistische Partei, den Umsturz angezettelt zu haben. In der Folge setzte eine unglaubliche Hetze gegen jeden Menschen ein, der als Kommunist diffamiert wurde. Als Helfershelfer des Militärs zogen Mörderbanden durchs Land, raubten, setzten Häuser in Brand, vergewaltigten Frauen, folterten und töteten in bestialischer Grausamkeit. Innerhalb weniger Monate starben durch diese Massaker schätzungsweise eine Million (!) Menschen, darunter viele regierungskritische Studenten und vor allem Chinesen. Konzentrationslager wurden errichtet, an der chinesischen Minderheit wurde praktisch ein Völkermord verübt.

In Indonesien sind diese schrecklichen Ereignisse bis heute ein Tabu. Die Täter – zu ihnen gehören zum Beispiel Anwar Congo und Adi Zulkadry – sind als „Schlächter“ bekannt, wurden aber nie zur Rechenschaft gezogen. Und die Angehörigen der Opfer wagen es nach wie vor nicht, die tragischen Geschichten ihrer körperlich oder seelisch zerstörten Familien zu erzählen. Denn manche von ihnen leben in direkter Nachbarschaft mit denen, die sich als „Helden des siegreichen Krieg gegen die Kommunisten“ feiern lassen. Anwar Congo genießt als Gründungsvater einer rechtsextremen paramilitärischen Organisation immer noch höchstes Ansehen und darf sich seiner Gräueltaten rühmen, während auf der Opferseite schon Jahrzehnte lang die pure Angst regiert.

Mit seinem Film „The Act of Killing“ brach Joshua Oppenheimer, der selbst einige Familienmitglieder im Holocaust verlor, in diesen Tabubereich der indonesischen Geschichte und Gegenwart ein. Aber nicht etwa, indem er Opfer fand, die das Unaussprechliche doch in Worte zu fassen wagten. Nein, er gab einfach den Tätern Gelegenheit, sich vor der Kamera zu präsentieren – Anwar Congo, Adi Zulkadry, Herman Koto und anderen. Er lässt sie detailliert von ihren „Heldentaten“ berichten, und sie nutzen vergnügt die Gelegenheit, der Welt zu zeigen, wie sie in ihrer Heimat Geschichte geschrieben haben … wo und wie man vermeintliche Kommunisten folterte oder wie es gelang, mit Hilfe einfacher Drahtschlingen in kurzer Zeit unzählige Menschen zu ermorden, ohne ein unschönes Blutbad anzurichten. Und die Schlächter berichten nicht nur frei, offen und reuelos, sie stellen sich sogar als Schauspieler zur Verfügung, um ihre geschichtsträchtigen Taten für die Kamera noch einmal nachzustellen. Anwar Congo kauft sich schwarze Kleidung, färbt sein inzwischen weiß gewordenes Haar und lässt sich kriegerisch schminken, um authentisch zu wirken. Einige ängstliche Nachbarn werden genötigt, vor der Kamera die Opfer zu spielen. Wieder werden Menschen verhört und gefoltert, Familien auseinander gerissen, Häuser in Brand gesetzt; wieder fließen Tränen und verhallen verzweifelte Schreie. Diesmal nur für die Dokumentation, gewiss – aber die Grenzen zwischen filmischer Szenerie und Wirklichkeit verfließen, es sind reale Ängste, Schreie, Tränen, die Anwar Congo und seine Komplizen bei ihren Statisten auslösen.

Auch vor 50 Jahren sind Film und Wirklichkeit nahtlos ineinander übergegangen. Anwar erzählt von seiner Arbeit als Jugendlicher im Kino, dass er die Kommunisten hasste, weil sie seine geliebten amerikanischen Filme boykottieren wollten. Und dass amerikanische Gangsterfilme für ihn das leuchtende Vorbild waren, wenn es um den Stil des Tötens ging …

Joshua Oppenheimer treibt die eitle, reuelose Selbstinszenierung der indonesischen Terroristen in „The Act of Killing“ zum Höhepunkt. Er bietet ihnen die Gelegenheit, eigene Szenen zu entwerfen – solche, die typisch für ihre Lieblingsgenres sind: Gangsterfilm, Musical, Western, Film Noir … überall stehen die Schlächter von einst, zum Teil in skurrilen Kostümen, stolz im Mittelpunkt, tanzend, reitend, gebietend, frei. 

Und warum nicht auch einmal das machtlose Opfer geben? Sich selbst die Drahtschlinge um den Hals ziehen lassen … hilflos und haltlos werden … den Tod vor Augen haben? 

Erstmals, und eigentlich nur für die Kamera, begibt sich Anwar Congo also in die Gedankenwelt des Todgeweihten. Aber nun geschieht, nach wenigen Momenten, das Unerwartete: Der stolze Halt eines längst gestürzten Menschen löst sich, der Hauch von Selbstreflexion treibt dem Massenmörder die Tränen in die Augen. Ob seine Opfer auch so empfunden haben, fragt er unsicher. Naivität hat sein Leben geprägt. Er beginnt, über den Begriff „Karma“ nachzudenken. Wenn all das, was er getan hat, auf ihn zurückkäme … Er will das nicht zu Ende denken. 

In einer der letzten Szenen zeigt Joshua Oppenheimer den gebrochenen Anwar Congo in einem der früheren Todesbunker stumm umherirrend, ausspuckend, sich übergebend, gebannt von der eigenen Geschichte, überwältigt von Ekel …

Der deutsche Regisseur und Produzent Werner Herzog bezeichnete den mehrfach preisgekrönten Film „The Act of Killing“ als „machtvoll, surreal und beängstigend“. Er sei „beispiellos in der Geschichte des Kinos“. Das ist er in seiner kompromisslosen Art, menschliche Haltungen und Absichten ins Blickfeld zu locken, um sie letztlich durch sich selbst zu entlarven, wohl wirklich. Dabei verdeutlicht diese Dokumentation vor allem auch eindringlich, wie nah und „menschlich“ das Böse ist. Denn was Anwar Congo und seine Kumpanen charakterlich vor allem zeigen, ist eine schier unglaubliche Naivität. Nicht außergewöhnliche Gewaltbereitschaft, Sadismus oder intellektuelle Abgründigkeit kennzeichnen die Fehlentwicklung vom Menschen zum Massenmörder, sondern die „ganz normale“ Dumpfheit im Denken.

Die echte Empfindung des Menschen – und damit das Gewissen – kann sich nur melden, wenn die geistige Wahrnehmung intakt ist. Denn die innere Stimme steht in lebendiger Wechselwirkung mit allen Mitmenschen und Situationen, kurz: mit den Anforderungen des Lebens. Doch dieses einfache, aber umfassende „Mitten-im-Leben-Stehen“ kann verloren gehen, sobald sich gedanklich bestimmte – oft allzu sehr vereinfachte – Vorstellungen etablieren; fixe Ideen davon, wie andere sind und wie sie sein sollten. Solche Verstandeskonstrukte lassen die natürliche Empfindung verstummen, weil sie wichtiger werden als die unmittelbare Wirklichkeit. Das Erspüren dessen, was dem Mitmenschen oder einer Lebenssituation gerecht wird, ist nicht mehr entscheidend; wichtig erscheint lediglich, dass das eigene Handeln dem gedanklichen Leitbild entspricht … wobei diese fixen Vorstellungen sehr oft ausgeprägten Schwarz-weiß-Charakter haben: Freund oder Feind, Licht oder Dunkel. 

Dieses einfache Muster – die Verengung der Wahrnehmung durch den „Scheuklappen-Blick“ auf ein inneres Bild und, damit einhergehend, der Verlust der Empfindungsfähigkeit – zeigt sich in vielen Bereichen des Lebens. Denn das Einteilen, Ab- und Verurteilen von Menschen auf Grund von festgefügten Vorstellungen ist recht bequem. Es erfordert weder Empfindsamkeit noch Gedankentiefe. Und genau diese menschliche Schwäche, die das Tor zu jedwedem Fanatismus öffnet, wurde und wird immer wieder ausgenutzt: Wenn aus Soldaten empfindungslose Tötungsmaschinen werden sollen, dann funktioniert das nur, wenn ihr Denken einfachen Freund-Feind-Schablonen folgt und der wirkliche Bezug zum menschlichen Gegenüber damit ausgeblendet wird. Wenn sich Menschen in Sektierer oder religiöse Fanatiker verwandeln, greift das gleiche Prinzip: Dogmen, Ideale oder bestimmte fixe Ideen werden als einziger Wertmaßstab in den Vordergrund gerückt – und damit wichtiger als die Mitmenschen. Der Bezug zu deren Bedürfnissen oder Erwartungen geht verloren, sie werden gar nicht mehr als Persönlichkeiten wahrgenommen.

In dieser Verengung der Wahrnehmung durch die Fokussierung auf eine fixe Vorstellung, einen Soll-Zustand liegt das Wesen jeder „Gehirnwäsche“ – und ein zentrales Problem des Idealismus. Denn gerade auch das Verkrampfen an Idealen kann zum Verlust der Empfindungsfähigkeit führen.

Aber ob es um wirkliche Werte geht oder nur um verwerfliche politische Ziele, das Prinzip bleibt das gleiche: Je einfacher die innere Schablone, je naiver und dumpfer die Gedanken, desto leichter können üble Neigungen durchbrechen, desto größer wird das Potential für Unmenschlichkeit und letztlich … für den „Akt des Tötens“.

(2013; ca. 100 Minuten - es gibt mehrere Schnittfassungen)