Die Maschinerie des Weltgerichts

Adam McKays entlarvendes Finanzwirtschafts-Drama „The Big Short“

Wie schnell scheint doch alles wieder weit, weit in der Vergangenheit zu liegen …

In den Jahren 2007/2008 ereignete sich eine Weltwirtschaftskrise, die für Millionen Menschen den Ruin bedeutete, Staatskrisen auslöste, die Armen noch ärmer machte und Banken in die Pleite stürzen ließ. Letztlich wurden die Steuerzahler zur Kasse gebeten, um das System zu retten.

Welches System eigentlich? 

Diese Frage beantwortete Michael Lewis in seinem 2010 veröffentlichten Buch mit dem Titel „The Big Short – Inside the Doomsday Machine“. Der markige Untertitel könnte übersetzen werden mit: „In der Maschinerie des Weltgerichts“.

In diesem Buch, das sofort zum Bestseller wurde, beschreibt Lewis, wie Spekulationsgeschäfte in den USA zu der weltweiten Krise führten. Immobilien wurden weit über ihrem Wert gehandelt, die Rating-Agenturen (deren Aufgabe es eigentlich wäre, objektive Bewertungen vorzunehmen) sahen bewusst weg, ein Sumpf aus maßloser Unwissenheit, Dummheit und Gier ließ immer neue fragwürdige Finanzprodukte entstehen, und als die nahende Katastrophe schon absehbar war, wurde gelogen und betrogen, um den Superreichtum der Superreichen trotzdem noch weiter zu vermehren. Schließlich, als gar nichts mehr ging, konnten die Politiker erfolgreich davon überzeugt werden, dass die Banken mit öffentlichen Geldern gerettet werden müssen. Denn müssten sie zusperren, wäre alles verloren. Die Strategie ging auf. Verurteilt wurde keiner der verantwortlichen Manager.

Michael Lewis porträtiert in seinem Buch einige besonders schräge und zugleich herausragend intelligente Persönlichkeiten aus der Finanzwelt, darunter Michael Burry, der bis 2008 unter dem Namen „Scion Capital LLC Hedge Fund“ einen Haufen Geld für Anleger verwaltete, die sich kräftige Gewinne erwarteten.

Dieser Charakter steht auch im Mittelpunkt der Film-Adaption von „The Big Short“, für die der US-amerikanische Drehbuchautor und Regisseur Adam McKay mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Ihm gelang 2015 – unterstützt durch Christian Bale (als Michael Burry), Steve Carrell, Ryan Gosling und Brad Pitt – ein kurzweiliger, entlarvender, schauspielerisch und handwerklich herausragender Spielfilm, der allerdings den Zuschauer am Ende doch ziemlich ratlos zurücklässt. 

Zwar sind die verantwortungslosen Gedankenflüge der Hedgefonds-Manager transparenter geworden und die Zusammenhänge klarer: Es ist die nackte Gier, das empfindungslose Vorteilsstreben, womit sich die Menschheit selbst in den Abgrund eines „Weltgerichts“ treibt. Auch sind einige der verwirrenden Kunst-Begriffe aus der Finanzwelt durchschaubar geworden; sie dienen letztlich wohl nur dazu, den gesunden Hausverstand und das einfache Gespür für Gerechtigkeit auszusperren. 

Aber zugleich wird zur Gewissheit, dass sich nach der großen Krise in dem menschenverachtenden Finanzsystem nichts geändert hat. Und dass der Handlungsspielraum kritischer Einzelpersonen sich letztlich darauf beschränkt, um alle undurchschaubaren Finanzprodukte einen weiten Bogen zu machen. Das befriedigt nicht wirklich, denn auf dieser Grundlage muss das „dicke Ende“ für die kapitalistische Weltwirtschaft wohl erst noch kommen.

Eine ähnliche Erkenntnis hat einige Monate vor der Krise von 2007 auch der Hedgefond-Manager Michael Burry (Christian Bale). Seine Nachforschungen ergeben, dass es in dem vermeintlich so narrensicheren Immobilienmarkt (von den Millionen amerikanischer Hausbesitzern werden doch wohl die allermeisten brav und pünktlich ihre Kreditraten bezahlen!) gewaltig knirscht. Sehr viele Kredite sind längst faul, aber die großen Investmentbanken handeln Pakete aus diesen Immobilienkrediten – sogenannte CDOs – weiterhin zu stark überhöhten Preisen. („CDO“ steht für „Collateralized Debt Obligation“, das ist eine Sammlung von Wertpapieren, die durch Forderungen besichert sind.) Und die Rating-Agenturen, deren Job es eigentlich wäre, genauer hinzuschauen, wie es um die Zahlungsfähigkeit der Kreditnehmer und den tatsächlichen Wert der Finanzprodukte steht, schauen lieber weg. Der Immobilienmarkt ist sicher, hat sicher zu sein, Punkt.

Michael Burry entdeckt, dass überhaupt niemand genauer hinschaut, und er errechnet, dass es nur noch kurze Zeit dauern wird, bis die „Immobilienblase“ platzt. Also entwickelt er eine ungewöhnliche Strategie, um das Geld seines Fonds zu retten: Er überredet zahlreiche Banken zu einer Art Wette. Diese verpflichtet ihn – ähnlich wie bei einem Versicherungsvertrag – regelmäßig Prämien zu bezahlen. Sollte aber der „Schadensfall“ eintreten, der Wert der CDOs also tatsächlich fallen, sind die Banken zur Zahlung eines hohen „Wettgewinns“ verpflichtet. 

Das Spiel – oder nennen wir es der Ordnung halber „Finanzinstrument“ –, mit dem Michael Burry sein Fonds-Vermögen retten will, heißt „CDS“ („Credit Default Swaps“). Und eine Spekulation mit Kursverlusten wird „Short“ genannt. „The Big Short“ – angesichts des vermeintlich sicheren Immobiliengeschäfts ist eine waghalsigere Verlust-Spekulation kaum denkbar. Wenig überraschend gerät Burry in der Folge gehörig unter Druck. Seine Kunden drohen, ihr Geld aus dem Fonds abzuziehen; die Banken hingegen freuen sich über einen „Verrückten“, der ihnen Millionenprämien bezahlt.

Letztlich wird Burry mit seiner Prognose Recht behalten – auch wenn die Katastrophe erst mit einiger Verzögerung eintritt, weil die Banken weder Manipulation noch Betrug scheuen, um den Schein des sicheren Immobiliengeschäfts zu wahren.

Neben Michael Burry zeichnet Regisseur Adam McKay einige weitere schillernde Figuren, teils fiktive Charaktere, teils reale Personen. Voran den Investmentbanker Mark Baum (Steve Carell). Er steht seinem eigenen Job und den heuchlerischen, menschenverachtenden Finanzspielen zunehmend kritisch gegenüber. Nachdem er erkannt hat, was auf dem Immobilienmarkt schief läuft, nimmt auch er eine „Short-Position“ ein – und wettet damit gegen seine eigene Bank. Aber eigentlich will er keine Gewinne mehr aus solchen Geschäften schlagen. Geld vermehrt sich schließlich nicht von selbst. Es arbeitet auch nicht durch irgendwelche grenzenlose, wunderbare Energien, die ihm innewohnen. 

Baum kennt die Kehrseite der auf Gewinne und Erträge fokussierten Finanzwelt: Es sind letztlich immer Menschen, die durch ihre Arbeit die Gewinnzuwächse der Reichen erwirtschaften müssen. Die Finanzwirtschaft und die Realwirtschaft berühren einander in den persönlichen Schicksalen Einzelner – und diese gestalten sich umso tragischer, je mehr Reichtum auf der anderen Seite angehäuft wird.

Dann wäre da noch Ben Rickert (Brad Pitt), der geläuterte Aussteiger, der mit der Finanzwirtschaft nichts mehr zu tun haben will, schließlich aber – auf Drängen zweier Freunde – doch in das CDS-Geschäft einsteigt. 

Und schließlich Jared Vennet (Ryan Gosling), der die Immobilien-Blase ebenfalls erkennt – und dennoch für die „Deutsche Bank“ CDS verkauft. Er lebt gut von den satten Prämien, die er dafür erhält. Seine Bank glaubt – wie alle anderen –, dass Immobilien sichere Häfen und „CDS-Prämien“ leicht verdientes Geld sind. Vennet selbst weiß, dass jede dieser Prämien der Bank langfristig großen Schaden zufügen wird. Aber das kratzt ihn nicht. Schließlich ist ja alles nur ein Spiel, in dem der Klügere gewinnt, oder?

Regisseur McKay lässt Jared Vennet nicht nur in der Rolle des Bankers auftreten, sondern auch in der des Erzählers. Denn da ist jemand, der das Spiel durchschaut – und schamlos für sich ausnützt. Solche Typen wirken im Allgemeinen ja irgendwie sympathisch. Intelligenz besticht.

Am Ende darf der Zuschauer entscheiden, ob er sich – von Vennet direkt angesprochen – ebenfalls bestechen lässt. Oder ob er sich von der Rücksichtslosigkeit und Habgier abwendet, die die „Maschinerie des Weltgerichtes“ treibt – ohne ein verständnisvolles Augenzwinkern.

(2015; 130 Minuten)