Tu es! Drück den Abzug!

Neil Jordans Thriller „Die Fremde in Dir“

Wer mit Gewaltdarstellungen Probleme hat, sollte um dieses Werk des irischen Regisseurs Neil Jordan einen Bogen machen. Es geht um Rache, und vordergründig erschöpft sich das Ungewöhnliche dieses „coolen Killer-Thrillers“ („Bild“-Zeitung) darin, dass diesmal nicht ein Mann rot sieht, sondern eine Frau.

Erica Bain (Jodie Foster) ist eine beliebte New Yorker Radiomoderatorin und gestaltet ihre „Streetwalk“-Features, indem sie die Stadt durchstreift und ihre Töne mit dem Mikrophon einfängt. Das akustische Flair einer Stadt, die sie liebt – bis eines Tages etwas Schreckliches passiert: Bei einem Spaziergang werden sie und ihr Verlobter David von mehreren Jugendlichen überfallen. Sie berauben die beiden nicht nur, sondern schlagen aus purer Lust an der Gewalt auf sie ein, in extremer Brutalität, rücksichtslos wieder und wieder, von jeder verbleibenden Lebensregung der am Boden liegenden Körper nur noch mehr weiter angesport, während einer der Jugendlichen den „Spaß“ auf Video festhält.

David erliegt den schweren Verletzungen, Erica selbst liegt wochenlang im Koma.

Als sie wieder erwacht, ist ihr Leben ein anderes: Die Beisetzung ihres Verlobten hat längst stattgefunden, die Mörder wurden nicht gefasst, und Erica sieht bald, dass ihr Schicksal für die Polizei nur ein Routinefall ist. Einer unter vielen.

Sie kämpft nun mit den dumpfen Ohnmachtsgefühlen, die sie immer wieder überwältigen, will arbeiten, Sendungen moderieren, sich selbst damit wieder aufrichten, aber zunächst gelingt es ihr nicht einmal, das Haus zu verlassen. New York ist anders geworden, Erica erlebt nicht mehr die bunte Vielfalt des städtischen Lebens, nicht mehr die brodelnde Kreativität, sondern nur noch die potentielle Gefahr. Immer wieder überwältigt sie Unsicherheit und Panik – bis sie schließlich das tut, was in den Vereinigten Staaten naheliegend ist: Sie kauft sich eine Waffe – illegal, weil sie glaubt, die Zeit bis zur Genehmigung des Waffenscheins nicht mehr überleben zu können.

Mit dieser „Sicherheit“ in der Tasche fasst Erica Bain innerlich wieder Fuß und nimmt ihre Arbeit im Studio auf. Aber bald gerät sie „zufällig“ in eine weitere Extremsituation: Abends, als einzige Kundin in einem Spirituosen-Geschäft, wird sie Zeugin eines Mordes: Ein Mann stürmt herein und erschießt, offensichtlich im Eifersuchtsrausch, unter wüsten Beschimpfungen seine frühere Freundin, die Frau an der Kasse. Erica hält den Atem an; der Mörder hat sie, versteckt hinter den Regalen, nicht gesehen. Doch just in diesem Augenblick gibt ihr Mobiltelefon einen Ton von sich, und sofort erwacht der Raubtierinstinkt des brutalen Täters. Zu allem bereit, durchforstet er Gang für Gang das Geschäft.

Erica schießt mit zitternden Händen dreimal. Und als ob sie selbst durch diese Schüsse in einer neuen, kalten Wirklichkeit erwacht ist, packt sie ihre Waffe ein, nimmt das Videoband aus der Überwachungsanlage, und geht nach Hause, ohne die Polizei zu verständigen. Abends spricht sie in ihr Diktiergerät, sie habe eine Fremde in sich entdeckt.

Es bleibt nicht bei diesem Vorfall. Kurze Zeit später beobachtet Erica in der U-Bahn, wie zwei Jugendliche einen anderen berauben und alle Fahrgäste daraufhin an der nächsten Station fluchtartig den Zug verlassen. Die beiden Täter triumphieren – bis sie, weit hinten im Abteil, Erica entdecken. Sie ist in stoischer Ruhe sitzengeblieben. Und ihre stille Entschlossenheit, der Gewalt nicht zu weichen, wird nun für die Provokateure zur Herausforderung. Einer der beiden nähert sich ihr, immer weiter, bis sie seinen Atem spüren kann, beflegelt sie mit abfälligen Worten und setzt ihr schließlich eine Messerklinge an den Hals. Bis ihn der erste Schuss trifft, und der zweite den anderen.

Diesmal haben Ericas Hände nicht mehr gezittert. –

Es sind präzise, starke, emotionsgeladene Bilder, mit denen Neil Jordan den Weg seiner Protagonistin in Szene setzt. Ein Solo für die zweifache Oscar-Preisträgerin Jodie Foster, die für diesen Film Publikumspreise erhielt und für den „Golden Globe Award“ nominiert wurde. Ein beeindruckendes Schauspiel, das vor allem auch gekonnt mit den Gefühlen des Publikums spielt. Man kann sich in Erica Bains Lage hineinfühlen, ihre Reaktionen nur zu gut verstehen.

Die Schüsse im Laden? Ein klarer Fall von Notwehr. Die Schüsse in der U-Bahn? Gut, vielleicht hätte es ja genügt, wenn sie den beiden ihre Waffe nur gezeigt hätte – aber andererseits, in einer solchen Situation …

Es folgen weitere Schüsse, und auch diese wirken irgendwie plausibel und provozieren im Zuseher jenes befriedigende Gefühl, aus dem Selbstjustiz-Thriller dieser Art ihre Faszination beziehen: Wieder etwas Schlechtigkeit aus der Welt radiert! Und wenn Erica Bains zuletzt ihrem Peiniger und dem Mörder ihres Verlobten gegenübersteht, den sie nach langen Recherchen ausfindig gemacht hat, und dieser sie offensichtlich reuelos und gewaltbereit wie eh und je verspottet, dann steht in diesem finalen Moment, wenn ihre Hände die Waffe umfassen, ein machtvoller Gedanke im Raum: „Tu es! Drücke jetzt den Abzug!“

Dabei treibt der Film die Idee, dass Rache und Selbstjustiz moralisch zu rechtfertigen wären, gekonnt auf die Spitze: Denn bei ihrer letzten Tat erhält Erica Bains sogar Unterstützung von dem Detective (Terrence Howard), der mit ihrem Fall befasst ist.

Eben die Verherrlichung dieser „populistische These“ werfen einige Kritiker dem Film auch vor. – 

Doch „Die Fremde in dir“ ist bei genauerer Betrachtung mehr als ein typischer Genre-Thriller. Neil Jordan und Jodie Foster führen – wie es der deutsche Filmtitel gut zum Ausdruck bringt – gleichzeitig mit der äußeren Handlung Erica Bains innere Veränderung vor. Die „Fremde“, die hier erwacht, ist keine gefühlsgeladene Rächerin, sondern eine gebrochene Persönlichkeit, die sich mehr und mehr verliert, die, wie sie sich bald auch selbst bezeichnet, zum „Niemand“ wird.

Schritt für Schritt führt die Entwicklung hin zu diesem Abgrund: Auf einen Notwehrakt, der nötig erscheint, folgt eine Tat, die wohl auch hätte vermieden werden können; der „zufälligen“ Reaktion auf Gewalt folgt die – zunächst unbewusste, dann bewusste – Suche nach Situationen, die Gewalttätigkeit und Rache zu rechtfertigen scheinen …

Es ist ein zerstörerischer Irrweg – der, ganz klar, mit Ericas Schritt in das Waffengeschäft beginnt. In einem Interview, das im „Making of“ zu diesem Film zu sehen ist, lässt Jodie Foster auch keinen Zweifel daran, dass die Figur, die sie darstellt, einen grundsätzlich falschen Weg geht: Mit ihrer Entscheidung, aktiv auf Gewalt zu reagieren, zieht sie nur noch mehr Gewalt an.

Letztlich kann man diese Botschaft des Filmes auch gut erkennen – allerdings nur dann, wenn man als Zuschauer bereit ist, die eigenen Denkmuster, die sich um Gewaltbereitschaft und Rache drehen, gründlich in Frage zu stellen – und zu überwinden!

Andernfalls wird der Film wohl nur als „cooler Killer-Thriller“ in Erinnerung bleiben.

Aber so ist es ja stets im Leben: Die entscheidende Frage ist, was man sehen kann und sehen will.

(2007; 122 Minuten)