„Wir müssen den Geist ernähren – mit Arbeit, mit Spielen, mit Freundschaft!“

Penny Marshalls „Zeit des Erwachens“ nach einem Sachbuch von Oliver Sacks

Die 1920er Jahre. Leonard ist ein aufgeweckter Junge, intelligent, lebenslustig, ein Typ, der viele Freunde hat. Doch sein Leben nimmt eine unerwartete Wendung. Zunächst ist es nur ein leichtes Zittern in der Hand. Bald darauf ist er nicht mehr in der Lage, seine Schulaufgaben zu schreiben. Und zuletzt erstarrt sein ganzer Körper in unkontrollierbaren Zuckungen. Leonard kann sich nicht mehr bewegen, nicht mehr sprechen und vegetiert fortan in einem komatösen Zustand dahin – als Patient in einer New Yorker Nervenklinik. Niemand weiß, was passiert ist, was Leonard noch erleben kann. Sicher scheint nur: Es gibt kein Heilmittel für seine Krankheit. 

Jahrzehnte später, in den 1960er Jahren, tritt Malcolm Sayer, ein junger Arzt, seinen Dienst an der Klinik an. Er hat wenig Erfahrung mit Patienten, ist eher der introvertierte Beobachter. Aber er betrachtet die Menschen auf seiner Station ohne Scheuklappen – und macht bald ungewöhnliche Entdeckungen: Die vermeintlich im Koma gefangenen Patienten – Leonard Lowe ist einer von ihnen – können zu Bewegungen stimuliert werden: Bälle fangen, Karten spielen, selbständig gehen. Unter bestimmten Voraussetzungen zeigen die im „Wach-Schlaf“ erstarrten Körper plötzlich Lebendigkeit. 

Nach dem Studium der Krankheitsgeschichten seiner Patienten entwickelt Dr. Sayer die Theorie, dass deren Symptome mit der Parkinson-Krankheit zu tun haben könnten, und letztlich kann er es durchsetzen, an Leonard Lowe ein Medikament auszuprobieren: „L-Dopa“ wurde eigentlich für die Parkinson-Krankheit entwickelt – aber vielleicht wirkt es ja in entsprechender Dosis auch in solchen Fällen.

Das Wunder geschieht: Leonard erwacht nach drei Jahrzehnten wieder zum Bewusstsein, lacht, entwickelt Lebensfreude und neue Pläne. Bei einem Dutzend anderer Patienten wirkt das Medikament ebenso: Auch sie überwinden ihre Erstarrung und finden in ihr normales Menschsein zurück – mit allen Konsequenzen, auch im Wissen, einen großen Teil ihrer Lebenszeit verloren zu haben … 

Penny Marshalls Film „Zeit des Erwachens“ beruht auf wahren Begebenheiten: Zwischen 1915 und 1927 trat – zunächst in Wien beobachtet – die später so genannte „Europäische Schlafkrankheit“ auf, eine Infektionskrankheit, die zu unkontrollierten Schlafanfällen, Parkinson-ähnlichen Störungen und Lethargie führt. Vermutlich waren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fünf Millionen Menschen davon betroffen. Viele Opfer der Krankheit starben rasch, entweder an völliger Schlaflosigkeit oder im Koma; bei anderen zeigten sich die Folgen der Infektion erst Jahre später: In zunehmenden Funktions- und Verhaltensstörungen, die zu körperlicher Erstarrung und zu weitgehendem Verlust des Tagbewusstseins führten.  

1966 trat der junge Neurologe Oliver Sacks in einer New Yorker Verwahrstation für hoffnungslose Pflegefälle seinen Dienst an, studierte seine Patienten und deren Krankheitsgeschichten und begann im Frühjahr 1969 mit dem Parkinson-Medikament „L-Dopa“ zu experimentieren. Mit unglaublichen Erfolg: Zahlreiche Patienten feierten bald danach eine „Zeit des Erwachens“. Allerdings gab es in vielen Fällen letztlich doch kein Happy End: Für manche Patienten war der Schock zu groß, sie kamen mit der für sie neuen Realität nicht zurecht. Auch zeigte das Medikament nicht immer nachhaltige Wirkung.

Oliver Sacks veröffentlichte den Bericht über sein „L-Dopa-Experiment“ unter dem Titel „Awakenings“ (dt. „Bewusstseinsdämmerungen“, 1989) im Jahr 1973. Es begründete seine Karriere als beherzter Arzt und Autor. Seine Fallstudien und Beobachtungen standen weiterhin im Zentrum vielbeachteter Sachbücher, darunter „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (1985). Im Mai 2015 erschien Sacks Autobiographie „Mein Leben“. Am 30. August 2015 erlag der Neurologe 82jährig einem Krebsleiden.

Oliver Sacks Buch „Awakenings“ diente Steven Zaillian als Vorlage für sein oscarnominiertes Drehbuch zu „Zeit des Erwachens“. Sacks selbst wirkte als Berater bei der Entstehung des Films mit – so, wie er ein paar Jahre davor schon Dustin Hoffmann für seine Rolle des Autisten in „Rain Man“ (1988) instruiert hatte.

Die überwältigenden schauspielerischen Leistungen, die Robert De Niro (als Leonard Lowe) und Robin Williams (Dr. Malcolm Sayer) in „Zeit des Erwachens“ zeigen – die beiden wurden für den „Oscar“ beziehungsweise für den „Golden Globe“ nominiert – sorgten während der Dreharbeiten bei Oliver Sacks für Irritationen. De Niro hatte Überlebende der „Europäischen Schlafkrankheit“ besucht, zahlreiche Dokumentar-Tonbänder und -Filmaufnahmen studiert und wirkte in seiner Darstellung so verängstigend und verwirrend auf Sacks, dass er meinte, bei De Niro sei tatsächlich „eine neurologische Katastrophe“ eingetreten. Robin Williams wiederum verstörte den Neurologen, weil er in dessen perfekt imitierender Darstellung so etwas wie einen Doppelgänger von sich selbst sah.

Mit „Zeit des Erwachens“ gelang der US-amerikanischen Filmemacherin Penny Marshall ein anrührender Film, der aber auch zum Nachdenken darüber anregt, was unser Menschsein ausmacht. Ist es wirklich nur die Chemie der Gehirnfunktionen?

In seiner abschließenden Ansprache formuliert Dr. Malcolm Sayer zusammenfassend:

„Wir können uns unter dem Schleier der Wissenschaft verschanzen und sagen, dass die Droge versagt hat. Oder dass die Krankheit wieder zurückgekehrt sei. Dass die Patienten nicht in der Lage gewesen sind, den Verlust von Jahrzehnten ihres Lebens zu verkraften. Aber in Wirklichkeit wissen wir genau so wenig, was schief gegangen ist, wie, was dieses Wunder bewirkt hat. Wir wissen nur eines: Dass bevor die chemische Tür sich schloss, noch einmal ein Erwachen stattfand. Dass der menschliche Geist mächtiger ist als jede Droge. Ihn müssen wir ernähren. Mit Arbeit, mit Spielen, mit Freundschaft, Familie. Nur diese Dinge sind wichtig. Leider haben wir das vergessen … diese einfachsten Dinge.“

(1990; 115 Minuten)