„Entlarvt hab' ich die Heuchler und die Richter!“

Andrea Chénier

Ein Drama in vier Akten

Libretto: Luigi Illica (1857–1919)

Musik: Umberto Giordano (1867–1948)

Uraufführung: 28. März 1896, Mailand (La Scala)

Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Aufzüge:
1. Im Haus der Gräfin Coigny
2. Eine Straße in Paris
3. Im Haus der Revolution; Sitzungssaal des Revolutionstribunals
4. Im Gefängnis von St. Lazare

Hauptpersonen:
Andrea Chenier, ein Dichter: Tenor
Charles Gérard, zunächst ein Diener, später Sekretär der Revolution: Bariton
Gräfin Coigny, Mezzosopran
Madeleine, Tochter der Gräfin: Sopran
Bersi, Madeleines Dienstmädchen und Vertraute: Sopran
Roucher, ein Freund Chéniers: Bariton
Mathieu, ein Sansculotte: Bass 
Fouquier Tinville, öffentlicher Ankläger: Bass
Ein Spitzel: Tenor
Madelon, eine alte Frau: Alt
Schmidt, Kerkermeister von St. Lazare: Bass 

Eine Werkeinführung

„Andrea Chénier“ ist die vierte und heute bekannteste Oper des italienischen Komponisten Umberto Giordano (1867–1948). Die Textdichtung von Luigi Illica (1857–1919) entstand in den Jahren 1894/95 – ursprünglich für den italienischen Opernkomponisten Alberto Franchetti (1860–1942), der das Libretto dann aber an seinen Zeitgenossen Giordano abgab.

Im Mittelpunkt des Musikdramas steht der französische Dichter Andreas Chénier, der 1794 im Alter von nur 31 Jahren mit der Guillotine hingerichtet wurde.

Wir befinden uns also in der Zeit der Französischen Revolution, die von 1789 bis 1799 dauerte. Ziel war die Abschaffung des absolutistisch regierten „Ständestaates“, der die Gesellschaft hierarchisch in soziale Gruppierungen (Klerus, Adel, Bürger, Bauern) unterteilt hatte. Dreizehn Monate in dieser Revolution, die zweifellos zu einem der wichtigsten Ereignisse für die jüngere europäische Geschichte wurde, waren von einer brutalen Schreckensherrschaft geprägt: Zwischen Juni 1793 und Juli 1994 wurden Feinde der Revolution oder Personen, die verdächtigt wurden, ihre Ziele nicht zu unterstützen, verfolgt, brutal unterdrückt und hingerichtet. Etwa 30.000 bis 40.000 Menschen kamen dadurch ums Leben. Der „große Terror“ endete erst mit der Verhaftung und Hinrichtung von Maximilian de Robespierre (1758–1794), einem der Hauptverantwortlichen für das mörderische Treiben. Und er begann mit einem Aufstand der Pariser „Sansculotten“. Das waren Arbeiter, Gewerbetreibende oder Kleinhandwerker, die lange Hosen trugen – im Gegensatz zu den Kniebundhosen (franz. „culottes“), an denen man Angehörige von Klerus und Adel erkannte. Die Sansculottes unterstützten in der Zeit des „großen Terrors“ die Jakobiner, also die Anhänger Robespierres. Denn sie litten unter einer großen wirtschaftlichen Krise, die infolge der Revolution seit 1793 in Frankreich herrschte und versprachen sich von den Jakobinern soziale Gerechtigkeit und bessere Preise für ihre Produkte.

Die Figur des Andrea Chénier in Umberto Giordanos Oper verweist auf den französischen Dichter André Marie de Chénier (1762–1794), der die radikalen Revolutionäre, die Jakobiner, mit seinen Texten angriff und deshalb hingerichtet wurde. Allerdings ist die Handlung des Dramas weitgehend frei erfunden.

Den Andrea Chénier der Oper lernen wir inmitten einer Adelsgesellschaft kennen: Er ist Gast im Haus der Gräfin Coigny, wo ein glänzendes Fest gefeiert wird. Wir schreiben das Jahr 1789. Die Revolution beginnt gerade, aber der „große Terror“ liegt noch einige Monate in der Zukunft.

Chénier verurteilt in seinen Gedichten den dekadenten Lebensstil des Adels, aber er ist – selbst adelig – kein radikaler Befürworter der Revolution. Diese Rolle übernimmt in der Oper Charles Gérard. Er wird zum Gegenspieler Andrea Chéniers – und zwar nicht so sehr aus politischen Gründen: Beide lieben die gleiche Frau – Madelaine, die Tochter der Gräfin. 

 

Die Handlung


Kurz und gut …

Für einen feinsinnigen Dichter wäre der Gang zur Guillotine ohne die Begleitung der Geliebten ein einsames Schicksal.

1. Akt: Im Haus der Gräfin Coigny, 1789, am Vorabend der Revolution

Im Schloss der Gräfin Coigny wird ein Fest vorbereitet. Gérard, ein Diener, muss dabei mitansehen, wie sein kranker und greiser Vater, der Gärtner, zu schwerer Arbeit gezwungen wird. („Son sessant'anni, o vecchio, che tu servi!“) Er kann nichts dagegen tun, aber das Erlebnis steigert seine Wut auf den Adel – und seine Hoffnungen auf die Revolution. Damit werde dessen Herrschaft bald ein Ende finden. 

Du, Alter, dienest von der Wiege bis zur Bahre!
Nun sechzig Jahre!
All deine Kräfte, all dein Leben
Hast du den Übermütigen dahin gegeben,
Und weiß sind deine Haare.
Was half dein Ringen, Streben?

Zu den Künstlern, die die Gräfin zu ihrem großen Fest eingeladen hat, gehört der Dichter Andrea Chénier. Er glaubt an die große, wahre Liebe – und handelt sich mit dieser idealistischen Gesinnung den Spott Madeleines, der Tochter der Gräfin, ein. Als er dazu aufgefordert wird, aus seinen Gedichten vorzutragen, weigert er sich zunächst. Denn Chénier steht der adeligen Gesellschaft kritisch gegenüber. Aber Madeleines spöttelnde Bemerkungen fordern ihn dann doch heraus, und er beginnt mit seinem Vortrag. („Un dì all’azzurro spazio“) Die Botschaft seiner Verse wird schnell klar: Sie ranken sich nicht nur um das Ideal der Liebe, sondern auch um die Ideale der Freiheit und der Humanität. Kritik am Adel und dessen Unmoral klingen an – und das inmitten dieser Gesellschaft!

Die Blicke hatt’ ich einst erhoben
Zum Sonnenhimmel,
Ein goldner Regen fiel von droben
Hernieder auf die Fluren
Über der Maienblüten seliges Gewimmel;
Die Erde schien ein Schatzgewölbe mir,
Azuren schwebte der Äther als Kuppel über ihr.
Und von den Feldern umzog ein Wehen,
Ein leises Atmen Stirne mir und Wangen.
Wie Küsse;
Da jauchzt’ ich auf, von Wonne übermannt:
O laß dich liebend umfangen,
Wir werden uns verstehen,
Mein Vaterland!
Nun trat ich hin zu Gottes Altar,
Mich unter die Beter zu mischen …
Der Priester häuft in Heiligen-Nischen
Vor toten Bildern gierig tote Kostbarkeiten …
Und Bettler sah ich umsonst von ihm erflehen eine Spende …
Voll war sein Mund, doch blieben leer die Hände.
In Hütten wollt' ich Frieden suchen …
Da hört' ich überall Gott und die Welt verfluchen.
Ein jeder Bissen wird besteuert,
Des Armen Brot verteuert,
Das Korn verfault im Speicher,
Den Schlüssel hat ein Reicher!

Aber die ehrliche Überzeugung, die Chénier in seinen Texten ausdrückt, entspricht den Empfindungen Madeleines. Sie stellt sich in der ausufernden Diskussion auf die Seite des Dichters.

Da wird die feine Gesellschaft gestört: Gérard platzt mit einigen armen, hungrigen Gesinnungsgenossen herein, um der Gesellschaft das Elend der Armen vor Augen zu führen. Sie alle sind von den Ideen der Revolution bereits eingenommen und haben im Adel das Ziel ihres Hasses gefunden. Wobei für Gérard eine Ausnahme gilt: Die hübsche Madelaine liebt er.

Doch die Revolutionsanhänger werden im Haus der Gräfin schnell zurückgedrängt, Gérard muss aus seinem Dienst für die Gräfin ausscheiden. Er stürmt wütend davon. Das Fest geht weiter. 

2. Akt: Eine Straße in Paris, 1794, Robespierres Schreckensherrschaft

In den Straßen von Paris herrscht Verunsicherung. Überall lauern Spione, um mögliche Feinde der Revolution ausfindig zu machen. Einer von ihnen beobachtet, wie Madeleine und Bersi, ihre Vertraute, miteinander plaudern.

An einer anderen Straßenecke treffen einander Andrea Chénier und sein Freund Roucher. Chénier ist mit dem Verlauf der Revolution unzufrieden. Zunächst war er von deren Anhängern wegen seiner adelskritischen Werke noch gefeiert worden. Doch inzwischen sieht er sich selbst verfolgt. Die radikalen Kräfte innerhalb der Revolution haben die Oberhand gewonnen. Roucher hat erfahren, dass Chénier bereits auf der „Abschussliste“ steht und legt seinem Freund deshalb die sofortige Flucht nahe. Der aber will vorerst bleiben, da ihn eine Unbekannte dringend um ein Treffen gebeten hat. („Credi al destino?“)

Nein, nein! ... Glaubst du ein Schicksal?
Ich glaub' es. Glaub' an Mächte, geheimnisvoll,
Welche zum Guten oder Bösen
Des Menschen Schritte leiten durch all die
Verschlung’nen Wege rätselhaften Daseins;
An Mächte, die unwidersprechlich sagen:
Du wirst ein Dichter! Du nimm einen Säbel,
Du sollst Soldat sein! Also heißt mich
Mein Schicksal hier zu bleiben!

Nachdem Roucher gegangen ist, erscheint die Unbekannte – es ist Madeleine. Sie bittet Chénier um Schutz und Hilfe, die Revolution habe schon ihre ganze Familie ausgerottet. Chénier verspricht, sie zu beschützen und gesteht ihr seine Liebe. Madeleine erwidert seine Gefühle – und die beiden versprechen einander ewige Treue.

Doch die romantische Szene, bei der die beiden sich zur Flucht entschließen, wird von einem der allgegenwärtigen Revolutions-Spitzel beobachtet. Und so erfährt Gérard, der bei den Revolutionären inzwischen eine bedeutende Rolle spielt und ebenfalls nach Madeleine hatte suchen lassen, dass jemand seiner eigenen Liebe im Weg steht. Und er erfährt, wo sich der gesuchte Chénier aufhält.

So wird die Zweisamkeit von Chénier und Madeleine von Gérard jäh unterbrochen. Und während Roucher das Mädchen in Sicherheit bringt, eskaliert der Streit zwischen Chénier und Gérard zum Duell. Dieses endet damit, dass Gérard schwer verwundet zusammenbricht.

Doch er hat inzwischen den Mann erkannt, der als Andrea Chénier von der Revolution gesucht wird: Es ist jener Dichter, der damals, im Haus der Gräfin Coigny, gegen den Adel aufgetreten ist!

Als die Polizei eintrifft und den verwundeten Gérard befragt, gibt dieser an, seinen Gegner nicht erkannt zu haben. Chénier kann entkommen.

3. Akt: Im Haus der Revolution; Sitzungssaal des Revolutionstribunals

Im Haus der Revolution sammelt Mathieu, ein Sansculotte, Geld. Frankreich ist doppelt in Gefahr: Feinde bedrohen das Land von außen, und im Inneren rebellieren die Menschen. Jeder, dem die Revolution etwas wert sei, solle dafür Opfer bringen: Nicht nur Schmuck und Juwelen seien gefragt, sondern auch Kämpfer.

Die alte Madelon geht mit gutem Vorbild voran. Obwohl ihr Sohn beim Sturm auf die Bastille verstorben ist, will sie nun ihr Enkelkind in den Dienst der Revolution stellen.

Aber der große Umsturz macht persönliche Unzulänglichkeiten nicht wett. Gérard, der Sekretär der Revolution, lässt sich dazu hinreißen, eine Anklageschrift gegen Andrea Chénier zu verfassen. Er unterstellt ihm Hochverrat. In Wirklichkeit treiben ihn natürlich andere Absichten. Er hofft, nach der Verurteilung des Dichters Madeleine für sich gewinnen zu können.

Aber Gérard wird von Gewissensbissen geplagt. Ihm wird bewusst, dass die Revolution ihn zum Schlechten verändert und nicht wirklich befreit hat: „Ich bin immer noch ein Sklave, nur der Herr hat gewechselt!"

Da bringt ein Spion auch schon die folgenschwere Nachricht: Andrea Chénier sei verhaftet worden. Und wie Gérard vermuten konnte, taucht nun Madeleine bei ihm auf und berichtet von der Tragik, die die Revolution in ihr Leben gebracht hat. („La mamma morta“)

Von Blut gerötet
War meine Schwelle,
Da sie die Mutter mir getötet –
Sie hoffte mich zu wahren.
Und kaum mit meiner Bersi
Entging ich den Gefahren.
Nur wenig Schritte hatten wir gemacht
In finstrer Nacht,
Der flammt’ uns grell entgegen
Auflodernde Helle.
Mein Vaterhaus!
Ein Feuermeer die teure Stelle!
Ich floh verlassen
Durch fremde Gassen.
Der Hunger und das Elend machten
Mir mürb’ die Glieder …
Krank fiel ich nieder!
Die Bersi jammert meine Jugend,
Und ihre Tugend
Verkauft sie der Schande zum Opfer für mich.
So bring’ ich Unglück allen, die mich lieben.

Madeleine ist bereit, alles zu tun, um ihren Geliebten zu retten. Wenn es sein muss, würde sie sogar eine Nacht mit Gérard verbringen. Diese große Liebe und Opferbereitschaft erschütteren den von seinen Gewissensbissen geplagten Gérard – und er ist schließlich bereit, bei der anstehenden Gerichtsverhandlung für Andrea Chénier einzutreten.

Bald wird dieser – gemeinsam mit anderen Angeklagten, die das Todesurteil zu erwarten haben – in den Sitzungssaal des Revolutionstribunals geführt. Die Anklageschrift wird verlesen. Andrea Chénier weist alle Vorwürfe zurück und führt vor Fouquier Tinville, dem öffentlichen Ankläger, eine eindrucksvolle Verteidigungsrede. („Sì, fui soldato“)

Ich war Soldat und trotzte oft dem Tode,
So trotz’ ich dem auch, der hier in der Mode!
Ich war ein Dichter,
Entlarvt hab’ ich die Heuchler und entlarv’ auch
Hier meine Richter!
Wie mit dem Schwerte, so auch mit der Feder
Dem Vaterland nur dient’ ich.
 

Auch Gérard tritt nun energisch für den Dichter und gegen ein Todesurteil ein. Er gibt zu, dass er dem Dichter zu Unrecht Hochverrat unterstellt habe, gesteht offen, gelogen zu haben.

Doch es hilft nichts, längst haben sich die Vorurteile der Geschworenen von dem Willen, die Wahrheit herauszufinden, emanzipiert. Sie Andrea Chenier zum Tod durch die Guillotine. Entsetzt müssen Madeleine und Gérard zusehen, wie er abgeführt wird.

4. Akt: Im Gefängnis von St. Lazare

Andrea Chénier verlebt im Gefängnis von St. Lazare seine letzten Stunden. Mit ihm erwartet auch Roucher, sein angeblicher Komplize, auf die Verurteilung. Noch einmal trägt Chénier seinem Freund Roucher Verse vor. Er hat ein Hohelied auf die Poesie geschrieben („Come un bel dì di maggio“).

Gleich einem Frühlingsabend,
Der mit würzigen Düften
Die Fluren noch erlabend,
Dahin fließt in den Lüften,
Fühl’ ich mein blühendes Leben
In seligem Genusse
Unter der Muse Küsse

Verströmen und entschweben.
Die Straße muss ich gehen,
Die Bess’re sind gegangen,
So will ich ohne Bangen
Mein nahes Ende sehen,
Und sollte mich des Todes Nacht
In Kurzem schon ereilen,
Bevor ich fertig noch gemacht
Die letzten Liederzeilen, –
Sei’s! Wenn mit dir im Bunde,
O Göttin, nur mein Leben endet!
Du hast zur letzten Stunde
Mir deinen Trost gespendet!
Du Himmlische, nahst wieder,
Entziehst mich dem Verderben:
Gib mir das schönste deiner Lieder
Und lass mich sterben!

Indes hat Madeleine einen Entschluss gefasst: Sie will mit Andrea Chenier, dem Mann, den sie liebt, gemeinsam sterben. Deshalb bittet sie Gérard um Hilfe. Dieser besticht den Kerkermeister Schmidt, um Madeleine den Weg ins Gefängnis zu öffnen. Dort tauscht sie Platz mit einer Tod verurteilten jungen Mutter, der sie mit ihrem Opfergang das Leben rettet.

Gérard versucht noch, eine Begnadigung für den Dichter zu erwirken, doch es ist zu spät. 

In dem Wagen, der Chénier zur Guillotine bringt, ist Madeleine an der Seite des Geliebten.

(Libretto-Übersetzung ins Deutsche: opera-guide.ch)