„Ein Schwert verhieß mir der Vater“



Die Walküre

Libretto: Richard Wagner (1813–1883)

Musik: Richard Wagner (1813–1883)

Entstehung: 1848 (erste Ideen zum „Ring des Nibelungen“); 1852 (Libretto); 1856 (Fertigstellung der Komposition)

Uraufführung: 26. Juli 1870, München (gegen den Willen des Komponisten); 14. August 1876, Bayreuth (im Rahmen der ersten Bayreuther Festspiele)

Dauer: ca. 4,5 Stunden, zwei Pausen

Aufzüge:
1. Das Innere der Wohnung Hundings
2. Wildes Felsengebirge
3. Auf dem Gipfel eines Felsenberges („Brünnhildenstein“)

Personen:
Wotan („Wälse“), ein Gott: Bariton
Fricka, eine Göttin (die „Hüterin der Ehe“): Mezzo-Sopran
Brünnhilde, eine Walküre (Wotans Lieblingstochter): Sopran
Siegmund („Wehwalt“), ein Wälsung (Sieglindes Bruder): Tenor
Sieglinde (Siegmunds Schwester): Sopran
8 Walküren (Gerhilde, Ortlinde, Waltraute, Schwertleite, Helmwige, Siegrune, Grimgerde, Rossweiße):
Sopran, Mezzo-Sopran, Alt

 

Eine Werkeinführung

„Die Walküre“ ist ein Teil der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, die der deutsche Dichterkomponist Richard Wagner (1813–1883) für drei Abende und einen „Vorabend“ komponierte. Die Handlung schließt an das „Rheingold“ an, in dem die beiden großen Antagonisten des Dramas vorgestellt wurden: der Nibelung Alberich und der „Göttervater“ Wotan. 

Alberich, ein frustrierter Zwerg (der in der „Walküre“ nicht auftritt), hat aus seinem Leben alle Liebe verbannt, um mit Hilfe eines Ringes aus Rheingold die Macht über die Welt zu gewinnen. Wotan ist es in der Folge gelungen, dem Nibelungen diesen mächtigen Zauberring mit List und Tücke wieder wegzunehmen. Doch der oberste Gott hatte dafür keine ehrenwerten Motive – er wollte den Ring der Macht für sich selbst und hatte sich von diesem Vorhaben nur abhalten lassen, weil Erda, die weise „Urmutter“ (die in der „Walküre“ ebenfalls nicht auftritt) ihn dringend vor dem Ring des Nibelungen gewarnt hatte. Denn auf diesem Ring lastet ein schwerer Fluch, den Alberich in seiner ohnmächtigen Wut über den Verlust ausgestoßen hatte: Jeder, der nach diesem Ring „giert“, soll sterben!

Wotan hatte zunächst nicht an die Wirkung von Alberichs Fluchs geglaubt, dann aber selbst miterleben müssen, wie dieser sein erstes Opfer forderte: Fafner, ein Fürst der Riesen, erschlug im Streit um den Ring seinen eigenen Bruder. Seitdem ist der Riese im Besitz des Rings – und auch eines weiteren wertvollen „Geschmeides“ aus Rheingold: Eine Tarnkappe erlaubt es ihm, jede beliebige Gestalt anzunehmen und auch unsichtbar zu werden.

Fafners Lebensmotto verwirklicht ein „Ideal“ heutiger Zeit. Es lautet: „Ich lieg’ und besitz!“ Der Riese (der in der „Walküre“ ebenfalls nicht zu sehen ist) besiedelt mit einem immensen Schatz aus Gold die „Neidhöhle“ und hat mit Hilfe der Tarnkappe die Gestalt eines mächtigen Drachens angenommen. Er genießt seinen Besitz und seine Macht, macht aber keine Anstalten, diese auszunützen.

Aber er könnte ja! Die potentielle Gefahr, die von dem Drachen Fafner ausgeht, lässt Wotan keine Ruhe. Er sucht nach Möglichkeiten, die Götter und deren neue, prächtige Burg Walhall (an deren Bau Fafner beteiligt war) zu schützen – umso mehr, als Wotan ahnt, dass auch der um den Ring betrogene Nibelung Alberich sich nicht einfach in sein Schicksal fügen, sondern nach einer Gelegenheit suchen wird, sich zu rächen.

Also besinnt sich der „Göttervater“ seiner Schaffenskraft, steigt hinab in den „Schoß der Erde“ und zeugt mit der Urmutter Erda neun Töchter: die Walküren. Wie Wotans Göttergattin Fricka dieses außereheliche Abenteuer kommentiert, können wir nur vermuten. Jedenfalls sollen die Walküren ein Heer von außergewöhnlichen, heldenhaften Kämpfern rekrutieren, eine Streitmacht zum Schutz Walhalls. –

Wotans Lieblingstochter unter den Neunen ist Brünnhilde. Sie steht im Zentrum des zweiten Teils von Wagners Ring-Tetralogie. Sie ist „die Walküre“.

Doch Wotan setzt nicht nur auf walküren-geimpfte Heldenkraft. Der „Göttervater“ hat noch einen weiteren Plan, der seine durch den Nibelungen Alberich und den Drachen Fafner zweifach bedrohte Position befestigen soll: Wenn der Fluch des Rings nur den tödlich trifft, der nach ihm „giert“, dann müsste doch ein naiver, „freier Held“ das Blatt wenden können, ein Kämpfer also, der von der Vorgeschichte unberührt ist, der selbst auch gar nicht an die Macht will und den die unheilvolle Wechselwirkung des Fluches deshalb nicht treffen kann … der aber trotzdem stark genug ist, um den Drachen Fafner zu besiegen.

Ein kühner Plan, den der dreiste „Göttervater“ Schritt für Schritt umsetzt. Abermals steig er aus der „Götterburg“ hinab zur Erde. Diesmal in einer neuen Rolle – als Stammesvater der Wälsungen. Wieder zeugt Wotan Kinder – diesmal die Zwillingsgeschwister Siegmund und Sieglinde. 

Deren Schicksalsweg gestaltet sich von Beginn an leidvoll: Die Mutter der beiden stirbt bald nach der Geburt, Sieglinde wird als junges Mädchen von einer feindlichen Sippe geraubt, Siegmund muss sich allein durch Wald und Widerstände kämpfen. Der junge Wälsung nennt sich selbst Wehwalt, weil ihm überall nur Weh und Unheil begegnet. Er ahnt nicht, dass dieses Erleben ihn stählen soll, weil er für den Kampf mit einem ganz besonderen Feind auserkoren wurde. Siegmund weiß nur, dass er einst – „in höchster Not“ – das Schwert seines Vaters finden wird. Denn diese Verheißung hat ihm Wälse, sein Vater, mit auf den Weg gegeben …

Auch Sieglinde lebt in der Hoffnung, dass sich eine Weissagung für sie erfüllen wird: Sie wurde gegen ihren Willen mit dem düsteren Sippenführer Hunding verheiratet. Aber während des Hochzeitsmahls trat plötzlich ein einäugiger Fremder (wir wissen: Wotan inkognito) auf, ein „Greis in grauem Gewand“, und rammte mit Urgewalt sein Schwert in eine Esche: Es sei „dem Stärksten bestimmt“, dieses Schwert wieder aus dem Stamm zu ziehen – und Sieglinde aus dem Hause Hundings zu befreien. –

Das vom Vater verheißene Schwert wird im weiteren Kampf um den „Ring des Nibelungen“ eine zentrale Rolle spielen.

„Die Walküre“ zeigt im ersten Akt, wie „Wehwalt“ Siegmund und Sieglinde einander nach vielen Jahren der schmerzvollen Trennung wieder begegnen.

 

Die Handlung


Kurz und gut …
„Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte sind eigentlich ganz nette Leute. Nur eine gemeinsame Leidenschaft wird ihnen zum Verhängnis. Sie wollen mehr besitzen, als sie sich leisten können, mehr Macht, als ihnen zusteht. In blindem, lieblosem Gewinnstreben vernichten sie sich selbst und ihre Welt. Zum Glück gibt es ja dergleichen nur auf der Opernbühne …“
Loriot („Loriot erzählt Richard Wagners Ring des Nibelungen“)

1. Aufzug: Das Innere der Wohnung Hundings

Ein erschöpfter Fremder stürmt in den Wohnraum, in dessen Mitte der Stamm einer mächtigen Esche steht, „dessen stark erhabene Wurzeln sich weithin in den Erdboden verlieren“ (alle Zitate stammen aus Wagners Libretto). Sieglinde, die Frau Hundings – sie wohnt hier und erlebt an der Seite ihres gewalttätigen Mannes ein freudloses Dasein – gibt dem Fremden, der sich „Wehwalt“ nennt, Wasser und versorgt seine Wunden.

Bald erscheint Hunding, erblickt den Fremden – und erkennt instinktiv eine Verbindung zwischen diesem Mann und seiner Frau:

Wie gleicht er dem Weibe!
Der gleißende Wurm glänzt auch ihm aus dem Auge

Hunding fordert Wehwalt auf, zu erzählen, weshalb er auf der Flucht sei. Dieser berichtet daraufhin von seinem letzten Kampf: Ein „trauriges Kind“, eine junges Mädchen, das gegen ihren Willen verheiratet werden sollte, habe ihn um Schutz gebeten. Er habe „die Maid“, deren Brüder im Kampf gegen eine große Übermacht bereits gefallen waren, lange „schirmen“ können …

… bis Speer und Schild im Harst mir zerhaun.
Wund und waffenlos stand ich – sterben sah ich die Maid:
mich hetzte das wütende Heer

Diese Erzählung führt zu einer dramatischen Lage: Hunding selbst gehörte nämlich dem „wütenden Heer“ an und findet nun den von ihm Verfolgten im eigenen Haus. Grimmig gewährt er ihm Gastrecht für eine Nacht – aber am nächsten Morgen soll Wehwalt sterben. Hunding herrscht Sieglinde an, ihm den Nachttrunk zu „rüsten“ und begibt sich zur Ruhe.

Wehwalt sieht sich in der Falle: Er hat keine Waffe, befindet sich im Haus des Feindes und ist in höchster Not. Gleichzeitig fühlt er eine starke, innige Verbundenheit zu Sieglinde. Da überwältigt ihn die Erinnerung an die Weissagung seines Vaters: 

Ein Schwert verhieß mir der Vater,
ich fänd’ es in höchster Not.
Waffenlos fiel ich in Feindes Haus;
seiner Rache Pfand, raste ich hier.
Ein Weib sah ich, wonnig und hehr:
entzückend Bangen zehrt mein Herz.
Zu der mich nun Sehnsucht zieht,
die mit süßem Zauber mich sehrt,
im Zwange hält sie der Mann,
der mich Wehrlosen höhnt!
Wälse! Wälse! Wo ist dein Schwert?
Das starke Schwert, das im Sturm im schwänge?

Wehwalts Blick trifft nun den Eschenstamm in der Mitte des Raumes. Er meint, hier etwas schimmern zu sehen, doch in diesem Moment verlischt das Herdfeuer. Da erscheint Sieglinde. Sie hat Hunding einen Schlaftrunk verabreicht und zeigt dem seltsam vertrauten Gast das Schwert, das ein „Greis in grauem Gewand“ einst in den Stamm gerammt habe. Viele hätten seither versucht, das Schwert herauszuziehen, niemandem sei es gelungen:

Gäste kamen und Gäste gingen,
die stärksten zogen am Stahl –
keinen Zoll entwich der dem Stamm.

Siegmund aber ist nun sicher, dass ihm „Waffe und Weib“ bestimmt seien. Er umarmt Sieglinde „mit Glut“ und gelobt, sie aus Hundings Haus zu befreien:

Dich, selige Frau, hält nun der Freund,
dem Waffe und Weib bestimmt!
Heiß in der Brust brennt mir der Eid,
der mich dir Edlen vermählt.

In diesem Moment leuchtet der Vollmond in den Raum „und wirft sein helles Licht auf das Paar, das sich so plötzlich in voller Deutlichkeit wahrnehmen kann“. Die „Frühlingsgefühle“ Siegmunds widerspiegeln sich in der Natur:

Winterstürme wichen dem Wonnemond
in mildem Lichte leuchtet der Lenz …

Und wie sich in der Natur „die Liebe und der Lenz“ zusammenfinden, wie „der Bruder“ (der Lenz) „die bräutliche Schwester“ (die Liebe) befreit, damit „Liebe und Lenz vereint“ sein können, so wird für Sieglinde der Fremde zum Befreier. Sie ruft ihm zu:

Du bist der Lenz, nach dem ich verlangte
in frostigen Winters Frist

Bald wird den beiden klar, dass eine gemeinsame Geschichte sie eint. Sieglinde erkennt in Wehwalt ihr „eigen Bild“, er kennt sie aus seinem „Minnetraum“. Und beide tragen sie die Erinnerung an ihren Vater Wälse in sich; Sieglinde gerät deshalb „außer sich“:

War Wälse dein Vater und bist du ein Wälsung,
stieß er für dich sein Schwert in den Stamm –
so lass mich dich heißen, wie ich dich liebe:
Siegmund – so nenn ich dich!

Und Siegmund „eilt auf den Stamm zu und fasst den Schwertgriff“:

Notung! Notung! So nenn ich dich, Schwert.
Neidlicher Stahl! Zeig deiner Schärfe schneidenden Zahn:
heraus aus der Scheide zu mir!

Siegmund „zieht mit einem gewaltigen Zuck das Schwert aus dem Stamme“ und bringt seiner „von Staunen und Entzücken erfassten“ Schwester Sieglinde als „Brautgabe“. Daraufhin zieht er sie „mit wütender Glut an sich, sie sinkt mit einem Schrei an seine Brust“.

Der Vorhang fällt – aber der musikalische Sinnentaumel lässt erkennen, dass nun ein Kind gezeugt wird:

So blühe denn Wälsungen Blut!

Sieglinde wird Siegfried im Schoß tragen. Als nächstes hätte Siegmund mit Wälses Schwert wohl Hunding besiegt und wäre dann irgendwie, geleitet vom Gezwitscher eines Waldvögelchens vielleicht, zu Fafners „Neidhöhle“ gelangt, hätte den Drachen erlegt und als „freier Held“ den Ring des Nibelungen erobert. Doch dieser Plan Wotans wird nicht aufgehen …

2. Aufzug: Wildes Felsengebirge

Fricka, Wotans Gemahlin und Hüterin der Ehe, gefällt es naturgemäß gar nicht, dass sich auf Erden – noch dazu unter der manipulierenden Stabführung ihres „Göttergatten“ – Ehebruch und geschwisterliche Unzucht ereignen. In einer Brandrede führt sie Wotan seinen Irrweg vor Augen. Wie sollte Siegmund, dessen Leben von Beginn an geführt war, ein wirklich freier Held sein? Fricka verlangt, dass er seinen ganzen trickreichen Plan – und damit das Geschwisterpaar – aufgeben und stattdessen ihre Ehre schützen soll.

Nach langem Widerstand und mangels guter Argumente lenkt Wotan schließlich erschöpft ein und beauftragt Brünnhilde, seine Lieblingswalküre, Siegmund den Tod zu künden und Hunding im bevorstehenden Kampf den Sieg zu bringen:

Fällen sollst du Siegmund
für Hunding erfechten den Sieg!

Brünnhilde aber kennt alle Gedanken ihres Vaters und weiß um dessen Liebe zu seinem Sohn. Sie „sinnt vor sich hin“ und macht sich schließlich widerwillig auf, um Siegmund den Tod zu künden.

Dann aber erlebt Brünnhilde, wie kompromisslos Siegmund bereit ist, seine „Braut und Schwester“ zu schützen. Er missachtet sogar nachtodliche Leben in Walhall, das Brünnhilde ihm in Aussicht stellt: das Wiedersehen mit seinem Vater, die „hehre Schar“ der Helden, der er angehören würde, die „Wunschmädchen“, die „ewige Wonne“ – all das zählt für Siegmund nichts im Vergleich zu einem Leben an Sieglindes Seite. Wenn er selbst also sterben muss, dann mit Sieglinde an seiner Seite:

Zwei Leben lachen dir hier:
nimm sie, Notung, neidischer Stahl!
Nimm sie mit einem Streich!

Als Siegmund sein Schwert zieht, bittet ihn die Walküre „im heftigsten Sturme des Mitgefühls“, innezuhalten. Sie entscheidet sich, dem Auftrag Wotans zuwider zu handeln. Sie will Siegmund in seinem bevorstehenden Kampf gegen Hunding nicht den Tod bringen, sondern ihn stärken und stützen:

Traue dem Schwert und schwing es getrost:
treu hält dir die Wehr, wie die Walküre treu dich schützt!

Bald stehen sich Siegmund und Hunding gegenüber, Sieglinde lauscht „in furchtbarer Aufregung“, Brünnhilde erscheint „über Siegmund schwebend und diesen mit dem Schilde deckend“. Doch gerade als Siegmund „zu einem tödlichen Streiche auf Hunding ausholt“, erscheint Wotan „über Hunding stehend und seinen Speer Siegmund quer entgegenhaltend“:

Zurück vor dem Speer!
In Stücken das Schwert!

Das Schwert Notung zerbricht, Hunding stößt Siegmund seinen Speer in die Brust, dieser stirbt. Brünnhilde ahnt den Zorn Wotans, da sie gegen seinen Willen gehandelt hat, ergreift die entsetzte Sieglinde und bringt sie in Sicherheit.

Nach einem „verächtlichen Handwink“ Wotans stürzt auch Hunding tot zu Boden:

Geh hin, Knecht!
Knie vor Fricka: meld ihr,
dass Wotans Speer
gerächt, was Spott ihr schuf.

Danach fährt Wotan „in furchtbarer Wut“ auf und verfolgt Brünnhilde, um die „Verbrecherin“ zu verfolgen:

Furchtbar sei die Freche gestraft,
erreicht mein Ross ihre Flucht

3. Aufzug: Auf dem Gipfel eines Felsenberges („Brünnhildenstein“)

Die Walküren, alle „in voller Waffenrüstung“, führen gefallene Helden nach Walhall. Sie sind zu acht und warten auf ihre Schwester Brünnhilde. Als diese auftaucht, bemerken sie überrascht, dass sie „in rasender Hast“ eine Frau mit sich führt. Brünnhilde berichtet, was geschehen ist, und bittet ihre Schwestern um Schutz vor Wotan. Sieglinde will, „fern von Siegmund“, nur noch sterben, doch Brünnhilde sagt ihr, was sie bis jetzt noch nicht weiß – dass sie ein Kind erwartet:

Lebe, o Weib, um der Liebe willen!
Rette das Pfand, das von ihm du empfingst:
ein Wälsung wächst dir im Schoß!

Die Walküren raten Sieglinde, Schutz in einem Wald Richtung Osten zu suchen: Dort würde Fafner in Gestalt eines Drachens das Nibelungengold hüten, Wotan aber würde diesen Ort meiden:

Fort denn eile, nach Osten gewandt!
Mutigen Trotzdes ertrag alle Müh’n,
Hunger und Durst, Dorn und Gestein;
lach, ob Not, ob Leiden dich nagt!
Denn eines wiss’ und wahr’ es immer:
den hehrsten Helden der Welt
hegst du, o Weib, im schirmenden Schoß!

Brünnhilde reicht Sieglinde auch noch die zerbrochenen Stücke des Schwertes „Notung“. Der Sohn Sieglindes werde die Stücke „neu fügen“ und das Schwert einst wieder schwingen,

… den Namen nehm er von mir –
,Siegfried’ erfreu sich des Siegs!

Sieglinde eilt davon, und schon erreicht der wütende „Göttervater“ die Walküren. Brünnhildes Schwestern bitten ihren Vater, seinen Zorn zu „zähmen“ und wollen ihre Schwester schützen, doch Wotan kennt kein Erbarmen – und verstößt Brünnhilde aus dem Kreis ihrer Geschwister:

Nicht send ich dich mehr aus Wahlhall;
nicht weis ich dir mehr Helden zur Wal;
nicht führst du mehr Sieger in meinen Saal …
Von göttlicher Schar bist du geschieden,
ausgestoßen aus der Ewigen Stamm,
gebrochen ist unser Bund;
aus meinem Angesicht bist du verbannt!

Vergeblich bitten die Walküren den „Göttervater“, in seiner Bestrafung einzuhalten, doch unnachgiebig schickt Wotan sie alle weg. Sie haben diesen Felsen fortan zu meiden.

Allein mit Brünnhilde wirft Wotan seiner Lieblingstochter noch einmal vor, gegen seinen ausdrücklichen Willen gehandelt zu haben, als sie versucht hatte, Siegmund zu schützen. Brünnhilde erzählt von der großen Liebe Siegmunds, die der Wälsung, als sie ihm den Tod künden wollte, auch ihr „ins Herz gehaucht“ habe und sie erinnert Wotan daran, dass er selbst ihr einst befohlen habe, für Siegmund zu kämpfen – bevor Fricka ihm „den eignen Sinn entfremdet“ habe.

Wotan aber bleibt bei seiner Strafe: Hier, auf diesem Fels, soll Brünnhilde „in festen Schlaf“ fallen und dem Mann, der sie erweckt, zur Frau werden. 

Brünnhilde befürchtet, durch diese Strafe „dem feigsten Mann zur leichten Beute“ zu werden und bittet Wotan darum, den Felsen mit einem mächtigen Feuer zu umgeben, damit nicht irgendein Mann sie für sich gewinnen kann. „Überwältigt und tief ergriffen“ willigt Wotan, der im Grunde seines Herzens Verständnis für Brünnhildes Handeln hat, schließlich ein:

Ein bräutliches Feuer soll dir nun brennen,
wie nie einer Braut es gebrannt!
Flammende Glut umglühe den Fels;
mit zehrenden Schrecken scheuch es den Zagen;
der Feige fliehe Brünnhildes Fels!
Denn einer nur freie die Braut,
der freier als ich, der Gott!

Brünnhilde sinkt an Wotans Brust, er betrachtet ihrer „Augen leuchtendes Paar“ und „küßt sie lange auf die Augen“ („so küßt er die Gottheit von dir“). Brünnhilde „sinkt mit geschlossenen Augen, sanft ermattet, in seinen Armen zurück“. Schließlich wendet Wotan sich ab und ruft den Feuergott Loge herbei:

Herauf, wabernde Lohe,
umlodre mir feurig den Fels!
Loge! Loge! Hierher!

Wotan stößt mit seinem Speer auf einen Stein, diesem „entfährt ein Feuerstrahl, der zur allmählich immer helleren Flammenglut anschwillt.“ Noch einmal blickt Wotan „schmerzlich auf Brünnhilde zurück“ und streckt „den Speer wie zum Banne aus“:

Wer meines Speeres Spitze fürchtet,
durchschreite das Feuer nie!

Weiter im Osten wird Sieglinde indes bald ihr Kind gebären. Einen furchtlosen Knaben. Siegfried.


(Alle Zitate aus Richard Wagners „Walküre“-Libretto)