„So werf ich den Brand in Walhalls Burg“

Götterdämmerung

Libretto: Richard Wagner (1813–1883)

Musik: Richard Wagner (1813–1883)

Entstehung: 1848 (erste Ideen zum „Ring des Nibelungen“); 1874 (Fertigstellung der Partitur)

Uraufführung: 17. August 1876, Bayreuth (im Rahmen der ersten Bayreuther Festspiele)

Dauer: ca. 4,5 Stunden, zwei Pausen

Aufzüge:
Vorspiel: Auf dem „Walkürenfelsen“
1. Die Halle der Gibichungen am Rhein. – Der „Walkürenfelsen“
2. Vor der Halle der Gibichungen
3. Waldige Gegend am Rhein. – Die Halle der Gibichungen am Rhein.

Personen:
Siegfried
(Siegmunds und Sieglindes Sohn): Tenor
Brünnhilde (eine ehemalige Walküre): Sopran
Waltraute (eine Walküre): Mezzosopran
Alberich (ein Nibelung): Bariton
Hagen (Alberichs und Grimhilds Sohn; Halbbruder von Gunther und Gutrune): Bass
Gunther (der Fürst der Gibichungen, Sohn des Stammvaters Gibich und Grimhilds): Bariton
Gutrune (Gunthers Schwester, Tochter des Stammvaters Gibich und Grimhilds): Sopran
Drei Nornen: Sopran, Mezzosopran, Alt
Drei Rheintöchter: Sopran, Mezzosopran, Alt

Eine Werkeinführung

„Götterdämmerung“ ist ein Teil der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, die der deutsche Dichterkomponist Richard Wagner (1813–1883) für drei Abende und einen „Vorabend“ komponierte. Die Handlung schließt an die Werke „Das Rheingold“, „Die Walküre“ und „Siegfried“ an; das Vorspiel zur „Götterdämmerung“ beginnt mit dem Bühnenbild, mit dem „Siegfried“ endete. Im Zentrum des Geschehens steht ein zaubermächtiger Ring, den Alberich – er stammt aus dem Zwergenvolk der Nibelungen – aus Rheingold „verbogen“ hat: der Ring des Nibelungen. Alberich konnte dieses Instrument der Macht, das seinen Träger zum absoluten Herrscher macht, aus dem „reinen Gold“ herstellen, weil er davor alle Liebe aus seinem Herzen verbannt hatte. Doch der Ring wurde ihm geraubt, und nun befindet er sich im Besitz des jungen Helden Siegfried. Dieser weiß nichts von seiner Zaubermacht; er fand ihn – gemeinsam mit einer ebenfalls aus Gold gefertigten „Tarnkappe“ – in der Höhle des Drachens Fafner, nachdem er diesen feuerspeienden „Wurm“ im Kampf getötet hatte. Alberich aber möchte den geraubten Ring um jeden Preis wieder besitzen. Er hofft, dieses Ziel mit Hilfe seines Sohnes Hagen zu erreichen. Dieser ist Heerführer bei den Gibichungen – ein finsterer, verschlagener Charakter, der als mächtiger Gegenspieler Siegfrieds dessen Ermordung plant, ohne dass der kraftstrotzende, aber allzu naive Held es bemerkt. Dieser erfreut sich seines Lebens mit Brünnhilde, einer ehemaligen Walküre, die er als „das hehrste Weib“ für sich gewinnen konnte …
 

Die Handlung

 
Kurz und gut …
„Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte sind eigentlich ganz nette Leute. Nur eine gemeinsame Leidenschaft wird ihnen zum Verhängnis. Sie wollen mehr besitzen, als sie sich leisten können, mehr Macht, als ihnen zusteht. In blindem, lieblosem Gewinnstreben vernichten sie sich selbst und ihre Welt. Zum Glück gibt es ja dergleichen nur auf der Opernbühne …“
Loriot („Loriot erzählt Richard Wagners Ring des Nibelungen“)


Vorspiel: Auf dem Walkürenfelsen

Der erste Teil des „Vorspiels“ zur Götterdämmerung führt in die Welt der Götter, genauer gesagt, der drei Nornen, der schicksalswebenden „Göttinnen“, die einander die „Seile“ reichen, um Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander zu verknüpfen. Im Blick auf die Ereignisse der jüngsten Vergangenheit (der Vorgeschichte zur „Götterdämmerung“) zeigt sich, dass es für den „Göttervater“ Wotan (einem der Hauptprotagonisten im „Ring des Nibelungen“, der in der „Götterdämmerung“ allerdings nicht mehr auftritt) und seine Leidensgenossen in der hohen Burg Walhall nicht rosig aussieht: Wotan hatte einst zur Befestigung seiner Macht einen Ast aus der Weltesche gebrochen und mit diesem Ur-Frevel seinen Weg ins Verderben beschritten. Selbstherrliche Fehlentscheidungen, darunter der Raub von Alberichs Ring, hatten dazu geführt, dass der „Göttervater“ seine Macht verlor; die Weltesche war langsam verdorrt, Wotan hatte sie daraufhin fällen und die dürren Scheite rund um die „Götterburg“ schichten lassen. Nun erstarrt Walhall in banger Hoffnungslosigkeit. Wie es weitergehen wird? Auch die Nornen wissen es nicht … das Schicksalsseil zerreißt … das Ende für die „Götter“, die „Götterdämmerung“ naht.

Zu End’ ewiges Wissen!
Der Welt melden Weise nichts mehr!

Siegfried kümmern solche epochalen Ereignisse, die wie ein schwerer Schatten über allem Geschehen lagern, nicht. Er zieht aus dem „Steingemach“, in dem er mit Brünnhilde wohnt, abenteuerlustig hinaus in die Welt. Den Ring überlässt er als „Liebespfand“ Brünnhilde. Diese vertraut ihm dafür Grane an, ihr treues Ross – und blickt dem stolzen Helden nach. „Aus ihrem freudigen Lächeln deutet sich der Anblick des lustig davon ziehenden Helden. Der Vorhang fällt schnell.“ (Alle Zitate stammen aus Richard Wagners Libretto.) 

1. Aufzug: Die Halle der Gibichungen am Rhein

Hagen, der finstere Sohn Alberichs, den er als „des Hasses Frucht“ gezeugt hat, ist auch der Halbbruder von Gunther. Dieser lebt als Fürst der Gibichungen am Rhein, ebenso seine Schwester Gutrune. Beide – Gunther und Gutrune – sind noch nicht verheiratet, und Hagen meint, es sei nun endlich an der Zeit, dies zu ändern. 

Wen rätst du nun zu frein,
dass unserm Ruhm es fromm’?

Hagen hat eine Antwort auf Gunthers Frage: Er rät ihm, das sagenumwobene „herrlichste Weib der Welt“ – Brünnhilde – zur Frau zu nehmen. Allerdings gäbe es, berichtet Hagen, ein kleines Hindernis:

… ein Feuer umbrennt ihren Saal;
nur wer durch das Feuer bricht,
darf Brünnhildes Freier sein.

Man brauche also einen besonderen Helden, der diese Aufgabe bewältigen und Brünnhilde für Gunther gewinnen könne. Hagen weiß von jemandem, der dazu in der Lage ist: Siegfried! Und dieser strahlende Held würde sich doch zugleich allerbestens als Gutrunes Gemahl eignen. –

Während Fürst Gunther die Aussicht, Brünnhilde als hehres Weib an seiner Seite zu sehen, spontan zusagt, bleibt seine bescheidenere Schwester Gutrune skeptisch. Weshalb solle Siegfried ausgerechnet sie zur Frau nehmen?

Ist er der herrlichste Held der Welt,
der Erde holdeste Frauen
friedeten längst ihn schon.

Aber Hagen verweist auf ein mächtiges Geheimrezept: In seinem Schrein steht ein würziger Trank mit besonderer Zauberwirkung: Wer ihn trinkt, vergisst, „dass je ein Weib ihm genaht“. Ein Getränk also, das selektive Erinnerungslücken produziert! Hagen, Gunther und Gutrune sind sich rasch einig: dieser Saft ist geradezu ideal für Siegfried!

Und da naht der Held  auch schon! Siegfried schießt, getrieben von der eigenen unbändigen Kraft, in einem Nachen über den Rhein, bläst munter sein Horn und legt schließlich am Ufer der Gibichungen an. Damit beginnt das Drama: Gutrune reicht Siegfried Hagens „Willkommenstrunk“, und schon schwindet die Erinnerung des Helden an Brünnhilde schwindet. Indes verliebt er sich sofort in die Gastgeberin – und es dauert auch nicht lange, bis er mit Gunther Blutsbrüderschaft schließt: Er gelobt dem Gibichungenfürst brüderliche Treue – und ist selbstverständlich auch dazu bereit, ihm die Frau seiner Träume zuzuführen:

Ich – fürchte kein Feuer,
für dich frei’ ich die Frau;
denn dein Mann bin ich,
und mein Mut ist dein,
gewinn ich mir Gutrun’ zum Weib

Die frisch geeinten Brüder beschließen, für die Brautwerbung Siegfrieds Tarnkappe einzusetzen. Denn Brünnhilde soll meinen, dass Gunther selbst heldenhaft durch das Feuer dringt. Sie soll Siegfried nicht erkennen.

Schon eilt der Held, begleitet von Gunther, zurück zu einer Frau … von der er nicht mehr weiß, dass sie seine Frau ist.

Hagen sieht den beiden sinnend nach – sie sind die Spielbälle in seinem finsteren Spiel, das auf Siegfrieds Ring abzielt. Der erste Teil seines Planes ist gelungen:

Ihr freien Söhne, frohe Gesellen
segelt nur lustig dahin!
Dünkt er euch niedrig,
ihr dient ihm doch,
des Nibelungen Sohn.

Während für sie das Unheil in Gestalt Gunthers naht, erhält Brünnhilde Besuch von ihrer Schwester Waltraute, einer Walküre. Sie fleht Brünnhilde an, den Ring aus Rheingold wieder den Rheintöchtern zurückgeben. Damit könnte Sie Walhall und die Götter retten, denn:

… von des Fluches Last
erlöst wär’ Gott und die Welt

Doch Brünnhilde kümmert das Schicksal Wotans und der Götter längst nicht mehr. Sie wurde von Wotan verstoßen und hat sich in ihr neues Leben ergeben. Siegfrieds Liebespfand verschenken? Nie und nimmer! 

Waltraute muss unverrichteter Dinge wieder abziehen – und bald darauf, in der beginnenden Abenddämmerung, hört Brünnhilde Siegfrieds Horn. Freudig erwartet sie ihren Geliebten durch das lodernde Feuer zurückkommen – doch plötzlich steht ein Fremder vor ihr. Und der lässt keinen Zweifel über seine Absichten: Er ist gekommen, Brünnhilde zur Frau zu nehmen. Verzweifelt versucht sie, die Macht dieses Mannes mit der Kraft des Ringes zu brechen, doch Siegfried – in Gestalt Gunthers – „fasst sie bei der Hand und entzieht ihrem Finger den Ring“. Danach zwingt er die Braut, ihm für diese Nacht „ihr Gemach zu gönnen“. Er zieht sein Schwert und gelobt, während er Brünnhilde folgt, seine Triebe brav im Zaum zu halten:

Nun, Notung, zeuge du,
dass ich in Züchten warb.
Die Treue wahrend dem Bruder,
trenne mich von seiner Braut!

2. Aufzug: Vor der Halle der Gibichungen

Alberich schwört seinen Sohn Hagen nochmals darauf ein, Siegfried den Ring abzujagen. „Schwörst du mir’s, Hagen, mein Held?“ fragt er, aber erhält nur die lapidare Antwort:

Mir selbst schwör’ ich’s:
schweige die Sorge!

Da naht Siegfried auch schon – übermütig und kraftstrotzend wie immer. Auf Hagens Frage, woher er denn komme, antwortet er:

Vom Brünnhildenstein!
Dort sog ich den Atem ein,
mit dem ich dich rief:
so rasch war meine Fahrt!
Langsamer folgt mir ein Paar:
zu Schiff gelangt das her!

Seiner Geliebten Gutrune versichert Siegfried noch, dass er Brünnhilde während der Nacht nicht berührt habe. Morgens dann, im Frühnebel, hätte Gunther unbemerkt die Stelle mit ihm getauscht. Alles sei also nach Plan verlaufen.

Als bald darauf Gunther und Brünnhilde eintreffen, ruft Hagen (in der ersten großen Chorszene des gesamten „Rings“) mit mächtigem Bass seine „Gibichsmannen“:

Empfangt Gunthers Braut!
Brünnhilde naht dort mit ihm!

Doch es ist kein erbaulicher Anblick, der sich den Gibichungen bietet: Gunther geleitet eine innerlich gebrochene Braut zu seiner Halle. Als Brünnhilde dort schließlich Siegfried erblickt – an der Seite einer fremden Frau und mit dem Ring, dem „Liebespfand“, an seiner Hand –, fühlt sie nur noch eines: Verrat! Öffentlich klagt sie Siegfried an, ihr den Ring geraubt und Gunther betrogen zu haben. Und nicht nur er, vor allem sie selbst sei von Siegfried verraten worden. Denn in Wirklichkeit sei sie „diesem Mann“ vermählt. Brünnhilde klagt Siegfried unter Eid an:

Er zwang mir Lust und Liebe ab!

Siegfried jedoch beteuert, er habe Brünnhilde nie berührt – und schwört ebenfalls einen Eid auf seine Aussage. Die allgemeine Verwirrung ist entsprechend groß. Seinem Blutsbruder Gunther flüstert Siegfried zu, dass der Tarnhelm vermutlich nicht richtig funktioniert habe, und wie ein profunder Kenner des schwachen Geschlechts rät er ihm, Brünnhildes Worte nicht allzu ernst zu nehmen:

Frauengroll friedet sich bald:
dass ich dir es gewann,
dankt dir gewiss noch das Weib!

Dann schlingt Siegfried „in ausgelassenem Übermute seinen Arm um Gutrune und zieht sie mit sich in die Halle fort. Die Mannen und Frauen, von seinem Beispiele hingerissen, folgen ihm nach. Nur Brünnhilde, Gunther und Hagen bleiben zurück.“

Brünnhilde ist verzweifelt und versteht die Welt nicht mehr:

Wo ist nun mein Wissen
gegen dies Wirrsal?
Wo sind meine Runen
gegen dies Rätsel?

Da tritt Hagen an sie heran und bietet ihr freundlich an, den Betrug zu rächen. Brünnhilde müsse ihm lediglich verraten, wo Siegfried verletzt werden könne. Und Brünnhilde tut es: Zwar sei Siegfried durch ihr „Zauberspiel“ vor Verwundungen geschützt, doch nicht am Rücken. Denn er würde sowieso nie vor einem Feind fliehen. Hagen weiß nun, was er zu tun hat:

Dort trifft ihn mein Speer!

Nicht nur Brünnhilde, auch Gunther kann Hagen davon überzeugen, dass es nur eine Lösung gibt, nachdem offenbar auch er von seinem Blutsbruder betrogen wurde: „Siegfried falle!“ Während der morgigen Jagd will Hagen die Tat verüben. Gutrune wird in den Racheplan nicht eingeweiht. Ihr soll erzählt werden, ein Eber hätte Siegfried getötet …

3. Aufzug: Wildes Wald- und Felsental am Rhein; die Halle der Gibichungen

Der Tag der Jagd. Siegfried ist gerade allein unterwegs, hat noch keine Beute gemacht, und trifft die drei Rheintöchter (die Hüterinnen des Rheingoldes, das Alberich einst gestohlen hatte und aus dem der „Ring des Nibelungen“ geschmiedet worden war). Eine letzte Gelegenheit, den Lauf der Dinge zu ändern: Die Rheintöchter bieten Siegfried an, ihm das Wild, nach dem er bisher vergeblich gejagt hat, zu „gönnen“, ihm also Jagdglück zu bescheren – er könnte ihnen dafür den Ring an seiner Hand geben. 

Siegfried zögert, denn der Ring bedeutet ihm viel. Dann aber ist er im Übermut doch bereit, den „muntren Wasserminnen“ seinen Ring zu überlassen. Es hätte also alles gut werden können – aber den Rheintöchtern reicht diese Bereitschaft nicht. Sie wollen mehr als nur ein halbherziges Geschenk. Denn eigentlich müsse Siegfried ihnen ja dankbar für die Gelegenheit sein, den fluchbeladenen Ring loszuwerden:

Behalt ihn, Held,
und wahr ihn wohl,
bis du das Unheil errätst,
das in dem Ring du hegst.
Froh fühlst du dich dann,
befrein wir dich von dem Fluch!

Mit solchen Worten aber lässt sich ein Held natürlich nicht zum Nachdenken bewegen. Siegfried fürchtet weder einen Fluch noch die Bedrohung seines Lebens. Nun verweigert er den Rheintöchtern den Ring endgültig, „hebt eine Erdscholle vom Boden auf, hält sie über seinem Haupte und wirft sie mit den letzten Worten hinter sich“:

Denn Leben und Leib,
seht: – so –
werf ich sie weit von mir!

Die Rheintöchter schwimmen „gemächlich dem Hintergrunde zu fort“. Für sie ist klar, dass Siegfried gerade wirklich sein Leben „verworfen“ hat. Er indes „sieht ihnen lächelnd nach, stemmt ein Bein auf ein Felsstück am Ufer und verweilt philosophierend mit auf der Hand gestütztem Kinne“:

Im Wasser wie am Lande
lernt’ nun ich Weiberart:
wer nicht ihrem Schmeicheln traut,
den schrecken sie mit Drohen;
wer dem kühnlich trotzt,
dem kommt dann ihr Keifen dran.

Nun nahen Hagen, Gunther und die Jagdgemeinschaft und finden Siegfried am Rheinufer. Offenbar hatte der Held kein Jagdglück. Also lassen sich alle gemütlich nieder, und Siegfried erzählt aus seinem Leben: Vom Zwerg Mime, der ihn großzog, von seinem Kampf mit dem Drachen Fafner, von dessen Blut, das ihn hellhörig machte, und von dem Waldvögelchen, das ihm den Weg wies … ja, wohin eigentlich?

An dieser Stelle der Erzählung tritt Hagen an Siegfried heran und reicht ihm zur Erfrischung einen speziellen Kräutertrank. Dieser bringt ihm mit einem Schlag die Erinnerung zurück– und Siegfried erzählt arglos, wie er Brünnhilde fand und für sich gewann:

Mein Kuss erweckte sie kühn:
oh, wie mich brünstig da umschlag
der schönen Brünnhilde Arm!

Nun sind alle aufgebracht. Also hatte Brünnhilde die Wahrheit geschworen und Siegfried gelogen! Gunter springt „in höchstem Entsetzten“ auf:

Was hör’ ich?

In diesem Augenblick fliegen zwei Raben „aus einem Busche auf, kreisen über Siegfried und fliegen dann, dem Rheine zu, davon“. Siegfried blickt ihnen nach – und schon stößt ihm Hagen seinen Speer in den Rücken. Während Siegfried stirbt und die Jagdgemeinschaft fassungslos die Szene verfolgt, bis sich „regungslose Trauer“ breit macht, wendet sich Hagen „ruhig ab und verliert sich dann einsam über die Höhe.“

Siegfrieds letzte Gedanken gelten Brünnhilde, seiner „heiligen Braut“, ihrem Erwachen, dem ewigen Leben in ihrem Blick, ihrer Nähe, die er nun im Tod noch einmal spürt:

Ach, dieses Auge, ewig nun offen!
Ach, dieses Atems wonniges Wehen!
Süßes Vergehen, seliges Grauen –
Brünnhild’ bietet mir – Gruß!

Indes ist Gutrune zu Hause unruhig geworden. „Schlimme Träume“ hatten sie geweckt. Sie hatte beobachtet, wie Brünnhilde in dieser Mondnacht in Richtung Rhein ging, und sie hatte Siegfrieds Horn zu hören geglaubt. Nun will sie wieder zurück in ihr Schlafgemach. „Als sie jedoch Hagens Stimme vernimmt, hält sie an und bleibt, von Furcht gefesselt, eine Zeitlang unbeweglich stehen“.

Und nun muss Gutrune die erschütternde Wahrheit erfahren: Siegfried ist tot!

Die Geschichte vom „wilden Eber“, dessen Beute der Held geworden sein soll, glaubt sie keine Sekunde lang – und so gesteht Hagen ihr „mit furchtbarem Trotze“, selbst die Tat vollbracht zu haben. Alberichs Sohn glaubt sich damit am Ziel seiner Wünsche:

Heiliges Beuterecht
hab ich mir nun errungen:
drum fordr’ ich hier diesen Ring!

Hagen will Siegfried den Ring vom Finger ziehen, doch Gunther tritt dazwischen. Er meint, es handele sich um „Gutrunes Erbe“. Daraufhin zieht Hagen sein Schwert, „dringt auf Gunther ein, dieser wehrt sich; sie fechten. Mannen werfen sich dazwischen. Gunther fällt von einem Streiche Hagens.“

Her den Ring!

Mit diesem Ruf ergreift Hagen, während Gunther stirbt, Siegfrieds Hand. Aber die wird wunderbarerweise noch einmal von der Lebenskraft des Toten durchströmt. Sie „hebt sich drohend empor. Gutrune und die Frauen schreien entsetzt lauf auf. Alles bleibt in Schauder regungslos gefesselt. Vom Hintergrunde her schreitet Brünnhilde fest und feierlich dem Vordergrunde zu“. 

Die Rheintöchter haben sie inzwischen über Hagens dunkles Spiel und auch über Siegfrieds befremdliches Verhalten aufgeklärt. Gutrune glaubt zunächst noch, Brünnhilde die Schuld an allem aufbürden zu können:

Brünnhilde! Neiderboste!
Du brachtest uns diese Not:
die du die Männer ihm verhetztest,
weh, dass du dem Haus genaht!

Brünnhildes Antwort aber führt Gutrune zur bitteren Erkenntnis, dass auch sie nur ein Opfer von Hagens Intrigen war:

Armselige, schweig!
Sein Eheweib warst du nie,
als Buhlerin bandest du ihn.
Sein Mannesgemahl bin ich,
der ewige Eide er schwur,
eh Siegfried je dich ersah.

Brünnhilde ist nun entschlossen, die Welt aus dem Bann des verbogenen Rheingoldes zu befreien. Zu viele Opfer hat das sinnlose Streben nach Macht bereits gefordert! Sie lässt für Siegfrieds Leiche einen Scheiterhaufen errichten. „Frauen schmücken ihn mit Decken, auf die sie Kräuter und Blumen streuen.“

Starke Scheite schichtet mir dort
am Rande des Rheins zuhauf!
Hoch und hell lodre die Glut,
die den edlen Leid des hehrsten Helden verzehrt

Danach winkt Brünnhilde „den Mannen, Siegfrieds Leiche auf den Scheiterhaufen zu tragen; zugleich zieht sie von Siegfrieds Finger den Ring und betrachtet ihn sinnend.“

Mein Erbe nun nehm ich zu eigen.
Verfluchter Reif!
Furchtbarer Ring!
Dein Gold fass ich
und gebe es nun fort.
Der Wassertiefe weise Schwestern,
des Rheines schwimmende Töchter,
euch dank ich redlichen Rat.
Was ihr begehrt, ich geb es euch:
aus meiner Asche nehmt es zu eigen!
Das Feuer, das mich verbrennt,
rein’ge vom Fluche den Ring!

Brünnhilde „hat sich den Ring angesteckt und wendet sich jetzt zu dem Scheiterhaufen, auf dem Siegfrieds Leiche ausgestreckt liegt. Sie entreißt einem Manne den mächtigen Feuerbrand, schwingt diesen und deutet nach dem Hintergrund“, um den Raben den Weg zu weisen. Sie sollen „heim fliegen“, in Richtung der Götterburg Walhall, um Loge, dem Feuergott, den Weg zu weisen. Denn mit dem Entzünden des Scheiterhaufens soll auch die Burg brennen:

So – werf ich den Brand
in Walhalls prangende Burg

Brünnhilde „schleudert den Brand in den Holzstoß, der sich schnell entzündet. Zwei Raben sind vom Felsen am Ufer aufgeflogen und verschwinden nach dem Hintergrund.“ Dann entzäumt sie ihr Ross, schwingt sich darauf „und sprengt mit einem Satze in den brennenden Scheiterhaufen.“

Siegfried! Siegfried! Sieh
selig grüßt dich dein Weib!

Das Feuer schwillt mächtig weiter und weiter an, bis plötzlich der Glutschein verlischt, „so dass bald bloß ein ein Dampfgewölk zurückbleibt, welches sich dem Hintergrunde zu verzieht und dort am Horizont sich als finstere Wolkenschicht lagert. Zugleich ist vom Ufer her der Rhein mächtig angeschwollen und hat seine Flut über die Brandstätte gewälzt. Auf den Wogen sind die drei Rheintöchter herbei geschwommen und erscheinen jetzt über der Brandstätte.“

Hagen gerät beim Anblick der Rheintöchter „in höchsten Schreck“. Er will verhindern, dass sie den Ring bekommen, „wirft hastig Speer, Schild und Helm von sich und stürzt wie wahnsinnig sich in die Flut“.

Zurück von Ring!

Das sind Hagens letzte Worte – er wird von den Fluten in die Tiefe gezogen. Das Ende für den „Ring des Nibelungen“! 

Die Rheintöchter haben das kostbare Gold wieder. Eine von ihnen „hält jubelnd den gewonnenen Ring in die Höhe. Durch die Wolkenschicht, welche sich am Horizont gelagert, bringt ein rötlicher Glutschein mit wachsender Helligkeit aus. Von dieser Helligkeit beleuchtet, sieht man die drei Rheintöchter auf den ruhigeren Wellen des allmählich wieder in sein Bett zurückgetretenen Rheines, lustig mit dem Ringe spielend, im Reigen schwimmen. Aus den Trümmern der zusammengestürzten Halle sehen die Männer und Frauen in höchster Ergriffenheit dem wachsenden Feuerschein am Himmel zu. Als dieser endlich in lichtester Helligkeit leuchtet, erblickt man darin den Saal Walhalls.“

Götterdämmerung. „Helle Flammen scheinen in dem Saal der Götter aufzuschlagen. Als die Götter von den Flammen gänzlich verhüllt sind, fällt der Vorhang.“ –

Richard Wagners grandioses Finale lässt Bühnenbildner üblicherweise verzweifeln. Aber in der Musik keimt die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, in der das „Gold des Lebens“ nicht mehr missbraucht wird …


(Alle Zitate aus Wagners „Götterdämmerung“-Libretto)