Der das Fürchten (fast) nie erfuhr

Siegfried

Libretto: Richard Wagner (1813–1883)

Musik: Richard Wagner (1813–1883)

Entstehung: 1848 (erste Ideen zum „Ring des Nibelungen“); 1857 (Fertigstellung bis inkl. 2. Aufzug); 1871 (Fertigstellung der Komposition)

Uraufführung: 16. August 1876, Bayreuth (im Rahmen der ersten Bayreuther Festspiele)

Dauer: ca. 4,5 Stunden, zwei Pausen

Aufzüge:
1. Eine Felsenhöhle im Wald
2. Tiefer Wald
3. Wilde Gegend am Fußende eines Felsenberges, dann auf dem Gipfel dieses Berges („Brünnhildenstein“)

Personen:
Siegfried
, ein junger Held: Tenor
Mime, ein Nibelung: Tenor
Der Wanderer (Wotan), ein Gott: Bariton
Alberich, ein Nibelung: Bass
Fafner, ein Riese: Bass
Erda (die Urmutter): Alt
Brünnhilde, eine Walküre: Sopran
Stimme des Waldvogels: Sopran

 

Eine Werkeinführung

„Siegfried“ ist ein Teil der Tetralogie „Der Ring des Nibelungen“, die der deutsche Dichterkomponist Richard Wagner (1813–1883) für drei Abende und einen „Vorabend“ komponierte. Die Handlung schließt an die Werke „Das Rheingold“ und „Die Walküre“ an. Im Zentrum steht ein zaubermächtiger Ring, den Alberich – er stammt aus dem Zwergenvolk der Nibelungen – aus Rheingold „verbogen“ hat: der Ring des Nibelungen. Alberich konnte dieses Instrument der Macht, das seinen Träger zum absoluten Herrscher machen kann, aus dem „reinen Gold“ herstellen, weil er davor alle Liebe aus seinem Herzen verbannt hatte. Rücksichtslose Machtausübung funktioniert bekanntlich am besten, wenn das Gewissen ertötet wird.

Doch der Ring machte Alberich nur für kurze Zeit zum Herrn über das Volk der Nibelungen. Denn Wotan, dem „Göttervater“, gelang es, den Schatz des finsteren Zwergs zu rauben, woraufhin dieser den Ring mit einem schrecklichen Fluch belegte: Jeder, der ihn besitzen und zur Machtausübung verwenden will, wird sterben! Also verzichtete Wotan – auf Anraten der „Urmutter“ Erda – fürs erste auf den Ring der Macht – und überließ ihn dem Riesen Fafner. Dieser hütet seinen Schatz in der Gestalt eines Drachens, die er mit Hilfe einer ebenfalls aus Rheingold geschmiedeten Tarnkappe   angenommen hat. Fafner residiert in der „Neidhöhle“, einem sagenumwobenen Ort im Osten, den jeder meidet.

Aber sowohl Alberich, der um seinen Ring betrogene Nibelung, als auch Wotan warten darauf, dass ein mächtiger und furchtloser Kämpfer erscheint, um Fafner, den Drachen zu töten. Dieser Held wird Siegfried sein.

Aber nicht nur die beiden Antagonisten erwarten die große Heldentat. Auch ein anderer Nibelungen-Zwerg namens Mime – er ist Alberichs Bruder – sehnt den Tag des Kampfes herbei. Denn unter der Obhut dieses kleinen, allerdings heimtückischen Schmiedes ist Siegfried zum Mann herangewachsen. Nachdem Sieglinde, Siegfrieds Mutter, bald nach der Geburt ihres Knaben gestorben war, hatte Mime das „zullende Kind“ großgezogen – aber stets mit dem Hintergedanken, mit Hilfe dieses Knaben irgendwann irgendwie an den Ring zu kommen.

Wie das geschehen soll, weiß Mime allerdings selbst nicht. Er kennt zwar die Geschichte von Siegfrieds Eltern (die Richard Wagner in der „Walküre“ erzählt), er besitzt auch die Stücke des zerbrochenen Schwertes „Notung“, das Siegfrieds Vater – Siegmund – gehört hatte, aber es ist Mime nie gelungen, die Stücke zu einem neuen Ganzen zusammenzufügen. Und auch der mittlerweile pubertierende junge Siegfried (dessen Charakter Richard Wagner ursprünglich zu seiner „Ring“-Dichtung inspirierte) entgleitet dem Ziehvater. Wie sich das zuträgt, erzählt der – mit einigem Sprach-Humor gewürzte – erste Akt von „Siegfried“ …

 

Die Handlung

 

Kurz und gut
„Die Täter im gewaltigsten Drama der Musikgeschichte sind eigentlich ganz nette Leute. Nur eine gemeinsame Leidenschaft wird ihnen zum Verhängnis. Sie wollen mehr besitzen, als sie sich leisten können, mehr Macht, als ihnen zusteht. In blindem, lieblosem Gewinnstreben vernichten sie sich selbst und ihre Welt. Zum Glück gibt es ja dergleichen nur auf der Opernbühne …“
Loriot (Loriot erzählt Richard Wagners Ring des Nibelungen)

 

1. Aufzug: Eine Felsenhöhle im Wald

Mime, Siegfrieds Ziehvater, „hämmert mit wachsender Unruhe an einem Schwerte“ (dieses Zitat stammt, wie alle folgenden, aus Richard Wagners Libretto). Der Zwerg ärgert sich darüber, dass der kraftstrotzende Siegfried auch seine allerbesten Schwerter wie Kinderspielzeug „entzwei schmeißt“. Und Mime weiß, dass es nur ein Schwert gibt, das geeignet für seinen übermächtigen Sohn wäre: Notung. Doch dieses Schwert ist im letzten Kampf, den Siegfrieds Vater führte, zerbrochen – und Mime weiß keinen Weg, um die beiden Stücke, die bei ihm in der Felsenhöhle lagern, wieder zu vereinen. Er kann nur davon träumen, dass es ihm gelänge, dieses Schwert neu zu schmieden. Denn dann könnte Siegfried kmit Notungs Hilfe den Drachen Fafner töten und für ihn den Schatz des Nibelungen „erringen“, ihn damit zum Herrscher der Welt machen …

Doch der übermütige junge Naturbursche empfindet längst, dass Mime etwas im Schilde führt und liebt es, seinen Ziehvater zu ärgern. Zum Beispiel, indem er nun einen wilden Bären in die Höhle schleppt, um den Zwerg mit dem braunen Tierchen zu erschrecken. Denn Siegfried hält Mime für einen Prahler, der „von rüstigen Kämpfen und kühnen Taten“ schwätzt, aber in Wirklichkeit selbst nichts vorzuweisen hat; für einen „schändlichen Stümper“, dessen Schmiedekunst keine Schwerter, sondern nur „schwache Stifte“ hervorbringt:

Nehm’ ich zur Hand nun,
was er gehämmert,
mit einem Griff
zergreif ich den Quark!

Nachdem Siegfried scharfsinnig beobachtet hat, wie in der Natur überall „die Jungen den Alten gleichen“, er aber absolut keine Ähnlichkeit zwischen Mime und sich selbst entdecken kann, muss der Zwerg nach anfänglicher Hilflosigkeit (er versucht den wachsenden Erkenntnisdrang des Jungen zunächst mit den Worten: „Greulichen Unsinn kramst du da aus“ abzuwimmeln) erstmals eingestehen, gar nicht wirklich Siegfrieds Vater zu sein.

Nun jauchzt der Junge auf – ein schöneres Eingeständnis hätte sich Siegfried nicht wünschen können. Er hat nichts mit diesem zaghaften Zwerg zu tun! Nachdem er von seinen Eltern und von dem zerbrochenen Schwert Notung erfahren hat, beauftragt Siegfried Mime, ihm dieses Schwert neu zu schmieden, damit er endlich „aus dem Wald fort in die Welt“ ziehen kann:

Wie ich froh bin
dass ich frei ward,
nichts mich bindet und zwingt!
Mein Vater bist du nicht;
in der Ferne bin ich heim;
dein Herd ist nicht mein Haus,
meine Decke nicht dein Dach.
Wie der Fisch froh
in der Flug schwimmt,
wie der Fink frei
sich davon schwingt:
flieg ich von hier
flute davon,
wie der Wind übern Wald
weh ich dahin,
dich, Mime, nie wieder zu sehn!

Und fort ist Siegfried! Mime bleibt ratlos zurück. Seine Träume, mit Siegfrieds Hilfe an den Ring zu kommen, beginnen sich zu verflüchtigen. Er weiß ja nicht einmal, wie er die Schwertstücke vereinen könnte. Was tun?
Da betritt ein Wanderer Mimes Höhle. „Er trägt einen dunkelblauen langen Mantel, einen Speer als Stab. Auf dem Haupte hat er einen großen Hut mit breiter runder Krempe, die über das fehlende eine Auge tief herein hängt.“ In dieser Beschreibung ist unschwer Wotan zu erkennen. Der Göttervater ist (wieder einmal) inkognito auf Erden unterwegs, um den Lauf der Dinge zu beobachten … und vielleicht auch ein wenig zu steuern.

Mime aber den Wanderer nicht. Er kann den ungebetenen Gast allerdings auch nicht abwimmeln – und lässt sich schließlich auf eine gefährliche „Wissenswette“ mit dem Fremden ein: Jeder darf dem anderen drei Fragen stellen. Wer auch nur eine nicht beantworten kann, verliert an den anderen seinen Kopf.

Natürlich weiß der Göttervater alle Antworten auf Mimes naive Fragen zur Weltordnung. Dieser indes scheitert an just an jener Frage, die ihn selbst schon die ganze Zeit beschäftigt hatte: Wem ist es bestimmt, das zerbrochene Schwert Notung wieder zu einem Ganzen zu fügen? Wotan gibt dem Zwerg nun die entscheidende Antwort, deretwegen er die Wissenswette wohl überhaupt vorgeschlagen hatte: Einer, „der das Fürchten nie erfuhr“, werde Notung neu schmieden!

Zerknirscht gibt Mime sich geschlagen, doch Wotan verzichtet großmütig auf den Kopf des Zwerges:

Dein weises Haupt
wahre von heut:
verfallen lass ich des dem,
der das Fürchten nicht gelernt.

Während der Wanderer lächelnd wieder im Wald verschwindet, plagen Mime albtraumhafte Visionen: Er sieht sich vom Drachen Fafner verfolgt, schaut schon seinen „gräßlichen Rachen“ und sinkt gerade „laut schreiend hinter dem Amboss zusammen“, als Siegfried wieder zurückkehrt und abenteuerhungrig  fragt, wie es denn um das Schwert stehe. Verstört zitiert Mime die Verheißung des Wanderers:

Nur wer das Fürchten nie erfuhr
schmiedet Notung neu.

Und gleichzeitig verdeutlicht er Siegfried, wie wichtig es für ihn doch wäre, das Fürchten kennenzulernen. Einst hätte er Sieglinde (Siegfrieds Mutter) gelobt, ihr Kind nicht in die Welt zu entlassen, ehe es das Fürchten erfahren hat. Also will Siegfried diese fremde „Kunst“ erlernen – und Mime hofft, seinen in der Wissenswette verlorenen Kopf retten zu können, wenn Siegfried im Angesicht des Drachens vielleicht doch noch ein wenig zu zittern beginnt. Mimes verwegener Plan: Er will Siegfried zu Fafners „Neidhöhle“ führen, hier warten, bis er „den Wurm“ getötet hat – und ihm dann ein Betäubungsgetränk verabreichen, um ihn im Schlaf zu töten und den Ring an sich zu nehmen:

Rang er sich müd mit dem Wurm,
von der Müh’ erlab’ ihn ein Trunk:
aus würzgen Säften,
die ich gesammelt,
brau ich den Trank für ihn;
wenig Tropfen nur
braucht er zu trinken,
sinnlos sinkt er in Schlaf.
Mit der eigenen Waffe,
die er sich gewonnen,
räum ich ihn leicht aus dem Weg,
erlange mir Ring und Hort!

Wir ahnen schon, dass die Dinge sich für Mime nicht ganz so günstig entwickeln werden. Zunächst aber fertigt der furchtlose Siegfried sein „neidliches Schwert“, in dem er die zerbrochenen Stücke kurzerhand zerfeilt und dann aus den Spänen in der Glut der Schmiede ein neues Schwert fertigt. Mit dem er zum Ende des ersten Aufzugs im Übermut gleich einmal Mimes Amboss spaltet.

2. Aufzug: Tiefer Wald

Der junge Siegfried ist ein von allem Wissen der Welt unbelasteter Empfindungsmensch, naiv und ohne unlautere Absichten oder Machtgelüste. Wie wird er auf den Drachen reagieren? Vor Fafners „Neidhöhle“ warten bereits der „Göttervater“ Wotan und sein alter Rivale, der Nibelung Alberich, auf das kommende Schauspiel – letzterer auch auf eine Gelegenheit, endlich wieder an seinen Ring zu kommen. Wotan indes versichert, daran kein Interesse zu haben. Der Schatz soll Siegfried gehören:

Des Ringes waltet,
wer ihn gewinnt.

Nun treffen Siegfried und Mime bei der „Neidhöhle“ ein. Mime warnt seinen Ziehsohn vor der Größe des Drachens, vor seinem „schrecklichen Rachen“, der ihn samt „Haut und Haar mit einem Happ“ verschlingen könne, vor dem „Schlangenschweif“, der alle Glieder, die er umschlingt, „wie Glas“ zerbricht und vor dem giftigen Speichel des Drachens, der „Fleisch und Gebein schwinden“ lässt.

Glaube, Liebster,
lernst du heut und hier das Fürchten nicht,
an andrem Ort
zu andrer Zeit
schwerlich erfährst dus je

Aber alle diese Gefahren, von denen Mime berichtet, findet Siegfried nicht der Rede wert – Kleinigkeiten! Nachdem er sich unter einer Linde ein wenig dem idyllischen Waldweben hingegeben hat, bläst er in sein „silbernes Hifthorn“ und schafft damit im Nu, was Wotan zuvor vergeblich versucht hatte: Fafner zu wecken. Nun erhebt sich der „ungeheure, eidechsenartige Schlangenwurm“ von seinem Höhlenlager „und wälzt sich aus der Tiefe nach der höheren Stelle vor, so dass er mit dem Vorderleibe bereits auf ihr angelangt ist, als er jetzt einen starken gähnenden Laut ausstößt“.

Siegfried findet das recht lustig und spricht den Drachen gut gelaunt an:

Hier kennt einer das Fürchten nicht:
kann ers von dir erfahren?

Der Drache indes stößt nun „einen lachenden Laut“ aus und grunzt:

Trinken wollt ich
nun treff ich auch Fraß!

Als Fafner dann seinen Rachen öffnet und Siegfried die Zähne zeigt, fühlt dieser sich doch herausgefordert:

Eine zierliche Fresse
zeigst du mir da,
lachende Zähne im Leckermaul!
Gut wärs, den Schlund dir zu schließen;
dein Rachen reckt sich zu weit!

Der Kampf dauert nicht lange: „Fafner wälzt sich weiter auf die Höhe herauf und sprüht aus den Nüstern auf Siegfried. Siegfried weicht dem Geifer aus, springt näher zu und stellt sich zur Seite. Fafner sucht ihn mit dem Schweife zu erreichen. Siegfried […] springt mit einem Satze über diesen hinweg und verwundet ihn an dem Schweife. Fafner brüllt, zieht den Schweif heftig zurück und bäumt den Vorderleib, um mit dessen voller Wucht sich auf Siegfried zu werfen; so bietet er diesem die Brust dar. Siegfried erspäht schnell die Stelle des Herzens und stößt sein Schwert bis an das Heft hinein.“

Im Sterben warnt Fafner, der Riese, der sich mit Hilfe einer Tarnkappe die Gestalt des Drachens zugeeignet hatte, Siegfried vor dem „verfluchten Gold“, das ihm und seinem Bruder Fasolt den Tod gebracht habe. Er gibt dem jungen Helden letzte mahnende Worte mit auf den Weg:

Merk, wies endet
Acht auf mich!

Nachdem Siegfried dem Toten sein Schwert aus der Brust gezogen hat und seine Hand dabei „vom Blute benetzt“ wurde, erlebt er etwas Wunderbares: Der Kontakt mit dem Blut des Drachens lässt ihn vorübergehend hellhörig werden. Er versteht nun, was ihm ein nettes Waldvögelchen zuzwitschert („Deutlich dünken mich’s Worte!“) – es rät ihm, aus der Höhle des toten Drachens den Tarnhelm zu holen („der taugt ihm zu wonniger Tat“) und … den Ring, denn dieser „macht ihn zum Walter der Welt.“ Siegfried folgt diesem bemerkenswerten Rat. Singt das Waldvögelchen etwa Wotans Lied? – Das Libretto gibt darüber keine Auskunft.

Siegfrieds Hellhörigkeit hat nun allerdings schwerwiegenden Folgen für Mime. Denn er erlauscht aus den heuchlerischen Worten seines Ziehvaters dessen wahre Absicht – ihn zu betäuben und zu ermorden, um an „die Beute“ zu kommen. Daraufhin tötet Siegfried auch den Zwerg Mime, aus dem Hintergrund begleitet vom höhnischen Gelächter Alberichs, und wirft seinen Leichnam in die „Neidhöhle“:

In der Höhle hier
lieg auf dem Hort!
Mit zäher List erzieltest du ihn:
jetzt magst du des wonnigen walten!

Für eine kurze Erholung legt sich der junge Held wieder unter die Linde. Siegfried fühlt sich allein und wünscht sich sehnlichst „ein gut Gesell“. Ob das Waldvöglein nochmals Rat weiß?

Aber ja doch! Schon weist es ihm den Weg hin zu einem feuerumloderten Felsen. Hier ruhe ein „herrliche Weib“:

Durchschritt er die Brunst,
weckter die Braut,
Brünnhilde wäre dann sein!

Welche Aussicht! Siegfried „fährt mit jäher Heftigkeit vom Sitze auf“ und läuft dem Vogel nach, „der ihn neckend eine Zeitlang nach verschiedenen Richtungen hinleitet“, bis er „mit einer bestimmten Wendung nach dem Hintergrunde davonfliegt. Der Vorhang fällt.“

3. Aufzug: Wilde Gegend am Fußende eines Felsenberges, dann auf dem Gipfel dieses Berges

Wotan weckt Erda, „der Welt weisestes Weib“, mit der er einst die Brünnhilde und die anderen Walküren gezeugt hatte. Als Wanderer hatte der unstete „Göttervater“ die Welt durchstreift, aber doch keinen Weg gefunden, um das „rollende Rad“ des dunklen Schicksals, das ihm und den Göttern droht, aufhalten oder in eine andere Richtung lenken zu können.

Er hofft nun, dass ihm Erda, die ihn einst schon vor dem Ring des Nibelungen gewarnt hatte, einen Rat geben kann. Sie aber empfiehlt Wotan zunächst nur, sich an Brünnhilde zu wenden. Und als sie daraufhin vom bitteren Schicksal ihrer Tochter erfährt, der Wotan zur Strafe für ihren Trotz – Brünnhilde hatte gegen Wotans Willen Siegfrieds Vater vor dem Tod retten wollen – ihre Göttlichkeit genommen hatte, zeigt sich Erda von dem obersten der Götter nur noch enttäuscht:

Der den Trotz lehrte, straft den Trotz?
Der die Tat entzündet, zürnt um die Tat?
Der die Rechte wahrt, der die Eide hütet
wehret dem Recht, herrscht durch Meineid?
Lass mich wieder hinab!
Schlaf verschließe mein Wissen!

Erda versinkt also wieder in Schlaf, nicht ohne Wotan noch mitzuteilen, dass er sich selbst nun nicht mehr Gott nennen dürfte („Du bist nicht, was du dich nennst!“). Dieser antwortet streitlustig („Du bist nicht, was du dich wähnst. Urmütter-Weisheit geht zu Ende“), ahnt aber, dass seine Zeit zu Ende geht, dass die „Götterdämmerung“ naht.

Als er Siegfried erblickt, stellt Wotan sich ihm in den Weg, und der Dialog zwischen den beiden endet in einer unverhohlenen Drohung des „Göttervaters“: Siegfried solle sich vorsehen, an seinem Speer sei das Schwert Notung schon einmal zerbrochen! Das aber stachelt den jungen Helden natürlich erst recht an:

Meines Vaters Feind!
Find ich dich hier?
Herrlich zur Rache geriet mir das!
Schwing deinen Speer:
in Stücken spalt’ ihn mein Schwert!

Diesmal endet die Auseinandersetzung für den „Göttervater“ tragisch: Siegfried „haut dem Wanderer mit einem Schlage den Speer in zwei Stücken; ein Blitzstrahl fährt daraus nach der Felsenhöhle zu. […] Starker Donner, der schnell sich abschwächt, begleitet den Schlag. Die Speerstücke fallen zu des Wanderers Füßen.“ Wotan weicht geschlagen zurück – seine Macht ist gebrochen.

Zieh hin, ich kann dich nicht halten!

Siegfried kümmern solche Kleinigkeiten aus der Welt der fernen Götter nicht. Er „setzt sein Horn an und stürzt sich, seine Lockweise blasend, ins wogende Feuer.“

Auf dem Gipfel des Felsenberges findet Siegfried schließlich Brünnhilde – „in vollständiger glänzender Panzerrüstung, mit dem Helm auf dem Haupte, den langen Schild über sich gedeckt“. Kein Wunder, dass er zunächst glaubt, einen Mann vor sich zu haben … und dann erschrocken zurückfährt, als er „die Brünne und die Schienen“ abhebt:

Das ist kein Mann!

Nun gerät der bisher Furchtlose doch „in höchste Beklemmung“, und sinkt bald, „wie ohnmächtig an Brünnhildes Busen.“

Bald aber weicht seine Angst einer ungestümen Leidenschaft … „Sei mein!“ herrscht er die soeben als Menschenfrau erwachte ehemalige Göttin an. Brünnhilde kann seine Gefühle nicht erwidern. Allzu machtvoll lebt in ihr noch die Erinnerung an ihr früheres Sein … als Walküre in höchsten Höhen. Eine glanzvolle Vergangenheit, der gegenüber sinnliche Absichten eher dumpf erscheinen müssen. Wenn Siegfried sagt:

Tauch aus dem Dunkel und sieh:
sonnenhell leuchtet der Tag

antwortet Brünnhilde „in höchster Ergriffenheit“:

Sonnenhell leuchtet der Tag meiner Schmach!

Doch dann verrät ihre Miene, „dass ihr ein anmutiges Bild vor die Seele tritt, von welchem ab sie den Blick mit Sanftmut […] auf Siegfried richtet“. Sie ergibt sich in ihr Schicksal als Menschenfrau („Dein werd ich ewig sein!“) und schließlich „stürzt Brünnhilde sich in Siegfrieds Arme“.

Der strahlendste Held und das hehrste Weib haben zueinander gefunden – und doch lagert über dieser Beziehung schon jetzt eine unfassbare Tragik, die bald machtvoll zum Durchbruch kommen wird.

 

(Alle Zitate aus Richard Wagners „Siegfried“-Libretto)