„Verachtet mir die Meister nicht!“

Die Meistersinger von Nürnberg

Oper in drei Aufzügen 

Libretto: Richard Wagner (1813–1883)
Musik: Richard Wagner (1813–1883)
Uraufführung: 21. Juni 1868, München (Königliches Hof- und Nationaltheater)
Dauer: ca. 4,5 Stunden, zwei Pausen

Aufzüge:
1. Das Innere der Katharinenkirche in Nürnberg
2. Eine Straße in Nürnberg
3. Die Werkstatt von Hans Sachs/Ein freier Wiesenplan

Hauptpersonen:
Hans Sachs, Schuster, Meistersinger: Bass
David, Sachsens Lehrbube: Tenor
Veit Pogner, Goldschmied, Meistersinger: Bass
Eva, Pogners Tochter: Sopran
Magdalena, Evas Amme: Mezzosopran
Sixtus Beckmesser, Stadtschreiber, Meistersinger: Bass
Walther von Stolzing, ein junger Ritter aus Franken: Tenor
Kunz Vogelsang, Kürschner, Meistersinger: Tenor
Konrad Nachtigall, Spengler, Meistersinger: Bass
Fritz Kothner, Bäcker, Meistersinger: Bass
Balthasar Zorn, Zinngiesser, Meistersinger: Tenor
Ulrich Eisslinger, Würzkrämer, Meistersinger: Tenor
Augustin Moser, Schneider, Meistersinger: Tenor
Hermann Ortel, Seifensieder, Meistersinger: Bass
Hans Schwarz, Strumpfwirker, Meistersinger: Bass
Hans Foltz, Kupferschmied, Meistersinger: Bass
Nachtwächter: Bass 

Eine Werkeinführung

„Die Meistersinger von Nürnberg“ ist neben dem vergleichsweise unbekannten Frühwerk „Das Liebesverbot“ die einzige heitere Oper Richard Wagners. Sie entstand in den 1860er Jahren, als der Dichterkomponist die Arbeit an seinem vier Werke umfassenden „Ring des Nibelungen“ unterbrochen, den musikalisch revolutionären „Tristan“ fertiggestellt hatte und nun ein Stück auf die Bühne bringen wollte, das leicht aufzuführen und als Publikumserfolg vorprogrammiert war.

Seine Textdichtung zu den „Meistersingern“ schrieb Wagner innerhalb nur eines Monats; mit der Komposition begann er 1862. Uraufgeführt wurde das Werk 1868 in München; zuvor hatte Wagner im Bayernkönig Ludwig II. einen finanzkräftigen Förderer gefunden.

„Die Meistersinger“ spielen im Nürnberg der Reformationszeit, Mitte des 16. Jahrhunderts. Damals war die Stadt eines der wichtigsten deutschen Handelszentren. Auch Hans Sachs, die Hauptfigur des Stücks, ist eine historische Persönlichkeit. Er lebte von 1494 bis 1576, fand wegen seines umfassenden musikalischen Schaffens (mehr als 6.000 Stücke werden ihm zugeschrieben) seinen Platz in der Kunstgeschichte und gilt als einer der bedeutendsten deutschen „Meistersinger“.

Als „Meistersinger“ (oder „Meistersänger“) wurden im 15. und 16. Jahrhundert bürgerliche Dichter und Sänger bezeichnet, die – ähnlich wie vordem die Minnesänger – musikalische Werke komponierten und vortrugen. Dabei hatten sie sich an ein strenges Regelwerk – die „Tabulatur“ – zu halten. Alle Lieder mussten einem festen Schema, der mindestens drei Strophen umfassenden „Bar-Form“, folgen. Jede neu erfundene „Weise“ wurde von kritischen „Merkern“ anhand der Tabulatur beurteilt. Meister konnte ein Dichter nur dann werden, wenn er eine neue Weise erfunden und fehlerlos vorgetragen hatte.

Die Meistersinger gingen überwiegend aus den Reihen der damals in Zünften, also Berufsgruppen, organisierten Handwerksmeister hervor, aber auch Priester, Lehrer und Juristen ersangen sich diesen Titel. In Nürnberg hatten die Künstler in einer Kirche ihre eigene Bühne.

Diesen historischen Hintergrund wählte Richard Wagner für seine Oper. Der Handlung selbst liegen keine geschichtlichen Fakten zugrunde. Jedoch diente sie Wagner dazu, wesentliche Aspekte seiner eigenen musikalischen Absichten plakativ vorzustellen. Wenn der junge Walther von Stolzing vor die Meister tritt und ihrer starren „Tabulatur“ seine natürliche Musikalität entgegensetzt, dann steckt in diesem Revoluzzer natürlich ein Wesenszug des Komponisten, der die alte Nummernoper, das Aneinanderreihen von Arien, Duetten usw., überwinden und Musik und Handlung zu einer untrennbaren Einheit verschmelzen will. Und wenn der alte, weise Meister Sachs den jungen Wilden lehrt, wie man Kreativität und Tradition fachgerecht zu neuen Harmonien vereint, dann lugt abermals Richard Wagner durch diesen Charakter – als versöhnlich gestimmter Senior, der die sehrende Triebhaftigkeit des „Tristan“ heiter überwindet und sich aus dessen Liebestod-Visionen souverän ins geschäftige Handwerkerleben stürzt.

Auch die Figur des „Merkers“, Meister Beckmesser, hat einen Bezug zu Wagners Biographie. Ihre engstirnige, aber intellektuell brillante Regeltreue mag an den einflussreichen Musikkritiker Eduard Hanslick (1825–1904) erinnern – wenigstens im Rahmen der Entstehungsgeschichte der „Meistersinger“. Hanslick war zunächst ein begeisterter Anhänger von Wagners Musikschaffen gewesen, hatte sich später aber zu einem scharfen Gegner entwickelt. In einem Prosaentwurf zu den „Meistersingern“ (1862) hatte Wagner seinen Merker zunächst „Hans Lick“ genannt, änderte den Namen später aber in „Sixtus Beckmesser“. 

Die „Beckmesserei“ wurde in der Folge zum Synonym für Pedanterie und Besserwisserei. 

Richard Wagners „Meistersinger von Nürnberg“ haben sich bis heute einen festen Platz auf den Spielplänen der internationalen Opernbühnen bewahrt – auch wenn die Länge des Werks und die besonderen Anforderungen an Sänger und Ensemble die ursprüngliche Absicht des Dichterkomponisten, eine leicht aufzuführende Oper zu schreiben, nur als netten Scherz erscheinen lassen.

 

Die Handlung


Kurz und gut …

In Nürnberg führt der Weg zu Eva durch das Paradies des Gesangs. Das gilt für alte Handwerker ebenso wie für junge Ritter. 


1. Aufzug: Das Innere der Katharinenkirche in Nürnberg

In der Nürnberger Katharinenkirche geht ein Gottesdienst zu Ende. Walther von Stolzing, ein junger Ritter aus Franken, und Eva, die Tochter des Goldschmiede-Meisters Veit Pogner, haben vielsagende Blicke ausgetauscht. Erst am Vorabend hatten sich die beiden in Pogners Haus kennengelernt. Jetzt spricht Walther das offensichtlich nicht abgeneigte Mädchen seiner Träume „leise, doch feurig“ an – und erfährt im Lauf seines sittsamen Werbegesprächs von Evas Amme, Magdalene, dass der Sieger eines morgen stattfindenden Wettsingens um die Hand der Schönen anhalten dürfe.

Schnell ist Walther entschlossen, an dem Bewerb teilnehmen, und Eva, die bereits Hals über Kopf in den Besucher verliebt ist, ermuntert ihn mit der Versicherung, sie würde ihr Ja-Wort nur ihm „oder keinem“ geben. 

Ihrer Amme erzählt Eva schwärmerisch, der junge Ritter erinnere sie an Dürers Bild vom kühnen David, der einst seinen „Kiesel“ gegen Goliath geworfen habe.

„Ach, David, David“, antwortet Magdalene seufzend – so heißt nämlich auch der Lehrbub des allseits hoch geschätzten Schustermeisters Hans Sachs, dem die Amme ihrerseits zugetan ist.

Der besagte David ist es dann auch, der Walther, nachdem dieser sich mit Eva für den kommenden Abend verabredet hat, in das komplizierte Regelwerk des Meistergesangs einführt. Wer den Wettbewerb gewinnen wolle, müsse nicht nur eine neue, noch nie zuvor gehörte Weise vortragen und strikt die Regeln der „Tabulatur“ einhalten, sondern auch durch meisterlichen Schöngesang überzeugen:

Jed’ Wort und Ton muss klärlich klingen,
wo steigt die Stimm’ und wo sie fällt;
fangt nicht zu hoch, zu tief nicht an,
als es die Stimm’ erreichen kann;
mit dem Atem spart, dass er nicht knappt
und gar am End’ Ihr überschnappt;
vor dem Wort mit der Stimme ja nicht summt,
nach dem Wort mit dem Mund auch nicht brummt.
Nicht ändert an „Blum’“ und „Koloratur“,
jed’ Zierat fest nach des Meisters Spur.
Verwechseltet Ihr, würdet gar irr’,
verlört Ihr Euch und käm’t ins Gewirr:
wär’ sonst Euch alles auch gelungen,
da hättet Ihr gar „versungen“!

Wer „versungen“ hat und ausscheiden muss, darüber entscheidet, wie David sachkundig erklärt, der „Merker“. Dieser vermerke auf einer Tafel mit Kreidestrichen jeden Verstoß. Ein Sänger, dem mehr als sieben Fehler angekreidet werden, habe „vertan“.

Walther, der zuvor noch nie etwas von den Regeln des Meistergesangs gehört hat, ist einigermaßen verwirrt und beobachtet in gespannter Erwartung das Eintreffen der Meistersinger. Wiewohl er niemals Schüler oder „Singer“ war, möchte er möchte Evas Vater, den Goldschmiedemeister Pogner, um die Erlaubnis bitten, sich der Meisterprüfung zu unterziehen. Denn sein Herz drängt zu der Geliebten, und singen, denkt Walther, ja, das kann er gut.

Die Lehrbuben bereiten den Kirchenraum für das Wettsingen vor: „Zur Seite rechts sind gepolsterte Bänke … Am Ende der Bänke, in der Mitte der Bühne, befindet sich das ,Gemerk‘ benannte Gerüst … Zur linken Seite steht der erhöhte, kathederartige Stuhl, der „Singstuhl“. Auf diesem wird der Prüfling Platz nehmen müssen.

Meister Pogner und Sixtus Beckmesser, der Stadtschreiber, betreten den Raum. Letzterer freut sich besonders auf das anstehende Meistersingen. Schon seit einiger Zeit hat er begehrliche Blicke auf die Tochter des Goldschmieds geworfen. Er möchte Eva durch seinen Sieg zur Frau gewinnen. Bedauerlich nur, beklagt Beckmesser, dass das gute Mädchen die Freiheit hat, den Gewinner zurückzuweisen: „Kann Ev’chens Wunsch den Werber streichen, was nützt mir meine Meisterpracht?“

Pogner verspricht dem Stadtschreiber, bei seiner Tochter ein gutes Wort für ihn einzulegen – was Beckmesser allerdings nicht wirklich beruhigt. Noch unruhiger wird er, als er Walther erblickt. In dem jungen Ritter, dem so offensichtlich „der Blick lacht“ und der sich noch dazu darum bewirbt, beim Meistersingen anzutreten, erkennt er sofort den Konkurrenten.

Veit Pogner steht der Bitte des sympathischen jungen Ritters indes wohlwollend gegenüber. Aber er will, dass alles regelkonform vonstatten geht. Sobald alle Meister zur Beratung eingetroffen sind, darf Walther „Freiung“ begehren. Auf diese Weise kann ihm als Außenstehendem Gelegenheit zum Vorsingen geboten werden. Sofern er die Prüfung besteht, steht es ihm frei, beim Meistersingen anzutreten.

Bald haben sich die Meister eingefunden. Noch einmal wird über den „Preis“ diskutiert, der dem Sieger des anstehenden Wettsingens winkt. Beckmesser bekräftigt seine Auffassung, Eva solle nicht darüber entscheiden können, ob sie den Gewinner als Mann akzeptiert oder nicht. Pogner hingegen verteidigt die Spielregeln; immerhin würden sie gewährleisten, dass nur jemand aus dem edlen Kreis der Meister Eva für sich gewinnen könne. 

Da ergreift Hans Sachs das Wort, der alte, ebenso volksnahe wie eloquente Schustermeister. Er empfindet die Verquickung des Meistergesangs mit Liebesangelegenheiten als grundsätzlich fragwürdig, denn „ein Mädchenherz und Meisterkunst erglüh’n nicht stets in gleicher Brunst“.

Sachs wirft auch die Frage auf, ob die Tabulatur des Meistersangs nicht vielleicht längst schon „in der Gewohnheit trägem Gleise“ liefe, also zu einem unnatürlichen, erstarrten Regelwerk verkümmert sei, und er tritt für ein größeres Mitspracherecht des Volkes in Kunst- und Herzensangelegenheiten ein.

Damit stößt Hans Sachs nicht nur auf Gegenliebe. „Der Kunst droht allweil Fall und Schmach, läuft sie der Gunst des Volkes nach“, meint Bäckermeister Kothner zynisch. Sixtus Beckmesser legt nach, verweist auf die Gassenhauer-Qualität der Gesänge von Hans Sachs und unterstellt dem Schuster dann auch, er wolle wohl selbst um Eva freien. Doch Sachs wehrt ab: 

Nicht doch, Herr Merker! Aus jüng’rem Wachs
als ich und Ihr muss der Freier sein,
soll Ev’chen ihm den Preis verleih’n. 

Diese Bemerkung leitet zur „Freiung“ über: Veit Pogner stellt der versammelten Meisterrunde Walther von Stolzing vor, als jungen Ritter aus dem Frankenland, dessen edle Herkunft ihm gut bekannt sei. Natürlich steht nun sofort die Frage im Raum, bei welchem Meister denn dieser Wettbewerbs-Kandidat seine Sangeskunst gelernt habe. Walther verweist auf ein altes Buch über den Minnesänger Walther von der Vogelweide – und auf die „Vogelweide“ selbst, die Stimmen der Natur:

Am stillen Herd in Winterszeit,
wann Burg und Hof mir eingeschneit,
wie einst der Lenz so lieblich lacht’
und wie er bald wohl neu erwacht,
ein altes Buch, vom Ahn vermacht,
gab das mir oft zu lesen:
Herr Walther von der Vogelweid’,
der ist mein Meister gewesen. 

Wann dann die Flur vom Frost befreit
und wiederkehrt die Sommerszeit,
was einst in langer Wintersnacht
das alte Buch mir kundgemacht,
das schallte laut in Waldespracht,
das hört’ ich hell erklingen:
im Wald dort auf der Vogelweid’,
da lernt’ ich auch das Singen.

Die Meister reagieren auf diese Schilderung eines ungewöhnlichen künstlerischen Werdegangs mit gemischten Gefühlen. „Von Finken und Meisen lerntet Ihr Meisterweisen?“, ätzt Beckmesser. „Das wird dann wohl auch darnach sein!“

Schließlich beginnt das Vorsingen. Der Stadtschreiber wird zum Merker bestimmt. Er schreitet „wie widerwillig dem Gemerke zu“ – in Wahrheit natürlich fest dazu entschlossen, dem unliebsamen Konkurrenten kraft seines Amtes eine ordentliche Lektion zu erteilen; Meister Fritz Kothner liest indes aus den komplizierte Regeln der Tabulatur vor:

Ein jedes Meistergesanges Bar
stell’ ordentlich ein Gemässe dar
aus unterschiedlichen Gesätzen,
die keiner soll verletzen.
Ein Gesätz besteht aus zweenen Stollen,
die gleiche Melodei haben sollen;
der Stoll’ aus etlicher Vers’ Gebänd’,
der Vers hat seinen Reim am End’.
Darauf erfolgt der Abgesang,
der sei auch etlich’ Verse lang
und hab’ sein’ besond’re Melodei,
als nicht im Stollen zu finden sei.
Derlei Gemässes mehre Baren
soll ein jed’ Meisterlied bewahren;
und wer ein neues Lied gericht’t,
das über vier der Silben nicht
eingreift in andrer Meister Weis’,
dess’ Lied erwerb’ sich Meisterpreis.
 

Zu seinem Entsetzen wird Walther auch noch dazu gezwungen, seine Weise sitzend – auf dem Singstuhl – vorzutragen. Aber er lässt sich nicht entmutigen und verwendet Beckmessers Befehl „Fanget an“ sogleich gekonnt als Einstieg für seinen Gesangsvortrag:

Fanget an!
So rief der Lenz in den Wald,
dass laut es ihn durchhallt;
und wie in fern’ren Wellen
der Hall von dannen flieht,
von weither naht ein Schwellen,
das mächtig näher zieht;
es schwillt und schallt,
es tönt der Wald
von holder Stimmen Gemenge;
nun laut und hell schon nah zur Stell’,
wie wächst der Schwall! Wie Glockenhall
ertost des Jubels Gedränge!
Der Wald, wie bald
antwortet er dem Ruf,
der neu ihm Leben schuf,
stimmte an
das süße Lenzeslied!

Während des Vortrags ertönen „aus dem Gemerk Seufzer des Merkers und heftiges Anstreichen mit der Kreide. Auch Walther hat es gehört; nach kurzer Störung fährt er fort“ – und bezieht die unangenehme Situation gleich mit in seinen Text ein, indem er den im Gemerk verborgenen Beckmesser mit dem Winter assoziiert:

In einer Dornenhecken,
von Neid und Gram verzehrt,
musst’ er sich da verstecken,
der Winter, grimm-bewehrt.
Von dürrem Laub umrauscht
er lauert da und lauscht,
wie er das frohe Singen
zu Schaden könnte bringen. – 

Ungebührlicherweise springt Walther an dieser Stelle seines Vortrags vom Singstuhl auf, um mit gesteigerter Inbrunst fortzufahren: 

„Doch:
fanget an!
So rief es mir in der Brust,
als noch ich von Liebe nicht wusst’.
Da fühlt’ ich’s tief sich regen,
als weckt’ es mich aus dem Traum;
mein Herz mit bebenden Schlägen
erfüllte des Busens Raum:
das Blut, es wallt mit Allgewalt,
geschwellt von neuem Gefühle;
aus warmer Nacht mit Übermacht
schwillt mir zum Meer der Seufzer Heer
im wilden Wonnegewühle.
Die Brust wie bald
antwortet sie dem Ruf,
der neu ihr Leben schuf;
stimmt nun an
das hehre Liebeslied!“

Doch Walther hat keine Gelegenheit, seine Weise fertig zu singen. Mit der scharfen Frage „Seid Ihr nun fertig?“ unterbricht ihn Beckmesser und weist – unter dem Gelächter vieler Meister – auf seine mit Kreidestrichen bedeckte Tafel. Der Junker habe klar „vertan“: Falsches Gebänd, von einem Bar gar nicht zu sprechen, kein erkennbarer Sinn, kein Absatz, „kein’ Koloratur, von Melodei auch nicht eine Spur!“ … Die Weise selbst sei ein „tolles Gekreis“, ein Konglomerat aus anderen Weisen und Tönen. Die Meister seien sich doch einig, dass hier keine weiteren Erwägungen mehr nötig sind, oder?

Moment! Hans Sachs, der von Walthers Vortrag tief ergriffen ist und dessen zwar regelwidrige, aber unmittelbare musikalische Genialität erkannt hat, ergreift für Walther von Stolzing Partei:

Halt, Meister! Nicht so geeilt!
Nicht jeder eure Meinung teilt. –
Des Ritters Lied und Weise,
sie fand ich neu, doch nicht verwirrt:
verließ er unsre Gleise
schritt er doch fest und unbeirrt.
Wollt ihr nach Regeln messen,
was nicht nach eurer Regeln Lauf,
der eignen Spur vergessen,
sucht davon erst die Regeln auf!
 

Hans Sachs ist auch längst klar, dass Beckmesser einen Konkurrenten im Werben um Eva ausschalten will und weist auf die Gesetze des Meistergesangs hin, die besagen:

„Der Merker werde so bestellt,
dass weder Hass noch Lieben
das Urteil trübe, das er fällt“ –
Geht der nun gar auf Freiersfüßen,
wie sollt’ er da die Lust nicht büßen,
den Nebenbuhler auf dem Stuhl
zu schmähen vor der ganzen Schul’? 

Auch Veit Pogner, Evas Vater, ist von Walther angetan. Dieser versucht trotz des Trubels der Meinungen noch tapfer, seine Weise fertig zu singen. Am Ende jedoch stimmen die Meister klar gegen Sachs und Pogner: Walter habe „versungen und vertan“.

Danach geht alles „in Aufregung auseinander; lustiger Tumult der Lehrbuben, welche sich des Gemerks des Singstuhls und der Meisterbänke bemächtigen, wodurch Gedränge und Durcheinander der nach dem Ausgang sich wendenden Meister entsteht. Sachs, der allein im Vordergrunde geblieben, blickt noch gedankenvoll nach dem leeren Singstuhl, als die Lehrbuben auch diesen erfassen“ … 

2. Aufzug: Eine Straße in Nürnberg

Ein Sommerabend wirft sein Licht auf das Haus von Hans Sachs, vor dem der Flieder blüht, und auf das benachbarte Haus Pogners, vor dem eine Linde steht. David berichtet Magdalene, dass Walther beim Vorsingen „versungen und vertan“ habe. Sie ist bestürzt.

Eva weiß noch nicht, was sich zugetragen hat. Ihr Vater drückt sich davor, ihr früher als nötig davon zu erzählen. Aber nun erfährt sie von Magdalene, was David berichtet hat und eilt sofort zu Hans Sachs, um Näheres zu erfahren. Der ist immer noch erfüllt von der wunderbaren Weise, die Walther vorgetragen und die nicht nur das Verständnis der Meister, sondern auch seine eigenen künstlerischen Fähigkeiten übertroffen hatte:

Was duftet doch der Flieder
so mild, so stark und voll!

Ich fühl’s – und kann’s nicht versteh’n –
kann’s nicht behalten – doch auch nicht vergessen;
und fass ich es ganz – kann ich’s nicht messen!
Doch wie wollt’ ich auch messen,
was unermesslich mir schien?
Kein’ Regel wollte da passen
und war doch kein Fehler drin.
Es klang so alt und war doch so neu
wie Vogelsang im süßen Mai!
Wer ihn hört
und wahnbetört
sänge dem Vogel nach,
dem brächt’ es Spott und Schmach. –
Lenzes Gebot, die süße Not,
die legt’ es ihm in die Brust:
nun sang er, wie er musst’!
Und wie er musst’ – so konnt’ er’s;
das merkt’ ich ganz besonders.
Dem Vogel, der heut’ sang,
dem war der Schnabel hold gewachsen:
macht’ er den Meistern bang,
gar wohl gefiel’ er doch Hans Sachsen. 

Im Gespräch mit Eva wird Hans Sachs klar, wie sehr sie Walther liebt. Offen erzählt er ihr von seinem missglückten Auftritt in der Singschule und dass für Walther alles verloren sei – schon weil sein Naturtalent von den Hütern des Meistergesangs als Gefahr gewertet würde. Denn „wer als Meister geboren, der hat unter Meistern den schlimmsten Stand“. Eva müsse sich wohl damit abfinden, dass Beckmesser um sie werben werde.

Von Magdalene erfährt sie sodann vom Plan des Stadtschreibers, ihr in dieser Nacht ein Ständchen zu singen. Sie solle sich „ans Fenster neigen“, um seine Weise zu hören. Beckmessers Ansinnen gefällt Eva natürlich ganz und gar nicht, und ihr kommt die glückliche Idee, Magdalene könnte sich doch – verkleidet – an ihrer Stelle zeigen. Sie selbst hofft, in dieser Nacht so bald wie möglich Walther wieder sehen zu können.

Magdalene stimmt dem Plan zu. Ihr gefällt die Aussicht, mit dieser Aktion vielleicht auch David ein wenig eifersüchtig zu stimmen. 

Kurz darauf erscheint Walther, immer noch wütend über die ungerechtfertigte Kritik, die er in der Singschule über sich ergehen lassen musste. Er bittet Eva kurzerhand, mit ihm zu fliehen: 

Ha, diese Meister!
Dieser Reim-Gesetze Leimen und Kleister!
Mir schwillt die Galle,
das Herz mir stockt,
denk’ ich der Falle,
darein ich gelockt!
Fort in die Freiheit!
Da hin gehör’ ich,
da, wo ich Meister im Haus!
Soll ich dich frei’n heut,
dich nun beschwör’ ich,
komm und folg mir hinaus! 
 

Eva stimmt dem Fluchtplan ihres Geliebten zu und geht dann mit Magdalene ins Haus, um wie geplant die Kleider zu tauschen. Aber die beiden sind von Hans Sachs belauscht worden, und der Schuster beschließt, diese „Entführung“ zu verhindern. Es muss für die beiden doch ein glücklicheres Ende geben!

Als Magdalene in ihren Kleidern am Fenster steht und Eva wieder aus dem Haus kommt, um mit Walther durch eine dunkle Gasse in die Nacht zu fliehen, lässt Sachs „durch die ganz wieder geöffnete Ladentür einen grellen Lichtschein quer über die Straße fallen, so dass Eva und Walther sich plötzlich hell beleuchtet sehen“.

Eine Flucht ist also nicht so einfach möglich. Und dann taucht auch noch der mit einer Laute bewaffnete Beckmesser auf. Nachdem die beiden ihn erkannt haben, verstecken sie sich im Gebüsch und beobachten, wie er heftig zu klimpern beginnt. Als der Merker sich dann „endlich auch zum Singen rüstet, schlägt Sachs sehr stark mit dem Hammer auf den Leisten“ und beginnt seinerseits lautstark mit einem echten „Gassenhauer“, der inhaltlich geschickt auf Evas Fluchtabsichten zielt und ihr Gewissen mahnt.

Jerum! Jerum! Hallo hallo he!
O ho! Trallalei! Trallalei! O ho! 

Als Eva aus dem Paradies
von Gott dem Herrn verstoßen,
gar schuf ihr Schmerz der harte Kies
an ihrem Fuß, dem bloßen …

Beckmesser beklagt sich über das lautstarke „Schreien“ von Sachs. Doch der entgegnet ungerührt, er müsse jetzt singen, sollten doch Beckmessers Schuhe morgen zum großen Fest fertig sein. Und um nachts zu arbeiten, brauche er „Luft und frischen Gesang“.
Da kommt dem ungeduldig auf seine Gelegenheit Wartenden eine Idee. Beckmesser schlägt Sachs vor, das Lied zu beurteilen, mit dem er am nächsten Tag gewinnen wolle. Er werde singen – und Sachs käme die Ehre zu, den Merker zu spielen. 

Der Schuster ist einverstanden, besteht aber darauf, jeden Regelverstoß mit seiner Schusterarbeit zu verbinden: „Mit dem Hammer auf den Leisten halt’ ich Gericht!“ – bei jedem Fehler Beckmessers werde – statt der Kreide – der Hammer sprechen.

Zähneknirschend beginnt der Stadtschreiber seinen Vortrag – in der Meinung, Eva lausche am Fenster der Darbietung. In seinem Werbelied singt Beckmesser bezeichnenderweise nur über sich selbst und seine Befindlichkeiten, während Hans Sachs mit seinen Hammerschlägen einen Fehler um den anderen „vermerkt“:

Den Tag seh’ ich erscheinen,
der mir wohl gefall’n tut;
da fasst mein Herz sich einen
guten und frischen Mut.
Da denk’ ich nicht an Sterben,
(Sachs schlägt)
lieber an Werben
um jung’ Mägdeleins Hand.
(Sachs schlägt)
Warum wohl aller Tage
schönster mag dieser sein?
(Schlag. Ärgerlich)
Allen hier ich es sage:
(Schlag)
weil ein schönes Fräulein
(zwei Schläge)
von ihrem lieb’n Herrn Vater,
(Sachs schlägt und nickt ironisch beifällig)
wie gelobt hat er,
(viele kleine Schläge)
ist bestimmt zum Eh’stand.
(Fünf Schläge)
Wer sich getrau’,
(Schlag)
der komm’ und schau’,
da steh’n die hold lieblich’ Jungfrau,
(drei Schläge)
auf die ich all mein’ Hoffnung bau’:
(Schlag)
darum ist der Tag so schön blau,
(viele Schläge)
als ich anfänglich fand …

In dieser hoffnungsfrohen Art singt Beckmesser weiter, gut begleitet von Sachsens Hammerschlägen – bis David von dem Lärm aufwacht. Und dann geht es um. Denn David entdeckt seine „Lene“ am Fenster, offensichtlich umworben von dem Stadtschreiber, fackelt nicht lange und stürzt sich eifersüchtig auf den ungeliebten Sänger. Mehrere Nachbarn wachen nun auf, Tumult entsteht, und bald ist eine ordentliche Prügelei im Gange, an der auch Lehrjungen und Gesellen ihre Freude haben.

Hans Sachs „beobachtet noch eine Zeitlang den wachsenden Tumult, löscht aber alsbald sein Licht aus und schließt den Laden so weit, dass er, ungesehen, stets durch eine kleine Öffnung den Platz unter der Linde beobachten kann. Walther und Eva sehen mit wachsender Sorge dem anschwellenden Auflaufe zu; er schließt sie in seinen Mantel fest an sich und birgt sich hart an der Linde im Gebüsch, so dass beide fast ungesehen bleiben.“

Schließlich wagt Walther, Eva in der einen, das Schwert in der anderen Hand, den Versuch, durch die Menge zu brechen. Da aber greift Hans Sachs ein und verhindert die Flucht. Gerade hat er Beckmesser von seinem eifersüchtigen Lehrbuben befreit, nun schickt er Eva heim und bittet Walther zu sich. Er hat einen Plan für die beiden …

Beckmesser flüchtet eilig, der Tumult löst sich auf, die Menschen ziehen sich zurück in ihre Wohnungen. „Als die Straße und Gasse leer geworden und alle Häuser geschlossen sind, betritt der Nachtwächter die Bühne, reibt sich die Augen, sieht sich verwundert um und schüttelt den Kopf“:

Hört, ihr Leut,
und lasst euch sagen,
die Glock hat
elfe geschlagen:
bewahrt euch vor Gespenstern und Spuk,
dass kein böser Geist eu’r Seel’ beruck!
Lobet Gott, den Herrn!  

3. Akt: Die Werkstatt von Hans Sachs

Im hellen Licht der Morgensonne liest Hans Sachs in einem Buch. Walther hat bei ihm übernachtet, schläft aber noch. David hat inzwischen von Magdalene erfahren, weshalb sie nachts am Fenster gestanden war, er betritt nun verlegen die Schusterstube und gratuliert seinem Meister zum Namenstag („Am Jordan Sankt Johannes stand“).

Hans Sachs aber, den Vorabend noch lebhaft vor Augen, sinniert darüber, wie leicht es doch überall auf der Welt zu Gefühlseruptionen kommt, zu Schmerz und Leid:

Wahn! Wahn! Überall Wahn!
Wohin ich forschend blick’
in Stadt- und Weltchronik,
den Grund mir aufzufinden,
warum gar bis aufs Blut
die Leut’ sich quälen und schinden
in unnütz toller Wut!
Hat keiner Lohn noch Dank davon:
in Flucht geschlagen, wähnt er zu jagen.
Hört nicht sein eigen Schmerzgekreisch,
wenn er sich wühlt ins eig’ne Fleisch,
wähnt Lust sich zu erzeigen.
Wer gibt den Namen an?
’s ist halt der alte Wahn …

Nun betritt Walther die Stube. Er erzählt Sachs von einem wunderschönen Traum, den er an diesem Morgen hatte – und Sachs regt ihn dazu an, aus diesem Traum-Erlebnis etwas zu dichten. Denn im Traum offenbarten sich die wahrsten Absichten des Menschen:  

Mein Freund! Das grad’ ist Dichters Werk
dass er sein Träumen deut’ und merk’.
Glaubt mir, des Menschen wahrster Wahn
wird ihm im Traume aufgetan:
all Dichtkunst und Poeterei
ist nichts als Wahrtraumdeuterei …

Sachs ermutigt Walther, aus seinem Morgentraum ein Meisterlied zu formen. Der aber will davon zunächst nichts wissen. Was bedeuten ihm die Meister, nachdem er „versungen und vertan“ hat? Ihm liegt allein an Eva!

Sachs äußert Verständnis für Walther und seine Fluchtabsichten, auch er selbst wäre „mit fortgelaufen“, hätte er nicht die Hoffnung, dass die Meister beim Wettsingen trotz allem noch überzeugt werden können. Deshalb habe er verhindern wollen, dass die beiden sich sang- und klanglos aus dem Staub machen.

Walther ist mit dem Plan einverstanden, beim Meistersingen doch noch anzutreten – und Sachs hilft ihm dabei, sein Lied zu formen. Er bringt die Schilderung des Traums zu Papier und zeigt Walther, wie er seinen Text nach den Regeln der Tabulatur zu einem meisterlichen Lied gestalten kann.

Morgenlich leuchtend in rosigem Schein,
von Blüt’ und Duft geschwellt die Luft,
voll aller Wonnen, nie ersonnen,
ein Garten lud mich ein, Gast ihm zu sein.

Wonnig entragend dem seligen Raum
bot goldner Frucht heilsaft’ge Wucht
mit holdem Prangen dem Verlangen
an duft’ger Zweige Saum herrlich ein Baum.

Abendlich glühend in himmlischer Pracht
verschied der Tag, wie dort ich lag;
aus ihren Augen Wonne zu saugen,
Verlangen einz’ger Macht in mir nur wacht’.
Nächtlich umdämmert der Blick mir sich bricht!
Wie weit so nah’ beschienen da
zwei lichte Sterne aus der Ferne
durch schlanker Zweige Licht hehr mein Gesicht …

Nachdem das Meisterlied fertig ist, ziehen sich Walther und Sachs in einen Nebenraum zurück, um sich für das Fest würdig zu kleiden.

Unmittelbar danach betritt Beckmesser die Schusterwerkstatt, humpelnd, gezeichnet von den Ereignissen der vergangenen Nacht. Er ist bereits in Schale, hat jedoch nach dem Eklat des Vorabends kein brauchbares Lied zur Hand. Da entdeckt er das von Sachs beschriebene Papier, überfliegt den Text „mit wachsender Aufregung“ und ist schließlich überzeugt, ein Werbelied des Schustermeisters vor sich zu haben. Also wird Sachs sein Konkurrent beim Meistersingen sein!

Aufgeregt steckt Beckmesser das Papier in die Tasche. Als aber Sachs festlich gekleidet den Raum wieder betritt, kann der geschundene Stadtschreiber seine Empörung nicht verbergen: Er habe den Beweis dafür, fährt er den Schuster an, dass Sachs um Eva werben wolle! Also sei es ihm gestern nur darum gegangen, einen Konkurrenten aus dem Weg zu räumen.

Sachs beruhigt Beckmesser. Er werde auf der Festwiese gewiss nicht gegen ihn antreten, es liege ihm fern, um Eva zu werben. Und das Gedicht? Davon könne Beckmesser nach Belieben Gebrauch machen! 

Dieser frohlockt: Mit einem solchen Text von Hans Sachs ist ihm der Sieg gewiss! Und doch befürchtet Beckmesser eine Falle. Sachs müsse ihm versprechen, niemandem jemals zu sagen, dass er das Gedicht verfasst habe. Das fällt dem Schustermeister leicht: „Das schwör’ ich und gelob’ es Euch, nie mich zu rühmen, das Lied sei von mir.“

Nun fühlt sich Beckmesser sicher und jauchzt auf. Er „nimmt tanzend von Sachs Abschied, taumelt und poltert der Ladentür zu; plötzlich glaubt er das Gedicht in seiner Tasche vergessen zu haben, läuft wieder vor, sucht ängstlich auf dem Werktische, bis er es in der eigenen Hand gewahr wird; darüber scherzhaft erfreut, umarmt er Sachs nochmals voll feurigen Dankes und stürzt dann, hinkend und strauchelnd, geräuschvoll durch die Ladentür ab“.

Kurz danach betritt Eva die Werkstatt von Hans Sachs. Auch sie ist bereits festlich gekleidet, wirkt aber „etwas leidend und blass“ und beklagt sich über einen nicht gut sitzenden Schuh. Natürlich weiß Sachs, weshalb das Mädchen ihn aufsucht, wo sie wirklich der Schuh drückt – und weiht sie in seinen Plan an. 

Als Walther nun „in glänzender Rittertracht“ den Raum betritt, stößt Eva einen Schrei des Entzückens aus, und als er spontan eine weitere Strophe seines berührenden Liedes vorträgt, bricht sie „in heftiges Weinen“ aus, herzt Hans Sachs und dankt ihm für seine Liebe und Fürsorge. Er habe sie „erweckt“, sie erleben lassen, „was ein Geist ist“. Eva gesteht auch, sie hätte ihn beim Meistersingen „als einzigen“ zum Gemahl gewählt, wäre sie nun nicht von einem anderen selbst gewählt worden.

Gerührt erwidert Hans Sachs ihre Zuneigung. Er habe sich selbst zurückgehalten, um Eva zu werben – klugerweise. Denn sonst wäre es ihm gewiss nicht anders ergangen als König Marke, der Isolde zur Frau wollte, während diese aber in Liebe zu Tristan entbrannt war.

Als David und Magdalene kommen, ebenfalls bereit für das Fest, schlägt Hans Sachs seinen Lehrbuben zur Feier des Tages mit „einer starken Ohrfeige“ zum Gesellen und tauft Walthers neues Meisterlied. Er gibt ihm den Namen „Selige Morgentraumdeut-Weise“. Eva stimmt freudig ein:

Selig, wie die Sonne
meines Glückes lacht,
Morgen voller Wonne
selig mir erwacht!
Traum der höchsten Hulden,
himmlisch’ Morgenglüh’n!
Deutung euch zu schulden,
selig süß Bemüh’n!
Einer Weise mild und hehr
sollt’ es hold gelingen,
meines Herzens süß Beschwer’
deutend zu bezwingen. 

Alle brechen zum Festplatz auf, zum Wiesenplan an der Pegnitz.

Ein freier Wiesenplan

Dort begrüßt das Volk die Zünfte: Schuster, Schneider, Bäcker, Lehrbuben und Meister. Hans Sachs wird besondere Wertschätzung entgegengebracht. Das Volk liebt und ehrt den Schustermeister.

Beckmesser indes hält sich zunächst noch im Hintergrund. Er ist immer noch mit dem Erlernen der Verszeilen beschäftigt, wird nicht richtig schlau aus ihnen, befürchtet, dass sie niemand versteht, baut aber darauf, dass ein Text von Sachs doch nicht so schlecht sein könne.

Dann gibt Meister Kothner das Zeichen zum Beginn. Beckmesser als der Älteste solle mit seinem Vortrag beginnen.

Dieser betritt unsicher die Bühne, „macht eine erste Verbeugung gegen die Meister, eine zweite gegen das Volk, dann gegen Eva, auf welche er, da sie sich abwendet, nochmals verlegen hinblinzelt. Große Beklommenheit erfasst ihn; er sucht sich durch das Vorspiel auf der Laute zu ermutigen“. Dann beginnt Beckmesser seinen Vortrag, in dem Unsicherheit und Ichbezogenheit zu einer sagenhaften Testfassung führen, mit der der Verwirrte spontan seinen eigenen Untergang besingt und die schließlich alle Anwesenden in schallendes Gelächter ausbrechen lässt: 

Morgen ich leuchte in rosigem Schein,
von Blut und Duft geht schnell die Luft; –
wohl bald gewonnen wie zerronnen –
im Garten lud ich ein – garstig und fein.

Wohn’ ich erträglich im selbigen Raum,
hol’ Gold und Frucht – Bleisaft und Wucht.
Mich holt am Pranger – der Verlanger –
auf luft’ger Steige kaum – häng’ ich am Baum.

Heimlich mir graut,
weil hier es munter will hergeh’n:
an meiner Leiter stand ein Weib,
sie schämt’ und wollt’ mich nicht beseh’n.
Bleich wie ein Kraut
umfasert mir Hanf meinen Leib; –
mit Augen zwinkernd – der Hund blies winkend –
was ich vor langem verzehrt –
wie Frucht, so Holz und Pferd –
vom Leberbaum.

Nachdem Beckmesser „dröhnendes Gelächter“ über sich ergehen lassen musste, flüchtet er sich in eine Anschuldigung: Das Lied sei gar nicht von ihm. Es stamme von dem allseits so hoch geschätzten Schuster, „von Eurem Sachs ward mir’s beschert! Mich hat der Schändliche bedrängt, sein schlechtes Lied mir aufgehängt“.

Hans Sachs wird daraufhin von den anderen Meistern zur Stellungnahme aufgefordert. Und ganz wie er es Beckmesser versprochen hatte, erklärt er, dass das Lied nicht von ihm stamme. Er würde sich niemals rühmen, ein „Lied, so schön wie dies“ erfunden zu haben. Ja, es handle sich um eine Meisterweise, doch sei sie von Beckmesser entstellt worden. Wenn alle einverstanden sind, könne das bewiesen werden.

Natürlich wollen nun Volk und Meister hören, wie der vermeintliche „Unsinnswust“ in Wahrheit klingen sollte – und Sachs bittet Walther von Stolzing, sein Preislied zu singen. Dieser betritt die Bühne, und von Strophe zu Strophe steigert sich die allgemeine Begeisterung. Das Volk jubelt dem jungen Ritter zu. Walther hält zuletzt um Evas Hand an, und Pogner will ihm die goldene Kette umlegen, um ihn in die Meistergilde aufzunehmen. Das aber lehnt er ab: „Nicht Meister! Nein! Will ohne Meister selig sein!“

Alles blickt nun „in großer Betroffenheit auf Sachs“. Der „schreitet auf Walther zu … fasst ihn bedeutungsvoll bei der Hand“ und plädiert für die Versöhnung des Revolutionären mit der Tradition: 

Verachtet mir die Meister nicht
und ehrt mir ihre Kunst!
Was ihnen hoch zum Lobe spricht,
fiel reichlich Euch zur Gunst! 


was deutsch und echt, wüsst' Keiner mehr,
lebt’s nicht in deutscher Meister Ehr.
Drum sag ich Euch:
ehrt Eure deutschen Meister!
Dann bannt ihr gute Geister;
und gebt ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging in Dunst
das heil’ge röm’sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil’ge deutsche Kunst!

Jubel, Trubel, Heiterkeit. Begeistert wiederholen alle im Chor die Worte von Hans Sachs. Walther nimmt den Meisterkranz an, das „Volk schwenkt begeistert Hüte und Tücher; die Lehrbuben tanzen und schlagen jauchzend in die Hände.“

 

(Alle Zitate und alle unter Anführungszeichen gesetzten Textteile stammen aus Richard Wagners Libretto)