„Schönes Fräulein, darf ich’s wagen?“

Faust

Oper in fünf Akten

Libretto: Paul-Jules Barbier (1825–1901) & Michael Carré (1821–1872)

Musik: Charles Gounod (1818–1893)

Uraufführung: 19. Februar 1897, Paris (Théâtre Lyrique)

Dauer: ca. 3 Stunden, eine Pause

Akte:
1. Fausts Studierzimmer
2. Vor dem Stadttor
3. Ein Garten vor Margarethes Haus
4. Margarethes Haus
5. Walpurgisnacht im Harzgebirge; Im Gefängnis

Hauptpersonen:
Faust:
Tenor
Méphistophélès: Bass
Margarethe: Sopran
Valentin, Margaretes Bruder: Bariton
Siébel: Tenor
Wagner: Bass
Marthe, Margarethes Nachbarin: Alt
Brander: Bariton

Eine Werkeinführung

„Faust“ ist die bis heute am häufigsten gespielte Oper des französischen Komponisten Charles Gounod (1818–1893), der unter anderem insgesamt zwölf Opern sowie zahlreiche Messen, Oratorien und Orchesterwerke schrieb.

Das Werk basiert auf dem ersten Teil der großen Faust-Dichtung von Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832). Gounod hatte dieses große deutsche Epos bereits in seiner Jugendzeit kennengelernt und war davon so begeistert, dass in ihm schon bald der Wunsch reifte, es zu vertonen. 

Seine Uraufführung erlebte Gounods „Faust“ am 19. März 1859 im Pariser Théâtre Lyrique, wobei der Komponist in der Folge noch Änderungen an seinem Werk vornahm und Ergänzungen komponierte. Erst einige Jahre davor, im Dezember 1846, hatte eine andere Faust-Oper in Paris ihre Uraufführung erlebt: Berlioz’ „La damnation de Faust“ war allerdings als grandioser „Reinfall“ abgeurteilt worden. 

Gounods „Faust“ dagegen erwies sich von Beginn an als beachtlicher Erfolg, der sich im Laufe der Aufführungsgeschichte noch steigerte und dem Werk bis heute einen festen Platz auf den Spielplänen der internationalen Opernhäuser garantiert.

Die Oper spielt im 16. Jahrhundert. Der historische „Doktor Faust“ dürfte ein Alchimist gewesen sein, der sich mit Magie und Astrologie beschäftigt hat. Um seinen vermeintlichen „Pakt mit dem Teufel“ woben sich bald Sagen und Legenden; noch vor 1600 entstand dazu auch ein Schauspiel („Doctor Faustus“). Goethe dramatisierte die Faust-Legende und arbeitete seine Tragödie um Margarethe ein. Sein „Ur-Faust“ dürfte um 1775 fertig gewesen sein. Der erste Teil der Tragödie erschien 1808, der zweite Teil (posthum) 1832. Gounods Werk bezieht sich inhaltlich jedoch ausschließlich auf den ersten Teil der Dichtung Goethes.

 

Die Handlung

 

Kurz und gut …
Wenn ein frustrierter alter Gelehrter um jeden Preis wieder jugendliche Triebe spüren will, dann ist der Teufel nicht weit.

1. Akt: Fausts Studierzimmer

„Nichts!“, ruft Faust verzweifelt in sein Studierzimmer. Er fühlt sich vollends unfähig, den „Glanz der Wahrheit“ aus Büchern zu ergründen. Er sieht keinen Sinn mehr in weiteren Studien und ist entschlossen, seinem Leben durch einen Gifttrunk ein Ende zu bereiten. Gerade führt er die Schale an den Mund, als er draußen fröhliche Landleute hört. Sie besingen die Schönheit der Natur, loben Gott und begeben sich voll Freude in den neuen Arbeitstag.

Faust sinkt verbittert in seinen Sessel zurück und bedauert, dass er selbst das Leben nicht in einer so einfachen, empfindungsvollen Art erfahren kann. Er ist überzeugt davon, dass Gott für ihn nichts zu tun vermag, verflucht Glück, Ruhm und Macht und alles, was dem irdischen Leben verbunden ist, um schließlich „Satan“ herbeizurufen.

Dieser erscheint in durchaus eleganter Gestalt – als Méphistophélès – und versichert dem deprimierten Gelehrten, ihm all seine Wünsche erfüllen zu können. Reichtum, Ruhm, was immer er wolle. Doch Faust hat zunächst nur einen Wunsch: Er möchte wieder von „jungem Blut“ durchpulst sein, die Liebesfähigkeit der Jugend neu erleben können. Kein Problem, versichert Méphistophélès und lässt vor Fausts Auge das Bild der lieblichen Margarethe erscheinen: „Deiner harrt schon die schönste Maid!“

Mehr braucht es nicht. Faust ist bereit, per Vertrag auch die Gegenleistung zu akzeptieren, die Mephistopheles für seine Dienste im Diesseits fordert: Im Jenseits soll Fausts Seele ihm gehören. 

Hienieden gehorch’ ich dir –
Aber dort gehörst du mir.  

Faust unterschreibt, führt sodann auf Mephistopheles’ Geheiß die Schale mit dem Trank, der ihm den Tod hätte bringen sollen, an die Lippen – und verwandelt sich sogleich in einen gut aussehenden jungen Mann. 

Unternehmungslustig macht Faust sich gemeinsam mit seinem teuflischen Diener auf die Suche nach Margarethe. Méphistophélès verspricht ihm Liebe und Glück …

2. Akt: Vor dem Stadttor

Vor dem Tor der Stadt feiern Studenten und junge Mädchen ausgelassen ein Fest. Es wird gesungen, getrunken, getanzt und geflirtet. Valentin, Wagner und Siébel, drei Freunde, beobachten die Szenerie jedoch nachdenklich. Denn Valentin und Wagner müssen sich darauf vorbereiten, ihre Heimat zu verlassen, um in den Krieg zu ziehen. Siébel verspricht, inzwischen auf Valentins Schwester Margarethe Obacht zu geben … was ihm ohnehin ein Anliegen ist, denn er ist in das schöne Mädchen heimlich verliebt.

Nun gesellt sich Mephistopheles unter das junge Volk und begeistert es sogleich mit seiner „Ballade vom Gold, das die Welt regiert“. Dann aber beginnt er den drei Freunden aus der Hand zu lesen, um ihnen die Zukunft vorherzusagen – und sorgt damit zunehmend für Verärgerung. Wagner prophezeit er den sicheren Tod im Krieg „beim nächsten Festungssturm“, und unter Siébels Hand werde jede Blume, die er berühre, sofort verwelken: „Kein Sträußlein mehr bringst du Margarethen!“ konstatiert Méphistophélès launisch. Empört fragt Valentin nun, woher er den Namen seiner Schwester kenne. Doch der geheimnisvolle Fremde gibt dem besorgten Jungen keine Antwort – statt dessen sagt er auch ihm den baldigen Tod voraus.

Als dann unter seiner Hand auch noch der aus einem Faß fließende Wein zu brennen beginnt, ziehen die Freunde ihre Schwerter, denn spätestens jetzt hegen sie den Verdacht, es mit einer teuflischen Macht zu tun haben. Doch sie können Méphistophélès nichts anhaben, werden von einer unsichtbaren Kraft in Bann gehalten, und wie durch Geisterhand zerbricht Valentins Schwert. Entschlossen fassen sie daraufhin ihre Schwerter an den Klingen und halten sie dem unheimlichen Fremden in Kreuzesform entgegen. Méphistophélès muss zurückweichen und verlässt die gesellige Runde …

Faust verlangt nun von seinem teuflischen Diener, endlich Margarethe kennenzulernen, und später am Abend bekommt er tatsächlich die Gelegenheit, ihr sein Geleit anzutragen:

Mein schönes Fräulein, darf ich’s wagen,
Meinen Arm und Geleit Euch anzutragen? 

Margarethe reagiert zunächst zurückweisend:

Bin weder Fräulein, weder schön,
Kann ungeleitet nach Hause geh’n. 

Von der Zurückweisung nur noch mehr verzaubert, sieht Faust Margarethe sinnend nach. Méphistophélès verspricht dem bis über beide Ohren Verliebten, dass dieses Mädchen bald ihm gehören werde …

3. Akt: Ein Garten vor Margarethes Haus

Siébel ist dabei, für seine geliebte Margarethe einen Blumenstrauß zu pflücken. Aber genau wie Méphistophélès es vorhergesagt hat, verwelkt jede Blume, die seine Hände berühren. Da fällt Siébels Blick auf den Pavillon, an dem ein Becken mit Weihwasser angebracht ist. Hier verrichtet Margarethe stets ihr Abendgebet. Er netzt seine Hände mit dem Wasser – und damit gelingt es ihm tatsächlich, Méphistophélès bösen Zauber zu durchbrechen. Er pflückt den allerschönsten Blumenstrauß für Margarethe, befestigt ihn am Pavillon und ist entschlossen, dem Mädchen bei nächster Gelegenheit seine Liebe zu gestehen.

Méphistophélès und Faust haben Siébel beobachtet, aber der teuflische Diener sieht in dieser Blümchen-Werbung kein Problem. Er werde ein weitaus kostbareres Geschenk besorgen, mit dem Faust Margarethe beeindrucken könne: 

Blitzend’ Gestein soll ihr Herz bezwingen, 
Und Alles Euch nach Wunsch gelingen. 

Als Méphistophélès bald danach mit einer Schmuckschatulle zurückkehrt und sie ebenfalls an den Pavillon stellt, ist Faust für einen Moment verunsichert. Soll er Margarethe wirklich so gezielt verführen, wo er doch echte Liebe für sie empfindet? („Quel trouble inconnu me pénètre“).

Heimlich beobachten die beiden nun das Mädchen: Wird es sich für die Blumen oder für den Schmuck entscheiden?

Margarethe setzt sich zunächst an ihr Spinnrad und singt nachdenklich die Ballade des „Königs von Thule“, während ihr der elegante Fremde nicht aus dem Kopf geht, der ihr neulich sein Geleit angetragen hatte. Schließlich entdeckt sie Siébels Blumenstrauß, legt diesen aber zur Seite, als sie den prächtigen Schmuck erblickt. Sogleich legt sie ihn an und – glücklicherweise befindet sich in der Schatulle auch ein Spiegel – ist entzückt von dessen Wirkung.

Da tritt Marthe, die Nachbarin, an Margarethe heran, bewundert den „reichen Schmuck“ und bedauert sofort, von ihrem Mann nie etwas so Wertvolles erhalten zu haben. 

Um die unmittelbare Wirkung des Geschenks nicht zu gefährden, verlassen Méphistophélès und Faust ihren Beobachtungsposten und gesellen sich zu den beiden Frauen.

Marthe wird von Méphistophélès in ein Gespräch verwickelt, das sie von Margarethe erfolgreich ablenkt. Er berichtet ihr vom Tod ihres Mannes – was die Witwe allerdings zu zärtlichen Avancen veranlasst, die letztlich selbst dem Teufel zu weit gehen. Er ergreift die Flucht.

Indes hat Faust die Gelegenheit genutzt, Margarethe seine Gefühle zu gestehen. Und sie hat seine Liebe erwidert. Jetzt jedoch reißt sie sich aus seiner Umarmung los. Sie will nichts überstürzen und bittet Faust zu gehen. Von ihrer reinen Zuneigung ergriffen, willigt er ein:

Die Macht der Unschuld siegt,
Ja, keusche Liebe
Stillt heiße Triebe,
Mein Woll’n beschämt sich vor dir neigt.
Ja ich geh’, morgen dein!
 

Margarethe zieht sich in ihr Haus zurück, doch Faust wird von Méphistophélès daran gehindert, jetzt so einfach den Garten zu verlassen. Er solle doch hören, was seine Geliebte den Sternen anvertraut …

Und Faust lauscht Margarethes Liebesgesang, der durch das offene Pavillonfenster dringt:

Er liebt mich, er liebt mich,
Er, den mein Herz erkor!
Es kos’t der Zephyr, es schlägt die Nachtigall,
Der Mondnacht Stimmen flüstern all,
Sie sagen im tausendstimmigen Chor:
Er liebt dich!
Ach wie es mich erfasset!
O selig sein mich lasset,
Ihr Sterne dort mit strahlendem Blick,
Die ihr mich schaut, versteht ihr mein Glück!
Geliebter komm! kehr’ bald zurück!

Da hält es Faust nicht mehr länger. Er „eilt ans Fenster und ergreift ihre Hand“. Margarethe „schrickt einen Augenblick zurück, dann sinkt ihr Kopf an Fausts Schulter“. 

Méphistophélès „verlässt mit höhnischem Gelächter den Garten“.

4. Akt: Margarethes Haus

Margarethe erwartet ein Kind von Faust, doch er hat sie offenbar verlassen. Wegen ihres Fehltritts wird sie von anderen Mädchen verspottet, immer noch aber hofft sie auf die Rückkehr ihres Geliebten („Il ne revient pas“). Siébel steht ihr als treuer Freund bei, doch seinem Ansinnen, Faust zu töten, kann Margarethe nichts abgewinnen. Sie sucht Trost im Glauben, will für Ihr Kind und für Ihren Geliebten beten …

Nun kehrt Valentin mit seinen Kameraden aus dem Krieg heim. Schnell wird ihm Margarethes Situation klar, Siébel kann seinen Freund kaum beruhigen.

Indessen kämpft Faust mit seinem Entschluss, Margarethe verlassen zu haben. Er will sie wieder für sich gewinnen und drängt Méphistophélès dazu, ihm dabei zu helfen. 

Um auf Faust aufmerksam zu machen, singt er vor ihrem Haus, begleitet von den Klängen einer Zither, mit zynischem Unterton eine Serenade:  

Scheinst zu schlafen du im Stübchen,
Höre mich doch an,
O mein reizend holdes Liebchen,
Es singt dein Galan!
Flüstert dir gar süße Worte,
Glaube, Herz, daran! Hahahaha!
Öffne, holdes Kind, die Pforte
Nur dem Freiersmann! 

Als Valentin Méphistophélès Stimme hört, stürzt er wütend aus dem Haus, zerschlägt mit seinem Schwert die Zither und fordert Faust, den „Schänder“, zum Kampf heraus. Gleichzeitig schleudert er ein Madonnenbild, das ihm seine Schwester einst geschenkt hatte, wütend von sich. Es sei durch Margarethes Verhalten entehrt worden …

Doch damit verliert Valentin einen wertvollen Schutz – und wird durch Fausts Degen, den Méphistophélès führt, tödlich verletzt. Die beiden fliehen. Margarethe findet entsetzt ihren sterbenden Bruder, doch dieser stößt sie von sich. Sie trage Schuld an seinem Tod!

Auch ihre Hoffnung, in der Kirche Gnade zu finden, erfüllt sich nicht. In der Überzeugung, verdammt zu sein, sinkt Margarethe ohnmächtig nieder.

5. Akt: Walpurgisnacht im Harzgebirge

Méphistophélès hat Faust zur Walpurgisnacht ins Harzgebirge geführt. Der „Hexensabbat“ soll ihn amüsieren und die bösen Erinnerungen, die ihn plagen, auslöschen.

Doch Margarethe geht Faust nicht aus dem Kopf. In einer Vision schaut er, von Gewissensbissen gequält, wie sie „stumm und bleich“ ihren Tod erwartet. Er drängt Méphistophélès, ihn sofort zu ihr zu führen.

Im Gefängnis

Tatsächlich erwartet Margarethe, in Ketten liegend, ihre Hinrichtung, denn sie hat in geistiger Verwirrung ihr Kind getötet. Schon wird vor dem Gefängnis das Schafott errichtet. 

Faust gelingt es mit Méphistophélès Hilfe, zu ihr vorzudringen und findet sie in völliger Verzweiflung. Erfreut erkennt Margarethe die Stimme des Geliebten, Erinnerungen werden wach – doch sie ist nicht mehr willens, Faust zu folgen. 

Als Méphistophélès immer vehementer zum Aufbruch drängt und sie schließlich erkennt, in wessen Bann ihr Geliebter steht, stößt Margarethe Faust schaudernd von sich: 

„Fort! Es graut mir vor dir“

Méphistophélès aber zieht Faust mit sich. Für Margarethe hat er nur ein abfälliges Wort übrig: „Gerichtet!“

Doch ein überirdischer Chor widerspricht ihm: „Gerettet!“ 

„Man hört das Glockengeläute des Ostermorgens. Die Mauern öffnen sich und man sieht Margarethe, von Engeln getragen, aufwärts schweben. Faust sinkt nieder, Méphistophélès stürzt unter dem Schwerte des Erzengels nieder.“

 

(Alle Zitate und alle unter Anführungszeichen gesetzten Textteile stammen aus dem Libretto der Oper; Übersetzung aus: opera-guide.ch)