„Jetzt spielen, wo mich Wahnsinn umkrallt?“

I Pagliacci

Ein Drama in zwei Akten und einem Prolog

Libretto: Ruggero Leoncavallo (1858–1919)

Musik: Ruggero Leoncavallo (1858–1919)

Uraufführung: 21. Mai 1892, Mailand (Teatro dal Verne)

Dauer: ca. 70 Minuten, eine Pause

Aufzüge:
1. Ein Dorfplatz in Montalto, Kalabrien, am 15. August 1865 (Maria Himmelfahrt)
2. Die Komödie der Colombine

Hauptpersonen:
Canio, Chef einer Dorfkomödiantentruppe („Der Bajazzo“ in der Komödie): Tenor
Nedda, Canios Frau („Colombine“ in der Komödie): Sopran
Tonio, ein missgestalteter Komödiant („Taddeo“ in der Komödie): Bariton
Silvio, ein junger Bauer; Neddas Liebhaber: Bariton
Beppo, ein Komödiant („Harlekin“ in der Komödie): Tenor

Eine Werkeinführung

Als Jugendlicher hatte Ruggero Leoncavallo, der Komponist des Bajazzo, hoch gesteckte Ziele: Der am 8. März 1858 in Neapel geborene Sohn eines Richters wollte ein musikdramatisches Werk („I Medici“) schaffen, das Richard Wagners 16-Stunden-Epos „Der Ring des Nibelungen“ in den Schatten stellt. Die Helden sollten Persönlichkeiten aus der italienischen Renaissance sein, neben denen Wagners Götter „wie Zwerge erscheinen“. Und selbstverständlich wollte auch Leoncavallo – wie Wagner – die Texte für seine Werke selbst verfassen. Musik und Worte müssten eine Einheit sein. Es sei ihm unmöglich, schrieb er einmal, die Texte anderer zu vertonen. Er verstehe nicht, „wie man auf diese Weise ein echtes Kunstwerk schaffen“ könne.

Doch es sollte anders kommen: Zahlreiche Rückschläge – unter anderem Probleme mit Giacomo Puccini (1858–1924), der nicht ganz überzeugt von Leoncavallos Fähigkeiten als Librettist war, sowie Schwierigkeiten mit seinem Verleger – zügelten seinen Ehrgeiz. 

Also gab sich Leoncavallo bald bescheidener. Immerhin aber schuf er – wenngleich mit wechselndem Erfolg beim Publikum – insgesamt rund 20 Bühnenwerke, darunter auch Operetten. 

Seine bekannteste Oper, das seit ihrer Uraufführung im Jahr 1892 international bis heute immer wieder mit großem Erfolg gespielt wird, ist das Verismus-Drama „I Pagliacci“ („Der Bajazzo“) – die tragische Geschichte des Komödianten Canio, der während einer Theateraufführung auf der Bühne coram publico zum Mörder wird, nachdem er kurz davor erfahren hat, dass seine Frau ihn betrügt. 

Der Geschichte liegt eine wahre Begebenheit zugrunde, von der Leoncavallo als Kind gehört hatte. Doch gelang ihm in seiner Textdichtung mehr als die Schilderung einer menschlichen Tragödie : „I Pagliacci“ ist ein dramaturgisches Meisterwerk: Für Leoncavallos Hauptcharakter Canio vermischen sich die Emotionen des Charakters, den er auf der Bühne darzustellen hat, in unerträglicher Weise mit seinen persönliche Erfahrungen; das Theater wird zur Bühne für das reale Leben. Und eben das bringt das Konzept des italienischen „Verismus“, der ja – als Gegenbewegung zu den „Monumentalwerken“ Wagners und Verdis – seine musikdramatischen Inhalte aus dem Alltagsleben beziehen wollte, auf den Punkt. 

Entsprechend hört sich schon der Prolog zum „Bajazzo“ (der heute von den meisten Opernhäusern gemeinsam mit Mascagnis berühmten Einakter „Cavalleria rusticana“ gespielt wird) wie ein Leitfaden für den Verismus an.

Tonio trägt ihn dem Publikum zur Einstimmung vor:

„Nicht wie sonst gilt heut’ der Satz:
,Die Tränen der Bühne sind falsch, sind Lug,
Falsch alle Seufzer auch, und die Schmerzen Betrug
Nehmt d’rum die Bühne nie ernst …!‘
Nein, nein!
Heut’ schöpfet der Dichter kühn
Aus dem wirklichen Leben
Schaurige Wahrheit!
Ach, nicht die Märchen allein
Sind der Zweck der Kunst,
Auch was er wirklich sieht,
Schild’re der Dichter:
Dann erringt er der Menschen Gunst!“

Die Handlung


Kurz und gut …
Ein Komödiant, der als betrogener Gatte das Gelächter des Publikums auf sich zieht, sollte nicht kurz vor der Abendvorstellung erfahren, dass er die Rolle des Gehörnten auch im wirklichen Leben spielt. Schon gar nicht an Maria Himmelfahrt und wenn ein Messer bei den Requisiten liegt.

1. Aufzug: Montalto in Kalabrien, 15. August 1865

Von den Landleuten freundlich empfangen, zieht eine Truppe von Komödianten mit ihrem Wagen ins Dorf ein. Angeführt wird sie vom Canio, dem alternden, trübseligen und eifersüchtigen Oberhaupt der Gaukler. An seiner Seite ist die junge, hübsche Nedda, die Canio einst als Waise auf der Straße gefunden hat und die er jetzt als Frau besitzen will. 

Ebenfalls mit von der Partie sind der missgestaltete, aussichtslos in Nedda verliebte Tonio – und Beppo, der vergleichsweise unauffällige „Harlekin“ der Truppe.

Die vier wollen den Dorfbewohnern am Abend, wie Canio der Menge (wieder einmal schlecht gelaunt) verkündet, „ein herrliches Schauspiel“ zeigen: die Komödie der Colombine.

Alle freuen sich, der Wagen der Truppe hält. Tonio will Nedda – etwas zudringlich – beim Absteigen helfen und erntet dafür von Canio – in der vorauseilenden Vorsicht des ewig Eifersüchtigen – eine schallende Ohrfeige sowie den eindeutigen Chef-Befehl: „Scher dich fort!“

Daraufhin werden die Männer von einem Bauern in die Taverne zum Wein eingeladen. 

Canio und Beppo kommen mit, Tonio will zunächst „für den Esel sorgen“ und erst später nachkommen. Anlass genug für die erlebnishungrigen Landleute, den als eifersüchtig bekannten Obergaukler Canio ein wenig aufzuziehen: Tonio wolle sich doch gewiss nicht um den Esel, sondern um Nedda kümmern, mutmaßen sie …

Canio lächelt grimmig und mahnt alle, nie „sein Misstrau’n zu reizen“. Der Bajazzo, der sein Weib im Arm eines anderen findet und zuletzt noch unter dem Beifall des Publikums verprügelt wird … diesen Tölpel stelle er nur auf der Bühne dar: 

„Anders jedoch wär’s im Leben!
Fänd' ich Nedda je treulos, wär’s ihr Ende:
In ihr Herzblut taucht’ mit Wollust ich die Hände …
D’rum scherzet nur – doch achtet, dass
Das Spiel nie werde Wahrheit!“

Nedda hört diese offene Drohung Canios mit Unbehagen. Denn seine Eifersucht ist nicht unbegründet: Sie liebt wirklich einen anderen – Silvio, einen jungen Bauern aus dem Dorf. Und sie hofft auf eine Möglichkeit, Canio entkommen zu können.

Da läuten die Glocken. Die Menge strömt zur Vesper in die Kirche, Canio und Peppo gehen in die Schenke, Nedda bleibt nachdenklich zurück, betrachtet die Vögel am Himmel und beneidet sie um ihre Freiheit:

„Hui! Hui!
Wie die Vöglein schweben,
Hoch im Ätherblau
O sie sind schlau:
Sie wissen von Freiheit und Glück
Und lassen im Nebel die Erde zurück!“

Von Neddas lieblichem Gesang angelockt, erscheint Tonio, um ihr – wieder einmal etwas zu aufdringlich – den Hof zu machen. Seine Liebe zu ihr verzehrte ihn, sie würde ihn noch töten, sie müsse ihm doch endlich einen Hoffungsstrahl schenken …

Nedda rät dem Unglücklichen, seine Liebesschwüre auf die Bühne zu beschränken. Am Abend, in der Komödie, da seien sie angebracht – im Übrigen: Nein, danke! 

Doch Tonio lässt sich nicht abwimmeln, und als er schließlich einen Kuss von Nedda erzwingen will, verteidigt diese sich mit einer Peitsche und schlägt ihm damit ins Gesicht. 

Auf den Boden der Realität geschlagen, lässt Tonio von ihr ab – und schwört die Rache des Gedemütigten: 

„Diese Schmach bereust Du!“

Kurz darauf erscheint Silvio. Er will seine geliebte Nedda dazu überreden, mit ihr noch in dieser Nacht zu fliehen. Doch unglücklicherweise werden die beiden von Tonio belauscht, der diese günstige Gelegenheit zur Rache auch gleich für sich nützt: Er eilt zu Canio in die Schenke, um ihm brühwarm von Neddas Rendezvous zu erzählen.

Der macht sich sofort auf, schleicht sich an seinen Wagen heran – und schreit wütend auf, als er die letzten Worte hört, die Nedda an Silvio richtet:

„Diese Nacht denn … und für ewig die Deine …“

Als Nedda den wütenden Canio hört, drängt sie Silvio entsetzt zur Flucht.

Canio sieht den Fliehenden noch, aber es gelingt ihm nicht, ihn zu erwischen. 

Außer sich vor Wut und Eifersucht bestürmt er Nedda, ihm den Namen des Liebhabers zu nennen. Sie schweigt eisern. Als Canio sie daraufhin in wütender Benommenheit erdolchen will, gelingt es Beppo und Tonio nur mit äußerster Gewalt, ihn davon abzuhalten – und mit dem sachdienlichen Hinweis, Canio könne gewiss noch erfahren, wer der Liebhaber sei. Denn zweifellos werde dieser die in Kürze beginnende Vorstellung besuchen.

Also beginnt Canio mit wirbelnden Gedanken, sich als Bajazzo zu schminken … um den Gehörnten in der „Komödie der Colombine“ zu spielen. („Recitar! … Vesti la giubba“)

„Jetzt spielen? Wo mich Wahnsinn umkrallt?
Wo kaum ich weiß zu stammeln, noch klar zu sehn!
Und doch: es muss sein –
Das Schicksal will’s.
Bah – bist Du denn ein Mensch?
bitter lachend
Bist nur Bajazzo!
Hüll’ Dich in Tand und schminke Dein Antlitz:
Man hat bezahlt ja  will lachen für’s Geld.
Du bist Hanswurst nur; raubst Du Colombine,
Schreit man: Bajazzo, der kennet die Welt.
Die vielen Tränen, die im Spiel wir verhüllen,
Geknicktes Hoffen, ein todwundes Herz:
Ah – lach’ doch, Bajazzo, schneid’ tolle Grimassen,
Kennst kein Gefühl, bist ein Spielzeug zum Scherz!

2. Aufzug: Eine Theatervorstellung in Montalto

Das Publikum strömt herbei, um der „Komödie der Colombine“ beizuwohnen. Unter ihnen ist Alfio. Nedda, an der Eintrittskasse sitzend und bereits für die Hauptrolle der „Colombine“ verkleidet, warnt ihn vor Canio: „Sei wachsam, er brütet Rache!“ 

Silvio beruhigt sie. Die gemeinsame Flucht stehe kurz bevor.

Schon wird das Publikum ungeduldig, es will endlich etwas sehen. 

Und der Vorhang hebt sich, die Komödie beginnt.

Zu sehen ist „ein ärmliches Gemach mit zwei Seitentüren und einem Fenster im Hintergrund. Ein alter Tisch und zwei Strohstühle sind das ganze Mobiliar“.

Colombine (Nedda) erwartet Harlekin, ihren Liebhaber (Beppo). Sie ist mit Bajazzo (Canio) verheiratet, aber der kommt ja erst irgendwann in der Nacht. Zeit genug also für ein amouröses Abenteuer! 

Schon singt Harlekin ihr zärtlich eine Serenade, aber auch der hässliche Diener Taddeo (Tonio) liebt Colombine. Sie weist den Tölpel mit Spott zurück – zur Freude des schadenfrohen Publikums – und flirtet munter mit Harlekin.

Doch bald stürzt Taddeo wieder herein und warnt die beiden vor dem Bajazzo, der von dem Stelldichein wisse und schon auf dem Weg sei. Also verabschiedet sich der Harlekin in größter Eile. Und Colombine schenkt ihrem Bühnenliebhaber die gleichen letzten Worte, die sie zuvor Silvio, ihrem wirklichen Liebhaber, mit auf den Weg gegeben hatte:

„Diese Nacht denn … und für ewig die Deine …“

Als Canio diese Worte hört, schwächet seine Konzentration als Schauspieler. Der Zorn überwältigt ihn. Er bleibt nicht länger in seiner Rolle als Bajazzo. Immer nachdrücklicher dringt er in Nedda, ihm den Namen ihres Geliebten zu verraten.

Das Publikum ist von der Intensität des Spiels hingerissen. 

Nedda versucht, Canio zu mäßigen, indem sie nachdrücklich in ihrer Rolle als Colombine bleibt. Sie neckt den Eifersüchtigen – zur Gaudi des Publikums: „Bajazzo, Bajazzo …“

Doch Canio hört nur noch Spott und Hohn. Und schließlich bricht es aus ihm hervor: Es gehe hier nicht mehr um eine Theaterrolle!

„Nein, bin Bajazzo nicht bloß!
Wohl ist mein Antlitz bleich,
Doch blick’ ich schmerzenreich:
Die Scham ist’s, sie ringt nach Rache.
Als Mensch jetzt ford’r ich meine Rechte!
Erlag auch mein Glück diesem Schlag –
So kann Blut doch die Ehre sühnen,
Kann löschen die tiefe Schmach.
Nein, Bajazzo nicht mehr! –
Ein armer Tor war ich, der im Elend
Die Waise fand an der Straße …
Der voll Schonung die Herkunft
Mit feinem Namen deckte,
Der heiß Dich liebte
Mit rührender Güte …“

Wird auf der Bühne wirklich noch gespielt? 

Einige im Publikum werden unruhig, allen voran Silvio.

„Den Namen, den Namen!“

Außer sich brüllt Canio auf Nedda ein, doch sie verrät den Geliebten nicht und versucht zuletzt ins Publikum zu fliehen. Doch Canio hat inzwischen einen Dolch ergriffen und stößt ihr das Messer in den Rücken. 

Silvio eilt Nedda zu Hilfe – und wird das zweite Opfer des wütenden Bajazzo.

„Gut so …!“ sind Canios letzte Worte, ehe ihm die Waffe entgleitet und er versteinert erkennt, was er getan hat. Er lässt sich ohne Widerstand festnehmen.

An das Publikum, dem das Lachen längst vergangen ist, wendet sich abschließend Tonio (jedenfalls immer dann, wenn der Regisseur die Theatertradition überwindet, der zufolge dieser letzte Satz vom mörderischen Tenor selbst gesprochen wird) mit dem unmissverständlichen Geleitwort:

„Die Komödie ist zu Ende!“

 

(Libretto-Übersetzung ins Deutsche: opera-guide.ch)