Die wundersame Wandlung, die der Genuss von Rotwein nach sich zieht

L’elisir d’amore

Eine komische Oper (Opera buffa) in zwei Akten

Libretto: Felice Romani (1788–1865)

Musik: Gaetano Donzetti (1797–1848)

Uraufführung: 12. Mai 1832, Teatro della Canobbiana (Mailand)

Dauer: ca. 2,5 Stunden, eine Pause

Aufzüge:
1. Ein abgelegenes baskisches Dorf (im 18. Jahrhundert)
2. Der Gutshof von Adina

Hauptpersonen:
Adina, eine junge Gutspächterin: Sopran
Nemorino, ein junger Landmann: Tenor
Belcore, ein Sergeant: Bariton
Dulcamara, ein Quacksalber: Bass
Gianetta, ein Wäschermädchen: Sopran
Ein Notar (stumme Rolle)

Eine Werkeinführung

Gaetano Donizetti (1797–1848), einer der bedeutendsten italienischen Komponisten aus der Romantik-Epoche, vertonte das „Liebestrank“-Libretto (geschrieben von Felice Romani) angeblich in einem Zeitraum von nur 14 Tagen – und schuf damit ein Werk aus „zündender“ Musik, das seit seiner Uraufführung (1832) immer wieder auf den Spielplänen der Opernhäuser auf der ganzen Welt steht.

Die Entstehungsgeschichte des „Liebestranks“ widerspiegelt eine für die damalige Zeit typische Situation: Die Direktion des Mailänder „Teatro della Canobbiana“ hatte einen Kompositionsauftrag erteilt; der Komponist jedoch seine Verpflichtungen nicht erfüllt – wohl deshalb, weil Musikschaffende einst mit dem Schreiben gar nicht mehr nachkamen. Die Oper war als Kunstform in allen Bevölkerungsschichten beliebt, jede italienische Provinzstadt besaß mindestens ein Opernhaus, und alle Direktionen wollten immer neue Stücke bieten, so dass manch ein Komponist von Stadt zu Stadt eilte und in fliegender Hast Werk um Werk schuf … wenn er es denn schaffen konnte. Das Mailänder Theater wandte sich in seiner Not jedenfalls an Gaetano Donizetti – mit dem Vorschlag, angesichts der kurzen Zeitspanne, die bis zur Premiere zur Verfügung stand, einfach eine frühere Oper zu überarbeiten. Nun war Donizetti zwar durchaus produktiv (er schuf unter anderem 70 Opern und 100 Kirchenmusikwerke), doch diesen Vorschlag empfand er nicht als Entgegenkommen, sondern als Kränkung: „Wer macht sich über mich lustig? Ich bin nicht gewohnt, meine eigenen Opern zusammenzuflicken, geschweige denn die von anderen Komponisten. Sie werden sehen, dass ich genug Energie habe, Ihnen eine funkelnagelneue Oper in 14 Tagen zu liefern.“

Gesagt, geschrieben! „Der Liebestrank“ geriet zum großartigen Erfolg und entwickelte sich zu einer der meistgespielten Donizetti-Opern – der Tatsache zum Trotz, dass der Komponist diese große Anerkennung lieber mit einem ernsten Stoff gefunden hätte.

Die Handlung


Kurz und gut …

Durch die Kraft des Glaubens und die Aussicht auf Gewinn verwandelt sich billiger Wein in Isoldens Liebestrank.


1. Aufzug: Ein baskisches Dorf

Nemorino, ein schüchterner, ungebildeter junger Bauer, himmelt die Gutspächterin Adina an. Sie ist reich und gebildet, unstet und keck, er nur unglücklich verliebt. Zwei Menschen, zwei Welten. „Quanto è bella, quanto è cara!“, schwärmt und seufzt Nemorino, das „Niemandchen“:

Welche Schönheit, welche Reize,

Die Adina hold umschweben!

All mein Mühen, all mein Streben

Flößt ihr kein Erbarmen ein!

Sie gebildet und belesen,

Und ich arm beschränktes Wesen,

Ich kann nichts von all den Dingen,

Seufzen kann ich nur allein

Nemorino beobachtet aufmerksam, wie Adina den leseunkundigen Gutsarbeitern aus einem Buch die Geschichte von Tristan und Isolde vorliest. Er – Tristan – wird von ihr – Isolde – abgewiesen, doch ein Liebestrank sorgt dafür, dass die beiden zuletzt doch zueinander finden …

Adina ist froh, dass es derlei Tränke nicht mehr gibt, Nemorino indes versteht die Geschichte nach seiner Art: Isolde und Tristan, das sind … Adina und er selbst! Was zum gemeinsamen Glück fehlt, ist nur der Liebestrank!
Während der arme Nemorino unfähig ist, der geliebten Adina seine Gefühle zu verdeutlichen, ist diese viel zu stolz, um sich dem gutherzigen, aber naiven Bauernburschen, den sie im Grunde ihres Herzens ganz gern hat, zu nähern. Noch dazu marschiert gerade ein gut aussehender, strammer Bariton in Uniform ins Dorf …

Ein Trommelwirbel hat das Volk zusammengetrieben, denn ein Soldatentrupp will sich im Dorf einquartieren. Dessen Anführer, Sergeant Belcore, kommt, sieht – Adina – und siegt. Sein charmantes Augenzwinkern genügt, um die Aufmerksamkeit der belesenen Schönen zu erregen, und kurze Zeit später auch deren Heiratsbereitschaft.

Nemorino leidet. Noch einmal nimmt er all seinen Mut zusammen und nähert sich seiner Geliebten, um ihr „ein Wort“ zu sagen: „Una parola, o Adina“. Doch sie lässt ihn kalt abblitzen, noch ehe ihm passende Worte über die Lippen kommen, und rät ihm, sich statt um sie lieber um seinen kranken Onkel zu kümmern:

Gewiss die alte Leier,

Der fade Liebesjammer.

Du tätest besser,

In die Stadt zu deinem Ohm zurückzukehren,

Der krank darniederliegt

An schwerem Leiden.

Doch Nemorino gibt nicht auf. Er sei bereit, für sie zu sterben, ruft er Adina zu – die ein solches Ansinnen als eher lächerlich einstuft. Liebestreue sein ein „Wahn“ – und zur Heilung davon solle Nemorio am besten – wie sie selbst – täglich den Liebhaber wechseln:

Ei, ei, für mich willst sterben du?

Von dem Wahne dich zu heilen,

Denn nur Wahn ist Liebestreue,

Musst du meine Ansicht teilen,

Täglich lieben eine Neue!

Da künden Trompetenfanfaren ein neues Ereignis an. Die Dorfbewohner und Belcores Soldaten versammeln sich auf dem Dorfplatz, wo ein vergoldeter, kurioser Wagen eintrifft. An Bord: „Dottore“ Dulcamara, ein redseliger Quacksalber, der von Dorf zu Dorf zieht und angeblich ein „Spezifikum“ in seinem Wunderwagen hat, das bei allen Wehwehchen hilft – egal, ob physischer oder psychischer Natur.

Bald reißen sich die Dorfbewohner um das Wundermittel, und Nemorino schöpft neue Hoffnung: Vielleicht hat ihm der Himmel diesen Wunderdoktor geschickt. Vielleicht hat er ja auch den legendären Liebestrank von Königin Isolde mit dabei. Also einfach fragen!

Als begabter Allerweltspsychologe weiß der „Dottore“ natürlich sofort, worum es geht, als er Nemorinos verzweifeltes Gesicht sieht. Hier ist eine drastische Persönlichkeitsveränderung gefragt – der schüchterne Außenseiter will „Hahn im Korb“ sein. Kein Problem! Eine Flasche Bordeaux ist in einem solchen Fall sicher das Richtige!

Dulcamara verkauft also Nemorino gegen dessen gesamte Barschaft einen „Liebestrank“ und erklärt ihm, dass dieser seine Wirkung nach 24 Stunden (also jedenfalls erst nach seiner Abreise) voll entfalten würde.
Nemorino ist glücklich, zufrieden und schon nach dem ersten vorsichtigen Schluck davon überzeugt, die Wirkung des Trankes unmittelbar zu spüren. Seine Selbstsicherheit wächst, und Adina gegenüber tritt er nun nicht mehr als zaghafter Bittsteller auf, sondern in zuversichtlicher Überlegenheit.

Die kapriziöse Dorfschönheit ist wegen Nemorinos seltsamer Wandlung irritiert. Sie lässt sich von Belcore umso williger umgarnen und gibt ihm ihr Jawort zur Hochzeit in sechs Tagen. Das müsste den einfältigen Nemorino doch gehörig auf die Palme bringen.

Der aber zeigt sich amüsiert. Sechs Tage! Bis dahin hat der Trank ja längst gewirkt. Kein Grund zur Sorge!
Dann aber trifft für Belcore eine Depesche ein: Er soll mit seinen Soldaten bereits am nächsten Morgen aufbrechen! Für lange Hochzeitsvorbereitungen ist also keine Zeit mehr, und der Sergeant schlägt Adina deshalb vor, die Hochzeit noch am gleichen Tag stattfinden zu lassen. Mit einem Seitenblick auf Nemorinos provokative und selbstsichere Gleichgültigkeit willigt sie ein. Die müsste sich ja doch erschüttern lassen. Also: Sofortige Heirat!

Nemorino ist nun bestürzt. Das ist eindeutig zu früh! Er bittet Adina, doch wenigstens bis zum nächsten Tag zu warten, benimmt sich endlich wieder wie das pflegeleichte „Niemandchen“. Adina genießt ihren Triumpf, und der Vorhang senkt sich vor dem verzweifelten Bauern-Tristan.

2. Aufzug: Der Gutshof von Adina – im Inneren des Hofes

Die Hochzeitsvorbereitungen beginnen. Der „Dottore“, Gianetta, Adina und Sergeant Belcore essen und trinken gemeinsam mit Wäscherinnen, Bauern und Bäuerinnen. Musikanten spielen im Gutshof, Dulcamara und Adina improvisieren schließlich in ausgelassener Heiterkeit eine venezianische Liebesszene. Schon erscheint der Notar mit dem Ehekontrakt, aber … Adina will doch erst später unterzeichnen. Denn der wichtigste Zeuge fehlt, Nemorino ist nicht hier.

Dieser sucht in seiner Verzweiflung abermals den „Dottore“ auf, und der rät ihm geschäftstüchtig, mit einer zweiten Flasche die Wirkung des Elixiers zu beschleunigen. Natürlich will er dafür gutes Geld – doch der arme Nemorino hat keines mehr!

Nun weiß Sergeant Belcore einen Ausweg für ihn: Nemorino solle sich doch einfach als Soldat anwerben lassen. Dafür gäbe es 20 Scudi – bar auf die Hand. Nemorino überlegt nicht lange: Damit könnte er die rettende zweite Flasche des „Liebestranks“ von Königin Isolde kaufen. Also zeichnet er sein Kreuz auf Belcores Papier und ist nun Soldat!

Mit seinem Handgeld kauft Nemorino sofort die zweite Flasche – und erlebt staunend das Wunder der Wandlung: Eine ganze Schar Mädchen umschwärmt ihn plötzlich, findet ihn unwiderstehlich. Klar, dass Nemorino – nun schon etwas bordeuxberauscht – seine Wirkung dem Liebestrank zuschreibt. Er weiß ja noch nicht, was die Mädchen von Gianetta erfahren haben: Sein Onkel ist gestorben und hat ihm eine bedeutende Erbschaft hinterlassen. Das heißt: Er ist stinkreich und die „perfekte Partie“.

Auch Adina ahnt nichts von der großen Erbschaft und beobachtet mit Argwohn und zunehmender Eifersucht das schwärmerische Getue der Mädchen. Dulcamara ist nicht minder perplex: Sollte dieser Wein etwa wirklich …?

Jedenfalls erzählt er der verdutzten Adina von dem wunderwirkenden „Liebestrank“, den Nemorino von ihm erhalten habe und empfiehlt ihr, auch davon zu nehmen. Doch Adina winkt lächelnd ab. Nemorino wird sie auch ohne Quacksalber-Hilfe für sich gewinnen! Schnell sind die Hochzeitspläne vergessen …

Nemorino hat sich indes für seine Abreise bereit gemacht. Er wird sein Heimatdorf verlassen und ein Leben als Soldat führen. Nur eines tröstet ihn: Während die Mädchen ihn umwarben, hatte er in Adinas Augen „eine verstohlene Träne“ („Una furtiva lagrima“) erblickt:

Wohl drang aus ihrem Herzen

Ein Seufzer zu mir her,

Und bei der Mädchen Scherzen

Hob ihre Brust sich schwer!

Was will mein Herz noch mehr?

Liebe, sie fühlet deine Macht,

Ja, deine Macht!

Hinge ihr Auge nur einmal

Liebend an meinem Blick;

Gäb' mir ihr Mund nur einmal

Der Liebe Wort zurück.

Ach, gäbe sie mit schmachtendem Blick

Der Liebe süss Geständnis zurück!

Mag dann der Tod mir drohn,

Ach, mir ward der schönste Lohn!

Nemorinos Überzeugung, dass Adina ihn im Grunde ihres Herzens doch liebt, wird nun, im großen Finale, ihre Bestätigung finden.

Zunächst aber überrascht ihn Adina nur damit, Belcore den Anwerbekontrakt wieder abgekauft zu haben. Nemorino ist also kein Soldat mehr. Doch schreibt er Adinas Bemühungen um ihn nur der Wirkung des Liebestranks zu und fragt sie, ob sie ihm denn nichts weiter zu sagen habe. Als Adina, wohl immer noch ein wenig von Stolz umnebelt, verneint, gibt Nemorino ihr verzweifelt den Vertrag zurück – und glaubt auch nicht mehr an die Wirkung des Liebestranks:

Kann Lieb' ich nicht erwerben,

Will als Soldat ich sterben;

Der Stab ist nun gebrochen,

Der Doktor trieb nur Scherz;

Will als Soldat nun sterben,

Der Doktor trieb nur Scherz.

Da gibt „Adina-Isolde“ endlich ihr Versteckspiel auf und gesteht dem überglücklichen „Tristan-Nemorino“ ihre Liebe. Belcore tröstet sich damit, dass im nächsten Dorf genügend andere Mädchen warten werden. Dulcamara indes verkündet geschäftstüchtig, Nemorino und Adina hätten nur durch seinen magischen Trank zusammengefunden. Also decken sich die Dorfbewohner reichlich mit dem Zauberelixier ein und lassen den „Dottore“ hochleben.

Fazit: Man muss nur glauben können …

 

(Libretto-Übersetzung ins Deutsche: opera-guide.ch)