Junge Triebe hinter gräflichem Gemäuer

Le nozze di Figaro

Eine komische Oper (Opera buffa) in vier Akten

Libretto: Lorenzo da Ponte (1749–1838; nach der Komödie „La folle journée ou Le mariage de Figaro“ von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais, 1732–1799)

Musik: Wolfgang Amadeus Mozart (1756–1791)

Uraufführung: 1. Mai 1786, Hoftheater zu Wien

Dauer: ca. 3,5 Stunden, drei Pausen

Aufzüge:
1. Figaros nicht vollständig möbliertes Zimmer
2. Das prächtige Zimmer der Gräfin
3. Ein großer, zur Hochzeitsfeier geschmückter Saal
4. Im Garten des Schlosses

Hauptpersonen:
Graf Almaviva: Bariton 
Die Gräfin (Rosina), seine Gemahlin: Sopran
Susanna, Kammermädchen der Gräfin: Sopran
Cherubino, Page des Grafen: Sopran
Figaro, des Grafen Kammerdiener: Bass
Marcellina, Beschließerin im Schloss des Grafen: Mezzo
Bartolo, Arzt aus Sevilla: Bass
Basilio, Musikmeister der Gräfin: Tenor
Don Curzio, Richter: Tenor
Antonio, Gärtner des Grafen und Susannas Onkel: Bass
Barbarina, Antonios Tochter: Sopran
 

Eine Werkeinführung

Mozarts komische Oper „Die Hochzeit des Figaro“ spielt um 1780 und schließt inhaltlich an Rossinis „Barbier von Sevilla“ an. Sie entstand in einem Zeitraum von nur sechs Wochen, ist seit dem Zeitpunkt ihrer Uraufführung bis heute eine der erfolgreichsten Opern und gilt als Paradebeispiel für Gesellschaftskritik und politische Satire.

Hier also die Vorgeschichte des „Barbiers“, Schauplatz: Sevilla. Almaviva, ein netter, vielleicht aber etwas triebgesteuerter Graf, hatte in die hübsche Rosina verliebt. Diese war von ihrem Vormund, dem Arzt Dr. Bartolo, behütet worden – durchaus eifersüchtig, denn auch Bartolo hatte ihr gegenüber Absichten gehabt. Aber Almaviva war es nach abenteuerlichen Unternehmungen doch gelungen, seine Geliebte zum Traualtar zu führen. Unterstützung hatte der Graf dabei einem Barbier  namens Figaro erhalten. Rosina ist nun also „die Gräfin“.

Der Barbier, dem damals vor allem die Bartpflege des Mannes oblag, galt übrigens als „ehrloser Beruf“. Nichtsdestotrotz hatten sich Almaviva und Figaro von Mann zu Mann ganz ausgezeichnet verstanden, und der Graf hatte den Barbier zu seinem Kammerdiener gemacht – als Dank für dessen Hilfe. Figaro wohnt nun also ebenfalls im Schloss des Grafen – und mit ihm seine geliebte Susanna, die Kammerzofe der Gräfin. 

Susanna und Figaro wollen nun heiraten – darum geht es in der „Hochzeit des Figaro“.

Aber da ist noch Marcellina. Sie war früher Haushälterin bei Dr. Bartolo gewesen, lebt jetzt auch im Schloss Almavivas und hat – trotz ihres fortgeschrittenen Alters – ein Auge auf Figaro geworfen. Deshalb will sie seine Absicht, Susanna zu heiraten, vereiteln.

Und auch mit Graf Almaviva – im „Barbier von Sevilla“ war er noch bezaubernder Tenor, inzwischen ist er zum verführerischen Bariton mutiert – gibt es Probleme. Er ist längst nicht mehr so auf seine Rosina fixiert wie als junger Aristokrat. Nach seiner Heirat hatte der Graf noch großzügig das Privileg „ius primae noctis“ abgeschafft, das ihm umfassende Rechte an allen Mädchen seines Lehens vor deren Hochzeitsnacht eingeräumt hatte. Aber diesen im Geist der Aufklärung geübten Verzicht bereut Almaviva inzwischen – umso mehr, als er Susanna, Figaros Geliebte, außerordentlich attraktiv findet. Vielleicht, so hofft der Graf, wird sich vor ihrer Heirat doch noch eine günstige Gelegenheit bieten.

Um keine unnötigen räumlichen Hürden im eigenen Schloss vorzufinden, hat Almaviva den Brautleuten ein Zimmer zugewiesen, dessen Lage seinen Absichten nahekommt …

 

Die Handlung

 
Kurz und gut …
Unter Missachtung jeglicher Altersgrenzen geht es hinter den Mauern gräflicher Schlösser ziemlich triebhaft zu.

1. Aufzug: Ein nicht vollständig möbliertes Zimmer mit einem Sessel in der Mitte. 

Figaro und Susanna treffen die letzten Vorbereitungen für ihre Hochzeit. Sie probiert einen Hut, er überprüft die Maße des neuen Ehebetts.

Fünfe – zehne – zwanzig –
Dreissig – sechsunddreissig –
Ja, ja, es geht.

Figaro übt sich in Ausgelassenheit, aber Susanna gesteht ihm ihre Sorgen. Sie weiß um die Begierden des Grafen und ahnt, warum er ihnen ausgerechnet dieses Zimmer zugewiesen hat. Was, wenn er Figaro nun mit irgend etwas beauftragen und sich während seiner Abwesenheit um sie „liebevoll kümmern“ sollte?

Figaro machen Susannas Befürchtungen betroffen. Immerhin hält er den Grafen nicht nur für seinen Herrn, sondern auch für einen Freund. Sollte dieser also tatsächlich hinterhältige Gedanken hegen, so müsse er wohl selbst ein Intrigenspiel inszenieren. Als Susanna den Raum verlässt, bereitet sich Figaro gedanklich schon einmal darauf vor („Se vuol ballare, Signor Contino“):

Will einst das Gräflein ein Tänzchen wagen,
Mag er’s nur sagen, ich spiel’ ihm auf.
Soll ich im Springen ihm Unterricht geben,
Auf Tod und Leben bin ich sein Mann.
Man muss im Stillen nach seinem Willen
Menschen zu lenken, die Kunst verstehn.
Mit muntern Scherzen leit’ ich die Herzen,
Schweigen und Plaudern, Handeln und Zaudern,
Alles muss so, wie ich’s haben will, gehn!
Will einst das Gräflein ein Tänzchen wagen,
Mag er’s nur sagen, ich spiel’ ihm auf!

Indessen hegt angesichts von Figaros bevorstehender Hochzeit auch Marcellina Pläne: Sie hatte dem Barbir einst Geld geliehen – und er hatte dafür, mangels anderer Garantieren, mit seinem Versprechen gebürgt, sie zu heiraten. Höchste Zeit also, den Kredit fällig zu stellen. Marcellina ist wild entschlossen, entweder ihr Geld zu fordern (von dem sie weiß, dass Figaro es nicht hat) – oder den Schuldner selbst. 

Zur Unterstützung hat sie Dr. Bartolo ins Schloss gerufen, den großen Verlierer im Ringen um Rosina. Figaro hatte als „Barbier von Sevilla“ ja ordentlich dazu beigetragen, dass Rosina in den Armen des Grafen landen und Bartolos Residenz entfliehen konnte. Jetzt scheint die Stunde gekommen, frohlockt Bartolo, es Figaro, dem alten Schelm, endlich heimzuzahlen! („La vendetta“):

Süße Rache, du gewährest hohe Freuden:
Nur die kleinen Seelen leiden,
Dulden, schweigen, wenn man sie kränkt.
Fein und listig, schnell und rüstig,
Wirk’ und treib’ ich große Sachen.
Ich kann Pläne möglich machen,
Die der schwache Kopf kaum denkt.
Und sollt’ ich alle Gesetze verdrehen,
Und müsst' ich auch hundert Register durchsehen,
Mit Ränken und Schwänken muss es mir gelingen,
So leit’ ich Verderben, Untergang her,
Bald soll sich’s zeigen, wer sich muss neigen:
Bartolo, Figaro! – Ich oder er!

Nun treffen Marcellina und Susanna aufeinander – und versprühen als „Rivalinnen“, in die hübschesten Floskeln gekleidet, Gift und Galle: „Das niedliche Bräutchen“ – „Die Zierde von Spanien“ … 

Susanna geht mit einer Anspielung auf Marcellinas fortgeschrittenes Alter („mein altes Matrönchen“) als Siegerin des Wortduells hervor. 

Marcellina verlässt also wütend den Raum, doch schon bekommt Susanna anderen Besuch. Aber nicht etwa von Almaviva. Es gibt nämlich noch jemanden im Schloss, der allen weiblichen Wesen nachstellt: den Pagen des Grafen, Cherubino. Selbst ebenso lustgesteuert wie sein Herr, indes fast noch ein Kind, hat sich der Junge zu Almavivas Rivalen entwickelt. Erst am Vortag war Cherubino während seines heimlichen Besuchs bei Barbarina, der Tochter des Gärtners, vom Grafen überrascht worden. Wegen des offensichtlichen Interessenkonflikts hatte dieser Cherubino entlassen. Jetzt bittet der Page Susanna, bei der Gräfin ein gutes Wort für ihn einzulegen.

Außerdem ist Cherubino natürlich auch in die Gräfin verliebt. Als er eine Schleife aus deren Haube erblickt, reißt er sie an sich, ohne dass Susanne es verhindern kann, und überlässt ihr dafür eine frisch gedichtete Kanzone. „Und was soll ich damit machen?“, fragt Susanna. „Lies es der gnäd’gen Frau vor, lies Marcellina, lies es allen Menschen im Schlosse vor, nur lass mir dieses Band!“

„Ich deinem Kopf spukt es gewaltig“, befindet Susanna. Und Cherubino stimmt zu („Non so più cosa son, cosa faccio“): 

Neue Freuden, neue Schmerzen
Toben jetzt in meinem Herzen!
Ja, ich bebe, ich bebe, ich zittre,
Feuer rinnt mir durch Bein und Mark.
Bei dem süssen Worte Liebe
Fühl’ ich nie empfund’ne Triebe,
Wo ich nur ein Mädchen sehe,
Schlägt mein Puls noch eins so stark.
Wo ich auch wand’l und gehe,
Wo ich auch lieg’ und stehe,
Im Wachen und im Traume,
Im Feld, am Bach, am Baume,
Verlang’, begehr’ und wünsch’ ich;
Es presst, es jagt, es drängt mich
Schmerzensgefühl und Lust;
Und süßes Schmachten, Sehnsucht
Wechseln in meiner Brust.

Ja. Armer Cherubino! Das unerwartete Erscheinen des Grafen reißt den Jungen jäh aus seinen Wonnegefühlen. Er versteckt sich und wird nun Zeuge, wie Almaviva Susanna den Hof macht.

Doch auch der Graf wird unterbrochen: Basilio, der Musikmeister der Gräfin, betritt den Raum und zwingt ihn ebenfalls ins Versteck.

Nun verstecken sich bei Susanna also zwei Schürzenjäger, während Basilio sich arglos als Gerüchtekoch betätigt: Im Schloss rede man offen, erzählt er frei heraus, über die erotische Umtriebigkeit des Grafen und auch über den Appetit Cherubinos, der sogar vor der Gräfin nicht Halt mache.

Während Cherubino verängstigt in seinem Versteck ausharrt, hat Almaviva genug gehört! Er tritt hervor und stellt den überraschten Basilio zur Rede. Susanna versucht, die peinliche Situation durch ein Entrüstungsmanöver zu entschärfen, während der Musikmeister seine den Pagen betreffenden Äußerungen abzuschwächen sucht. Es handle sich ja nur um einen Verdacht …

Aber just in diesem Augenblick entdeckt Almaviva den versteckten Cherubino. Wieder der! Offensichtlich, so meint er, ist der Junge auch hinter Susanna her. Und vor allem hat er viel zu viel gehört. Cherubions Beteuerungen („Ich gab mir alle mögliche Mühe, um nichts zu hören.“) sind wenig überzeugend – so jemand kann nicht länger auf dem Schloss geduldet werden!

Da betritt auch Figaro den Raum – für den höchst erregten Grafen natürlich zum unpassenden Zeitpunkt – und ersucht ihn um offizielle Zustimmung zur Hochzeit. Gemeinsam mit einigen Burschen und Mädchen, die er im Schlepptau hat, stimmt Figaro in einen Huldigungschor ein, der den liberalen und gerechten Grafen lobt, der so großzügig auf das Privileg „ius primae noctis“ verzichtet. Eine gut getarnte Mahnung … die im absolut falschen Moment kommt.

Almaviva will sich Zeit lassen. So schnell möchte er Susanna nicht den Brautschleier anlegen! Insgeheim hofft der Graf, dass Marcellina noch Einspruch gegen Figaros Hochzeit erheben werde. Aber er lässt sich erweichen, den Pagen zu „begnadigen“: Er ernennt ihn kurzerhand zum Offizier und schickt ihn in die Wüste – genauer: in die Garnison nach Sevilla.

Figaro, ein alter Zyniker, verschreckt den Pagen mit dramatischen Schilderungen über das Soldatenleben („Non più andrai“), bis sich der Vorhang senkt und alle militärisch abgehen …

Da, wo Lanzen und Schwerter dir schimmern,
Sei dein Herz unter Leichen und Trümmern
Nur voll Wärme für Ehre und Mut!
Du erscheinst nicht in seidnen Gewändern,
Nicht geziert mehr mit Blumen und Bändern,
Doch zur Rettung von Städten und Ländern
Gibst du willig dein jugendlich Blut.
Im Geklirre wilder Waffen
Wirst du wenig ruh’n und schlafen,
Schlecht gekleidet, ohne Strümpfe,
Über Hecken und durch Sümpfe,
Mit der Flinte auf dem Rücken
Springen bald und bald dich bücken!
Statt der bunten Blumenkränze,
Statt der ländlich muntern Tänze
Wird ein Helm die Stirne zieren;
Du wirst brave Männer führen,
Nicht zum Tanze, nein zum Kampfe,
Und im dicken Pulverdampfe,
Bei dem Donner der Karthaunen
Lockt dich der Trompeten Ton;
Deiner Feinde banges Staunen
Sei der edlen Taten Lohn!

2. Aufzug: Ein prächtiges Zimmer im Schloss

Die Gräfin trauert um ihr Eheglück. Sie weiß, dass Almaviva sie nicht mehr so liebt wie früher. Ihre Liebe aber ist nach wie vor treu („Porgi, amor, qualche ristoro“) – und sie hofft darauf, dass ihr Mann sich ändern werde:

Heil’ge Quelle reiner Triebe,
Gib mir wieder des Gatten Herz!
Lass mich sterben, Gott der Liebe,
Oder lindre meinen Schmerz.

Susanna gesteht ihrer Herrin offen, dass der Graf sie verführen wollte – und Figaro bestätigt diese Absichten. Aber, so offenbart er der Gräfin, er habe einen Plan ersonnen, um Almavivas „Blut in Wallung zu bringen“ und seine Absichten geschickt auf eine andere Spur zu führen. Und zwar folgende Doppelstrategie:

Basilio werde dem Grafen ein Billett zutragen, in welchem von einem geheimen Stelldichein der Gräfin die Rede ist. Die Verabredung solle demnach zu bestimmter Stunde während des bevorstehenden Balls stattfinden. Das müsste die Eifersucht des Grafen doch ordentlich schüren!

Gleichzeitig solle Susanna dem Grafen für die selbe Zeit ein Rendezvous in Aussicht stellen. Statt ihr aber solle Cherubino, als Mädchen verkleidet, am Treffpunkt auftauchen. Der Page stünde dafür zur Verfügung, Figaro habe ihn gebeten, noch nicht abzureisen. Die Gräfin aber solle selbst zum Stelldichein erscheinen. Sie könne ihren unsteten Mann dieserart auf frischer Tat ertappen und zur Besinnung bringen. Er werde sich daraufhin beschämt „unsern heissesten Wünschen nicht widersetzen“, ist Figaro überzeugt.

Die Gräfin und Susanna stimmen dem Plan zu. Schon erscheint Cherubino zur Kleiderprobe, entzückt, von den beiden Damen betreut zu werden, und zeigt ihnen das Offizierspatent, das er gerade empfangen hat. Dabei stellt sich heraus, dass man auf das Siegel vergessen hat. 

Außerdem entdeckt die Gräfin an Cherubinos Hand nun ihre Schleife und besteht auf deren Rückgabe. 

Und dann wird’s richtig turbulent: Unerwartet und ungeduldig klopft Graf Almaviva an der Tür zum Zimmer der Gräfin und begehrt Einlass. Er hat von Basilio den Brief, in welchem von der Verabredung seiner Frau die Rede ist, bereits erhalten und ist außer sich. Vielleicht ist der Nebenbuhler ja gerade jetzt bei seiner Frau! Warum ist die Tür zum Zimmer verschlossen? Immer ungeduldiger besteht der Graf darauf, endlich eintreten zu dürfen. 

Als Cherubino endlich ins Kabinett nebenan geflüchtet ist und Susanna sich in ihr Zimmer zurückgezogen hat, gewährt die Gräfin ihrem Gatten Einlass. Der aber wird nur noch argwöhnischer, als er aus dem verschlossenen Nebenraum ein Geräusch hört. Cherubino hat in der Hektik einen Stuhl umgeworfen. „Das ist nur … Susanna“, versucht die Gräfin zu beschwichtigen. Unglaubwürdig für den aufgebrachten Gatten.

Almaviva will nun, um größeres Aufsehen zu vermeiden, Werkzeuge holen, um das Kabinett aufzuschließen und zu sehen, wer sich darin verbirgt. Seine Frau muss ihn begleiten. Ihr Zimmer schließt er ab, damit in der Zwischenzeit niemand hinein oder heraus kann. Als der Graf und die Gräfin außer Sicht- und Hörweite sind, betritt Susanna von ihrem Raum aus das Zimmer der Gräfin, verhilft Cherubino mangels anderer Möglichkeiten zur Flucht aus dem Fenster und wartet selbst im Kabinett. Der Graf würde dort also tatsächlich, wie von der Gräfin behauptet, Susanna vorfinden.

Als aber die Gräfin, die von Susannas Initiative natürlich nichts ahnt, mit ihrem werkzeugbewaffneten Mann zurückkehrt, meint sie, ihm nun ein Geständnis machen zu müssen. Ja, Cherubino sei im Kabinett! 

Wütend und eifersüchtig ist der Graf nun auch zur Gewalt bereit. Und umso verblüffter ist er (ebenso wie die Gräfin), als ihm Susanna aus dem Kabinett entgegentritt. Sollte er sich doch nur etwas eingebildet haben? Beschämt bittet er seine Frau um Vergebung. Und doch … was hat es mit dem Brief auf sich, den er von Basilio erhalten hatte?

Susanna und der Gräfin bleibt nun nichts übrig, als Almaviva über die kleine Intrige aufzuklären, die Figaro geplant hatte. 

Und da kommt dieser auch schon – wieder zur Unzeit. Er weiß natürlich nichts davon, dass sein Plan geplatzt ist und bestreitet gegenüber dem Grafen, der Urheber des Schreibens zu sein. Almaviva wird wieder unsicher. Sollte seine Frau doch …? 

Zu allem Überfluss betritt nun auch noch Antonio, der Gärtner, stockbetrunken den Raum und berichtet wütend, dass ihm jemand, der gerade aus dem Fenster gesprungen sei, die Blumen zertrampelt habe. Und dieser Jemand habe sein Offizierspatent verloren …

Also doch Cherubino! Aber noch ehe der Gedanke im Kopf des Grafen fest Fuß fassen kann, behauptet Figaro geistesgegenwärtig, er selbst sei aus dem Fenster gesprungen. Und er liefert dem Grafen – dank gekonnter Zuflüsterungen der Frauen – auch ein Erklärung für das Schriftstück: Er habe es an sich genommen, um das fehlende Siegel zu besorgen … und dann wohl verloren.

Der Graf ahnt wohl, dass hier etwas nicht stimmt. Er zerreißt das Papier, aber weiß nichts zu erwidern. „Dieser Schelm macht mich toll, macht mich rasend! Alles dies bleibt ein Rätsel für mich!“

Die Gräfin ist damit vorerst gerettet – aber nun platzen Bartolo und Marcellina (mit Basilio, der als „Zeuge“ fungiert) in den Raum und drängen Figaro, sein Eheversprechen zu erfüllen, das er Marcellina einst gab. („Voi signor, che giusto siete“)

Der Graf fordert, nun wieder ganz der über Alltagskleinigkeiten erhabene Gebieter, „Ehrfurcht und Bescheidenheit“ ein. Figaros Hochzeit müsse erst einmal aufgeschoben, der Kontrakt sorgfältig überprüft werden … 

Alles nach Gerechtigkeit!

Der Vorhang fällt. Almaviva hat Zeit, über die verwirrenden Ereignisse gründlich nachzudenken.

3. Aufzug: Ein großer, zur Hochzeitsfeier geschmückter Saal

Almaviva setzt das Siegel unter Cherubinos Offizierspatent und sinnt immer noch über die jüngsten Ereignisse nach, während die Gräfin eine neue Idee zur Bezähmung ihres unsteten Mannes hat: Susanna soll dem Grafen ein Rendezvous gewähren. An ihrer Stelle aber werde sie sich selbst – als Susanna verkleidet – vom eigenen Mann verführen lassen.

Gedacht, getan! Almaviva kann sein Glück kaum fassen: Susanna ist tatsächlich zu einem Stelldichein im Garten bereit! Sie habe sich vorhin, erzählt sie dem Grafen, nur aufgrund Cherubinos Gegenwart ein wenig geziert. („Crudel! Perché finora“)

Ihren geliebten Figaro, der wegen der Ansprüche Marcellinas auf dem Weg zur Gerichtsverhandlung ist, beruhigt Susanna indes: Der Prozess sei schon so gut wie gewonnen. (Was zu diesem Zeitpunkt niemand weiß: Susanna hat sich von der Gräfin Geld geborgt, um Figaro bei Marcellina freikaufen zu können.)

„Der Prozess schon gewonnen? Wie? Was hör’ ich?“ Der Graf hat Susannas an Figaro gerichtete Worte mitbekommen und hofft umso mehr darauf, dass der Barbier schuldig gesprochen und in Marcellinas ehelichen Fängen landen wird, wodurch für ihn der Weg zur geliebten Susanna ja frei wäre. Cherubino wird indes liebevoll von Barbarina, der Tochter des Gärtners, umsorgt …

Der große Prozess nimmt eine völlig unerwartete Wendung: Figaro sagt gegenüber Don Curzio, dem Richter, dass er in Wirklichkeit edler Herkunft sei. Er sei als Kind geraubt worden und als Findelkind aufgewachsen, trage aber als Zeichen seiner vornehmen Geburt ein Mal am rechten Arm. Daran erkennt Marcellina in Figaro nun ihren eigenen Sohn – und Bartolo ebenfalls den seinen. Figaro entpuppt sich als Spross einer Beziehung zwischen Bartolo und seiner früheren Haushälterin! 

Natürlich sind die Ansprüche Marcellinas unter diesen Umständen kein Thema mehr, und Graf Almaviva muss zu seinem Leidwesen miterleben, wie die Mutter ihren Sohn umarmt. Fall abgeschlossen!

Die Eintracht von Marcellina und Figaro erlebt allerdings auch Susanna mit, als sie in diesem Moment auftaucht, um Figaro freizukaufen. Sie missdeutet Marcellinas liebevollen Kuss und verpasst ihrem vermeintlich untreuen Figaro eine schallende Ohrfeige.

Dann aber klärt sich schnell alles auf – und die Zeichen stehen auf Doppelhochzeit: Figaro und Susanna, Bartolo und Marcellina.

Die Gräfin indes sinnt ihrem verlorenen Glück nach, jener verlorenen Zeit, als der Graf in Liebe zu ihr entflammt gewesen war. („E Susanna non vien? Dove sono i bei momenti.“). 

Nur zu flüchtig bist du verschwunden,
Freudenvolle, o sel’ge Zeit,
Hin sind jene Rosenstunden,
Treuer Liebe nur geweiht! 

Die Gräfin diktiert Susanna einen Brief, der Almaviva zum Rendezvous locken soll und versiegelt das gefaltete Blatt mit einer Nadel, die der Graf zurückschicken soll, wenn er mit dem Stelldichein einverstanden ist.

Als nun eine Schar junger Mädchen der Gräfin die Aufwartung macht, entdeckt der Gärtner Antonio unter ihnen den verkleideten Cherubino. Der Page, der ja auch seiner Tochter Barbarina nachstellt, ist also immer noch im Schloss! Das muss der Graf wissen!

Almaviva ist schon drauf und dran, den Pagen für seinen Ungehorsam, nicht abgereist zu sein, zu bestrafen, da erinnert Barbarin den Grafen öffentlich daran, dass er ihr einst etwas versprochen habe: „Barbarina, wenn du mich liebst, so will ich dir alles geben, was du verlangst!“ 

Nun wolle sie etwas – nämlich Cherubino zum Mann! Sie wolle den Grafen dafür auch „recht herzlich liebhaben.“

Zähneknirschend verzichtet der Graf also darauf, Cherubino zu bestrafen und überreicht Marcellina und Susanna die Brautschleier. Die Doppelhochzeit wird vorbereitet.

Almaviva selbst tröstet sich mit einem kostbaren Briefchen, das ihm Susanna zugesteckt hat. Figaro, der von der geplanten Intrige der Gräfin nichts weiß, hat die Szene allerdings beobachtet …

4. Aufzug: Im Garten des Schlosses

Der Graf hat Barbarina beauftragt, Susanna als Zeichen seiner Zustimmung die Nadel zu bringen. Doch zu Ihrem Leidwesen hat sie die Nadel verloren! („L’ho perduta, me meschina!“)

Figaro trifft Barbarina bei ihrer verzweifelten Suche, hilft ihr und findet die Nadel schließlich. Allerdings will er nun doch gern wissen, was hier gespielt wird, denn er ist in das Komplott der Frauen ja nicht eingeweiht. 

Nachdem Figaro von Barbarina gehört hat, dass die Nadel für Susanna bestimmt sei, befürchtet er, sie sei ihm nicht treu. Marcellina versucht ihren Sohn zu beruhigen, aber Figaro bleibt skeptisch und versteigert sich in die kühne Theorie, dass letztlich doch alle Frauen notorisch untreu seien. („Aprite un po’ quegli occhi“)

Marcellina unterrichtet Susanna von dem Gespräch zwischen Barbarina und Figaro und dass also zu erwarten sei, dass ihr Geliebter am Ort des Stelldicheins auf der Lauer liegt, um die Ereignisse zu beobachten.

Und nun spitzt sich die Situation im Garten des Schlosses zu: Susanna und die Gräfin haben ihre Kleider getauscht, die Gräfin erwartet (als Susanna) ihren eigenen Mann. Figaro beobachtet – mit Bartolo und Basilio als Zeugen neben sich – die Szene, kann aber zunächst nichts erkennen. Er hört nur die vertraute Stimme Susannas, die einer sehnsuchtsvollen Erwartung Ausdruck verleiht und schließt eifersüchtig daraus, dass seine Geliebte voller Freude den Grafen erwartet …

Auch Barbarina ist hier – sie bereitet sich auf ein Rendezvous mit Cherubino vor.

Der junge Triebling jedoch – „Ach, ich sehe Frauenkleider!“ – erblickt die vermeintliche Susanna (die verkleidete Gräfin) und entschließt sich dazu, die Gelegenheit zu nützen. Wenigstens ein Kuss müsste doch drin sein. Er bezirzt und bedrängt sie – da naht auch schon der Graf. Und unglücklicherweise bekommt dieser jetzt Cherubinos Kuss ab, der eigentlich Susanna (der Gräfin) galt.

Der „Lohn“ des Grafen lässt nicht lange auf sich warten – eine schallende Ohrfeige. Leider trifft diese nicht Cherubino, der sich rasch aus dem Staub gemacht hat, sondern Figaro, der sich angeschlichen hatte, um das vermeintliche Stelldichein seiner Geliebten aufzudecken.

Endlich wähnt der Graf sich allein mit Susanna, noch nicht ahnend, dass er die eigene Frau im Arm hält.

Figaro indes berichtet der vermeintlichen Gräfin (also Susanna in deren Kleidern) von den Vorgängen – bis, als Susanna darauf vergisst, ihre Stimme zu verstellen, plötzlich aufgeht, was da gespielt wird. Der Graf flirtet gerade mit seiner eigenen Frau im Pavillon und er hat Susanna vor sich!

Figaros Eifersucht ist natürlich sofort verflogen, aber nun beginnt er sein eigenes Spielchen: Er zeigt Susanna nicht, dass er alles durchschaut hat, sondern macht der „Gräfin“ theatralisch den Hof. Susanna antwortet handgreiflich, Figaro erhält die nächsten Ohrfeigen. Aber natürlich entspannt sich die Situation sehr schnell in himmlischer Versöhnung – umso mehr, als die Gelegenheit doch günstig erscheint, dem eigentlichen „Feind“ eine Lektion zu erteilen.

Also spielen Figaro und Susanna dem Grafen ein Stelldichein vor. Als dieser die beiden erblickt, meint er empört, seine eigene Frau beim Flirt mit Figaro zu ertappen. Er tobt vor verletztem Stolz und ruft nach Waffen und Helfern.

Es kommt, wie es kommen muss: Almavivas Aufregung endet in einer fürchterlichen Niederlage: Die Gräfin gibt sich zu erkennen, der Graf ist gründlich blamiert. Verdattert bittet er seine listige Gemahlin um Verzeihung. Die ihm natürlich gewährt wird:

Wie könnt’ ich denn zürnen?
Mein Herz spricht für dich!

Fazit der aufregenden Garten-Nacht: Ein Paar versöhnt, drei Paare verheiratet. Figaros Hochzeit macht auch vor Cherubino und Barbarina nicht Halt.

 

(Libretto-Übersetzung ins Deutsche: opera-guide.ch)