Sängerkrieg um Lust und Liebe

Tannhäuser

Romantische Oper in drei Aufzügen

Libretto: Richard Wagner (1813–1883)

Musik: Richard Wagner (1813–1883)

Uraufführung: 19. Oktober 1845, Dresden (Königlich Sächsisches Hoftheater; „Dresdner Fassung“); 13. Oktober 1861, Paris (Académie Impériale de Musique; „Pariser Fassung“)

Dauer: ca. 3,5 Stunden, zwei Pausen

Aufzüge:
1. Der Venusberg
2. Die Sängerhalle auf der Wartburg
3. Das Tal vor der Wartburg nahe dem Hörselberg

Hauptpersonen:
Heinrich Tannhäuser,
Ritter und Sänger: Tenor
Wolfram von Eschenbach, Ritter und Sänger: Bariton
Walter von der Vogelweide, Ritter und Sänger: Tenor
Biterolf, Ritter und Sänger: Bass
Heinrich der Schreiber, Ritter und Sänger: Tenor
Reinmar von Zweter, Ritter und Sänger: Bass
Hermann, Landgraf von Thüringen: Bass
Elisabeth, Nichte des Landgrafen: Sopran
Venus: Sopran
Ein junger Hirt: Sopran

Eine Werkeinführung

Richard Wagners „Tannhäuser“ – das sechste Bühnenwerk des großen deutschen Dichterkomponisten – gilt musikalisch als eines der revolutionärsten in der Entwicklungsgeschichte der Oper. Erstmals treten hier die traditionellen „Nummern“ – Arien oder Duette –, aus denen Opern bis dahin aufgebaut waren, zugunsten einer musikdramatischen Gesamtheit in den Hintergrund. Zudem schuf Wagner mit seinem „Tannhäuser“ ein Werk, das nicht nur herausragende Stimmen verlangt, wenn es seine Wirkung voll entfalten soll, sondern auch überzeugende schauspielerische Fähigkeiten. Im Tenor-Fach gilt der „Tannhäuser“ als eine der anspruchsvollsten Partien überhaupt.

In seiner Textdichtung (fertiggestellt im April 1843) führt Richard Wagner zwei Sagen zusammen: Das aus dem 13. Jahrhundert stammende Gedicht vom „Sängerkrieg auf der Wartburg“ und das Volkslied vom „Tannhäuser“ aus dem 16. Jahrhundert. 

Uraufgeführt wurde Wagners Werk 1845 in Dresden. Offenbar erschloss sich die radikal neue Komposition nicht alle Hörern unmittelbar. Berichten zufolge verließen viele Besucher die Vorstellung „verwirrt und unbefriedigt“ – vielleicht auch wegen der darstellerisch ungenügenden Leistung des Titelhelden (Josef Tichatschek, der seine Partie stimmlich allerdings gut „gestemmt“ haben soll).

Einige Musikkenner aber waren sofort davon überzeugt, dass dem damals erst 32jährigen Richard Wagner mit dem „Tannhäuser“ ein Meilenstein gelungen ist – darunter der Komponist Franz Liszt, der sich nach Kräften für weitere Aufführungen einsetzte.

Richard Wagner selbst war mit seinem Werk allerdings nie ganz zufrieden. 15 Jahre nach der Uraufführung in Dresden komponierte er für Paris Teile der Oper (vor allem den Beginn des 1. Akts) neu – auch um der französischen Opern-Tradition zu entsprechen, die nach einer Balletteinlage verlangte. Weil diese im „Tannhäuser“ aber nicht, wie üblich, im 2. Akt zu sehen war (was es ausschließlich am Ballett interessierten Gästen erlaubte, erst nach der Pause zu kommen), sondern schon zu Beginn der Oper, endete die Pariser Aufführung am 13. März 1961 mit einem Theaterskandal.

Bis heute werden sowohl die „Dresdner Fassung“ als auch die „Pariser Fassung“ aufgeführt; insgesamt sind mehr als ein Dutzend Fassungen bekannt, die sich in Details unterscheiden. Richard Wagner erklärte die Pariser Fassung als „verbindlich“, brachte aber zum Ausdruck, dass das gesamte Werk einer weiteren Überarbeitung bedürfe: „Ich bin der Welt noch einen Tannhäuser schuldig“. –

Im Mittelpunkt der Handlung, die zu Beginn des 13. Jahrhunderts spielt, steht Heinrich von Ofterdingen, genannt „Tannhäuser“. Gemeinsam mit anderen Minnesängern, darunter Wolfram von Eschenbach und Walter von der Vogelweide, ist er bei dem Landgrafen von Thüringen auf der Wartburg zu Gast gewesen. Elisabeth, die Nichte des Landgrafen, hat eine tiefe Liebe zu ihm entwickelt, Wolfram ist ihm ein guter Freund geworden. 

Aber Tannhäuser ist von größeren Leidenschaften getrieben und verlässt die traute Runde im Unfrieden: Er sucht den Sinnenreiz, das erotische Abenteuer – und findet an einem verbotenen Ort Erfüllung: Im „Venusberg“ (angesprochen ist der Hörselberg bei Eisenach) wird er der Ritter und Geliebte von Venus selbst. Die „Göttin der Liebe“ hat ihn an sich und ihr Reich gefesselt …

 

Die Handlung


Kurz und gut …

Tannhäusers Schicksal lässt vermuten, dass ein Übermaß an Lust im schlimmsten Fall zur seelischen Verdammnis führt und im besten Fall lediglich zum körperlichen Tod. Es sei denn, der Papst täuscht sich.

1. Aufzug: Der Venusberg

Eigentlich ist hier in der Venusberg-Grotte alles so, wie es sich Tannhäuser immer gewünscht hat: Venus selbst liegt „auf einem reichen Lager“, er hat, „halb kniend“ sein Haupt in ihren Schoß gebettet. „Das Lager umgeben, in reizender Verschlingung gelagert, die drei Grazien. Zur Seite und hinter dem Lager zahlreiche schlafende Amoretten, wild über- und nebeneinander gelagert, einen verworrenen Knäuel bildend, wie Kinder, die, von einer Balgerei ermattet, eingeschlafen sind.“

Sirenenklänge ertönen, Jünglinge und Nymphen tanzen, „Paare finden und mischen sich“, ein „Zug von Bacchantinnen“ naht, „welcher durch die Reihen der liebenden Paare, zu wilder Lust auffordernd, daher braust. Durch Gebärden begeisterter Trunkenheit reißen die Bacchantinnen die Liebenden zu wachsender Ausgelassenheit hin“.

Aber Tannhäuser ist all dieses Treibens, der ewigen Kämpfe zwischen überbordender Lust und anmutigerer Leidenschaftlichkeit, überdrüssig geworden. Er träumt vom einfachen Lebensglück unter Menschen, von den „freundlichen Gestirnen“ des Himmels, von Frühling und Glockengeläute. 

Venus indes nimmt die „törichten Klagen“ ihres Ritters zunächst nicht ernst. Es kann ihn doch nicht wirklich reuen, hier „ein Gott zu sein“! Sie gebietet ihm, zur Harfe zu greifen und zu singen. Er gehorcht – und kleidet seinen Überdruss in Verse: 

Dir töne Lob! Die Wunder sei’n gepriesen,
die deine Macht mir Glücklichem erschuf!
Die Wonnen süß, die deiner Huld entsprießen,
erheb’ mein Lied in lautem Jubelruf!
Nach Freude, ach! nach herrlichem Genießen
verlangt’ mein Herz, es dürstete mein Sinn:
da, was nur Göttern einstens du erwiesen,
gab deine Gunst mir Sterblichem dahin. –
Doch sterblich, ach! bin ich geblieben,
und übergroß ist mir dein Lieben;
wenn stets ein Gott genießen kann,
bin ich dem Wechsel untertan;
nicht Lust allein liegt mir am Herzen,
aus Freuden sehn’ ich mich nach Schmerzen:
aus deinem Reiche muss ich flieh’n, –
o Königin, Göttin! Lass mich zieh’n! 

Zunächst vermutet Venus, dass sie an Tannhäusers Überdruss schuld sei („Woran war meine Liebe lässig?“). Doch schließlich muss sie erkennen, dass die Wünsche ihres Ritters in eine andere Richtung weisen:

Bei dir kann ich nur Sklave werden;
nach Freiheit doch verlange ich,
nach Freiheit, Freiheit dürstet’s mich;
zu Kampf und Streite will ich stehen,
sei’s auch auf Tod und Untergehen: –
drum muss aus deinem Reich ich flieh’n, -
O Königin, Göttin! Lass mich zieh’n! 

Enttäuscht gibt Venus Tannhäuser frei („Was du verlangst, das sei dein Los“), prophezeit ihm aber, er werde von den „kalten Menschen“ und ihrem „blöden, trüben Wahn“ bald wieder zu ihr zurückkehren:

Bald weicht der Stolz aus deiner Seel’,
demütig seh’ ich dich mir nah’n, –
zerknirscht, zertreten suchst du mich auf,
flehst um die Zauber meiner Macht.

Doch Tannhäuser ist von seinem Entschluss nicht abzubringen. Noch dazu überkommt ihn plötzlich eine katholische Überzeugung: „Mein Heil ruht in Maria!“, ruft er in die Welt hinaus.

Mit einem Schlag verblasst der Zauber des Venusbergs, und Tannhäuser findet sich in einem lieblichen Tal wieder. Ein junger Hirte preist den Frühling („Frau Holda kam aus dem Berg hervor“); in der Ferne ist der Gesang von Pilgern zu hören, die nach Rom ziehen, um den Papst um Erlösung für ihre Verfehlungen zu bitten:

Ach, schwer drückt mich der Sünden Last,
kann länger sie nicht mehr ertragen;
drum will ich auch nicht Ruh noch Rast,
und wähle gern mir Müh’ und Plagen.

Tannhäuser stimmt in den reuevollen Chor ein. Auch er ist jetzt von der Sündhaftigkeit seines Lebens überzeugt – „Tränen ersticken seine Stimme“ …

Da erschallen vom nahen Wald her Hornrufe. Der Landgraf und einige prominente Minnesänger stoßen auf den im Gebet Versunkenen, erkennen ihn aber erst nach einer Weile. Tannhäuser verneigt sich stumm vor dem Landgrafen – aber er scheut den Blick zurück, will sich an die Reize des Venusbergs, denen er so lang erlegen war, lieber nicht erinnern: „Nimmer darf ich rückwärts sehen. Fort von hier!“

Die Sänger erkennen schnell, dass es nicht der Hochmut ist, der den lange vermissten Ritter zur Weiterreise und weg von ihnen treibt. Wolfram von Eschenbach gelingt es schließlich doch, seinen Freund Tannhäuser zur Rückkehr auf die Wartburg zu bewegen. Dort warte Elisabeth auf ihn, sie liebe ihn, allen anderen habe sich ihr Herz verschlossen.

Dieses Argument wirkt, Tannhäuser jauchzt:

Zu ihr! Zu ihr! O, führet mich zu ihr!
Ha, jetzt erkenne ich sie wieder,
die schöne Welt, der ich entrückt!
Der Himmel blickt auf mich hernieder,
die Fluren prangen reich geschmückt.
Der Lenz mit tausend holden Klängen
zog jubelnd in die Seele mir;
in süßem, ungestümem Drängen
ruft laut mein Herz: zu ihr, zu ihr! 

2. Aufzug: Die Sängerhalle auf der Wartburg

Elisabeth, die Nichte des Landgrafen, hatte den Kreis der Sänger gemieden, seit ihn Tannhäuser die traute Runde verlassen hatte. Nun freut sich sich darauf, ihren Geliebten wiederzusehen und begrüßt die edle Festhalle („Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder“):

Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder,
froh grüß’ ich dich, geliebter Raum!
In dir erwachen seine Lieder,
und wecken mich aus düst’rem Traum. –
Da er aus dir geschieden,
wie öd’ erschienst du mir!
Aus mir entfloh der Frieden,
die Freude zog aus dir. –
Wie jetzt mein Busen hoch sich hebet,
so scheinst du jetzt mir stolz und hehr;
der dich und mich so neu belebet,
nicht länger weilt er ferne mehr.
Sei mir gegrüßt! sei mir gegrüßt!

Tannhäuser und Elisabeth gestehen einander ihre Liebe, aber auf ihre Frage, wo er denn in letzter Zeit gewesen sei, antwortet der Ritter ausweichend: „Fern von hier, in weiten, weiten Landen. Dichtes Vergessen hat zwischen heut und gestern sich gesenkt!“

Elisabeth resümiert, wie schwer für sie Tannhäusers Abwesenheit doch gewesen war. „Frieden und Lust“ seien dahin gewesen, die Lieder der Sänger habe sie nur noch als „trüb und matt“ empfunden. Jetzt aber wollen sich die Liebenden „dem neu erkannten Leben weih’n“ – und fallen einander in die Arme … worüber Wolfram, der die Szene beobachtet, nicht wirklich glücklich ist. Denn im Grunde seines Herzens liebt auch er Elisabeth. Nun aber muss er den Gedanken, sie für sich gewinnen zu können, wohl endgültig aufgeben …

Der Landgraf, dem die Liebe seiner Nichte zu dem zurückgekehrten Ritter nicht entgeht, veranstaltet Tannhäuser zu Ehren ein Fest – inklusive traditionellem Sängerwettstreit. Er freut sich, dass Elisabeth endlich wieder einmal als „Fürstin“ eines solchen Festes mit dabei sein wird.

Schon erscheinen die Gäste („Freudig begrüßen wir die edle Halle“) – und der Landgraf stellt ihnen die hehre Aufgabe: Sieger im „Sängerkrieg“ wird jener Ritter sein, der das Wesen der Liebe am würdigsten beschreiben kann. 

Der hohe sittliche Ernst und die Ritterlichkeit, mit denen Wolfram von Eschenbach („Hold und tugendsam erblick’ ich Frauen“) und Walter von der Vogelweide („In Inbrunst sollst du den Bronnen der Tugend verehren“) die Liebe darstellen, locken Tannhäuser aus der Reserve. Schließlich hat er erfahren, dass Liebe viel intensiver – körperlicher – erlebt werden kann:

„Wer sollte nicht den Bronnen kennen?
Hör, seine Tugend preis’ ich laut! –
Doch ohne Sehnsucht heiß zu fühlen
ich seinem Quell nicht nahen kann:
Des Durstes Brennen muß ich kühlen,
getrost leg’ ich die Lippen an.“

Elisabeth ist von dieser sinnlichen Sichtweise zunächst durchaus angetan, aber die Ritter spüren bald, dass Tannhäusers Schwärmerei mit Tugendhaftigkeit wenig zu tun hat. Und Biterolf, einer der Sänger, fordert schließlich zum Widerstand auf: „Heraus zum Kampfe mit uns allen!“

Tannhäuser nimmt die Herausforderung an. Er ist davon überzeugt, dass Biterolfs Verteidigung der Liebe hohl und lebensfern ist („Was hast du Ärmster wohl genossen?“) und lässt sich schließlich dazu hinreißen, ein Loblied auf Venus zu singen: 

Dir, Göttin der Liebe, soll mein Lied ertönen!
Gesungen laut sei jetzt dein Preis von mir!
Dein süßer Reiz ist Quelle alles Schönen,
und jedes holde Wunder stammt von dir.
Wer dich mit Glut in seinen Arm geschlossen,
was Liebe ist, kennt er, nun er allein: –
Armsel’ge, die ihr Liebe nie genossen,
zieht hin, zieht in den Berg der Venus ein! 
 

Skandal! Der Venusberg! Jetzt ist klar, wo Tannhäuser verblieben ist. Die Frauen entfernen sich empört („Hinweg aus seiner Näh’!“), die Ritter bedrohen den Abtrünnigen mit ihren Schwertern, Elisabeth aber wirft sich dazwischen und bedrängt die Männer, sich nicht als Richter aufzuspielen. Tannhäuser sei, befindet sie, „von einem furchtbar mächt’gen Zauber gefangen“ – auch er solle seine Chance haben, durch „Reu und Buß’“ zum Heil zu gelangen.

Tannhäuser ist inzwischen aus dem Taumel seiner Schwärmerei erwacht, erkennt zerknirscht, dass er zu weit gegangen ist – und nimmt schließlich das Urteil des Landgrafen an: Er ist bereit, nach Rom zu pilgern und den Heiligen Vater um Erlösung zu ersuchen:

Mein Heil sah ich entschwinden,
mich flieht des Himmels Huld.
Doch will ich büßend wallen,
zerschlagen meine Brust,
im Staube niederfallen, –
Zerknirschung sei mir Lust“

Als Tannhäuser den Gesang junger Pilger „aus dem Tale heraufschallen“ hört, stürzt er mit einem entschlossenen Ausruf – „Nach Rom!“ – aus dem Saal. 

3. Aufzug: Das Tal vor der Wartburg

Im Tal vor der Wartburg wartet Elisabeth, beobachtet von Wolfram, auf Tannhäusers Rückkehr aus Rom. Sie ist im Gebet versunken und hofft, unter den Pilgern, die an ihr vorbeiziehen, Tannhäuser zu finden. Freudenchöre erfüllen das Tal:

Beglückt darf nun dich, o Heimat, ich schauen,
und grüßen froh deine lieblichen Auen;
nun laß’ ich ruh’n den Wanderstab,
weil Gott getreu ich gepilgert hab’.
Durch Sühn’ und Buß’ hab’ ich versöhnt
den Herren, dem mein Herze frönt,
der meine Reu’ mit Segen krönt,
den Herren, dem mein Lied ertönt. 

Doch Tannhäuser ist nicht unter den Heimkehrern. Elisabeth wird klar, dass etwas Fürchterliches passiert sein muss. „Sie senkt sich mit großer Feierlichkeit auf die Knie“ und wendet sich im Gebet an Maria. Sie hat keine Motivation mehr, weiter zu leben: 

Allmächt’ge Jungfrau, hör mein Flehen!
Zu dir, Gepries’ne, rufe ich!
Lass mich im Staub vor dir vergehen,
o, nimm von dieser Erde mich!
Mach, dass ich rein und engelgleich
eingehe in dein selig Reich! –
 

Elisabeth will zurück zur Wartburg. Wolfram von Eschenbach bietet ihr an, sie zu begleiten, aber sie wehrt dankend ab und macht sich, im Gebet vertieft, allein auf ihren letzten Weg. 

Wolfram überkommt ein düsteres Empfinden – er harrt weiter aus im Tal und beobachtet, als es Nacht wird, gedankenversunken den Abendstern: 

Wie Todesahnung Dämm’rung deckt die Lande,
umhüllt das Tal mit schwärzlichem Gewande;
der Seele, die nach jenen Höh’n verlangt,
vor ihrem Flug durch Nacht und Grausen bangt: –
da scheinest du, o lieblichster der Sterne,
dein sanftes Licht entsendest du der Ferne;
die nächt’ge Dämm’rung teilt dein lieber Strahl,
und freundlich zeigst den Weg du aus dem Tal.
O du, mein holder Abendstern,
wohl grüßt’ ich immer dich so gern … 

Da sieht Wolfram einen erschöpften Mann in zerrissener Pilgerkleidung näher kommen. Endlich erkennt er Tannhäuser – und der berichtet ihm, wütend und enttäuscht zugleich, dass sein beschwerlicher und reuevoller Weg nach Rom, den er auch für seinen „Engel“ – Elisabeth – angetreten habe, vergeblich gewesen sei. Der Papst habe ihm seine Sünde nicht verziehen und ihn auf ewig verdammt. Wer sich im Venusberg an „der Hölle Glut entflammt“ habe, dem könne das Wunder der Erlösung ebensowenig zuteil werden, wie der Stab des Papstes sich jemals wieder „mit frischem Grün“ schmücken könne. Nun werde er zu „Frau Venus“ zurückkehren, deren Reiz ihm „ewig lachen“ werde … 

Inbrunst im Herzen, wie kein Büßer noch
sie je gefühlt, sucht’ ich den Weg nach Rom.
Ein Engel hatte, ach! der Sünde Stolz
dem Übermütigen entwunden: –
für ihn wollt’ ich in Demut büßen,
das Heil erfleh’n, das mir verneint,
um ihm die Träne zu versüßen,
die er mir Sünder einst geweint! –
Wie neben mir der schwerstbedrückte Pilger
die Straße wallt’, erschien mir allzu leicht: –
betrat sein Fuß den weichen Grund der Wiesen,
der nackten Sohle sucht’ ich Dorn und Stein;
ließ Labung er am Quell den Mund genießen,
sog ich der Sonne heißes Glühen ein; –
wenn fromm zum Himmel er Gebete schickte,
vergoss mein Blut ich zu des Höchsten Preis; -
als das Hospiz die Wanderer erquickte,
die Glieder bettet’ ich in Schnee und Eis: –
verschlossnen Aug’s, ihr Wunder nicht zu schauen,
durchzog ich blind Italiens holde Auen: –
ich tat’s, denn in Zerknirschung wollt’ ich büssen,
um meines Engels Tränen zu versüßen! – –
Nach Rom gelangt’ ich so zur heil’gen Stelle,
lag betend auf des Heiligtumes Schwelle; –
der Tag brach an: – da läuteten die Glocken,
hernieder tönten himmlische Gesänge;
da jauchzt’ es auf in brünstigem Frohlocken,
denn Gnad’ und Heil verhießen sie der Menge.
Da sah ich ihn, durch den sich Gott verkündigt,
vor ihm all Volk im Staub sich niederließ;
und Tausenden er Gnade gab, entsündigt
er Tausende sich froh erheben hieß. –
Da naht’ auch ich; das Haupt gebeugt zur Erde,
klagt’ ich mich an mit jammernder Gebärde
der bösen Lust, die meine Sinn’ empfanden,
des Sehnens, das kein Büßen noch gekühlt;
und um Erlösung aus den heißen Banden
rief ich ihn an, von wildem Schmerz durchwühlt. -
Und er, den so ich bat, hub an: –
„Hast du so böse Lust geteilt,
dich an der Hölle Glut entflammt,
hast du im Venusberg geweilt:
so bist nun ewig du verdammt!
Wie dieser Stab in meiner Hand
nie mehr sich schmückt mit frischem Grün,
kann aus der Hölle heißem Brand
Erlösung nimmer dir erblüh’n!“ – –
Da sank ich in Vernichtung dumpf darnieder,
die Sinne schwanden mir. – Als ich erwacht,
auf ödem Platze lagerte die Nacht, –
von fern her tönten frohe Gnadenlieder. –
Da ekelte mich der holde Sang, –
von der Verheißung lügnerischem Klang,
der eiseskalt mir durch die Seele schnitt,
trieb Grausen mich hinweg mit wildem Schritt. –
Dahin zog’s mich, wo ich der Wonn’ und Lust
so viel genoss an ihrer warmen Brust! –
Zu dir, Frau Venus, kehr’ ich wieder,
in deiner Zauber holde Nacht;
zu deinem Hof steig’ ich darnieder,
wo nun dein Reiz mir ewig lacht!
 

Kaum hat Tannhäuser die Göttin der Liebe angerufen, vernimmt er auch schon „der Nymphen tanzende Menge“, fühlt er auch schon mächtiges Entzücken „durch die Sinne dringen“ – und er erblickt Venus, die den „ungetreuen Mann“ begrüßt, der ihr nun aber auf ewig gehören soll.

Wolfram jedoch will nicht mitansehen, wie sein Freund dem Sinnenrausch verfällt. Er ist davon überzeugt, dass Tannhäuser sein Heil finden kann und ruft ihm einen magischen Namen ins Gedächtnis: Elisabeth! Sie habe für ihn gebetet, sie werde „als Engel segnend“ über ihm schweben, an Gottes Thron für ihn flehen und seine Erlösung erwirken.

Wie zur Bestätigung zieht in der Tiefe des Tals ein Trauerzug vorbei: Elisabeth ist gestorben und wird zu Grabe getragen. Grafen, Edelleute und Pilger folgen dem Sarg, die Männer preisen die Reinheit des Mädchens – und Tannhäuser reißt sich in einem letzten Entschluss von Venus los. Mit den Worten „Heilige Elisabeth, bitte für mich“ stirbt er.

Daraufhin verbreitet sich die Kunde von einem Wunder: der Stab des Papstes sei neu ergrünt. Auch „dem Sünder in der Hölle Brand“ erblühe damit Erlösung:

Heil! Heil! Der Gnade Wunder Heil!
Erlösung ward der Welt zuteil!
Es tat in nächtlich heil’ger Stund’
der Herr sich durch ein Wunder kund:
den dürren Stab in Priesters Hand
hat er geschmückt mit frischem Grün:
dem Sünder in der Hölle Brand
soll so Erlösung neu erblüh’n!
Ruft ihm es zu durch alle Land’,
der durch dies Wunder Gnade fand!
Hoch über aller Welt ist Gott,
und sein Erbarmen ist kein Spott!
Halleluja! Halleluja!
Halleluja! 

 

(Alle Zitate stammen aus Richard Wagners Libretto)