Wer war Jesus von Nazareth?

Nahezu zwei Milliarden Menschen verstehen sich – in unterschiedlichen Gruppierungen – als Christen. Sie alle berufen sich auf Jesus Christus. Sein Leben und Sterben ist mit dem Gottesglauben zahlloser Menschen untrennbar verknüpft. Sie haben die Jahrhunderte überdauert, und einzelne der Aussagen und Gleichnisse Jesu sind heute als „geflügelte Worte“ sogar im Bewusstsein atheistischer Menschen fest verankert. Aber obwohl Jahr für Jahr neue Bücher verfasst werden, die sich mit den Ereignissen am Beginn unserer Zeitrechnung befassen, blieb die allgemeine Vorstellung von der Persönlichkeit und dem Leben Jesu bis heute eher verwaschen.

Gläubige bezeichnen den Mann aus Nazareth wie selbstverständlich als den „Sohn Gottes“ und trauen ihm alle möglichen (und nach den Naturgesetzen unmöglichen) Wundertaten zu, während Historiker, für die nur geschichtliche Fakten zählen, Jesus bestenfalls als einen von vielen jüdischen Wanderpredigern betrachten, die damals durch die Lande zogen. „Bestenfalls“ deshalb, weil es fast unmöglich ist, das Leben Jesu durch Quellen zu belegen, sofern die geschichtliche Aussagekraft der bekannten biblischen Überlieferungen überprüft werden soll.

Geschichtliche Belege

In den Büchern bekannter Geschichtsschreiber aus den ersten beiden Jahrhunderten kommt Jesus nicht vor, weder in den Schriften von Philo Judaeus (20 v. Chr.–50 n. Chr.), noch in wichtigen jüdischen oder römischen Quellen.

Lediglich Tacitus (geb. 55 n. Chr) erwähnt in seinen „Annalen“ (ca. 117/118 n. Chr.) den „verheerenden Aberglauben“ der Christen und schrieb über die Christenverfolgung durch Kaiser Nero und den großen Brand Roms im Jahr 64:

„Um das schlimme Gerücht aus der Welt zu schaffen, der Brand sei auf seinen Befehl gelegt worden, schob Nero die Schuld auf andere und verhängte über die, die das Volk wegen ihres üblen Rufes hasste und ,Christen‘ nannte, die ausgesuchtesten Strafen. Dieser Name leitet sich von Christus ab, der unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war.“

Das ist heute der einzige von den meisten Historikern anerkannte Hinweis auf Jesus außerhalb der Schriften des Neuen Testaments. Und dieser Bericht entstand etwa 80 bis 90 Jahre, also lange nach dem Tod Jesu. Er konnte sich also nicht auf Zeitzeugen stützen, sondern lediglich auf mündliche Überlieferungen.

Eine ausführlichere Erwähnung Jesu im Werk „Jüdische Altertümer“, das um 93 n. Chr. vom jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus verfasst worden war, gilt indes als Fälschung. Josephus erwähnt in seinen Büchern unter anderem Johannes den Täufer, Pontius Pilatus und Herodes, und er beschreibt, dass Jakobus, „der Bruder von Jesus, den man Christus nennt“, zur Hinrichtung durch Steinigung verurteilt worden sei.

Doch eine Formulierung im 18. Buch der „Jüdischen Altertümer“ entlarvten kritische Historiker als plumpe Einfügung kirchlicher Fälscher aus einer späteren Zeit. Diese formulierten:

„Zu dieser Zeit lebte Jesus, ein weiser Mensch, wenn man ihn einen Menschen nennen darf. Unerhörte Taten tat er nämlich, er war ein Lehrer von Menschen, die mit Freude die Wahrheit annehmen, und gewann viele Juden und Griechen für sich. Er war der Christus.“

Diese Beschreibung mag ja zutreffen – aber sie ist kein „Zeugnis des Flavius“, sondern gilt als allzu dick aufgetragene „Werbe-Formulierung“ aus späterer Zeit …

Bei dieser dürren Quellenlage darf es nicht verwundern, wenn sich rund um das Leben und Wirken Jesu immer neue Gerüchte und Spekulationen entwickeln konnten – umso mehr, als ja auch die in der Bibel zusammengefassten Textquellen erst lange nach dem Tod Jesu entstanden.

Die „Evangelisten“, also die Autoren der Berichte über Jesus Christus, wählten als ihre Pseudonyme Namen, die durch die Jünger Jesu bekannt waren, aber allen historischen Erkenntnissen zufolge haben die Weggefährten des Gottessohnes selbst nichts schriftlich dokumentiert, sondern das ihnen wichtig Erscheinende nur mündlich überliefert. Aufgeschrieben wurde (ursprünglich in griechischer Sprache, während Jesus als Galiläer vorwiegend Aramäisch gesprochen hatte) aus diesen Überlieferungen um 70 n. Chr. das „Markus-Evangelium“.

Zwischen 75 und 100 n. Chr. dürften dann – zum Teil auf der Grundlage dieser Schrift – Matthäus und Lukas ihre Evangelien verfasst haben.

Unabhängig von diesen drei eng verwandten, sogenannten „synoptischen Evangelien“ entstand um 100 n. Chr. das „Johannes-Evangelium“. Über das Leben der vier Autoren ist nichts Zuverlässiges bekannt; in Lukas wird mitunter ein griechischer Arzt und Reisebegleiter des Apostels Paulus vermutet.

Die älteste Quelle im „Neuen Testament“ sind die um das Jahr 50 n. Chr. verfassten „Paulus-Briefe“, die an christliche Gemeinden gerichtet waren, die aber, wie schon angedeutet, nur teilweise als authentisch gelten.

Das „Neue Testament“

Zusammengestellt wurde das „Neue Testament“ um 150 n. Chr., wobei bis heute rund 5.000 Manuskripte oder Fragmente dieser Texte gefunden wurden – allerdings kein einziges Originaldokument. Es existieren lediglich antike Abschriften, von denen man weiß, dass sie bearbeitet wurden.

Daher ist es bisweilen schwer oder unmöglich, Authentisches von später Hinzugefügtem zu unterscheiden. Man kann lediglich versuchen, bekannte historische Gegebenheiten mit den biblischen Schilderungen in Einklang zu bringen.

Einige Geschichtsforscher meinen, dass Jesus wahrscheinlich um das Jahr 4 geboren wurde. Über seine Kindheit und Jugend in Nazareth ist nichts historisch Gesichertes bekannt. Man geht aber davon aus, dass Jesus Brüder hatte, und dass Joseph, der nicht sein leiblicher Vater war, als Zimmermann und Baumeister tätig war, als vielseitiger Handwerker also, der nicht nur mit Holz, sondern auch mit Steinen und Stroh umgehen konnte.

Aus dem Lukas-Evangelium wird deutlich, dass Jesus ungefähr 30 Jahre alt war, als er zu predigen begann. Eine Frage der Historiker lautet daher: Was geschah bis dahin? Wo erhielt Jesus seine Ausbildung, sein Wissen? Was trieb ihn schließlich hinaus aus Nazareth? Was drängte ihn dazu, seine Lehre zu verbreiten? Aus welcher bekannten Gruppe ging er hervor?

Den Pharisäern, einer wichtigen jüdischen Glaubensgemeinschaft, die Jesus später immer wieder kritisierte, und auch der zweiten großen Gruppe, den Sadduzäern, zu denen der Hohepriester Kaiphas gehörte, stand Jesus nicht nahe.

Aber es gab damals noch eine dritte wichtige Gemeinschaft, die in der Bibel keine Erwähnung findet: die Essener, deren Schriftrollen im 20. Jahrhundert in Qumran am Toten Meer gefunden wurden und in denen einige inhaltliche Übereinstimmungen mit der Lehre Christi festgestellt werden konnten.

War Jesus also vielleicht Essener, wie in manchen esoterischen Kreisen vermutet wird? Auch das ist unwahrscheinlich. Denn während die Essener sich zum Beispiel als eine Art „Elite der Reinen“ betrachteten und großen Wert auf das Priestertum, auf ihre Tempel und die kultische Reinheit legten, war für Jesus eine Veräußerlichung des Begriffes „Reinheit“ zweitrangig. Er wandte sich ja den Evangelien zufolge gerade auch denen zu, die gesellschaftlich als „unrein“ galten.

Dies führte manche Forscher zu der Vermutung, dass Jesus vielleicht ein Zelot war, einer jener Eiferer also, die den Armen und Verachteten Hoffnung gaben und bereit waren, für diese Sache mit allen Mitteln zu kämpfen. Jesus aber lehnte Kampf und Mord in seiner Botschaft der Nächstenliebe rigoros ab …

Fazit: Keiner der vorgefertigten „Schuhe“ passt so richtig für Jesus. Er vertrat offenbar keine der damals bekannten Gruppen, sondern lehrte etwas völlig Neues, Eigenständiges, das – soviel steht fest – Impulse für ein friedvolles Miteinander im Sinne der Gottes- und Nächstenliebe geben sollte.

Und würde man nicht eben das von Christus, dem Sohn Gottes erhoffen?