Das Fitnesscenter meiner Wahl überrascht seine Gäste seit einiger Zeit mit einem über Kopfhöhe montierten Bildschirm, 50 Zoll groß schätzungsweise, also etwa 1,30 Meter in der Diagonale. Das Gerät liefert hoch aufgelöste Bilder, kontraststark, in prächtigen Farben, natürlich im Seitenverhältnis 16:9.
Als die Generation Gym, die hier heute stemmt und stöhnt, noch laufen lernte, hatten sich TV-Standardbildschirme bereits vom ursprünglichen 4:3-Fernsehformat, wie es im 20. Jahrhundert üblich gewesen war, zum 16:9-Format gedehnt. Denn Spielfilmregisseure arbeiten gern mit Breitwand-Formaten. Diese entsprechen auch eher dem natürlichen menschlichen Sehfeld. Die biologischen Gegebenheiten rufen nach dem Querformat.
Jedoch: Der Bildschirm in meinem Fitnesscenter wird durchweg mit Handymaterial im Hochformat bespielt. Nicht nur Fotos, sondern auch Filmaufnahmen kommen hier 9:16 daher, hübsch in der Mitte platziert, mit eindrucksvollen Balken links und rechts.
Ein entsetzter Cineast älterer Generation könnte vermuten, es würde hier gedanklich völlig unbeschwert und schrecklich unprofessionell drauflos geknipst, gefilmt und präsentiert.
Ich will jedoch glauben, dass die Fitness-Crew eine gezielte Marketing-Strategie verfolgt.
Die Nutzung des Mobiltelefons als Filmkamera hat in den vergangenen Jahrzehnten zur Hochkonjunktur des Hochformats geführt. Weil dieses den menschlichen Kopf besser umrahmt und das Mobiltelefon senkrecht ruhiger in der Hand liegt, kommt inzwischen kaum noch jemand auf die verwegene Idee, dass sich zur Aufnahme von allem, was nicht einzelner Schädel ist, das Querformat besser eignen könnte.
Massendemos, durch Extremwetterlagen geplagte Landschaften, Konzertereignisse – alles wird heutzutage von den allgegenwärtigen Handyfilmern im handlichen Hochformat dokumentiert und gelangt in dieser sehfeldfeindlichen Unform auch in diverse Nachrichtensendungen.
Indes sind Handys im Fitnesszentrum sowieso unverzichtbar geworden. Zur musikalischen Motivation, zur Entspannung zwischen den Trainingssätzen oder zu deren Dokumentation für das geneigte Online-Publikum, und erst recht im Umkleideraum, wo sich die Spiegelfronten perfekt für Muskelbläh-Selfies eignen (zu diesem Zweck halte man das Handy am besten etwas schräg, dramatisch verkantet gegen den Spiegel, eventuell den Blitz einschalten).
Kein Zweifel also: Wer die Generation Gym mit Handy-Heimatsgefühlen umwerben will, braucht das Hochformat.
Zudem setzt sich 9:16 ohnehin erbarmungslos durch.
Als ich vor ein paar Jahren eine junge Frau einschulte, weil sie mit meiner Reisekamera – ein klassisches Gerät mit ausklappbarem Querformat-Bildschirm – bei einer Hochzeit filmen sollte, musste ich ihr zunächst die Vorteile des Ungewohnten verdeutlichen. Sie möge diese Kamera doch besser waagrecht anstatt senkrecht halten.
Inzwischen ist mir klar, wie verkehrt das war. Denn das klassische Sehfeld ist obsolet geworden. Die Kopf- und Körperhaltung passionierter Handynutzer belegt das zweifelsfrei. Der scheuklappenartigen Wahrnehmungsfokus, wie er die sozialen Netzwerkler des 21. Jahrhunderts prägt, verlangt nach dem Hochformat.
Die Freizeitindustrie wird sich anpassen müssen. Die X-Achse hat ihre Attraktivität verloren. Das balkenbewährte Bespielen des Bildschirms in meinem Fitnesszentrum gehört zur Pionierarbeit, die Zukunft den hochformatigen Großleinwänden in Cinepleyy-Silos.

