Ich packe meine Sachen für einen Kurzaufenthalt in meinem Lieblingskrankenhaus. Ein kleiner chirurgischer Eingriff steht an, nichts Dramatisches, aber doch ein Ereignis, dessen Urlaubscharakter sich nur durch gründliche Vorbereitung erschließen lässt.
Also verordne ich mir als Programm zur Erbauung:
1. Ein paar Pink-Floyd-Alben aus den späten 1960-er und frühen 1970-er-Jahren, die ich in meiner Jugend als psychedelischen Lärm abgetan hatte und denen ich jetzt, im fortgeschrittenen Alter, eine neue Chance geben will.
2. Einen aktuellen Steven-Wilson-Remix des Jethro-Tull-Samplers „Living in The Past“, auch aus den 1970-ern, der 2025 unter dem Titel „Still Living in the Past“ neu veröffentlicht wurde – ein Motto, das meine aktuellen musikalischen Bedürfnisse auf den Punkt bringt.
3. „Stabat Mater“ von Antonio Vivaldi in einer Aufnahme aus dem Jahr 1991 mit dem damals hochgelobten Jochen Kowalski. Ich werde testen, ob mir meine strikten Vorbehalte gegenüber Countertenören immer noch unangenehm aufstoßen.
4. Die hochgelobte Fernsehserie „Mad Men“, die schon lange auf meiner „To-do-list“ steht, für die ich mir aber doch nie Zeit gegeben hatte.
Mit diesem Rucksack, ergänzt durch ein paar physische Utensilien, die mich durch die beiden Nächte begleiten sollen, trete ich meinen Urlaub im Hotel der Barmherzigen Brüder und Schwestern an.
Der netten jungen Ärztin am Empfang teile ich während der Erstuntersuchung mein Gewicht und meine Körpergröße mit. Den neurologischen Schnelltest (unter anderem muss ich mit den Augen der Spitze eines Kugelschreibers folgen) bestehe ich mit Bravour. Die Assistentin, die unmittelbar mit der Blutdruckmessung begonnen hat, bitte ich mutig, mir doch noch eine zusätzliche Minute Ruhe zu gönnen. Und tatsächlich sind meine Werte bei der zweiten Messung nahezu so normal niedrig wie zu Hause (einen kleinen Weißkittel-Effekt darf es ja geben).
Dann rücke ich in die Station ein. Der Schwester teile ich beim Aufnahmegespräch mein Gewicht und meine Körpergröße mit, und bald folge ich ihr in gespannter Erwartung in das Vierbett-Zimmer, das mir mein Schicksal diesmal zugewiesen hat. Meine Mitbewohner sind der größte Unsicherheitsfaktor in diesem sorgfältig durchplanten Abenteuer-Urlaub.
Und, au weh!
Rechts von mir brütet ein alter, zuckerkranker Mann kroatischer Herkunft in seinem Bett. Er spricht kein Deutsch und wird sich in der Nacht als äußerst unruhiger Mitbewohner entpuppen, der offenbar zu keiner befriedigenden Schlafstellung findet. Sein Mobiltelefon dröhnt gelegentlich in voller Lautstärke. Erst nach und nach gelingt es mir zu verinnerlichen, dass dieser Schreck-Klingelton zum Grundgeräuschpegel gehört.
Genau mir gegenüber liegt ein weißbärtig-bäriger Greis, den die Pfleger aufmunternd mit passendem Namen begrüßen. Der Arme ist ebenfalls zuckerkrank, muss gewickelt werden und äußert seine Bedürfnisse nur durch unterschiedlich akzentuierte „A“- oder „Na“-Laute. Selbst in der Nacht schallt plötzlich ein Besorgnis erregend lautes Na-Na-Na-Nah-Stakkato durch den Raum. Meine bange Frage, ob er denn etwas benötige, verhallt in anhaltender Stille.
Im letzten Bett kauert ein etwas verwahrlost erscheinender Mann, der olfaktorisch noch stärker wirkt. Vor allem deshalb, weil er die Urinflasche an seinem Bett manchmal gezielt nicht benutzt und statt dessen seinen Rollator zur Toilette schiebt. Dort hinterlässt er Spuren, die nicht nur optisch deutlich wahrnehmbar bleiben; bisweilen auch größere Lacken.
Auch unter dem Eindruck laut entweichender Verdauungsgase, die wohl nur knapp unter der Sichtbarkeitsgrenze durch den Raum wabern, danke ich meinem Schicksal, dass es mir ein Bett direkt am Fenster zugewiesen hat und nutze die Sprachlosigkeit meiner Mitbewohner schamlos aus. Ohne deren Einverständnis zu ergründen entscheide ich, das Fenster die ganze Nacht über offen zu lassen.
Am darauffolgenden Morgen folgt der Eingriff. Ein engagierter junger Mann schiebt mein Bett in einen speziellen OP-Raum mit Röntgengerät. Dort fragt mich eine Assistentin netterweise, ob ich noch Kinderwünsche hätte. Ich verneine. Schön, dass sie mich so etwas fragt. Ich fühle mich jung.
Der Primar legt sich den Schutzmantel um. Nein, bekräftigt er, Medizinstudenten dürfen diesmal nicht zusehen, „wegen der Strahlenbelastung“.
Der Anästhesistin teile ich mein Gewicht und meine Körpergröße mit. Auch Name und Geburtsdatum werden nochmals sorgfältig abgefragt. Kein Zweifel: Ich bin der richtige Patient.
Der Mann am Röntgengerät versichert mir rücksichtsvoll, dass ich vor der gewichtigen Technik, die über mir in Position gebracht wird, keine Angst haben muss, und bevor ich beruhigt auf dem OP-Tisch einschlafe, höre ich noch, wie eine nette weibliche Stimme die nüchternen Fakten kommuniziert: „Bougierung aufgelegt“.
Das weckt Vertrauen. Das sechsköpfige Team ist nun ganz auf die Sache fokussiert, auf das Prozedere, die Schleimhaut, das Muskelgewebe, die Instrumente.
Dann, noch im nicht geschäftsfähigen Dämmerzustand, höre ich die sonore Stimme des Oberarztes, der mich jederzeit überzeugend kompetent betreut. „Alles gut gegangen.“
Schön. Jetzt also noch gemütlich dösen, den Tag mit Pink Floyd, Jethro Tull und Vivaldi ausklingen lassen, ein paar Blicke auf die Mad Men werfen und die letzte Nacht überstehen.
Es kommt anders. Eine Migräne packt mich, die Nasenschleimhäute fühlen sich gereizt an, das Herz pocht unruhig, der Gestank im Zimmer und die Unruhe meines Nachbarn werden unerträglich. Bald geistere ich durch den nächtlichen Krankenhaus-Flur, um meine Sinne abzukühlen. Schließlich sorgt die Schmerzmittel-Chemie für entspannte Ruhe. Außerdem beflügelt mich tröstende Gedanke, dass die Folter ja in ein paar Stunden enden wird.
Es kommt nochmals anders. Am nächsten Morgen offenbart mir eine Ärztin bei der Visite, dass die letzte Blutuntersuchung deutlich erhöhte Entzündungswerte gezeigt habe. Ich würde Antibiotika bekommen und länger auf der Station bleiben müssen.
„Wirklich? Unbedingt?“ – Sie nickt unnachgiebig.
Also gut, ein weiterer Tag.
Regina, meine liebe Frau, kündigt für den Nachmittag ihren Besuch an und wird Ersatz für den verschwitzten Pyjama dabei haben. Ein willkommener Impuls für meinen Entschluss, neu durchzustarten.
Der wortkarge Kroate, mit dem ich bald in freundlichem Blickkontakt stehe, erzählt mir mit ein paar Brocken Deutsch und viel Mimik und Gestik die tragische Geschichte seines Sohnes. Der sei Busfahrer gewesen und im Alter von nur 39 Jahren gestorben, während einer Fahrt. Er habe das Fahrzeug noch sicher an den Straßenrand lenken können.
Dann zeigt er auf unsere Mitbewohner. Die beiden, verdeutlichen seine Gebärden, hätten ihre Ausscheidungen nicht mehr im Griff. Ich nicke. Ich weiß. Er deutet auf seine gerümpfte Nase. Ich nicke weiter. Ja, es stinkt. Dann schickt er die beiden mit einem Zeigefinger in Richtung Himmel. In so einem Zustand, gibt er mir zu verstehen, sei es besser, das irdische Jammertal zu verlassen.
„Wahrscheinlich leben sie auch gern“, antworte ich. Ob er mich verstanden hat? Er lächelt freundlich.
Irgendwann fragt der Mann mit dem Rollator, der seine Rund-um-die-Uhr-Betreuung wortlos und eher widerwillig über sich ergehen lässt, nach seiner Tochter. Ob sie angerufen habe und bald kommen werde. Ja, beruhigt ihn eine Barmherzige Schwester, sie sei auf Urlaub gewesen und werde ihn sicher bald besuchen. Wer weiß …
Als Regina den Raum betritt, geschieht ein kleines Wunder: Der „Aah-Naah“-Zimmergenosse begrüßt sie freundlich mit wohlgeformten Worten: „Guten Tag, wie geht’s? Gut?“
Ein Fall von paradoxer Geistesklarheit? Jedenfalls wirken die Worte des Weißbärtig-Bärigen aufrichtig und überraschend nett.
Dann erfahre ich aus einem Gespräch mit den Angehörigen des freundlichen Kroaten von dessen Leberkrebs in fortgeschrittenem Stadium. Die hohen Zuckerwerte, wegen derer er eigentlich ins Krankenhaus kam, seien nicht mehr wirklich von Bedeutung; möglichst angenehme, schmerzfreie Tage im Kreis der Familie das einzig Wichtige.
Ob der Gute ahnt, wie es um ihn steht?
„Altern ist eine Zumutung“, meinte Loriot einmal mit Blick auf die zunehmenden Beschwerden, die einen beschaulichen Lebensausklang unterlaufen.
Die fein formulierte Beobachtung stimmt gewiss auch für alle, die in Pflegeberufen tätig sind. In diesen Tagen lerne ich sie und ihr Engagement dankbar noch mehr schätzen.
Und übrigens: Ja, auch die frühen Pink-Floyd-Alben waren kreative Meisterstücke.
Und „Mad Men“, diese geniale Rekonstruktion der 1960-er Jahre am Beispiel einer US-amerikanischen Werbeagentur, wurde zu Recht mit Preisen überhäuft. Ein Juwel.
Das ist natürlich auch Jochen Kowalskis großartige Stimme. Ich bedaure, ihre samtige Fülle erst jetzt entdeckt zu haben.
Es tut gut, ein paar Fragmente der eigenen Borniertheit abgelegt zu haben.
Die dritte Nacht verläuft recht entspannt, ohne Migräne, Urinlacken oder andere strenge Herausforderungen.
Die Visite am Morgen bringt dann Erlösung. Die Entzündungswerte im Blutbild sind gesunken. Die restlichen Antibiotika darf ich zu Hause schlucken.
Wie schön!
Im Aufenthaltsraum der Station A.2 scanne ich den QR-Code auf einem Flugblatt. Er führt zum „Vita-Award 2025“, einem Wettbewerb der Pflegekräfte.
Meine Stimme bekommen die Barmherzigen Brüder und Schwestern in meinem Lieblingskrankenhaus ohne Wenn und Aber gern. Auch wenn mein ambitioniertes Vorhaben, mir selbst eine Operation als gemütlichen Urlaub zu verkaufen, kläglich scheiterte.

