8. Februar 2026

Chucks Lebenstanz und Tod in drei Akten

Mike Flanagans Tragikomödie „The Life of Chuck“

1. Akt: Ich enthalte Vielheiten

Schon in seiner Kindheit ist Chuck (Jacob Tremblay) immer wieder mit dem Tod konfrontiert: Nachdem er im Alter von sieben Jahren seine Eltern durch einen Autounfall verloren hatte und bei seinen Großeltern aufgewachsen war, musste er auch deren Tod miterleben.

Oma Sarah (Mia Sara) hatte Chucks Liebe zum Tanz gefördert, Opa Albie (Mark Hamill) seine Begabung für Mathematik und Zahlen.

Chuck ist ein sowohl künstlerisch als auch intellektuell begabter Schüler. Als seine Lehrerin ein Gedicht von Walt Whiteman vorträgt, ist er der Einzige in der Klasse, der dessen Aussage „Ich enthalte Vielheiten“ tiefer ergründen will: Im Bewusstsein jedes Menschen entfalte sich ein ganzes Universum, erklärt ihm die Lehrerin. Die „Vielheiten“ seien alle Personen und Gegebenheiten, die für ein „Ich“ im Laufe des Lebens bedeutungsvoll werden.

2. Akt: Lang lebe die Straßenmusik

Der erwachsene Chuck (Tom Hiddleston) ist als Buchhalter tätig. Seinem Großvater folgend, hatte er die Faszination für Zahlen zu seinem Beruf gemacht.

Als er eine Fachkonferenz besucht, ist Chuck etwa 38 Jahre alt. Obwohl ihn als Jugendlicher ein spirituelles Erlebnis im Haus seiner Großeltern auf den eigenen Tod vorbereitet hatte, weiß er an diesem besonderen Tag noch nicht, dass er nur noch neun Monate leben wird.

Am Rande der Buchhaltungs-Tagung schlendert Chuck durch die Stadt, als er die junge Straßenmusikerin Taylor (Taylor Franck) erblickt. Sie hat ihr Schlagzeug aufgebaut und heißt den eher bieder wirkenden Geschäftsmann, der sich ihr mit Anzug, Krawatte und Tasche nähert, mit ein paar aufmunternden Beats willkommen. Das weckt Chucks alte Liebe zum Tanz, und nach kurzem Überlegen legt er mitten auf der Straße ein paar beeindruckende Soli hin.

Schließlich lässt sich auch Annalise, eine junge Frau (Janice Halliday), die auf ihrem Weg durch die Stadt gerade noch wegen einer missglückten Beziehung mit ihrem Schicksal gehadert hatte, von Chuck mitreißen … und der gemeinsame Tanz wird zum Straßenfest.

Diese spontanen Momente der Lebenslust gehören fortan, mehr als langjährige Alltagsroutinen, zu den prägendsten „Vielheiten“ in Chucks Erinnerungen. Lang lebe die Straßenmusik!

3. Akt: Danke, Chuck!

Bei Chuck ist ein aggressiver Gehirntumor diagnostiziert worden. An der Seite seiner Frau Ginny (Q’orianka Kilcher), die schon als Jugendliche seine Traum-Tanzpartnerin war, und seines Sohnes Brian erlebt er im Sterbebett die „Vielheiten“, die seinem „Ich“ verbunden sind. Etwa seinen Lehrer Marty (Chiwetel Ejiofor), der von der kurzen Zeitspanne in der Geschichte des Alls erzählt, in der es menschliches Bewusstsein gibt.

Und dieses Universum – Chucks Leben – erlischt nun … doch eingebettet in die Dankbarkeit vieler, die er – wie Janice und Taylor – durch sein Dasein motiviert hatte. –

Es ist eine im Prinzip einfache Geschichte, berührend und intensiv, die der US-amerikanische Regisseur und Drehbuchautor Mike Flanagan in seinem Film „The Life of Chuck“ erzählt. Mit einem Ensemble erstklassiger Schauspieler setzte er eine Kurzgeschichte des Romanautors Stephen King („Chucks Leben“) in Szene.

Doch er serviert keine leichte Kost, denn die hier beschriebenen (und auch im Film so gekennzeichneten) Abschnitte werden in umgekehrter Reihenfolge gezeigt. Und nicht nur das: Mike Flanagan serviert den dritten Akt als Gleichnis: Der „Untergang“ von Chucks persönlichem Universum wird zum dramatischen Weltuntergang: Nach und nach gehen die Kommunikationsmöglichkeiten verloren, verändert sich das Verhalten der Menschen und zerbrechen die gewohnten Lebensstrukturen. Übrig bleibt das Bedürfnis und die Bereitschaft nach beziehungsweise zu Liebe, auch in dem Moment, als die Sterne am Himmel verschwinden …

Zahlreiche Kritiken und Interpretationsversuche zu dem Streifen, der – oberflächlich betrachtet – zwischen Katastrophenthriller und Romanze und zu mäandern scheint, zeigen, dass sich dessen Tiefgründigkeit nicht allzu leicht enträtseln lässt. Jedenfalls aber ist Mike Flanagan mit „The Life of Chuck“ ein klischeefreies cineastisches Meisterwerk gelungen, das nicht nur wegen seiner Vielschichtigkeit und Realitätsnähe, sondern auch einfach wegen der Lebensfreude versprühenden Tanzsequenzen zum mehrmaligen Zuschauen einlädt.

(2024, 111 Minuten)

PS (ein Thema für sich): Wie aktuell leider viele Regisseure ist auch Mike Flanagan dem Reiz lichtstarker Kameras erlegen und hat seinen Film ohne künstliche Aufhellungen gedreht.
Ich würde ja empfehlen, demnächst eine neue technische „Film noir“-Auszeichnung einzuführen – für den Streifen mit den kunstvollsten Schwarz-Szenen. „The Life of Chuck“ hätte, zumindest im 3. Akt, gute Gewinnchancen.