Woody Allens Tragikomödie „Hannah und ihre Schwestern“ •
Hannah (Mia Farrow), die älteste von drei Schwestern, hat ihre vielversprechende Karriere als Schauspielerin zugunsten ihrer Familie aufgegeben. Sie ist zurückhaltend, verschlossen, bedürfnislos und will mit ihren Problemen niemandem zur Last fallen – wird aber eben dadurch für ihren Mann Elliot (Michael Caine) zum Problem.
Dieser, ein belesener Intellektueller, hätte eigentlich lieber eine Frau, die seine Hilfe braucht und die er im Alltag spürt. Seine unausgesprochene Unzufriedenheit treibt ihn in eine Affäre mit Hannahs jüngerer Schwester Lee (Barbara Hershey).
Diese blickt auf ein eher katastrophales Leben zurück: Aus ihrer Alkoholsucht hat sie eine Beziehung mit dem überaus begabten Maler Frederick (Max von Sydow) gerettet, der sie allerdings nicht wirklich als Partnerin, sondern als Schülerin betrachtet. Lee verlässt ihn, nachdem sie mit Elliot geschlafen hat, hofft aber vergeblich darauf, dass dieser sich von ihrer ältesten Schwestern trennt.
Und dann ist da noch Holly (Dianne Wiest), die mittlere der drei Schwestern. Sie war kokainabhängig und leidet unter Minderwertigkeitsgefühlen, die nach jedem gescheiterten Vorsprechen stärker aufflammen. Ihre erhoffte Karriere als Schauspielerin will nicht in Schwung kommen, und ihr Verhältnis zu Hannah ist angespannt: Holly fühlt sich von ihrer ältesten Schwester bevormundet, braucht sie aber zugleich als Geldgeberin. Etwa, um gemeinsam mit ihrer Schauspiel-Kollegin April (Carrie Fisher) einen Party-Service aufzuziehen – der schließlich aber an Rivalitäten scheitert. Denn der von den beiden Frauen begehrte Architekt David (Sam Waterston) entscheidet sich gegen Holly …
Schon der Blick auf die Hauptcharaktere des vielfach (unter anderem mit drei Oscars) ausgezeichneten Streifens „Hannah und ihre Schwestern“ lässt stark vermuten, dass es sich um einen Woody-Allen-Film handelt. Und tatsächlich formte der Altmeister (Drehbuch und Regie) aus diesen dramaturgischen Ingredienzien nicht nur eine seiner besten Tragikomödien, sondern er skizzierte zugleich auch die Sinnsuche des Menschen im 21. (20.) Jahrhundert – hin und her gerissen zwischen intellektuellem Halbwissen und dem Wunsch, doch an etwas Höheres zu glauben.
Personifiziert ist diese ebenso verzweifelte wie unernste, oberflächliche Suche nach Sinn in einem als Nebenrolle angelegten Charakter, den Allen selbst darstellt: Er spielt Mickey, den stets gestressten Comedy-Autor, der zwar erfolgreich fürs Fernsehen schreibt, aber von nervösester Unruhe getrieben ist.
Mickey war mit Hannah verheiratet, wurde aber nicht glücklich mit ihr. Er war überzeugt davon, unfruchtbar zu sein, weshalb er seinen Freund Norman (Tony Roberts) gebeten hatte, als Samenspender tätig zu werden. Und als Hypochonder lebt Mickey in der schrecklichen Angst, die nun anstehende Computertomographie würde einen unheilbaren Gehirntumor offenbaren.
Als die Bilder zeigen, dass Mickey völlig gesund ist, stürzt er allerdings erst recht in eine Sinnkrise. Denn der vermeintlich nahe tragische Tod hat ihm die Endlichkeit des Lebens vor Augen geführt. Irgendwann werde er unentrinnbar genau vor dieser Situation stehen: sterben zu müssen.
Also sucht Mickey sein Heil in der Religion und verkündet seinen Eltern Evan (Lloyd Nolan) und Norma (Maureen O’Sullivan) seine Absicht, vom Judentum zum Katholizismus zu konvertieren – während der Vater das Abendessen vorbereitet und die Mutter auf der Toilette sitzt (die jetzt auch Mickey benötigt).
Mickey (zu seinem Vater): „Du wirst doch immer älter. Hast du keine Angst vor dem Tod?“
Evan: „Warum sollte ich Angst haben?“
Mickey: „Weil du dann nicht mehr existierst.“
Evan: „Na und?“
Mickey: „Erschreckt dich der Gedanke nicht?“
Evan: „Wer denkt schon an so einen Unsinn? Jetzt lebe ich. Wenn ich tot bin, bin ich tot.“
Mickey: „Das begreife ich nicht. Fürchtest du dich nicht?“
Evan: „Wovor. Ich werde bewusstlos sein.“
Mickey (auf dem Weg zur Toilette): „Na schön, aber nie wieder zu existieren …“
Evan: „Woher weißt du das?“
Mickey (klopft an die Toilettentür): „Es sieht nicht sehr vielversprechend aus.“
Evan: „Wer weiß, was sein wird? Entweder bin ich bewusstlos oder nicht. Wenn nicht, werde ich mich dann damit beschäftigen. Ich mache mir jetzt keine Sorgen, was sein wird, wenn ich bewusstlos bin.“
Mickey (an der Toilettentüre rüttelnd): „Mam, komm raus!“
Norma (aus der Toilette): „Natürlich gibt es einen Gott, du Idiot! Du glaubst nicht an Gott?“
Mickey: „Wenn es einen Gott gibt, warum gibt’s dann so viel Böses auf der Welt? Auf einen einfachen Nenner gebracht: Warum gab es Nazis?“
Norma (aus der Toilette rufend): „Sag’s ihm, Evan!“
Evan (beim Vorbereiten des Essens): „Woher soll ich wissen, warum es Nazis gab? Ich weiß ja nicht einmal, wie der Dosenöffner funktioniert.“
In den nächsten Szenen besucht Mickey einen Gottesdienst, kauft sich die Bibel, ein Leidenskreuz für die Zimmerwand, ein Jesus-Bild, und glaubenskonform auch „Wonder“-Toastbrot und „Hellman’s“ Mayonnaise …
Wie so oft in seinen Filmen zelebriert Woody Allen auch in „Hannah und ihre Schwestern“ einen Seiltanz über Grundfragen des Daseins, ohne in die Niederungen simpler Glaubens-Verspottung zu fallen, aber auch ohne Lösungen anzubieten.
Mickey kommt während einer Kino-Vorstellung des Films „Die Marxbrothers im Krieg“ zum Schluss, dass er das Leben auch genießen kann, obwohl es möglicherweise sinnlos ist. Und schließlich heiratet er Molly, Hannahs jüngste Schwester, mit der er sich nie vertragen hatte …
„Hannah und ihre Schwestern“ beeindruckt nicht nur durch die Dialoge und großartige schauspielerische Leistungen. Wie viele Tragikomödien lädt der Film auch augenzwinkernd zur Selbstreflexion ein. Denn Woody Allens zugespitzte Situationskomik entspringt nur allzu vertrauten menschlichen Schwächen …
(1986, 103 Minuten)

