Kürzlich las ich Arno Geigers großartiges Buch „Der alte König in seinem Exil“ (München, 2011), in dem er Erlebnisse mit seinem demenzkranken Vater schildert. „Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber gehen“, schreibt er – und beschreibt wortgenau Dialoge, die aufzuzeichnen er sich die Mühe gemacht hat.
Ein Beispiel:
Wo bist du am liebsten, Papa?
Das ist schwer zu sagen. Ich bin halt doch am liebsten auf der Straße.
Was tust du auf der Straße?
Spazieren. Ein bisschen laufen. Aber ich bin nicht gut besattelt. Meine Schuhe haben nicht die richtige Übersetzung.
Also, es gefällt dir am besten auf der Straße, obwohl du dort nur langsam vorwärts kommst?
Ja. Weißt du, hier herinnen…
Gefällt es dir herinnen nicht?
Was soll ich hier tun? Ich weiß, die Straße ist nicht immer das Richtige, aber doch das Angenehmste, wenn sie trocken ist. Dort kann ich mich ein wenig umschauen, das tut keinem weh.
Solche Dialoge könnten oberflächlich als Ausdruck der Verwirrung, des Realitätsverlustes gedeutet werden. Aber auf einer tieferen Ebene legen Sie Zeugnis dafür ab, dass hinter dem zunehmenden Unvermögen eines demenzkranken Menschen, sprachliche Begriffe im allgemein gültigen Sinn zu benutzen, immer noch dessen Persönlichkeit durchschimmert, Eigenarten, Vorlieben, Assoziationen, Befindlichkeiten, Wünsche, Reflexionen.
Im Sinne Arno Geigers „über die Brücke zu gehen“ bedeutet Erlebniswelten zu erkennen, die hinter den Wortfassaden verborgen sind und in diese einzutauchen. –
In den Begegnungen mit meiner Mutter – sie ist in ihrem 94. Lebensjahr, als ich diese Zeilen schreibe – darf ich ebenfalls meine Bereitschaft beweisen, über die Brücke zu gehen. Was sie sagt, ist mit Logik oder klaren Begriffsabgrenzungen, wie sie das tägliche Leben – umso mehr die Arbeit eines wortorientierten Journalisten – verlangt, immer schwerer zu fassen. Aber ihre langjährigen Eigenarten haben durch die schleichend zunehmende verbale Desorientierung nicht gelitten. Ihr Wille beispielsweise, eine respektable Gesellschaftsdame zu repräsentieren, ist ungebrochen. Auf der Brücke von Verständnis, Mitgefühl und Kontaktfreude ist sie so gut erreichbar wie eh und je; die von Verstandesklarheit und verbaler Genauigkeit ist indes fast völlig eingestürzt.
Unser menschliches Miteinander führt immer über Brücken. Liebe ist wohl die tragfähigste, aber manches andere, damit verbunden oder auch nicht, sinnlich wahrnehmbar oder auch nicht, spielt ebenfalls mit: Resonanz, Sympathie, Körpersprache, Worte …
Manchmal ist es wichtig, über ungewohnte Brücken zu gehen, um in das persönliche Reich eines alten Königs oder einer Königin zu gelangen.
Arno Geigers Buch ermutigt dazu.
Lesenswert!
Literatur:
Arno Geiger: Der alte König in seinem Exil. Hanser, München 2011, ISBN 978-3-446-23634-9

